8. Mai 2020: Blütenblätter

Rosen

Als Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel auf ihrer vorgestrigen Pressekonferenz die Lockerung des Lockdown verkündete und das Weitere den Ländern überließ, ergriffen wir sofort Maßnahmen.

Meine Gutinformierte las in der Küche die Presseerklärung der Bundesregierung vom Smartphone ab und wir diskutierten zu dritt, was jetzt vielleicht, wahrscheinlich schon bald wieder möglich sei. Aufatmen im Duft eines Orangenkuchens. Uns fiel ein, mehr oder weniger in dieser Reihenfolge: Urlaub, Restaurantbesuch (draußen), Treffen mit X, Treffen mit Y — aber für die Großeltern, bedauerten wir, hat sich mit diesen Beschlüssen nichts geändert, ihr Risiko wird eher größer –, Museumsbesuche (es kam uns nicht darauf an, welches, das urbane Umfeld und der Tapetenwechsel verlockte uns am meisten). Vielleicht könnte ich wieder Interviewtermine machen? Doch eher nicht bei Angehörigen von Risikogruppen. Für meine verantwortungsvolle Ehefrau wird in der Schule sehr viel zu regeln sein. Allgemeine Formulierungen sind oft schwer in Sitzordnungen, Stundenpläne etc. umzusetzen. Und für jede neue Phase müssen neue Regelungen gefunden werden. Außerdem solle der nervige Mund- und Nasenschutz jetzt immer und überall dabei sein …. Egal, die Erleichterung überwog, dass es irgendwie vorangeht.

Gestern Morgen dachte ich dann (getreu einem bekannten Schlager von der Sorte »deutscher Humor«) darüber nach, welche Sorgen nun wieder zurückkehren würden, die vom Corona-Stillstand vorübergehend überdeckt worden waren. Ob wir als Gesellschaft tatsächlich einige der neu gewonnenen Erkenntnisse umsetzen können, weniger Angst vor kollektiven Maßnahmen haben und zum Beispiel konsequenter auf umweltverträglichere Energieformen umstellen werden? Oder ob sich VW & Co. wieder durchsetzen werden, womöglich sogar mit Kaufprämien für Egal-wie-assi-Autos? Wie klaglos werden wir den wieder durch Kondensstreifen zerschnittenen Himmel, den Fluglärm hinnehmen, wenn wir nur schnell und billig zu unserer Ferien»destination« kommen? Ach, dachte ich (wegen des bevorstehenden Zahnarztbesuchs wohl etwas mutloser als sonst), das geht alles seinen kapitalistischen Gang.

Beim Zahnarzt vergaß ich dann vorübergehend alles, was mit dem Virus zusammenhing. Dort trugen auch sonst alle Mundschutz, und ich sollte ihn vom Gesicht nehmen, um den Blick auf meine marode Zahnlandschaft freizugeben. Hier war alles wie immer, Röntgenbild, dann die Entscheidung, die Abrissbirne kreisen zu lassen, weil an dieser Stelle nun wirklich nichts mehr zu retten sei. Die Baulücke wurde erweitert. Ich atmete ruhig durch den Bauch, um meinem Lieblingszahnarzt keinen Tritt zu verpassen, und was das im Endeffekt kosten würde, war mir reichlich egal.

Als ich etwas benommen aus der Praxis kam, fielen mir Rosen im nächstgelegenen Vorgarten auf, die schon viele ihrer Blütenblätter verloren hatte. Ja, so ist der Lauf der Dinge. Aber das Wichtigste: Ich war wieder runter von diesem Stuhl. Zurück im Leben. Das bisschen Corona störte mich jetzt auch nicht, nur dass ich nicht gefrühstückt hatte. Wird das Leben nach der Pandemie so sein, wie nach einem Zahnarztbesuch? Man freut sich am bloßen (schmerzfreien) Leben und an Dingen, die man davor noch ganz selbstverständlich und undankbar hinnahm. Ein Museumsbesuch als unvorstellbarer Luxus, eine Umarmung, als umarmte man alle Menschen zugleich? Man putzt sich jetzt auch häufiger die Zähne, das heißt: sorgt vor, jedenfalls so lange, bis man die Schmerzen und den drohenden Stuhl wieder vergessen hat.

Ach ja, ich sollte noch erwähne, welche Maßnahmen wir vorgestern sogleich ergriffen haben: Eine Woche Mecklenburgische Seenplatte und eine Woche Ostsee! Auf virtuell sehr schnuckeligen Campingplätzen. Im Juli. Wer das liest, möge uns die Daumen drücken.

4 Kommentare

  1. Vom Zahnarztstuhl aus ist so manche Einschränkung eine Petitesse. Aber was die aktuellen Lockerungen angeht: beim Zahnarzt ist es ja irgendwann vorbei, Corona jedoch ist noch lange nicht vorbei, auch wenn die Protagonisten der „Freiheit“ so tun als ob. Eher fürchte ich, daß es so ist wie mit dem kleinen Finger: reicht man ihn, dann wird leicht die ganze Hand genommen, wenn nicht gar am Ende der ganze Arm ab ist.
    Wir träumen alle von Dingen, die uns so selbstverständlich waren, Besuche, Verabredungen, von allem, was das Leben lebenswert macht(e) – oder daß am Ende eine bessere Welt aus der Seuche wird. Aber Träume zeichnen auch eine neue Realität. I´m a dreamer, but I´m not the only one. Ich will es hoffen, und ich befürchte das Schlimme. Leider wird es wohl so kommen, daß mit tausend guten Gründen, jeder für sich berechtigt, die Rückkehr zur Normalität unsere Träume zerblasen wird.

    • Stefan Kappner

      Ich muss Ihnen leider zustimmen. Obwohl: Ein kleines bisschen Hoffnung habe ich noch. Werden manche „Narrative“, mit denen uns zum Beispiel vor der Krise erklärt wurde, dass dieses und jenes Wünschenswerte (Energiewende, Schutz der Artenvielfalt) nicht ginge, weil es zu teuer sei? Ist das jetzt noch ein Argument, mit dem sich Politiker in Talkshows sehen lassen können?

  2. Trude Krumbelisch

    Lieber Herr Dr. Kappner,
    als ich Ihren Beitrag „Blütenblätter“ las, kam ich zu der Überzeugung, dass ich berichten sollte, wie es nach einem Eingriff mit der Abrissbirne weiter geht, denn mir ist Ähnliches widerfahren wie Ihnen.

    Wir haben uns nach knapp 60 Jahren getrennt! Mein linker Schneidezahn und ich gehen jetzt getrennte Wege. Eigentlich hatte mir dieser Zahn schon länger angezeigt, dass wir nicht zusammen alt werden würden. Er wackelte leicht und hatte auch keine gesunde Gesichtsfarbe mehr. Ausgerechnet jetzt in der Zeit, in der man nur mit Zahnschmerzen zum Zahnarzt gehen durfte, beschloss mein Zahn sich komplett von mir zu trennen d.h. er war plötzlich etwas länger als die umliegenden Zähne und verweigerte mir seinen Dienst komplett. Ein letztes gemeinsames Wochenende gönnte ich uns noch, denn an jenem Freitag war die Zahnarztpraxis geschlossen. Das reichte mir dann auch, um mich psychisch auf den Eingriff vorzubereiten. Am Montagmorgen rief ich mutig bei meinem Zahnarzt an. Ich durfte mich gleich auf den Weg machen. Der Zahnarzt begutachtete meinen Schneidezahn und sagte: „Ihr Zahn hat sich bereits auf den Weg nach draußen gemacht. In den nächsten zwei Tagen wäre er eh heraus gefallen!“ Das Zahnziehen ging recht schnell. Am nächsten Tag bei der Nachkontrolle bekam ich den Antrag auf die Bezuschussung des Provisoriums überreicht. Den sollte ich meiner Krankenkasse schicken und mich wieder melden, wenn er genehmigt sei. Anschließend erklärte mir mein Zahnarzt, dass auch die Zahnlabore geschlossen seien zur Zeit. Er habe eine Fortbildung gemacht und es wäre im Augenblick zu empfehlen das Provisorium in Rumänien fertigen zu lassen. Ich erkundigte mich nach der Qualität des Materials. Der Doc versicherte mir, dass das Material aus Deutschland käme und die Laboranten eine Ausbildung in Deutschland absolviert hätten. Außerdem sei das Ganze so viel preiswerter. Ich willigte schließlich ein und zog mit dem Antrag los. Zuhause versuchte ich mein Bonusheft, das meine regelmäßigen Zahnarztbesuche dokumentiert, auf den Scanner zu legen und stellte fest, dass es länger als DIN A4 war. Die letzten 10 Jahre waren auch noch in zwei Bonushefte aufgeteilt. Immerhin sollte mir das 10% mehr Zuschuss zu meinem Ersatzzahn bringen. Die Originale wollte ich nicht auf den Postweg schicken, da die Post im Augenblick total überlastet ist. Normalerweise wäre ich zu meiner Geschäftsstelle gefahren, hätte dort alles abgegeben bzw. vorgezeigt und alles wäre erledigt gewesen. Ich bin bei einer Betriebskrankenkasse versichert, deren Mitarbeiter momentan alle im Homeoffice arbeiten. Also rief ich bei der Krankenkasse an. Die junge Dame am Telefon war auch sehr hilfsbereit. Sie fragte mich ganz vorsichtig: „Besitzen Sie vielleicht ein Handy, so ein Smartphone?“ „Ja klar, ich habe solch ein Gerät.“ „Prima, dann fotografieren Sie einfach die Bonushefte und schicken die Fotos per e-mail an Ihre Sachbearbeiterin. Ich schicke ihr einen Vermerk, dass der Antrag dazu noch kommt.“ Innerhalb von 10 Minuten hatte ich alles erledigt. Ich fotografierte auch den Antrag und schickte das Foto gleich mit. Vorsichtshalber verlangte ich auch eine Lesebestätigung. Es kam auch sofort eine automatisch generierte Antwort:
    Das Coronavirus stellt uns alle vor Herausforderungen. Eins ist sicher: Wir sind verlässlich auf Ihrer Seite und tun alles dafür, auch in den nächsten Wochen für Sie da zu sein.
    Wichtig! Alle Maßnahmen, die aktuell in Deutschland gelten, haben auch Auswirkungen auf unseren Kundenservice:
    • Vorübergehend findet in allen unserer Geschäftsstellen keine persönliche Beratung mehr statt.
    • Bitte haben Sie Verständnis, wenn die Bearbeitung Ihrer Anliegen länger dauert, als Sie es gewohnt sind.
    • Sie helfen uns, wenn Sie von Nachfragen zum Bearbeitungsstand absehen und Sie sich nur mit sehr dringenden Anliegen an uns wenden.
    Na bravo! Das kann ja heiter werden. Welch ein Glück, dass wir Maskenpflicht haben. Was geschieht aber wenn sich alle meine Zähne in der Zwischenzeit verschieben?
    Zwei Tage später erhielt ich dann ein e-mail von meiner Sachbearbeiterin. Sie bedankte sich für meine Nachricht und versicherte mir, dass sie ein Auge darauf werfen würde, wenn mein Original-Antrag in der Geschäftsstelle einginge, dass die Bonushefte dazu gefügt würden. Inzwischen sind drei Wochen vergangen. Ich weiß jetzt, dass mein Antrag, wenn er in der Geschäftsstelle angekommen ist, eingescannt werden muss und dann weiter nach München geleitet wird. Dort wird über den Vorgang entschieden und dann geht alles den gleichen Weg wieder zurück.
    Am Freitag kam endlich die erwartete Antwort. Das Provisorium wurde genehmigt. Ich rief sofort beim Zahnarzt an. Freitags arbeitet er im Augenblick nur bis mittags. In der nächsten Woche werden endlich die Abdrücke gemacht und nach Rumänien geschickt. Ich male mir lieber nicht aus, wie lange es dauern wird, bis der Ersatzzahn dann wieder in Deutschland ankommt.
    Trude Krumbelisch

  3. Helga Fernekeß

    Verwehte Blütenblätter

    Endlich – für heute haben die Handwerker unsere Badbaustelle verlassen. Nun raus aus dem ganzen Staub und Schutt auf die Terrasse und den Blick schweifen lassen ins Grüne. Wieso schneidet der Nachbar zur Rechten an unserer Heckenrose herum? Gerade gestern hat man noch festgestellt, wie schön sie blüht – eine Augenweide. Gut, der blühende, stachlige Busch wächst ihm in den Gartenweg und wie ich nun sehe kürzt er auch nur das, was ihn am Durchgang stört.
    Die lila Blütenstände des Fliederstrauches sind auch schon verblüht und sollten ausgeschnitten werden … später, wenn die Baustelle übersichtlicher geworden ist.
    Im Kleingarten gegenüber blüht der Holunder – prächtige weiße Dolden schmücken ihn. Ich meine fast, ihren würzigen Duft zu riechen … Hilde, die Bäuerin auf dem kleinen Hof, bei der wir mit unseren damals noch kleinen Kindern Ferien gemacht haben, hat diese Blüten mit klarem Quellwasser, Zucker und Zitrone zu einem erfrischenden Getränk angesetzt. Köstlich für alle, die bei der Grasmahd mitgeholfen haben. Wenn die „Hollerlimo“ zu lange stand, dann setzte sie leicht Alkohol an und bizzelte – heute nennt man so ein ähnliches Getränk wohl „Hugo“.
    Und die Hollerküchlein – wie waren die im Pfannkuchenteig ausgebackenen luftigen Blütendolden lecker!
    „Weiße Holunder, er blühte im Garten …“ geht mir durch den Kopf – gesungen hatte dieses Lied „von Liebe und Treu’“ in den 1950er Jahren Lolita, Schlagerstar mit Millionen verkaufter Schallplatten. „Weisser Holunder blüht wieder im Garten, du bleibst mir treu, blühst immer aufs neu.“ Und nun ist auch Michel Piccoli gestorben …

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