7. April 2020: Samstagsgefühle

Aufräumstilleben

Heute wäre beinahe Samstag gewesen. Wenn der Kalender nicht so beharrlich auf Dienstag bestanden hätte.

Meine Schwiegermutter feiert heute ihren 80. Geburtstag, aber natürlich konnten wir nicht dabei sein. Trotzdem waren wir um 11 Uhr verabredet und gratulierten per Videokonferenz. Ich wüsste gerne, ob sie und mein Schwiegervater das Ständchen, das wir mit Querflöte und Gitarre darbrachten, nur durchs Telefon oder auch über die Software gehört haben. Aber das wird wohl ein Geheimnis bleiben. Es war ein bisschen schön, dass wir ihr auf diese Weise etwas Freude bereiten konnten, und ein bisschen traurig. Sie erinnerte sich an die Urlaube, die sie zum 50., zum 60. und 70. Geburtstag erlebt hatte — denn sie ist Reisefan — und wir sprachen fast nicht vom Virus, der sie wohl noch eine Weile in der Heimat festhalten wird. Ein achtzigster Geburtstag ist schon was. Früher sagte man »rüstig«, wenn es gesundheitlich noch gut lief, aber das passte mehr auf die Alten, die noch Kühe melken konnten. Mein Schwiegervater erwies sich darüberhinaus als technisch »gerüstet«, wenn auch, wie gesagt, die Sache mit dem Mikro …

Schon eine Stunde bevor die Videokonferenz startete, traf unerwartet mein neuer Schreibtisch ein. Man kann ihn per Motorsteuerung zum Stehpult machen, dafür braucht ihn mein Rücken, aber auch sonst war er schick anzusehen im Netz. Also wagte ich es. Am Samstag verhandelte ich mit einer Möbelverkäuferin um den Preis, am Sonntag erhielt ich die Bestätigung meiner Bestellung und heute wuchtete der Paketboote das Ding schon über die Schwelle. Er war schlecht gelaunt, weil die Motorbeine ein unfassbar schweres Gebinde ergaben. Normalerweise packe ich dann mit an, aber heute blieb ich auf Abstand. Entgegen vieler Befürchtungen, dass es zu Lieferengpässen käme, wenn jetzt alle im Netz einkauften, scheinen noch immer die Supermärkte die Hotspots zu sein. Die derzeitige Einkaufsbeauftragte der Familie quälte sich heute bei Aldi ab, wohin sich der ewige Kampf ums Überleben verlagert zu haben scheint. Für meine Bestellungen wird dagegen auch sonntags gearbeitet, die Pakete (auch andere) treffen in Rekordzeit ein, und als ich wegen einer kleinen Frage nochmal bei der Möbelfirma anrief, war auch gleich die Chefin am Telefon. Und wusste Bescheid! Der Onlinehandel, so las ich, beklagt ebenfalls sinkende Umsätze. So ist das vielleicht zu erklären. Aber Achtung: Amazon ist nicht gemeint.

Der Rest des Tages war Auspacken, Saugen, aufbauen, umräumen. Alles hat geklappt, und jetzt sitze ich schon am neuen Tisch und spiele am Motor herum. Rauf, runter. Ob das meinem Rücken hilft, bleibt abzuwarten. Spaß macht es schon mal. Dazu ein überwältigend schönes Wetter, und die ganze Nachbarschaft draußen, Stimmen von jung bis etwas älter vor dem offenen Fenster — Samstagsfeeling. Nur das eben Dienstag ist. Ich schaue noch mal nach: tatsächlich Dienstag. Komische Zeiten sind das. Und außerdem wurde meine Schwiegermutter 80.

P.S.: Noch ein paar Corona-Kulturtipps für zu Hause:
(1) Der hr veranstaltet »Lockdown-Lesungen«; Saša Stanišić läuft erneut zur Hochform auf und liefert eine Darbietung mit komischer Mütze und Taxi-Geschichten für Kinder.
(2) Jason Mraz stellt sein neues Album (Reggae) von zu Hause aus vor und weint vor Rührung bei seinem eigenen Lied.
(3) Rainer Heute und Peter Reiter von der hr-Bigband spielen ein klassikartiges Stück von Duke Ellington, das dieser für die Queen von England geschrieben hatte. Und zwar für dieselbe, die gerade ihr Land zum Durchhalten ermutigt hat. Dem musste ich eine Weile nachsinnen.


2 Kommentare

  1. Christiane Tilse

    3. April 2020 – Nicht einkaufen in Zeiten von Corona
    Als die Kontaktreduzierungsregeln in Kraft traten, erhielten wir einen Anruf unseres Sohnes. Seine sonst so freundliche Stimme hatte einen etwas strengeren Unterton. Wir sollten nicht auf die Idee kommen, uns in einen Supermarkt zu begeben. Ab jetzt würde er einmal pro Woche für seine Familie einkaufen und dann könnte er das für seine Eltern gleich mit erledigen. Wir sollten uns – bitteschön – mit der Anfertigung des Einkaufszettels begnügen. Natürlich kamen wir dieser Aufforderung gerne nach und seitdem erleben wir jeden Freitag am frühen Abend etwas, das sich wie eine Mischung aus Weihnachtsbescherung, Ostzonen-und Carepaket anfühlt, auch wenn es sich hier nicht um Geschenke handelt.
    Es beginnt mit dem ‚Corona-Tanz‘: Mein Mann und ich warten hinter der Wohnzimmertür, bis der Sohn den großen Korb und andere Behälter in die Küche geschafft hat. Während er dann in 2m Abstand im Flur bleibt, schütten wir das Füllhorn aus und nehmen – mit Handschuhen bewaffnet – die Lieferung in Augenschein, um Irrläufer zu vermeiden.
    Dann gönnen wir drei uns aber doch noch ein paar Plauderminütchen im Wintergarten mit einem Anflug von schlechtem Gewissen und natürlich in gebotener Distanz. Jens berichtet von seinen Erlebnissen bei diesem ‚Beutezug‘. Mit einem ‚nine to nine‘- Job war er in den letzten Jahren eher selten im Supermarkt, so dass sich ihm hier ein neues Erfahrungsfeld erschließt.
    Zum Beispiel das Joghurtsortiment – sehr groß und daher unübersichtlich. Braucht man so viele verschiedene? Mehr eine theoretische Erwägung. Ist Romana-Salat dasselbe wie Römersalat? Was ist Rotkohl? Wusste auch der Angestellte im Laden nicht. Da hat die norddeutsche Mutter bei der Liste nicht aufgepasst. In Hessen heißt das Rotkraut. Wieder was dazu gelernt. Wir beide. Etwas ratlos erwähne ich zwei Packungen Margarine. Hatte ich die aufgeschrieben? ‚Nee, da stand Rapsbutter, habe ich aber nicht gefunden. In der Margarine ist auch Raps drin.‘ Der Junge weiß sich zu helfen. Allerdings – bei so viel Margarine ist wohl Kuchen backen angesagt, das neue Hobby meines Mannes. A pro pos – gab’s denn Mehl? Die Antwort ist ein mitleidiges Lächeln. Der Kuchen muss also warten, bis die Internetmehlbestellung unserer Schwiegertochter eintrifft. Und wie war eigentlich die Klopapierlage? ‚Alle Gespräche, die ich im Geschäft mitgehört habe, drehten sich darum.‘
    Wie gut es tut, ihn zu sehen. Viel zu schnell geht das Viertelstündchen vorbei – leider können wir unseren Sohn nicht zur Tür begleiten. Der Kassenbon für den Zweifamilieneinkauf – einen guten Meter lang – bleibt hier für die Abrechnung. Bei einem Glas Wein wird der Papa später akribisch jeden unserer Posten abhaken. Er ist ein Zahlenmensch und schätzt korrekte Abrechnungen. Schließlich soll der Sohn nicht übervorteilt werden, denn auch Hochprozentiges stand auf meinem Zettel, das schlägt zu Buche. Was so pingelig klingt, ist in Wirklichkeit ein Nachfühlen, eine Verlängerung des Tageshighlights, das wir unserem Sohn verdanken.

    • Stefan Kappner

      Liebe Christiane,
      indem Du den Vorgang der „Übergabe“ und die Waren so detailreich beschreibst, bis hin zu den aus dem Supermarkt berichteten Dialogen, machst Du den Stellenwert des Einkauf-Besuchs als „Tageshighlight“ glaubwürdig. Das gefällt mir sehr. Vielen Dank dafür!
      Ich hoffe, dass wir uns bald wieder darüber wundern werden, was uns plötzlich wichtig geworden war. (Meine Frau steht gerade im Garten und sieht nach den Himbeeren. „Das mache ich eigentlich nie“, sagte sie zu unserer Putzhilfe, die derweil unter strengen Sicherheitsvorgaben die Wohnung in Ordnung bringt.)

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