#60 — Ausgedient

In der Konsumgesellschaft (an deren Ende wir wahrscheinlich angekommen sind) erleben wir einen ständigen Strom von Dingen, die wir Waren nennen. Wenn viel gekauft wird, bedeutet das positive Wirtschaftsnachrichten. Und etliche noch brauchbare Dinge wandern in den Müll. Einige Gegenstände begleiten uns dennoch über längere Zeit, sind zu Vertrauten unseres Alltags geworden — und haben erst ausgedient, wenn sie ihren »Dienst« tatsächlich nicht mehr ausüben können.

Bei mir sind Hausschuhe und Schlafanzüge solche Gegenstände. Ich tausche sie erst aus, wenn sie sich schon beinahe aufgelöst haben. Dann ist wieder viel Zeit vergangen, eine Hausschuh- oder Schlafanzug-Ära geht zu Ende.

Als ich diese Hausschuhe geschenkt bekam, musste ich mich erst mit ihnen anfreunden. Eine traditionellere Form wäre mir lieber gewesen. Doch sie wärmten sehr gut, und je öfter ich sie unter einem Sofa oder im Treppenhaus suchte, desto besser gefielen sie mir. Sie aus geschmäcklerischen Gründen auszutauschen, wäre ohnehin nicht in Frage gekommen. Das ist jetzt wohl sechs oder sieben Jahre her. In diesen Hausschuhen konnte ich meine Tochter abends noch ins Bett tragen. Das würde heute zugleich an meinem Rücken und ihrem Protest scheitern.

Das Haus meiner Eltern ist voll von solchen Sachen. Das Brotmesser, mit dem ich mich schon als Kind nicht schneiden sollte. Der unausgetauschte Apotheken-Kalender hinter der Tür. Die Personenwaage im Badschrank. Der Stiftehalter aus Plastikschnüren um ein metallenes Gestell. Wann werden sie ausgedient haben?

Indem wir diese Dinge und ihren Wert würdigen (der nichts mit Euro oder Dollar zu tun haben muss), üben wir einen liebevollen Blick auf unseren Alltag ein. Und tragen vielleicht etwas dazu bei, dass wir oder unsere Nachkommen einen Ausgang aus der Konsumgesellschaft finden.


Schreibidee #60: Schreiben Sie einen Nachruf auf einen alten Gegenstand, der nun ausgedient hat.


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1 Texte

  1. Cordula

    Ausgedient?
    Wie wunderbar, die Adventszeit nahte mit großen Schritten und ich mache es kurz: Ich liebe die Adventszeit! Am Freitag würden wir das Klassenzimmer verzaubern. Dafür trugen die Erstklässlerchen meiner neuen Klasse schon die ganze Woche immergrüne Zweige in die Schule. Bis Freitag wollten wir so einen Berg gesammelt haben, um einen sooo großen Adventskranz zu binden, einen Kranz, in dem von jedem von uns ein, zwei Zweige drin verflochten sein würden. Bei jedem „sooo“ zeigte ich mit den Armen eine Größe, die die Kinder sich für einen Adventskranz nicht vorstellen konnten. Täglich malte ich mit ausholenden Armbewegungen einen Kreis in die Luft, der so groß war wie ein Vierer-Gruppentisch und zeigte auf den Berg gesammelter Zweige und auf die Höhe, die ich mir vorstellte, dass er bitte, bitte noch anwachsen würde. Die Motivation der Kleinen wuchs von Tag zu Tag. Morgens begrüßten sie mich schon von Weitem mit einem lauten “Guck mal, Frau Dingsbums, wie viele Zweige wir jetzt haben. Soooo lange und so viele!“ Sie strahlten mich an und am Freitag strahlte ich zurück. Mein Herz hüpfte: Die Menge Zweige sollte reichen, dass der Kranz größenmäßig an die der vergangenen Schuljahre ranreichen würde. Die Kinder bekamen Aufgaben, mit denen sie sich weitgehend selbst beschäftigen konnten. Drei von ihnen halfen mir, die Zweige in klein, mittel und groß zu unterteilen und schließlich mit den größten Zweigen das Grundgerüst eines Kranzes zu legen. Ich wickelte, band, drückte, zerrte, zog, schnitt ab, wickelte weiter, sortierte die hübschen Zweige nach oben, die schon etwas unansehnlicheren nach unten, band, steckte, wickelte, befestigte und …tatataaa…hatte nach einer knappen Stunde ein passables Ergebnis. Wir fegten den Tisch, den Boden darunter, hoben den schweren Kranz hoch, schoben die glänzende Tischdecke darunter, ich packte die dicken, roten Kerzen aus, die Kinder trugen den gebastelten Adventskalender in die Mitte und alle waren froh: Helene entdeckte in all dem Grün ihren eigenen Zweig, Pia staunte über die Befestigung der Kerzen, Mehdi erkannte, dass der Kranz ja fast wie ein Weihnachtsbaum so groß sei, Tiam ahnte, dass keine andere Klasse sooo einen Kranz hätte, und so freuten sich alle, bis … ja, bis Timo nüchtern meinte: „Ist ja schön, aber ein bisschen kahl ist der schon. Soll ich mal Mama fragen, ob ich Sterne oder so was mitbringen darf?“ – Da hatte er aber nicht mit mir gerechnet. „Warte“, flüsterte ich geheimnisvoll, „Wir sind ja noch nicht fertig!“ und holte die große verbeulte Plätzchendose aus dem Schrank, die dort über 11 Monate auf diesen Moment gewartet hatte. „Ich habe Deko hier!“, sagte ich und lud alle Kinder ein, sich etwas auszusuchen, um den Kranz zu schmücken. Sie grabbelten in die Dose und suchten mit leuchtenden Augen die beste Stelle am Kranz aus für genau dieses Äpfelchen, Sternchen oder das Engelchen ohne Flügel. „Frau Dingsbums, wo sind seine Flügel?“ Oh, die Flügel, die hatte es in all den Jahren irgendwann einmal verloren. „Mein Engel hat kaum noch Haare, die platzen da so ab“, rief Helene und streckte mir eine kleine Holzfigur mit Halbglatze entgegen. Ich erklärte ihr, dass das Engelchen (wie die anderen auch) schon über 40 Jahre alt ist. Ein langgezogenes „Viiiierziiiig?“ tönte durch die Klasse. Ja, sagte ich, mindestens. Die Engel und die Äpfelchen sind alle noch aus der Zeit, als ich ein kleines Kind war. Schon als ich ganz klein war, hingen sie zu Hause an unserem Adventskranz oder an unserem Weihnachtsbaum. Und dann staunte ich selbst, dass ich sicher sagen konnte, welche Engelchen älter als die anderen waren, welche Äpfel nur am Kranz, aber niemals am Baum Platz gefunden hatten oder an welchem Weihnachtsgeschenk wann welcher Anhänger eine Verzierung war. Immer mehr Kinder streckten mir ihre ausgesuchte Deko entgegen und wollten die passende keine Geschichte zu ihr hören. „… von meinem Bruder..:“ „Am Geschenk von meiner Oma…“ „Den gab es auch noch in blau…“ „… mochte ich am liebsten, weil er so lächelt…“ Und wieder unterbrach uns alle Timo: „Warum sind die Sachen jetzt alle hier in der Schule und nicht mehr bei dir zu Hause?“ Und so endet meine Geschichte heute mit einer (Not-)Lüge, denn ich antwortete Timo: „Weil sie bei Kindern sein wollen, die sie gern haben, obwohl sie schon eine Glatze haben oder ihre Flügel verloren“ und nicht wahrheitsgemäß: „Weil für Grundschullehrerinnen die Schule der Ort für ausgediente Dinge ist.“

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