#72 — Freiheit

Freiheit am Meer (mit Buch)

Das autobiografische Schreiben eignet sich perfekt für Freiheitsgeschichten. Für Befreiungsgeschichten. Denn das Schreiben selbst ist bereits eine Selbstbehauptung.

Das Problem ist, dass ich nach jeder aufgehobenen Einengung eine weitere Einschränkung vorfinde, die hinter der ersten liegt. Ständig werde ich daran erinnert, dass es Dinge gibt, die ich niemals erfahren werde. Ich kann diesen Gedanken nicht ertragen, ein ganzes Leben auf diesem Planeten zu verbringen, ohne das zu erleben, was ich zu erleben mir erträume, und zwar nur, weil es verboten ist. Ich glaube nicht, dass diese Version der Freiheit je reichen wird, solange sie nicht alles umfasst. Ich glaube nicht, dass ich glücklich sein kann, solange ich nicht wirklich unabhängig bin.

Deborah Feldman: Unorthodox

Das Memoir »Unorthodox« von Deborah Feldman ist wohl deshalb so erfolgreich, weil es Einblicke in eine religiöse Gemeinschaft bietet, die bislang sehr selten waren. Was dem Buch seine Überzeugungskraft gibt, ist jedoch in erster Linie das Streben der Autorin und Protagonistin nach Freiheit.

Mancher sehnt die Freiheit nach dem Ende des Berufslebens herbei, eine andere nimmt sich die Freiheit, zu kündigen und ihren Lebenstraum zu verwirklichen. Viele suchen die Freiheit im Urlaub oder bei »freier Fahrt« auf der Autobahn. Derzeit sprechen einige davon, dass ihre Freiheit in Gefahr sei, wenn sie Gesichtsmasken tragen müssen. Andere fühlen sich erst frei, wenn sie ganz sicher sein können, dass Ihnen nichts geschieht. Aber kann man sich dem jemals sicher sein? Ist Sicherheit das Gegenteil oder die Voraussetzung von Freiheit?

Es gibt die »Freiheit von« und die »Freiheit zu«. Politische Freiheitsrechte und die Freiheit des Geistes. Oder ist letzte nur eine Illusion? Ist nicht, was wir tun und mögen, durch Gene und die Informationen vorherbestimmt, mit der wir unser Gehirn füttern? In seinem Buch »Das Handwerk der Freiheit. Über die Entdeckung des eigenen Willens« schreibt der Philosoph Peter Bieri:

Wachsende Selbsterkenntnis bedeutet wachsende Freiheit. So gesehen ist Selbsterkenntnis ein Maß für Willensfreiheit.

Insofern das (auto)biografische Schreiben Selbsterkenntnis nicht nur voraussetzt, sondern auch zu größerer Selbsterkenntnis führt, kann es also unserer persönlichen Freiheit dienen. Also schreiben Sie los!


Schreibidee #72: Was ist Freiheit für Sie? Beschreiben Sie eine Situation, in der sie sich besonders unfrei, und eine, in der Sie sich ganz frei fühlten.


[Wie immer fände ich es schön, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren und hochladen würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Gerne können Sie dafür auch ein Pseudonym oder nur Ihren Vornamen angeben.]

3 Kommentare

  1. Anneliese

    Wenn ich an Freiheit denke, dann fallen mir als erstes ein Lied und eine Gedichtzeile ein: „Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten“ – ein Lieblingslied meines Mannes. Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, und wär‘ er in Ketten geboren.“ Aus welcher Erinnerungsschublade diese Textzeile kommt – ich weiß es nicht.
    Wenn ich dann meine Gedanken weiter herumschweifen lasse, ihnen sozusagen die Freiheit lasse, dann fällt mir eine ältere Frau ein, in deren Haus ich einmal für zwei Wochen wohnte. Ich im ersten Stock, sie im Erdgeschoss. Was hat sie gesagt, wie alt sie sei? Achtzig Jahre?
    Sie kann sich nicht mehr viel bewegen, sie hat eine schwere Arthrose. Tagsüber liegt sie in einem Fernsehsessel mit hochgelagerten Beinen.
    In diesem Raum ist alles, was sie braucht: der Sessel für den Tag, das Krankenhausbett für die Nacht, ein Nachtschränkchen, der Toilettenstuhl, der Fernseher, diverse Taschen, die am Bett, Sessel und Toilettenstuhl hängen und alles bergen, was sie im Laufe des Tages so braucht. Vom Sessel aus kann sie fernsehen oder aus zwei großen Fenster schauen, über die Salzwiesen bis zum Meer hin. Hier beobachtet sie die Fährschiffe. „Im Sonnenuntergang sehen sie wie rosa Schweinchen aus“.
    Sie ist gut versorgt. Morgens und abends kommt jemand vom Roten Kreuz ins Haus, um sie zu waschen, an- oder auszuziehen und sie umzubetten. Mittags kommt eine Frau, die ihr das Essen kocht. Am Wochenende kommt die Tochter vom Festland.
    Nach den drei Telefongesprächen, die ich mit ihr hatte, dachte ich, dass sie etwas tüttelig sei und befürchtete ein wenig, dass sie mich okkupieren könnte. Sah meine Freiheit in Gefahr. Aber das war nicht der Fall.
    Sie rief nie nach mir, wenn ich ins Haus kam. Alle zwei bis drei Tage schaute ich mal bei ihr vorbei: „Die Wohnung ist offen, kommen sie einfach rein und rufen sie von der Tür aus.“
    Natürlich kommt man nicht ganz so schnell wieder weg, wenn man sie „kurz“ besuchen will. Aber es ist nicht unangenehm. Über ihre Krankheit spricht sie kaum. Sie gibt mir Tipps, wo ich essen gehen soll, empfiehlt mir Plätze, von denen ich eine tolle Aussicht genießen kann oder wo es den leckersten Kuchen bekomme. Alles Lokale und Orte, an denen sie früher selbst gewesen war. Und wenn sie davon erzählt, wird sie lebendig. Ihr Mund wird zu einem kleinen O, die Augen funkeln und der erinnerte Genuss lässt ihr Gesicht erstrahlen. Das selbe Gesicht macht sie, wenn sie erzählt, dass sie sich ein Glas Cremant an manchen Abenden gönnt. Ihn lässt sie sich extra, wie den wenigen Wein, den sie trinkt, aus dem Elsass kommen.
    Ihr Mann ist vor vier Jahren gestorben, nach einem Treppensturz, vermutlich in Verbindung mit einem Schlaganfall. Seither lebt sie allein. Über das Telefon steht sie in Kontakt mit ganz vielen Menschen auf der Insel.
    Früher hat sie ganz viel gemalt. Ihre Bilder hängen überall im Haus: Öl, Aquarell und einige Bleistiftzeichnungen. Sie hatte auch schon Ausstellungen auf der Insel. Und sie kann sich noch heute köstlich amüsieren bei der Erinnerung an die Frage, bei welchem Professor sie denn studiert habe. Bei keinem. „Es war in mir drin.“ Und wieder strahlt ihr Gesicht.
    Sie fuhr mit dem Fahrrad. „Dadurch kannte ich alle Winkel der Insel. Gemalt habe ich aber immer zu Hause. Ich kam zurück, und wenn es dann still war, musste ich malen. Ich weiß gar nicht so genau, was ich gemacht habe. Es kam einfach aus mir heraus.“ Sie hat auch schon Bilder verkauft, aber das sei nie ihre Absicht gewesen.
    „Eigentlich“, sagt sie, „hätte ich ja schon längst Platz machen müssen für jemand anderes“ – ihre Bezeichnung für das Sterben. „Alt genug bin ich ja. Aber ich bin immer noch da.“ Und wie sie das sagt, klingt es ganz vergnügt.
    Warum erzähle ich das? Weil Freiheit im Kopf anfängt. Und damit bin ich wieder am Anfang meiner Geschichte. Und ist es letztlich nicht diese Freiheit im Kopf, die auch einen Mann wie Nelson Mandela im Gefängnis hat überleben lassen?

    • Stefan Kappner

      Vielen Dank!
      Diese Geschichte erinnert mich an die alte Weisheit, dass wir uns nicht zu Sklaven unserer echten oder vermeintlichen Bedürfnisse machen sollten. Wer weniger braucht, ist freier. Oder ist es so, dass die alte Dame den Wert dessen zu schätzen gelernt hat, was sie umgibt? Immerhin: Zwei Fenster zum Meer, Erinnerungen, Kontakt zu vielen Menschen, einen festen Platz in ihrer besonderen Welt. Während ich das schreibe, kann ich aus zwei Fenstern auf herbstliche Bäume sehen, Insekten schweben und zittern durchs Sonnenlicht. Neben mir steht diese Tasse Kaffee , die mich daran erinnert: https://biografika.de/40-irdische-genuesse . Dankbarkeit macht frei. Und doch gibt es diese Goethe-Zeilen: „Alles in der Welt läßt sich ertragen, Nur nicht eine Reihe von schönen Tagen.“

  2. MANUELA

    FREIHEIT

    Beim Lesen des Satzes von Peter Bieri: „Wachsende Selbstkenntnis bedeutet wachsende Freiheit“,
    dachte ich daran, was ich vor wenigen Tagen einer Freundin nach Deutschland schrieb, nachdem sie mal wieder erwähnte, wie richtig ich es doch gemacht hätte, ins Paradies auszusteigen und dass es schlechtere Orte auf dieser Welt gäbe, in denen man Covid 19 aushalten müsse, als auf einer Insel in der Karibik. Sie denke so oft daran ihre Träume zu leben und frei zu sein, aber es gehöre Mut dazu loszulassen: „Loslassen hört sich so einfach an und ist und doch so schwer.“

    Es gehört Stille, Selbstkenntnis und Vertrauen dazu, liess ich sie wissen.
    Stille durch Allein-sein-Können mit uns selbst.
    Selbstkenntnis durch Innehalten, Betrachten und Aushalten von uns selbst.
    Vertrauen in das, was in jedem von uns steckt, tief drinnen, in unserem Innersten, dem liebenden Unveränderlichen, das unsere Verwundbarkeit kennt, wie niemand sonst.
    Unsere Verwundbarkeit gebiert Mut.
    Das herauszufinden ist allerdings in einer übermäßig vernetzten Gesellschaft, deren Aufmerksamkeit ununterbrochen in tausend Richtungen gelenkt wird und sich aufgefordert fühlt jederzeit zu twittern, zu posten, zu mailen etc., unmöglich.
    Außerdem ist „Angst“ eine so vertraute alte Bekannte.
    Wer weiss, was „Mut“ so alles mit sich bringt und nach sich zieht und führt das Ganze nicht ins Unbekannte? Da gibt’s vielleicht kein Signal und das Leben zwitschert nicht mehr.

    „Ins Paradies“ zu gelangen, verlangt „tiefes Schauen“ in dich und dein Leben und warum du das Gefuehl hast, „ich stecke fest“, ich will „etwas anderes“.
    Hast du herausgefunden, was das ist und es nicht zur Seite schiebst oder gar verleugnest, dann bist du auf dem Weg in Richtung Freiheit.
    Dieses „tiefe Schauen“ ist anstrengend und selten schmerzlos, doch wenn du die Situation, die dich unzufrieden macht, verbessern willst, verlangt „das Paradies“, dass du daran arbeitest.
    Und das ist die Schwierigkeit, die die meisten „Sehnsüchtigen“ zurückschrecken lässt.
    Wer will „schwierig“? Wer will Schmerzen? Wer möchte Verwundungen und Verletzungen, die auf die Knie zwingen?
    Die „Leichtigkeit des Seins“, wie du immer wieder meine Art des Daseins beschreibst und deren paradiesische Derivate falle nicht wie reife Mangos vom Baum oder öffnen sich wie eine Lotusblüte.
    Sie entstanden nach mehrjähriger hin- und herreißender Entdeckungsreise in die Selbsterkenntnis.
    Es ist ein „Zwiebelschalen-Prozess“: Haut nach Haut abziehen, um noch weitere Schichten des „nicht mehr und nicht länger“ freizulegen.

    Du nennst es Loslassen.
    Ich habe mich nie so richtig wohl gefühlt mit der spirituellen Anweisung, die häufig zu unreflektiert dahin gesagt wird: „Loslassen“. „Einfach Loslassen“. „Lass‘ einfach los“.
    Erstens ist es nicht einfach loszulassen und zweitens koennen wir nur loslassen, was wir mit „Leib und Seele‘ erfahren, gehalten, festgehalten, getragen, ja auch ertragen haben, uns durch es „hindurch gearbeitet“ haben und erkannt haben, was nicht mehr und nicht länger zu uns gehört bzw. wir nicht mehr brauchen.
    Den Begriff des Loslassen haben wir, wie so Vieles, der englischen Sprache entnommen, allerdings nicht den Ausdruck, der für mich das Praktizieren des Loslassens erst wirklich möglich macht, nämlich: „Owning“.
    Das bloße Dahinsagen, das wiederholt „letting go, let go, just let it go“ funktioniert nicht.
    Eine Bekannte hat diesen Prozess „Tränenzeiten“ genannt.
    Auch wenn sich bei jedem, der Loslassen will, die Tränen anders gestalten, sie sind wichtig für den Prozess. In ihnen steckt das „Owning“.

    Die erste Schicht dieses Zwiebelschalen-Prozesses ist der Abbau dessen, der du gar nicht bist. Für manche kann das eine schmerzhafte Entdeckungsreise sein.
    Warum sich also solchen Strapazen aussetzen?

    Sprachst du nicht von Frei sein?
    Darf ich dich daran erinnern, dass du frei bist?
    So unvorhersehbar unser aller Leben ist, du hast immer die Wahl.
    Du kannst von Moment zu Moment frei wählen, dankbar, wagend, ängstlich, bitter oder zuversichtlich, sogar froh und glücklich zu sein.
    Es steht dir frei – mit allen daraus resultierenden Konsequenzen – deinen Job zu kündigen, dich selbständig zu machen, zu heiraten oder dich scheiden zu lassen, ein Flüchtlingskind aufzunehmen oder in ein neues Land zu reisen, in ein Kloster zu gehen, im Yukon eine Blockhütte zu bauen und dein E-Mail-Konto zu stornieren …
    Freiheit kann absolut schwindelerregend sein. Glücklicherweise musst du nicht alle diese Schritte gleichzeitig oder jemals tun.

    Du hast ja bereits Entscheidungen getroffen, denen du folgst. Du bist aber auch frei, den Kurs zu ändern. Dein Leben ist sowohl eingeschränkt als auch frei, mit Einschränkungen und Konsequenzen.
    Kannst du dir ein Leben mit freiwilliger Einfachheit vorstellen?
    Niemand sagt, dass du auf einem Segelboot leben musst, um mit der Weite der Freiheit umgehen zu lernen.
    Deinen Geist zu beruhigen und es ein bischen stiller um dich herum werden zu lassen, damit du hörst, was dir die Stimme, die deine Verwundbarkeit so gut kennt, sagen möchte, wäre schon ein großer Schritt auf dem Weg in deine Freiheit.

    Ja, es ist eine Reise ins Unbekannte, aber es lohnt sich.
    Schade, dass nur diejenigen es wissen, die diese Reise gemacht haben … klingt fast wie Sterben, nicht wahr?
    Nun ja, irgendwie ist es das auch, auf seine ganz eigene und besondere Weise.

    May you be happy.
    May you be healthy.
    May you be protected from inner and outer harm.
    May you be free … free from conditioning.

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