#67 — Gerüche

Gewürzbehälter

Ein Freund zeigte mir vor einiger Zeit sein Geruchsarchiv. Es bestand aus einer Kiste voller alter Flacons mit Resten von Parfüms und Deos, von sich und aus der Familie. Die Gerüche hielten sich ewig, sagte er. Wenn er daran rieche sei es, als werde er zurück in jene Zeit geschleudert, in der er jenen Duft um sich hatte, zurückversetzt in Zeitgefühl und Stimmungen.

Literarische Berühmtheit erlangte die Madeleine-Episode aus Marcel Prousts »Suche nach der verlorenen Zeit«. Physiologisch handelte es sich auch dabei um einen Geruch, denn wir die feineren Aromen nehmen wir über die Nase auf. Prousts Erzähler »führte […], bedrückt durch den trüben Tag und die Aussicht auf den traurigen folgenden, einen Löffel Tee mit dem aufgeweichten kleinen Stück Madeleine darin an die Lippen.«

Und dann mit einem Male war die Erinnerung da. Der Geschmack war der jener Madeleine, die mir am Sonntagmorgen in Combray (weil ich an diesem Tage vor dem Hochamt nicht aus dem Hause ging) sobald ich ihr in ihrem Zimmer guten Morgen sagte, meine Tante Léonie anbot, nachdem sie sie in ihren schwarzen oder Lindenblütentee getaucht hatte. Der Anblick jener Madeleine hatte mir nichts gesagt, bevor ich davon gekostet hatte; […]

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Gehirnforscher gehen davon aus, dass zwischen dem Geruchssinn (dem evolutionär ältesten unserer Sinne) und dem Gedächtnis eine besondere Verbindung besteht.

Beim Familienessen unterhielten wir uns über dieses Phänomen. Wir waren uns einig, dass wir keine besonders „geruchsorientierte“ Sippe sind. Und doch fielen uns etliche charakteristische Gerüche ein: Der Geruch von Kohleöfen, den man vor 1989 überall in der DDR riechen konnte. Wenn ich ihn heute, in irgendeinem Dorf im Thüringer Wald oder in der Dresdner Neustadt, auch nur ganz schwach in die Nase bekomme, sehe ich die Häuser und Geschäfte für einen Moment wieder anders. Oder der Geruch unserer lieben alten Nachbarin, die seit einigen Jahren gestorben ist, überhaupt von Menschen, von Freunden, die Schal oder Pullover nach einem Besuch vergaßen.


Schreibidee #67: Schreiben Sie von einem Geruch, der Sie in die Vergangenheit zurückversetzt.


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3 Texte

  1. Manuela Tulle

    FRAGRANCE OF MEMORIES

    Last days of the season.
    The island is slowly closing down.
    Beaches lose most foreign footprints and resume their local dialect.
    I like when the island is wearing her national colors again and
    the indigenous spirit begins to hum, sway and vibrate through the streets once more.

    The troops of sunburns have left bars and beaches. Some hangovers may have to check in with customs at home.
    The snowbirds begin to travel North, leaving behind vacant homes, villas, estates and toys of every size and price.
    Sail-, power- and fishing boats, surf- paddle- and kite- boards, kayaks and scooters – all nicely stowed away, covered, protected and locked in.
    Together with pool furniture, umbrellas and mountains of beach towels they are suffocating in a white mass of mothballs until their owners set them free again next winter season.

    The smell of camphor and naphthalene so distinctive and just as penetratingly unforgettable as “Lysol” and “Blue Soap”, “Ada” or “Wow” – bathroom cleaners and laundry soap – which, upon smelling their unmistakable scent, no matter where in the world I may be, transport me straight to the shelves of the island’s rum shops along side the road.
    It’s the fragrance of small, ramshackle kiosks carrying everything or nothing, depending on the day of your visit.
    Memories of soap and disinfectants next to cassava bread and cinnamon rolls rise up and smile at me.
    My mind airborne again: Caribbean, Mexico, Panama … they all carry the same perfume when life becomes local, simple and real.
    The very moment my nose catches a whiff of “Sunshine Simplicity” “Palm Tree Essential” and “Joyful Ease” I start bathing in their tropical vapor until I am there.
    An invisible transition, a physical change nobody notices, let alone understands.

    Today is one of those days where memories like that tattoo themselves under my skin together with all the countless sights and surprises, smiles and hellos that my body and mind have been gifted with this winter.
    A soft day like this, wrapped up in muffled sounds and quietude as if it wants to protect itself from anything unsettling and untrue.
    A thin layer of tranquil clouds covers the sky, filtering calming light upon everything that stirred the heart and moved the soul within a season of vibrant colors and warm compassion.

    My mind remembers the essence of beauty in people and nature at land and at sea, well worth storing in my treasure chest of life’s daily gifts.
    I shall put this day in the photo album of my fragrant memories, where images appear by sensory perception unintentionally, unasked and unexpected.
    It’s a wonderful souvenir for cold days inside, a cup of hot cocoa in both hands and the aroma of cinnamon, ginger, nutmeg and clove wafting through the room,
    making the pages turn by themselves.

    You are alone.
    You are content.
    No one disturbs you.
    Nobody intercepts your space and time.
    You are happy.
    You are smelling the perfume of connection, participation, adventures, loss and love.
    You are inhaling life.

    It’s like sitting in the attic of your grandparents’ home, surrounded by layers of dust, spiderwebs, fractured picture frames, yellowed book pages, faded letters, tinted postcards and photos with jagged edges, mothballed in all shades of yesterday.

    It’s a very comfortable environment. It’s a neighborhood you feel at home.
    Moments of pleasure, excitement, laughter and love rise up all around you, ready to tell you their stories.
    Stories of longing, separation and sorrow, of heartbreak and happiness,
    fulfillment and wonder.
    That’s the scent of magic.
    A fragrance that doesn’t turn stale and never gets old.
    It carries myriads of moments in itself, reaching you like incense from a faraway land.
    It doesn’t take long and you’re wrapped, quite often lost in memories, imagination, reflections and thoughts.
    (…)

  2. Gerda Liedemann-Heckenmüller

    Ist der Apfelbaum abgeerntet, füllt er den Keller. Wenn ich unmittelbar nach der Ernte die Kellertür öffne, bin ich jedes Jahr von neuem überrascht, was dort geschieht. Was ist anders? Ich ziehe die Luft durch die Nase, schnuppere — was für ein Geruch! So gläsern-durchsichtig-frisch, nach kalter Luft, nach feuchtem Wind und gleichzeitig so erdig, mehr säuerlich, süßsäuerlich oder eher wein-säuerlich? Ah, die frischgeernteten Äpfel. Sie durften durch die Tür des Vorratskellers hindurch bis zum Kellereingang.

    Früher, als wir im Keller noch gestampften Lehmboden hatten, war der Duft noch intensiver. Da roch die braune Erde mit, spendete Kühle und Haltbarkeit. Da ruhten die Äpfel noch im richtigen Apfelbett, so groß wie ein Doppelstockbett, mit drei Etagen. Das Metallgestell von Vater selbst zusammengeschweißt, mit alten Brettern belegt. So groß, dass ich an die hinteren Äpfel nie drankam. Der Reichtum wurde gehütet. Jeden Tag wurden die faulen Äpfel aussortiert. Von den wurmstichigen Äpfeln kochte Mutter Apfelmus. Das aßen wir zu Wasserspatzen mit Zimt und Zucker oder mit Vanillesoße. Manchmal gab es auch Kartoffelpuffer, dazu Apfelmus pur.

    Der mit Äpfeln gefüllte Keller gibt mir Sicherheit, gut über den Winter zu kommen. Mindestens bis März, manchmal bis Anfang Mai, wird nun in Äpfeln geschwelgt. Apfelessen, Apfelkuchen, Apfelgelee, Apfelkrapfen, Dampfäpfel, Bratäpfel, Apfelkompott, Apfelküchlein und nicht zu vergessen, der Apfelwein. Bei Erkältungen schwor Mutter auf heißen Apfelwein mit Zimtstange. Bis Weihnachten hingen die Apfelschnüre über dem Herd, damit sie trockneten. Apfelringe quetschten sich zum Fest zwischen Mandelecken, Vanillekipferl und Zimtsterne.

    Den ganzen Winter über gab es sonntags Blechkuchen mit Äpfeln belegt, Hefeapfelkuchen, frisch aus dem Backofen. Der Geruch zog durchs ganze Haus. Nur dieser besondere Apfelduft aus dem Keller war uns während des Winters abhandengekommen.

  3. Anneliese

    Die Sonne scheint, der Himmel ist blau. Ich sitze auf unserem Balkon, schaue in die Landschaft und in den Garten. Links vor mir ein Fliederbusch. Über den grünen Blättern treibt er die Blütenknospen aus. Ich ahne schon die Farbe Lila.
    Ich schließe die Augen. Schon steigt der süßliche, manchmal leicht modrige Duft der Blüten in meine Nasen.
    Fliederbüsche mit weißen und dunkel-lila Blüten gehören zu meiner Kindheit. Sie standen fast in jedem Garten. Und sie füllten so manche Vase in den Wohnungen. Ihr Duft allgegenwärtig im Frühjahr.
    Aber außer dem Duft boten sie uns Kindern noch einen ganz anderen Genuss. Wir zupften einzelne Blüten aus der Dolde, nahmen das Ende in den Mund und saugten den winzigen, süßen Tropfen Blütenhonig heraus.
    Es gab andere Süßigkeiten. Es gab süßere Süßigkeiten. Es gab größere Süßigkeiten. Aber nichts schmeckte besser als dieser winzige Tropfen am Ende der Blüte.

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