8. April 2020: Familienleben

Fünf Köpfe

Harmonie ist langweilig. Aber derzeit wohl auch lebenswichtig. Ich muss mir nur vorstellen, wie es wäre, wenn wir ständig fünfköpfig streiten würden — und nun über länger als vier Wochen zusammengepfercht wohnen müssten. Fast ohne sonstige Kontakte. Dass es stattdessen schön und bereichernd ist, in dieser Krise zusammen zu leben, macht mich dankbar. (Auch wenn die Kinder natürlich gerne bei ihren Freund/inn/en wären.) Darum sing‘ ich ein paar Takte von der lieben Familie.

Heute habe ich selbst nur wenig zum Familienleben beigetragen. Fast war es wie gestern: Arbeit (Lektorat), E-Mails, Internet-Forum, räumen und räumen. Einen Teil der obsoleten Accessoires konnte ich vererben. Aber das Fenster stand offen, das Wetter war vom feinsten, und draußen tat sich einiges. Das erste, was ich bemerkte, war, wie meine Jüngste das vernachlässigte Kräuterbeet beharkte. Später brachte meine Frau die passenden Pflanzen, nachdem Sie gestern schon Blumen beim Baumarkt besorgt hatte. Normalerweise wäre sie jetzt schon beim Planen, Packen oder über alle Berge, denn es sind Osterferien und alle Lehrerinnen fliegen aus, aber heute kümmerte sie sich um den Garten! Wunderbar. Zu Mittag aßen wir vom selbstgebackenen Brot (ebenfalls von der Jüngsten), dann nähte die Mittlere für mich einen Überzug für meinen neuen Gitarrenständer, während die Älteste Sushi fürs Abendessen vorbereitete.

Trotzdem ist es schade, dass die Veranstaltungen im nächsten Semester für die Studentinnen der Familie größtenteils auf Online umgestellt werden. Lieber stünden sie im Labor. Und genau weiß keine der beiden, wie was organisiert und vielleicht oder vielleicht nicht nachgeholt wird. Darüber klagen sie am Familientisch, und wir besprechen noch dies und das. Welche Änderungen wir fürs Osterfest einplanen müssen. Ob die Einkäuferin vom Dienst nun alles hatte besorgen können. Eier? Orangenschalen? Prima.

Schön ist dieses vertraute Gespräch. Dennoch wünsche ich mir, dass sie bald wieder losfliegen können, nicht nur die Lehrerin in die Ferien, wohin ich sie auch gerne begleite, wenn es der Stapel auf meinem Schreibtisch zulässt. Auch die Kinder, in ihr eigenes Leben, das sie sich in den letzten Monaten erkämpft haben, das sich vor ihnen entfaltet. Hier liegt aus meiner Sicht eine Grenze, die der oft genannten Kapazitätsgrenze des Gesundheitssystems beinahe ebenbürtig ist. Ich hoffe, man lässt die Studierendenkohorten nicht länger als dieses Semester ineinander laufen. Sonst gibt es ein Gegnubbel, das fein austarierte Ausbildungs-Getriebe kommt ins Stottern und am Ende fehlen die Absolventen.

Okay, jetzt habe ich es also wieder geschafft, diesem sonnigen, harmonischen Tag eine Sorge abzugewinnen. Auch ein Beitrag.

1 Kommentare

  1. Christiane Tilse

    Ja, es tut weh, mitansehen zu müssen, wenn die Jungvögel, die gerade dabei sind, auszufliegen, ihre eben ausgebreiteten Flügel vorläufig wieder zusammen falten müssen. Bleibt das Vertrauen, dass die Neugier aufs Leben ‚unkaputtbar‘ ist.

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