#68 — Das ging gar nicht

Daumen nach unten

Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.

Karl Lagerfeld

Man kann nicht immer nett sein. In unserem Leben sind jedem schon Gestalten über den Weg gelaufen, die man lieber nicht zur eigenen Gattung zählen würde. Weil Abneigungen ebenso Teil der Persönlichkeit sind wie Vorlieben, kann auch das zum Gegenstand des biografischen Schreibens werden.

Das Lagerfeld-Zitat ist mittlerweile Gemeingut geworden. Stil hatte für ihn als Modeschöpfer einen hohen Stellenwert. Das ist verständlich. Aber natürlich gibt es keinen überzeitlichen Maßstab dafür. Den aktuellen Trend, die eigene Fitness-Figur in engen Gymnastik-Leggins durch die Malls zu tragen, finde ich ähnlich diskussionswürdig wie das Erkennungszeichen der Couch-Potatos.

Die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren heißt, fremdbestimmt zu sein, unfrei. Freiheit und Stil auf diese Weise in Verbindung zu bringen, ist originell. Darum ist das Zitat zu Recht berühmt. Zuletzt wurde es leider verfremdet von einem, der ihm in Puncto Stil nicht gerecht werden konnte: Auf einer Demonstration gegen Anti-Corona-Maßnahmen in Gera erzählte ein älterer Herr einem Fernsehteam davon, wie schwer es ihm falle, seine Frau nicht mehr im Pflegeheim besuchen zu dürfen. Da begann ein Mitdemonstrant, in Richtung Kamera zu schreien. Er hörte dem Mann selbst nicht zu, sondern duzte ihn respektlos und brüllte unter anderem: »Wenn du ARD und ZDF zuhörst, dann hast du praktisch die Kontrolle über dein Leben verloren.« Sicherlich kannte er das Lagerfeld-Zitat aus den Medien, die er kritisierte. Er warf dem älteren Herren vor, unfrei zu sein. Doch dabei entging ihm ganz der Stil-Aspekt des Zitats. Denn das Verhalten, dass er in Gera an den hellen Tag legte, war eine Art Äquivalent zur Jogginghose, wie Lagerfeld sie sah. Es entlarvte ihn selbst als unreflektiert, unkontrolliert und stillos. Ist je eine gute Sache auf diese Weise vertreten worden?

Es muss in Ihrem Text nicht um moralische Empörung gehen. Sie können auch schildern, was Ihnen einfach nicht gefiel, was Ihnen zuwider war. Was aus Ihrer Sicht einfach nicht ging. Versuchen Sie nicht, unparteiisch zu sein und sich von ihren eigenen Urteilen zu distanzieren. Sonst wird der Text zu ausgeglichen und verliert an Wucht und Gefühl.


Schreibidee #68: Erzählen Sie von jemandem, dessen Verhalten Ihnen ganz und gar missfiel.


[Hinweis: Bewerten Sie nicht gleich am Anfang des Textes. Beschreiben Sie zunächst die Situation, liefern Sie ein kurzes Porträt, und erklären Sie, worum es genau geht. Sprechen Sie Ihr Urteil erst am Ende. Hat dieser Mensch die Kontrolle über sein Leben verloren? Verwenden und verfremden Sie, wenn Sie möchten, das Lagerfeld-Zitat.]

[Wie immer fände ich es schön, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren und hochladen würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Gerne können Sie dafür auch ein Pseudonym oder nur Ihren Vornamen angeben.]

1 Kommentare

  1. Anneliese

    Ich habe mich an dem Karl-Lagerfeld-Zitat festgebissen: Wer eine Jogginghose trägt, hat schon die Kontrolle über sein Leben verloren.
    Zugegeben, als ich das Zitat zum ersten Mal hörte, fand ich es witzig. Ich würde nie in einer solchen Hose rumlaufen.
    Aber dann. Was für eine Arroganz steckt in diesem Ausspruch. Wer definiert hier, was es bedeutet, dass jemand die Kontrolle über sein Leben verloren hat? Und wodurch? Ein Mann, der werktags wie auf Festen sich nach seinem Geschmack kleidete. Mit Handschuhen und Halskrause das eigene Alter und dessen Anzeichen versteckte. Ist das die Kontrolle, die er meint?
    Es erinnert mich eher an die vielen Frauen, die sich über Jahrtausende nach einem von außen (von Männern) festgelegten Geschmack in ihre Korsetts einschnürten und mal den Po, mal die Hüften und mal den Busen betonten.
    Zugegeben, ich finde es auch nicht schön, wenn korpulente junge Frauen in enge Leggins und kurze Tops gezwängt durch die Stadt laufen. Ich finde auch die jungen Männer nicht attraktiv, die ihren meist übergewichtigen Körper in Jogginghosen kleiden, denen man ansieht, dass sie noch nie für ihren ursprünglichen Zweck gebraucht wurden. Es gefällt mir nicht. Aber ob sie damit die Kontrolle über ihr Leben verloren haben? Wer bin ich, das zu sagen?
    Ich kannte einen Mann, der in seinen jüngeren Jahre zu Hause nur in Unterhosen herum lief. Er war Lkw-Fahrer. Kam er nach der Arbeit nach Hause, zog er sich aus, duschte und verbrachte den Rest seines wachen Zustands in Unterhosen. Seine Frau und sein Kind störte das nicht. Er spielte mit seinem Kind, stand in Unterhosen am Herd und machte Lasagne oder briet Würstchen und saß in Unterhosen vor dem Fernseher. Hatte er die Kontrolle über sein Leben verloren? Zugegeben, er ging nicht in Unterhosen auf die Straße.
    In jungen Jahren fuhr ich einmal mit meiner Freundin für zwei Tage nach Wien. Wir wollten uns die Stadt anschauen und ins Museum gehen. Auf dem Weg zu unserer Unterkunft kamen wir am Burgtheater vorbei. Im Vorbeigehen sahen wir, dass am Abend Tschechows „Die drei Schwestern“ gespielt wurde mit Erika Pluhar in der Hauptrolle. Spontan kauften wir uns Karten. Am Abend gingen wir in unserer Stadtkleidung, saubere Hosen und Pullis, ins Theater. Plötzlich hörte ich, wie sich hinter uns Frauen darüber aufregten, dass die heutige Jugend nicht mehr wisse, wie man sich an einem solchen Ort anzuziehen habe. Mit anderen Worten: Wer in Straßenkleidung ins Theater geht, hat die Kontrolle über sein/ihr Leben verloren? Es war ein Schauspiel, keine Oper, und die beiden Damen waren im langen Abendkleid.
    Ein anderes Beispiel fällt mir ein. Ich bin auf dem Brand in Mainz. In einem Schaufenster steht eine junge Frau, zugegeben nicht ganz schlank, und zieht die Puppen an. Vor dem Schaufenster stehen zwei Männer. Einer in kurzen Shorts, die unter seinem Bauch endeten, und einem weißen Doppelripp-Unterhemd, das einen Teil seines Bauches frei ließ. Er machte zu seinem Begleiter eine Bemerkung über die Figur der Frau. Schau mal in den Spiegel! Damals habe ich es nur gedacht. Wer hat hier die Kontrolle über sein Leben verloren?
    Natürlich sagt die Kleidung etwas über mich, mein Leben aus. Das will ich gar nicht bestreiten. Kleider machen Leute. Aber der Mensch ist viel mehr.

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