#51 — Auf einem Bahnhof

Bahnhöfe sind besondere Orte. Abschiedsschmerz und Wiedersehensfreude, Küsse und Tränen sind dort konzentrierter als anderswo. Wie viele Geschichten begannen, wie viele endeten auf Bahnhöfen! Eine davon ist vielleicht Ihre Geschichte.

Für die vielen Berufspendler bestimmt der Bahnhof, Züge und Fahrpläne, den Rhythmus des Alltags. Manche fühlt sich großartig, wenn sie unter die hohe Decke eines Hauptbahnhofs tritt. Manch anderer fühlt sich klein, wenn er sich täglich in den gleichen S-Bahn-Wagen zwängen muss. Bahnhofsatmosphäre lässt die wenigsten kalt. Verspätungen und Ausfälle werden zu kleinen Alltagsdramen. Zufallsbegegnungen auf dem Bahnsteig können zu Wendepunkten im Leben werden.

Wie lange winken Sie Zügen hinterher? Und welche besondere Geschichte haben Sie auf einem Bahnhof erlebt?


Schreibidee #51: Schreiben Sie eine Bahnhofsgeschichte.


[Wie immer fände ich es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren und hochladen würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Gerne können Sie dafür auch ein Pseudonym oder nur Ihren Vornamen angeben.]

5 Texte

  1. Hansjörg

    Vielleicht gibt es jetzt ene Themaverfehlung, doch das Nachdenken über die Rolle der Bahnhöfe in meinem Leben hat mich förmlich emotional überschwemmt.
    Vorausschicken möchte ich, dass ich nie ein Auto hatte und so vielfach auf die Eisenbahn als Fortbewegungsmittel angewiesen war, und die Bahn war mir ein Fortbewegungsmittel par excelence. Und Bahnhöfe sind mir die Symbole der Bewegung und Veränderung, Orte des Losfahrens, und Orte des Zurückkommens.
    Eine Menge Erinnerungen an Bahnhöfen drängen sich mir auf: jener von Hamburg Altona, von dem aus ich als Zugpage vor fast 50 Jahren den Touristen eine angenehme Reise zu ihren Urlaubsziel bescheren sollte; oder jener von Bologna, wo ich mich während meines Studiums öfter – auch ein paar Mal über Nacht – im Wartesaal aufhielt, und in dem Jahre später ein Bombenanschlag 85 Menschen in den Tod riss und über 200 verletzte; die Victoria Station in London und die Gare de Lyon in Paris, in denen ich voll Erwartungen und Vorfreuden einfuhr, weil ich in den nächsten Tagen dann Sprachkurse besuchen konnte; oder l’estacion Atocha von Madrid, in dem ich den Palmengarten bewunderte, aber auch die mit Planen verdeckten zerstörten Lokalzüge sah, die ein paar Wochen vorher Ziele von Attentaten wurden, bei denen weit über 100 Menschen starben; oder den Bahnhof in New Delhi, in dem ich – kurz nach Ankunft in Indien – meinen ersten Kulturschock erlebte. Oder der kleine Bahnhof in Sterzing, wo sich meine Lieblingsbar befindet, und wo ich immer Freunde treffen kann.
    Ich liebe Bahnhöfe.

    • Stefan Kappner

      Lieber Hansjörg,
      vielen Dank! Ich spüre etwas von Ihrer „Überschwemmung“ 🙂
      Dass die (auch von mir) geliebten Bahnhöfe auch Orte der Zerstörung und des Unglücks sein können (wie in jüngster Zeit auch in Frankfurt, als ein achtjähriger Junge vor einen einfahrenden Zug gestoßen wurde), ist schwer zu verarbeiten.
      Wie wäre es für Sie, einen Text zu schreiben, der sich diesem schmerzlichen Kontrast zwischen der biografischen Bedeutung eines konkreten Bahnhofs und der „Nachrichten-Bedeutung“ widmet? Von ihren Wartenächten in Bologna würde ich gerne noch mehr lesen.
      Herzlich, Stefan

  2. hansjörg

    Eine Nacht im Bahnhof von Bologna

    Es war zu Beginn Oktober 1971. Ich hatte den Abendzug nach Bologna genommen und kam dort um Mitternacht an. Am nächsten Tag wollte ich Informationen in der Uni einholen und mich dann in eine Fakultät einschreiben.
    Zunächst jedoch stand noch eine lange halbe Nacht bevor. Glücklicherweise waren In jener Zeit die Bahnhöfe und die sich darin befindenden Wartesäle auch nachts immer offen, und der Bar- und Restaurantbetrieb lief die ganze Nacht.
    Für mich galt es zunächst, einen Platz im Wartesaal zu finden, und zum Glück war da einer, so saß ich eingeklemmt zwischen einem dicken, nach Alkohol und Zwiebeln riechenden Mann und einer älteren Frau, die ständig vor sich her redete, allerdings für mich unverständliches Zeug.
    Ich schaute mich um. Junge Pärchen lehnten aneinander, um sich gegenseitig zu stützen, wahrscheinlich hatten sie den letzten Zug für die Heimfahrt versäumt.
    Weiter hinten eine Familie, die einige Koffer, Kartone und Taschen zu einem Berg gestapelt hatten. Während die Frau und die kleinen Kinder schliefen, kontrollierte der Mann die Lage. Wahrscheinlich sind sie aus dem Süden Italiens gekommen und warten auf den Anschlusszug nach Norden. Oder sie fahren in ihre südliche Heimat zurück.
    Mein Blick konzentrierte sich dann auf drei Clochards, die ihre paar Habnisse in Einkaufstaschen verstaut hatten und hier einen warmen Unterschlupf suchten. Sie wurden im Laufe der Nacht immer wieder von der Bahnpolizei aus dem Wartesaal gejagt, um nach ein paar Minuten wieder zu kommen.
    Ich muß gleich nach diesen Beobachtungen eingenickt sein und geschlafen haben, denn als ich erwachte, hatte sich der kleine Zeiger der Bahnhofsuhr auf halb Zwei vorgeschoben. Meine Tasche war noch zwischen den Füßen eingeklemmt, Gott sei Dank!
    Zum Schneiden dick war die Luft, voller Rauch und voller Gerüche übelster Art, es roch nach Schweiß und Alkohol. Dazu ungute Geräusche, das laute Schnarchen, das Jammern, Auseinandersetzungen, Lachen …
    Und trotzdem, besser hier als in der kühlen Bahnhofshalle, wo es so zieht. Das dachten sich wohl auch die Wartenden, auf den nächsten Zug oder auf den nächsten Tag.
    Wieder nickte ich weg, um bald wieder zu erwachen und festzustellen, dass der Uhrzeiger sich wieder etwas weiter bewegt hatte, allerdings sehr langsam; und dies wiederholte sich noch einige Male.
    Gegen vier Uhr stand ich auf und ging ins Cafė. Der heiße Espresso tat mir so gut. Ich hatte mein neues Quartier an einem runden Tischen bezogen, auf den ich bald nach vorne kippte und meinen Kopf auf die Arme legte und wegschlief. Es war kurz vor sechs, als ich erwachte, schaute dankbar zum Kellner, der mich gnädigerweise in Ruhe gelassen und nicht geweckt hatte.
    Ich stand auf und ging hinaus in die feuchtkalte Stadt Bologna, der Poebenenebel durchdrang die Kleidung und ließ mich frõsteln, doch ich freute mich auf den beginnenden Tag, ich hatte die Nacht überstanden.

    • Stefan Kappner

      Lieber Hansjörg,
      vielen Dank für diesen wunderbaren Text. Es mag damit zusammenhängen, dass ich erst kürzlich eine Nacht auf einem Flughafen verbracht habe, dass ich das Warten, Beobachten, Einnicken, Aufwachen und die Freude über die frische Wachheit am Morgen so gut nachvollziehen kann. Besonders gefiel mir auch das Wort „Habnisse“, das zwar nicht im Duden zu finden aber trotzdem sofort verständlich ist. Ich weiß nicht, ob es in süddeutschen (?) Dialekten vorkommt. Lautlich liegt es jedenfalls näher an „Habenichtse“ als an „Habseligkeiten“ und passt daher auch besser zum Beschriebenen.
      Herzlich, Stefan

  3. Anneliese

    München Hauptbahnhof. Es ist 18:15 Uhr. In 13 Minuten soll mein Zug nach Frankfurt gehen. Ich bin aus Salzburg gekommen. In einem schnellen Spurt lief ich von Gleis 1 nach Gleis 14. Die Wege hier sind weit. Nun bin ich auf dem richtigen Bahnsteig, stehe im Abschnitt C-D, wo der Waggon, in dem mein Sitzplatz reserviert ist, halten soll. Ich werde ruhig und nehme meine Umgebung wahr.
    In kurzem Abstand auf meiner linken Seite stehen 8 Männer zwischen vierzig und sechzig Jahren. Alle tragen kurze Lederhosen mit Hosenträgern, weiße Hemden, an der Knopfleiste bestickt, beige Strickkniestrümpfe und feste Schuhe. Sie unterhalten sich. Zwischendrin ein gemeinschaftliches lautes Auflachen.
    Eine junge Frau läuft mit kleinen schnellen Schritten vorbei. Mir fällt eine Liedzeile von Franz Degenhard ein: „Hütchen, Schühchen, Täschchen passend, ihre Männer unterfassend“. Aber sie fasst nicht ihren Mann unter, sondern trägt auf ihrem angewinkelten Arm etwas, das ein Hund sein soll. Ich erinnere mich. Das Lied heißt „Sonntag in der kleinen Stadt“.
    Ein Mann, Ende dreißig, wohl noch etwas benebelt von der letzten Maß auf der Wiesn, schwankt mit leicht unsicherem Gang gefährlich nah an der Bahnsteigkante entlang. Wenn er stehen bleibt wippt sein Oberkörper vor und zurück. Auch er trägt kurze Lederhosen, weißes Hemd und einen grauen Trachtenjanker. An den Füßen Haferlschuhe ohne Socken. Dafür wärmen bunte Stutzen seine Waden. In der Hand trägt er einen grauen Karton. Was da wohl drinnen ist?
    Ich schaue zu den anderen Bahnsteigen. Die Lederhosen- und Dirndldichte ist hoch. Es ist Oktoberfestzeit.
    Eine ältere, weißhaarige Frau wird in einem Rollstuhl an mir vorbeigeschoben. Ihr Körper ist zusammengefallen, der Kopf hängt und ihr Blick liegt auf den Oberschenkeln.
    Die Einfahrt des Zugs nach Frankfurt wird angekündigt, aber er kommt nicht. Ich schaue zur Uhr, schon zehn Minuten Verspätung.
    Eine Frau mit Kinderwagen schiebt sich in meinen Blick. Mit einer Hand lenkt sie den Wagen, in der anderen Hand hält sie ein Handy und scheint eine wichtige Nachricht zu lesen. Ihre Finger zucken, eine Antwort wird getippt. Immer wieder hebt sie dabei kurz ihre Augen, schaut, ob sie noch auf dem richtigen Weg ist, und senkt den Blick wieder auf das Gerät.
    Die nächste Trachtengruppe kommt, vier Männer und zwei Frauen. Die Frauen im kurzen Dirndl, die Brüste hochgeschnürt und mit weißer Spitze bedeckt. Die Männer natürlich in Lederhosen, diesmal knielang und mit Hosenträgern. Ein junges Paar, ebenfalls in Dirndl und Lederhosen stellt sich zu ihnen. Sie haben sich als Wiesnbesucher erkannt und kommen schnell ins Gespräch. Ich erfahre, dass sie morgens um 5:00 Uhr in Mannheim in den Zug gestiegen sind und nun, nach einem Tag auf der Wiesn, wieder nach Hause fahren. Morgen ist Montag und die Arbeit ruft. Aber es habe sich gelohnt, da sind sie sich einig.
    Was macht die Faszination des Oktoberfestes aus, dass diese Menschen diesen Aufwand in Kauf nehmen? Mir ist das fremd.
    Der angetrunkene Mann kommt wieder an mir vorbei. Er begegnet mir noch öfter. Schließlich dann auch im Zug, wo er durch alle Waggons läuft und die Mitreisenden fragt, ob sie ein Kartenspiel dabei hätten.
    Der Zug fährt ein. Unter den Wartenden entsteht Unruhe. Die Köpfe folgen dem Zug, zählen die Wagennummern mit und überprüfen, ob sie richtig stehen. Schieben sich schon ein bisschen zurecht. Aber erst mal müssen alle noch warten. Für den Zug aus Berlin ist München Endhaltestelle. Alle Passagiere müssen aussteigen, bevor er erneut die Fahrt in umgekehrte Richtung aufnimmt. Schließlich fährt er mit dreißig Minuten Verspätung los.

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