#89 — Wie ich meinen Glauben fand

Glaubensbiografie

Berühmte autobiografischen Texte sind aus dem Impuls heraus entstanden, den eigenen Glauben zu dokumentieren, zu rechtfertigen oder zu festigen. Augustinus erzählte seine Lebensgeschichte in den »Bekenntnissen« als Glaubensbiografie. Und auch andere von der katholischen Kirche zu Heiligen Ausgerufene schrieben »Selbstbiografien«, etwa Theresa von Avila oder, in ihrer Nachfolge, Therese von Lisieux.

Spannung zwischen Demut und Individualität

Letztgenannte sind stellenweise ermüdende, auf ihre Weise aber auch anregende Lektüren. Denn heutige Leser/innen müssen zwischen den Zeilen lesen. In einer von studierten Männern dominierten Sphäre brauchte die Ordensgründerin Theresia von Avila (1515-1582) recht viel Selbstbewusstsein, um von sich und ihren Einsichten zu schreiben. Sollte ihre Glaubensbiografie die Wirkung entfalten, die sie offensichtlich anstrebte, musste sie ihren Anspruch unter reichlich Demutsformeln verstecken. Andernfalls wäre sie zensiert worden.

Therese von Lisieux‘ autobiografische Aufzeichnungen erschienen zunächst redigiert unter dem Titel »Geschichte einer Seele«. Ihr Erfolg war wohl ausschlaggebend für die Heiligsprechung (was ich, zugegeben, nicht ganz begreifen kann). Interessant ist hier vor allem die Spannung zwischen der ausgeprägten Persönlichkeit der jungen Frau, die in einzelnen Formulierungen aufblitzt, und dem Anspruch der Karmelitin, ganz heilig zu werden, was für sie hieß: in der Liebe zu Gott aufzugehen, nichts bloß Individuelles zuzulassen.

Ich verbleibe hier in der christlichen Sphäre, weil ich mich anderswo nicht auskenne. Hinweise (in den Kommentaren) über wichtige Glaubensbiografien jenseits davon wären mir sehr willkommen.

Glaubensbiografie kein Privileg von Heiligen

Ich bin ein Sucher eines Weges. Zu allem was mehr ist als Stoffwechsel, Blutkreislauf, Nahrungsaufnahme, Zellenzerfall.
Ich bin ein Sucher eines Weges der breiter ist als ich.

Günter Kunert, aus: Erinnerungen an einen Planeten (1963)

Rohnstock-Biografien veranstaltete vor etlichen Jahren einen Erzählsalon zum Thema dieser Schreibidee. Der Mitschnitt wurde auf YouTube veröffentlicht. Darin erzählen Menschen von ihrer Glaubensbiografie, keine Heiligen, und nicht nur Christen. Es geht um die Suche nach dem Lebenssinn und einem weiteren Horizont für das eigene Tun. Mit unseren je und je beschränkten Mitteln.


Schreibidee #89: Schreibe davon, wie du deinen Glauben gefunden hast. (Oder verloren. Oder wie er sich entwickelte.)


Hinweis: Du kannst ein bestimmtes Schlüsselerlebnis auswählen, das dich zu einem Glauben, einer Überzeugung führte. Oder du verfolgst die Entwicklung deiner Glaubensvorstellungen während eines oder mehrerer Lebensabschnitte, etwa von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter: eine richtige Glaubensbiografie.

[Wie immer fände ich es schön, wenn du deinen Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren und hochladen würdest. Damit gibst du zugleich dein Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Gerne kannst du dafür auch ein Pseudonym oder nur deinen Vornamen angeben.]


1 Kommentare

  1. Christa Hengsbach

    „Ich fand ein neues Gottesbild“
    Heraus aus der religiösen Enge, hinein in ein Gemeindeleben, das Raum für eigene Erfahrungen bietet und Zweifel zulässt. Die Geschichte einer Konversion

    Es fühlt sich noch neu und manchmal ungewohnt an. Aber ich bin nach langer, reiflicher Überlegung konvertiert. Aufgewachsen in einem katholischen Umfeld, habe ich es mir mit dieser Entscheidung nicht leichtgemacht. Mehrere Jahre habe ich mir Zeit gelassen – viel erfahren, oft teilgenommen, viel gesprochen. Heute freue ich mich, Mitglied der Evangelischen Kirche zu sein.
    Hinter mir liegt ein langer Weg. Mit 16 bereits hatte eine bewusste Abkehr begonnen von allem, was ich in einer strengen katholischen Erziehung erlebt hatte: Neun Jahre klösterliche Strenge, Schuldgefühle, Gewissensnöte, Angst vor dem strafenden Gott, Unfreiheit und Enge, eine doppelbödige Sexualmoral, Frauen¬diskriminierung in einer hierarchischen Männerkirche. Aber diese Abkehr hatte auch eine Kehrseite: denn die katholische Kirche hatte mir eine Heimat gegeben, einen Halt, eine Orientierung. Viele Dinge hatten mir als Kind auch Freude gemacht: Fasziniert war ich von den religiösen Festen, dem Singen und der Musik, der Fronleichnams¬pro-zession, auf der ich im Engelskleid Blümchen verstreuen durfte. Diese vielen schönen Erlebnisse waren aber gepaart mit einer kindlichen, ängstlichen ¬Ehrfurcht und dauerndem unterschwelligen Schuldgefühl. Und darum war diese Kirche für die junge, kritische und politisch ¬denkende Frau, die in Freiheit ihre eigenen Standpunkte und Überzeugungen entwickeln wollte, kein Ort mehr. Für mein beginnendes Erwachsenenleben wollte ich endlich frei sein.
    Doch die Schatten der Vergangenheit lagen auf meiner Seele. Ich spürte meine inneren Konflikte. Ich vermied in den Jahren zwischen 16 und 36 jeglichen Kontakt mit kirchlichen Begebenheiten und Personen. Betrat ich dennoch einmal ein Gotteshaus, überfielen mich Gefühle von Ohnmacht und Angst. Ich führte keine Gespräche mehr über Religion oder Glauben. Diese Themen wurden ausgeklammert und der Satz: „Religion ist Opium für das Volk“ fand meine begeisterte Zustimmung. Religion und Glauben gehörten nicht mehr zu meinem Leben. Sie hatten ihre Wichtigkeit verloren, aber die Auswirkungen des „Du sollst nicht…“ und „Du musst…“ saßen unverarbeitet und gärend in meiner Seele. Ich wollte nicht mehr beladen sein. Ich wollte frei sein von der Schwere meiner katholischen Erziehung, frei sein von subtiler religiöser Indoktrination. Ich hatte zu viele Zweifel und das sichere Gefühl, dass das alles nicht meine eigenen Gedanken und Orientierungen ¬waren. Nur ging damit zunächst auch vieles andere verloren.
    Erst als meine eigenen Kinder da waren, stellte sich uns Eltern die Frage: Wollen wir unsere Kinder religiös erziehen? Und wie sollte das aussehen, wo wir doch jahrelang der Religion und der Kirche den Rücken gekehrt hatten? Ein unsicheres, mulmiges ¬Gefühl. Keine klare elterliche Haltung. Wir entschieden, den ¬Kindern ein Angebot zu ermöglichen, innerhalb der örtlichen -katholischen Kirche. Ich setzte mich mit den Fragen nach christlichen Werten, biblischen Texten, kirchlichen Festen und Ritualen auseinander, um diese Entwicklung kritisch zu begleiten. Ich erinnerte mich an meine frühe Kinderzeit, wo mir Religion und das Erleben meines kindlichen Glaubens von großer Bedeutung, eine „feste Burg“ waren. Ich las neue Literatur zum Thema kindge-mäße religiöse Erziehung. Meine Erwartung dabei war: Es musste alles anders sein als die Religion, die ich als Kind erfahren hatte. Das Quälende, Schwere, das Einengende und Kleinmachende ¬sollte nicht vorkommen. Unsere Kinder sollten Glauben als etwas Unbeschwertes und Fröhliches erfahren.
    Religiöse Erziehung war für uns nur als ein gemeinsamer Prozess vorstellbar, angetrieben von den Fragen der Kinder und der gemeinsamen Suche nach Antworten. Die Kinder sollten den christlichen Glauben und die Kirche kennenlernen, sich selbst ein Bild machen und entscheiden, was es für sie bedeutet und ob sie dabeibleiben wollen. Sie sollten ihre Zweifel äußern dürfen, Begriffe wie Sünde und Schuld erwähnten wir nicht. Im Vor¬dergrund sollte die Freude stehen, zu einer Gemeinschaft von Kindern zu gehören, in der christliche Werte für das Leben vermittelt wurden. So wurden sie erst einige Wochen vor ihrer ¬Kommunion getauft. Ich führte viele Gespräche mit dem Pfarrer und der Katechetin. Die Tauf- und Kommunionfeier gestalteten wir mit Freundinnen und Freunden. Die Kinder erkundeten den Kirchenraum, neugierig und ohne falsche Ehrfurcht zeigten sie ihre Lebendigkeit.
    Mich beeindruckte das sehr; ich nahm jedoch eine abwartende und kritische Haltung ein. Vielleicht empfand ich auch Neid, weil ich mich immer wieder mit Fragen aus meiner eigenen religiösen Kindheit konfrontiert fühlte: Darf man als Kind an einen Altar treten? Warum muss ich mir unentwegt den geschundenen Jesus am Kreuz anschauen? Ist es erlaubt, in der Kirche laut zu sprechen und zu lachen? Kann man darüber sprechen, was man gerade fühlt? Muss man sich hinknien, wenn man es gar nicht will? Darf man sich richtig frei fühlen oder straft uns Gott, wenn es Spaß macht?
    Diese Zeit, als meine Kinder erste Schritte machten, Glauben kennenzulernen, war für mich eine Zeit der Aufarbeitung meiner eigenen religiösen Vergangenheit. Dennoch: Als meine Kinder gefragt wurden, ob sie an einer neuen Unterrichtseinheit „Beichte und Buße“ teilnehmen wollten, antworteten sie: „Jetzt ist erst einmal genug!“ Darüber war ich froh.
    Mich führten die nächsten Jahre zu einer Neubewertung und Neuorientierung meiner eigenen Religiosität. Ich nahm Anregungen auf, um meine Spiritualität neu zu entdecken. Ich setzte mich intensiv mit kritischen Geistern unter den Theologen auseinander, suchte sie auf, führte intensive Diskussionen. Es dauerte Jahre, bis ich endlich ein neues Gottesbild entwickeln konnte: weg von dem strafenden Gott, der mir nahegebracht worden war, hin zu einem gütigen Gott, der mir bis dahin fremdgeblieben war. Ich weiß noch, wie sehr mich ein Satz berührte, den ich eines Tages in der Predigt eines evangelischen Pfarrers hörte: „Der Glaube macht die Menschen weit und offen!“ Wirklich?, dachte ich staunend: So kann man es also auch sehen? Tatsächlich ¬konnte ich den evangelischen Gottesdiensten, die ich nun häufiger besuchte, sehr viel abgewinnen. Ich fühlte mich angesprochen und beteiligt, wenn die Pfarrerin sagte: „Ich lade Sie ein…“; ich entdeckte das evangelische Gemeindeleben mit seiner großen Vielfalt von Menschen und Aktivitäten. Hier erfuhr ich, dass Kirche ein wunderbarer Ort sein kann, wenn meine innere Haltung frei ist, wenn ich mich nicht klein und bevormundet fühle, sondern als mündige Frau ernst genommen werde und Gemeinde mitgestalten kann.
    Es ist nach alledem kein Zufall, dass ich mittlerweile einen Platz in einer evangelischen Gemeinde gefunden habe. Aber ich musste dazu die Kirche meiner Kindheit verlassen. Die Entscheidung zu konvertieren habe ich im November letzten Jahres getroffen: genau an dem Tag, als die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann zur Ratsvorsitzenden der EKD gewählt wurde. Für mich war es das Signal zum eigenen persönlichen Aufbruch: endlich raus aus der männerdominierten, von moralischen Zwängen geprägten Klerikerkirche meiner Herkunft – hinein in eine Kirche, in der Männer und Frauen gleichberechtigt agieren dürfen und die meinen Vorstellungen von Freiheit, Weite und mündiger religiöser Selbstbestimmung entspricht. Es war ein wichtiger und be¬freiender Schritt, dessen Richtigkeit für mich kurze Zeit später durch die Diskussion um die zahlreichen Missbrauchsfälle in katholischen Einrichtungen und den zögerlichen Umgang damit noch zusätzlich bestätigt wurde.
    Wie es weitergeht? Ich fühle mich eingeladen, und ich nehme die Einladung an. Mein Glaube kann sich jetzt anders, offener weiterentwickeln. Aus dem „Du musst…“ und „Du sollst…“ ist ein: „Ich kann…“ und „Ich werde…“ geworden, eine innere ¬Haltung, die mir Kraft, Ruhe und Fröhlichkeit gibt für mein ¬Leben. Ja, ich bin weiter auf dem Weg. Aber ich habe auch eine neue religiöse Heimat gefunden.

    Christa Hengsbach, Frankfurt am Main

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