#61 — Überraschung

„Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“ — Noch so ein Spruch, wahlweise von Karl Valentin oder von Niels Bohr. Ganz sicher trifft er zu, wenn es um unsere Mitmenschen geht. Die bereiten uns, absichtlich oder unwillkürlich, so manche Überraschung.

Oder waren Sie es, die Ihren Liebsten überraschte? Geschenk oder Party? Nein? Ihr Feind soll noch eine böse Überraschung erleben?

Manchmal überrascht man sich auch selbst. Zum Beispiel, wenn man einfach drauflos schreibt und sich anschließend wundert, was einem alles einfiel.

Das Leben, so gut wir es zu planen versuchen, überrascht uns ein ums andere Mal. Erfolge laufen ins Leere, krumme Wege erweisen sich als gerade richtig. Nichts wird am Ende so, wie es am Anfang schien. Und sind das nicht die schönsten Geschichten?

Mögen Sie Überraschungen, oder planen sie lieber alles ganz genau?


Schreibidee #61: Schreiben Sie eine Überraschungs-Geschichte.


[Wie immer fände ich es schön, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren und hochladen würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Gerne können Sie dafür auch ein Pseudonym oder nur Ihren Vornamen angeben.]

3 Texte

  1. Manuela Tulle

    1. kommt es anders und 2. als man denkt. Gott sei Dank!
    Wüssten wir immer, was als nächstes in unserem Leben passiert, wir würden das Haus nicht verlassen oder nicht mehr zu ihm zurückkehren. Wir würden Überraschung nicht kennen, wüssten nicht, wie es sich anfühlt, wenn uns der Mund offen stehen bleibt, unsere Augen groß werden, unser Herz bis zum Hals schlägt und uns der Atem stockt in diesem einen Moment, der uns den Boden unter den Füssen wegzieht.
    Egal ob es eine Schrecksekunde oder ein Augenblick überschäumenden Glücks ist, es ist der Moment, der uns spüren laesst, dass wir leben.
    Von jetzt auf gleich sind wir wach, sind wir hier, sind wir lebendig!
    Leben ist eine Überraschung nach der anderen. Das macht es zu dieser einzigartigen Expedition, zu der wir eingeladen werden, noch bevor man uns im Ultraschall erkennt.
    Wer weiß, ob einige von uns das Licht der Welt hätten erblicken wollen, wenn sie bereits im Fruchtwasser gewusst hätten, was kommt?
    Doch wir kommen … vielleicht, weil wir noch nicht darüber nachdenken können?
    Mir scheint, jedes Neugeborene kommt mit der bewundernswerten, unvoreingenommenen Haltung “Komme was mag” und “Es kommt, wie es kommt” zur Welt.
    Die Disposition eines Entdeckers, Abenteurers und Lebenskünstlers, mit der erkundet, ausprobiert, erlebt und bestaunt werden will.
    Alles ist unbekannt. Jeder Schritt überrascht und Neugier wird zum Spielkameraden, der durchs Leben begleitet – hoffentlich ein Leben lang und hoffentlich mit möglichst wenig Gedanken, die wissen wollen, was kommt, damit die Angst vorm Unbekannten unser Leben nicht zum Stillstand bringt.
    Von der eigenen Courage überrascht zu werden, ist ein erstaunlich starkes Gefühl, vielleicht auch weil es uns ein bisschen daran erinnert, wie es gewesen sein muss, als wir Laufen lernten. Dieser überwältigende Augenblick, den alle haben kommen sehen, nur nicht, dass er so früh oder so spät geschehen würde.
    You just never know how things turn out.

  2. Anneliese

    Ich bin im Januar geboren. Und es war ein ganz normaler Geburtstag. Mein Freund konnte nicht vorbeikommen. Der Tag lag mitten in der Woche, und er studierte in einer anderen Stadt. Wir hatten miteinander telefoniert. Am Wochenende wollten wir nachfeiern. Andere Freunde*innen hatten nicht angerufen. Wahrscheinlich wollten sie am Wochenende gratulieren.
    Kurz nach dem Telefonat mit meinem Freund machte es sich bemerkbar, das heulende Elend. Vom Magen aus machte es sich auf den Weg durch Speise- und Luftröhre und stieg mit einem triumphierenden Schluchzer in meine Kehle. „Nein, jetzt nicht heulen. Sei nicht albern. Es gibt keinen Grund.“ Aber das kümmerte das heulende Elend nicht. Es stieg in meinen Kopf, nagte an meinem gesunden Menschenverstand und ließ alle klaren Gedanken in dicken Tropfen aus den Augen laufen.
    Nun erwachte auch die Gefährtin des heulenden Elends, das Selbstmitleid. Das Wetter draußen war nass und kalt. Ich saß hier alleine in meinem Apartment und keine*r dachte an mich.
    Heulendes Elend und Selbstmitleid waren begeistert über ihren Erfolg und wetteiferten darin, wer den größten Teil von mir in Besitz nehmen konnte. Tapfer versuchte ich mich dagegen zu wehren. Aber sie gaben nicht auf.
    Gegen Abend, ich hatte mich damit abgefunden, dass sie an diesem Tag die Sieger waren, wollte nur noch ins Bett und diesen Tag verschlafen, klingelte es an meiner Wohnung. Vor der Tür stand meine Schwester mit ihrem Freund. Sie wollten nur ganz kurz auf einen Sprung vorbeischauen und mir gratulieren. Und sie brachten mir einen riesengroßen Frühlingsblumenstrauß mit. Wo hatten sie den in dieser Jahreszeit nur her? Weiß blühende Zweige, Tulpen, Rosen und andere, deren Namen ich nicht kannte. Botinnen einer besseren Jahreszeit.
    Fluchtartig zogen sich das heulende Elend und das Mitleid in sich selbst zurück. Als mein Besuch gegangen war, versuchten sie an ihre alte Größe heranzuwachsen. Aber sie hatten keine Chance. Die Freude und das Glück waren stärker. Ich brauchte nur auf den Blumenstrauß zu schauen. Das Leben und die Welt waren schön. Und am Wochenende würde ich das mit meinen Freunden feiern.

    • Stefan Kappner

      Liebe Anneliese, wunderbare Geschichte, vielen Dank. Personifikationen waren in früheren Zeiten sehr beliebt (man denke nur an den „Jedermann“, dessen historische Vorbilder wiederum weit zurück liegen). Heute sind sie nur noch selten zu lesen. Im Kontrast zum allgegenwärtigen psychologischen Vokabular wirken sie darum auf mich geradezu erfrischend.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Um die Kommentarfunktion zu nutzen, müssen Sie der Speicherung Ihrer Daten zustimmen.

*

Ich stimme dem zu.