6. April 2020: Hausaufgaben

Ein analoger Schreibtisch

Eigentlich müsse ich ein Experte fürs Homeoffice sein und an dieser Stelle mit guten Ratschlägen um mich werfen können. Schließlich arbeite ich schon mehr als fünfzehn Jahre hauptsächlich von zu Hause aus. Als Quintessenz dieser Erfahrung bringe ich jedoch nur einen Ratschlag zustande. Und den verrate ich — selbstverständlich — erst ganz am Ende dieses Beitrags.

Eigentlich hat das Homeoffice ja bei allen von uns schon ganz früh begonnen. Nämlich mit den Hausaufgaben. Soweit ich mich noch erinnern kann, kam ich mit dem formellen Teil ganz gut zurecht — »S. 46, Aufgbae 1.a) bis e)« –, beim informellen, dem Vokabelpauken etwa, ließ ich dagegen schnell nach. Seit ich aufs Gymnasium gekommen war, kontrollierte mich niemand mehr beim (Nicht-) Hausaufgabenmachen, eine nennenswerte Selbstkontrolle setze erst in der Oberstufe ein. Noch heute ist es so, dass die Elternhilfe bei den Hausaufgaben einen großen Unterschied macht. Trotz vieler Bemühungen, den Kindern in der Schule zu zeigen, wie sie am besten lernen und ihren Kram einigermaßen in Ordnung halten, bringt es immer noch am meisten, wenn Papa oder Mama es ihnen auch mal konkret vormachen. Vor allem eines ist entscheidend, und das konnten mir meine Eltern leider nicht beibringen, genau wie viele bildungsfernere Eltern heutiger Kinder: Zwischen dem Wichtigen und dem Unwichtigen zu unterscheiden.

Als Biograf (Autor, Schreibdozent, Ideenproduzent) habe ich fast nur noch Hausaufgaben. Mal bringe ich mehr Selbstdisziplin auf, mal weniger. Und ständig bastle ich an Systemen, wie ich effektiver über den Tag kommen könnte. Ganz wichtig: zwischen Dringendem und Wichtigen zu unterscheiden. Was muss davon nochmal zuerst erledigt werden? Mindestens drei Stunden reines Schreiben am Morgen, bevor ich die erste E-Mail öffne. Meistens jedenfalls. Außer, wenn ich schon beim Frühstück mal aufs Smartphone schaue, und gerade diese E-Mail unmöglich für volle drei Stunden unbeantwortet lassen kann. Wichtig auch: Nicht zu viele Nachrichten, auch nicht in der Mittagspause. Aber muss ich nicht auch informiert sein, wenn ich Corona-TaBu schreiben will? Was ist dieses TaBu überhaupt, Arbeit, Nebentätigkeit oder pures Freizeitvergnügen? Andersherum: Habe ich nicht das Privileg, Arbeit und Vergnügen munter mischen zu dürfen?

Ich führe einen Google-Kalender, um Terminkollisionen möglichst zu vermeiden, einen Tischkalender, um zu planen, was ich wann mache, einen 10-Jahres-Kalender, um Geschehenes einzutragen und mehrere ToDo-Listen, deren System ich gerne wechsle. Das alles (außer dem Google-Kalender) eigentlich nur, um die 20 Prozent meiner Aufgaben im Auge zu behalten, die mir entfallen könnten. Denn an das meiste denke ich auch so. Vor allem beim Laufen fällt mir ein, wen ich von meiner wachsenden Schar an Schreibenden und Erzählenden dringend wieder anschreiben sollte. Manchmal übertrage ich diese Einfälle dann in eine Liste, die ich unsystematisch abarbeite.

Ich besitze mehrere Bücher über Arbeitsorganisation. Die meisten davon habe ich aus den Augen verloren, denn ich bin zwar gelegentlich ein Ratgeberkäufer, aber definitiv kein Ratgeberleser (ausgenommen sind Schreibratgeber, die ich aber eher als Nachschlagewerke behandle). Ein Ratgeber, von dem ich tatsächlich eine nennenswerte Seitenzahl gelesen habe, heißt »Eat that frog«. Er empfiehlt, die schwierigste und wichtigste Aufgabe des Tages als Erste zu erledigen – gleich früh am Morgen. Das ist eigentlich schon die komplette Inhaltsangabe. Manchmal halte ich mich dran.

Als die Kinder klein waren, und ich sie tagsüber betreuen musste/durfte, hatte ich eigentlich nur eine Methode, um Arbeit und Vaterpflichten zu verbinden: Ich habe weniger gearbeitet. Die Fertigstellung eines Buches dauerte dann etwa länger, aber keine der Töchter fiel vom Balkon. Okay, zwei fielen vom Baum, aber das hätte ich kaum verhindern können, schließlich habe ich Höhenangst. Zum Glück schliefen die drei meistens zu vernünftigen Zeiten ein, sodass ich mich abends noch an meine Doktorarbeit oder eine der ersten Biografien setzen konnte. Ehrlich gesagt ist mir heute auch schleierhaft, wie das alles zusammen ging. Ich weiß nur noch, dass wir früher zu Abend gegessen haben, und es mich entspannt hat, den Kleinen etwas vorzusingen. Außerdem sparte ich sehr viel Zeit, die ich sonst auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause verbracht hätte.

Später gingen sie zur Schule und machten danach Hausaufgaben (s.o.). Ärgerlich war, dass ihre Schulzeit so schlecht mit meinem Biorhythmus (doch, den gibt es!) zusammenpasste. Meine produktivste Schreibzeit begann etwa um elf Uhr, also zwei Stunden, bevor es an der Tür klingelte und sie mir ihre schönsten Erlebnisse des Vormittags erzählten. Wenn meine Reisefreudige in den Herbstferien mit den Kindern unterwegs war, und ich »in Ruhe arbeiten durfte«, wie die offizielle Sprachregelung lautete, stellte ich mich völlig um, frühstückte ausgiebig, las dabei und schrieb von elf bis ungefähr siebzehn Uhr, und dann wieder von neun bis zwölf. Am Telefon klang es, als lebten wir in verschiedenen Zeitzonen. Zum Glück hat sich meine innere Uhr mit den (vielen) Jahren an mitteleuropäische Gepflogenheiten angepasst, ganz ohne einen Ratgeber à la »Wie verbiege ich meinen Biorhythmus effektiv?«.

Habe ich in all diesen Jahres etwas gelernt, jedenfalls bezogen auf meine eigene psychische Hydraulik? Schon. Zum Beispiel dass ich die Dinge einfach nicht ganz in der Hand habe, so »selbstständig« ich auch arbeite. Oder dass es gar nicht schlimm ist, dass sich meine Systeme ständig ändern. Dass ich mal TaBu führe, einmal nicht, einmal jeden Tag mit einem Gedicht begrüße, oder automatischem Schreiben, dann wieder auf harte Effektivität setze. Was ich nämlich am meisten brauche, um in Gang zu bleiben, ist Abwechslung. Außerdem kenne ich inzwischen die Phasen, die das Schreiben von Biografien oder ganz allgemein von Büchern begleiten: Die Spannung zu Beginn, die Begeisterung beim Pläneschmieden, das mühevolle, seitenweise vortasten zum passenden Stil, die Angst, der Entwurf fällt durch, die Verzweiflung vor dem großen Berg, der vor einem steht, die entschlossene Schritt-für-Schritt-Stimmung und so weiter, bis zur Erleichterung, wenn die letzte Korrektur durch ist. So lauert hinter jedem nächsten Frust ein wenig mehr Gelassenheit.

Lässt sich all das verallgemeinern? Ich glaube nicht. Aber ich hatte doch am Ende eine Erkenntnis fürs Homeoffice versprochen, das jetzt viele neu für sich entdecken müssen oder dürfen. Eine Quintessenz gar. Okay, hier ist sie: Patentrezepte gibt es für Menschen nicht. Findet Euren eigenen Weg und glaubt an keinen Ratschlag, auch nicht an diesen.

1 Kommentare

  1. Anneliese

    Lieber Herr Kappner,
    schön, Ihren Gedanken zu folgen.
    Ich bin keine große Freundin von Homeoffice, noch nie gewesen. Auch nicht, als es noch Heimarbeit hieß. Es ist quasi wider meine Natur 🙂
    Natürlich habe auch ich als Kind meine Hausaufgaben zuhause gemacht. Deshalb hießen sie ja auch so. Und wie viele Kinder war ich nicht glücklich, dass ich erst spielen durfte, wenn diese erledigt waren.
    Aber ich kann mich gut an den Ärger, die Wut und die Unlust erinnern, wenn ich im Studium für die Prüfungen lernen musste und das in meinem eigenen Zimmer. Die normalen Aufgaben, die Recherchen (es gab noch kein Internet) und das Schreiben von Seminararbeiten habe ich immer in der Fachbereichsbibliothek gemacht. Das war mein Arbeitsplatz. Wie andre zur Arbeit gingen, ging ich auf die Uni. Kam ich nach Hause, dann hatte ich Freizeit. Aber für die Prüfungen musste ich auch am Wochenende etwas tun, und da war die Bibliothek zu. Ich fand das eine Zumutung.
    Als Referentin für Frauenarbeit habe ich dann in den 80ger Jahren mit anderen gegen Heimarbeitsplätze für Frauen gekämpft. Die technischen Möglichkeiten waren nicht die von heute. Und wir erlebten die Frauen, die neben Haushalt, Kochen und Kindererziehung ein Arbeitspensum erfüllen mussten, das sie oft nur um den Preis verkürzter Nachtruhe erreichen konnten. Außerdem waren sie von jedem sozialen Kontakt mit den Kollegen*innen im Betrieb abgeschnitten.
    Heute sieht es auf Grund der Vernetzung anders aus.
    Im Laufe meines Berufslebens habe ich dann auch manchmal Arbeit mit nach Hause genommen. Aber das waren Aufgaben, die ich zuhause besser erledigen konnte, weil ich dort den besseren PC und die besseren Grafikprogramme hatte.

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