#59 — Nicht gemachte Fotos

Erinnerungen und Fotografien haben viel gemeinsam. Oft erinnern wir uns an eine Art »Bild«, eine Momentaufnahme. Die mit der Zeit verblasst. Oder sich im Entwicklerbad unseres Gedächtnisses erst nach und nach zu dem ausformt, an das wir uns erinnern.

Die Dichterin und Webdesignerin Ricarda Kiel unterhält auf ihren inspirierenden Internetseiten www.ricardakiel.de die Rubrik »Nicht gemachte Bilder«. Dort finden sich literarischen Momentaufnahmen wie diese:

Ein Bild von zwei Menschen in einem parkenden Auto hinter der Windschutzscheibe. Sie legt eine Zahnbürste nach vorne auf die Ablage und er wischt sich eine Träne weg.

Ricarda Kiel: Nicht gemachte Bilder Nr. 19, www.ricardakiel.de/nicht-gemachte-bilder

Wir sind ständig von Fotografien umgeben. »Smartphones« ermöglichen uns, immer und überall zu fotografieren. Trotzdem gibt es viele entscheidende Momente in unserem Leben, von denen kein Foto existiert. Weil niemand wusste, wie sich das Leben danach entwickelte. Weil man Momente der Trauer oder Wut fast nie fotografiert. Weil kein Apparat vorhanden war oder man es schlicht vergaß.

Wie stellen wir uns diese Momente vor? Den Moment unserer Geburt? Den Moment einer Trennung (wie wir ihn im Beispiel erkennen können)? Den Augenblick einer Entscheidung oder einer so nie wieder erlebten Schönheit?


Schreibidee #59: Beschreiben Sie nicht gemachte Fotos aus Ihrem Leben.


Hinweis: Eine Möglichkeit besteht darin, die Situation zu beschreiben, in der kein Foto gemacht wurde. Interessanter (weil etwas geheimnisvoller) finde ich es jedoch, wenn Sie, wie im Beispiel von Ricarda Kiel, einfach beschrieben, was auf der Fotografie zu sehen wäre, wenn sie denn gemacht worden wäre.

[Wie immer fände ich es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren und hochladen würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Gerne können Sie dafür auch ein Pseudonym oder nur Ihren Vornamen angeben.]

2 Texte

  1. Hansjörg

    Sommer 2001 in Ladakh. Wir fuhren mit einem Sammeltaxi von Leh ins Nubravalley. Dabei mussten wir den mit 5.600 Metern hohen Paß, den NamikaLa, überschreiten.
    Der Weg schlängelte sich hinauf, und der Blick in den Abgrund verursachte schon ein mulmiges Gefühl. Bald mussten wir anhalten, denn Straßenarbeiter aus Südindien reparierten den vom langen Winter arg ramponierten Fahrweg, wobei sie schutzlos den giftigen Teerdämpfen ausgesetzt waren. Nach weiteren vier fünf Kurven ein weiterer Stau, die drei Autos vor uns verlassen, alles ging zu Fuß dreißig Meter weiter. Der Taxifahrer stieg ebenfalls aus und schlug uns vor, mitzukommen. Wir gingen an die Stelle, wo am Vortag ein Linienbus von der Straße abkam und drei Menschen starben. Der Bus stürzte glücklicherweise nicht den steilen Berg runter, sondern blieb auf wunderbarer Weise zehn fünfzehn Meter unterhalb auf einer Seite liegen; gestorben waren die drei Mitfahrer auf dem Dach, die weit in die Tiefe geschleudert wurden.
    Nein, es standen keine Gaffer am Wegesrand, Einheimische und Touristen standen in andächtiger und trauender Haltung da und gedachten der toten Fahrgäste, und der vielen anderen Fahrgäste, die glücklich aus dem überfüllten Bus mit dem Leben davon gekommen waren.
    Niemand der Touristen zückte den Photoapparat, sondern ließ sich wohl von dieser Stelle berühren, wo Unglück und Glück sich so nahe standen.
    Und das war gut so.

  2. Stefan Kappner

    Lieber Hansjörg,
    vielen Dank für diesen sehr anschaulich geschriebenen Text, der dem Thema „nicht gemachte Fotos“ eine überraschende Wendung gibt. Sicherlich brauchen Sie auch kein Foto, um sich an diesen Anblick zu erinnern.
    Herzlich, Stefan

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