Alte Fotografien

#9 — Fotogeschichte

Zwei Dinge können uns mit einer Fotografie verbinden: Erstens der tatsächliche Zusammenhang mit unserer Biografie, zum Beispiel wenn es ein Bild ist, das bei unserer Einschulung gemacht wurde und uns mit Schultüte zeigt. Eine solche Fotografie nenne ich dokumentarisch. Und zweitens die Bedeutung, die sie für uns heute hat. Zum Beispiel die Fotografie unserer verstorbenen Lieblingstante oder die Ansicht einer Stadt, die wir gerne besuchen würden. Dann ist sie symbolisch, also ein Foto-Symbol oder ein Bedeutungs-Foto.

Diese Schreibidee widmet sich biografischen Foto-Symbolen. Ein Bild ist stets mehrdeutig. Selbst wenn wir die Personen, Dinge, Landschaften und so weiter kennen, die abgebildet sind, lässt es sich auf verschiedene Weise »sehen« und interpretieren. Sie müssen erzählen, warum Ihnen gerade dieses Foto so wichtig ist — und erzählen zugleich viel über sich und Ihr Leben.

Schreibidee #9: Beschreiben Sie eine Fotografie, die eine wichtige Bedeutung für Sie hat. Gehen Sie ins Detail, sodass sie ein Leser auch vor sich sieht, wenn die Fotografie nicht zugleich abgebildet wird. Erklären Sie dann, was die Fotografie für Sie bedeutet.

[Ich fände es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. (Wenn Sie mir das Foto zukommen lassen, kann ich es ebenfalls veröffentlichen. Das ist aber nicht zwingend nötig.) Ich wünsche Ihnen viele Leser — und reichlich hilfreiches Feedback.]

 

4 Kommentare zu “#9 — Fotogeschichte

  1. Maria Adler

    FINNLAND

    Ein gutaussehender junger Mann in Wehrmachtsuniform posiert vor einem Wehrmachts LKW in einer verschneiten Landschaft. Ein schwarz-weiß Foto. Der junge Mann schaut mit traurigen Augen und todernst in die Kamera.

    Ein aufgeschlagener Reiseprospekt liegt seit Monaten auf meinem Schreibtisch. Zum Zeitpunkt der angebotenen Reise bin ich verplant. Trotzdem liegt er da. Angeboten wird eine 11-tägige Finnlandreise. Eine Gruppenreise. Die erste, die mir begegnet, die nicht im Süden bleibt sondern bis hoch nach Lappland führt. Rovaniemi, Oulu, … Orte, die für mich sehr vertraut klingen.
    Als Jugendliche war ich schon einmal mit dem Stadtjugendring Mannheim in Südfinnland: Helsinki, Suolahti, Keski Suomen Opisto, Tampere, … Ungewöhnliche Ziele für Jugendliche, für 14-16 Jährige.
    Immer wieder lese ich die Reisebeschreibung. „Terra incognita“, Nordfinnland, Karelien. Wieso eigentlich Karelien? Das ist doch Russland! Rovaniemi, Oulu, …

    Mein Vater war als junger Mann im Krieg in Finnland. Immer mal wieder hat er eben diese Orte erwähnt … ohne sonst viel zu sagen. Geschichten wurden erzählt. Stories. „Wir haben Glück gehabt im Krieg. Wir haben mit den Finnen Kaffee getrunken und sind in die Sauna gegangen.“
    Ich erinnere mich an eine Episode, in der abgefrorene Füße von einem LKW herunter entsorgt wurden. Hab‘ ich da was falsch in Erinnerung?
    Papa war bei der Luftwaffe … Krankenwagenfahrer.

    Meine Planung gerät durcheinander. Ein gebuchtes Seminar wird mangels genügender TeilnehmerInnen storniert. Der Prospekt liegt geöffnet auf meinem Schreibtisch. Die Finnlandreise beginnt in 14 Tagen. Kurzer Anruf. „Wenn Sie bis morgen Früh Bescheid sagen, können Sie noch mit.“ Ich sage Bescheid. Finnland statt Vogelsberg.

    Helsinki, die Seenplatte, endlose Wälder, drittbeste Luft der Welt, Trinkwasser direkt aus dem See, angenehme Temperaturen, blauer Himmel, Schäfchenwolken … Karelien.
    Ich beginne, die finnische Geschichte zu verstehen, die Geschichte Finnlands während des Zweiten Weltkriegs zu verstehen, die Jahre meines Vaters als Soldat zu verstehen.
    In Finnland wird rund um die Uhr (dünn gebrauter) Kaffee getrunken. Diese Episode stimmt!
    Tausende junger deutscher Soldaten kamen, um Finnland gegen Russland zu verteidigen. Und als Deutschland am Verlieren war, schlug sich Finnland auf die Seite Russlands und die Deutschen wurden verjagt. Über Norwegen – daher meine Vertrautheit mit manchen Städtenamen in dieser Region.
    Im Museum in Rovaniemi – es trägt den Namen „Arktikum“ – geht es um die Arktis. Ein tolles Museum! Im gleichen Gebäude ist das Stadtmuseum untergebracht, in das uns die Führerin vorher geleitet. Je ein Modell von Rovaniemi vor und nach dem 2. Weltkrieg. Die Finnen wollten die deutschen Soldaten abziehen lassen, ohne Gewalt anzuwenden (In dem Museum wurden deutschsprachige Bücher verkauft. U.a. eines mit dem Titel „Wir waren Freunde“. In dem Buch befindet sich ein Foto von einer Kompanie ängstlich dreinschauender Soldaten mit der Bildunterschrift „Auf dem Weg zur Sauna“.).
    Die Russen wollten es anders. Daraufhin verbrannten die Deutschen die finnischen Städte. Es gab zehntausende Tote.
    Der Besuch des deutschen Soldatenfriedhofs in Norvajärvi stand auf unserem Reiseprogramm.
    Ich fand es immer befremdlich, dass mein Vater so großzügig für die Kriegsgräberfürsorge gespendet hat. Er sagte: Aus Dankbarkeit, dass er wieder heim kam. Ernst genommen und kapiert hab‘ ich das, als ich inmitten dieser Gedenkstätte stand. Tausende Namen junger Männer, fast ausschließlich Jahrgänge um 1922 – dem Geburtsjahrgang meines Vaters. Wer hat die Berechtigung, weiterleben zu dürfen? Wie viel Glück gehört dazu?
    Im Norden Lapplands kamen wir bei unserer Reise durch Sumpfgebiete. War da nicht auch eine „Geschichte“, bei der es um Zelten, Sumpf, Ertrinken ging? Viel hat mein Vater aus dieser Zeit nicht erzählt. Episoden. Wirklich nachgefragt habe ich nicht.

    Seit der Finnlandreise habe ich das Gefühl, dass ich genug weiß; und alles verstanden habe. Vor allem auch, warum dieser Reiseprospekt so hartnäckig auf meinem Schreibtisch lag. Zuhause stöberte ich in der Kiste, in der ich alte Familienfotos und Papiere aufbewahre.
    Ich finde ein DIN A4-Blatt mit einer fein säuberlich unterteilten Tabelle: 39/40/41/42/43/44/45 und in jeder Spalte für jedes Kriegsjahr die Aufenthaltsorte meines Vaters. Und das Foto von dem gutaussehenden, traurigen jungen Mann.

    • Stefan Kappner

      Vielen Dank für diese wunderbare Geschichte zu einem finnischen Kriegsfoto. Es ist die Geschichte einer Verarbeitung, zuerst „gerät die Planung durcheinander“, am Ende haben Sie das Gefühl, dass Sie genug wissen. Über ihren Vater und weshalb ihnen die Namen der fremden Orte so vertraut vorkommen. Die Fotografie des „traurigen jungen Mannes“ hat an Bedeutung gewonnen — und kann zu den anderen gelegt werden, die von diesem Leben übrig geblieben sind.

  2. Anneliese Wohn

    Das Foto hat einen weißen, gezackten Rand. Es zeigt ein kleines Mädchen, das auf einem gepflasterten Platz steht. Es trägt ein blaues Kleid, weiße Söckchen und weiße Schuhe. Die kurzen braunen Haare betonen das rundliche Gesicht. Es hat etwas Strahlendes in diesem verschämt blickenden Gesicht.
    Ich muss etwa neun Jahre alt gewesen sein, als ich das neue Kleid bekam. Das war an sich schon etwas Besonderes. Es war kein Geld da für neue Kleider, man trug Gebrauchtes. Die Größeren wuchsen aus den Kleidern heraus, die Kleineren in sie hinein. Man benutzte Gürtel, ließ den Saum aus oder nähte ihn ein und machte sie immer irgendwie passend.
    Aber nun hatte ich, weshalb auch immer, ein neues Kleid, ein Sommerkleid. Und es war nicht nur neu, sondern auch aus strahlend blauem, leicht glänzendem Stoff. Am Hals rund geschnitten, ohne Ärmel. Schmales Oberteil, leicht gebauschter Rock. In der Taille rechts und links ein Band, das auf dem Rücken zu einer Schleife gebunden wurde. Auf dem Oberteil, oberhalb der Brust, war ein weißes gefaltetes Band aufgenäht.
    Ich war stolz auf mein Kleid, obwohl Stolz ja eine Sünde war. Ich wusste schon damals, dass Blau mir gut steht. Es betonte meine blauen Augen. Und Blau war die Farbe des Himmels. Das Blau des Kleides, meine blauen Augen, das Blau des Himmels, sie waren auf geheimnisvolle Art miteinander verbunden. Und sie machten mich zu etwas Besonderem.
    Irgendwann war ich aus dem Kleid herausgewachsen. Was geschah mit ihm? Machte es ein anderes kleines Mädchen glücklich?
    Ich hole mein Fotoalbum aus dem Regal. Ich will mir dieses kleine stolze Mädchen noch einmal anschauen. Aber ich blättere vergebens durch die Seiten. Existiert das Foto nur in meinem Kopf?

    • Stefan Kappner

      Ein Bild wird zu einer Erinnerung, eine Erinnerung zu einem Bild. Der Text zeigt, was der britische Schriftsteller John Berger so formulierte: „Mit der Fotografie haben wir ein neues Ausdrucksmittel gewonnen, das der Erinnerung näher ist als jedes andere.“ Die Doppelung von Bild und Erinnerung betont „das Besondere“ der Situation, des Kleides, des geheimnisvollen Blau, das alles verbindet. An solche stolzen Momente erinnert man sich gern, die können ein ganzes Leben frisch bleiben. (Es ist ja nicht der Stolz, den man auch Hochmut nennen kann, sondern die stolze Freude über das Eigene.)
      Herzlichen Dank für diese schöne Miniatur.

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