#92 — Ortsnamen

Ortsnamen

Nicht allein die Namen von Menschen (siehe #91), auch Ortsnamen können magisch wirken. Sie können uns anziehen oder abstoßen, wie ein Versprechen wirken, Sehnsucht verbreiten oder Erinnerungen auslösen — ob wir den Ort, den sie bezeichnen, kennen oder nicht. Ob wir ihre verborgene Bedeutung und Geschichte verstehen oder nicht.

Die Schlager der Nachkriegszeit sind voller Ortsnamen: Capri-Fischer, Im Café de la Paix in Paris, Leise rauscht es am Missouri, Am Strande von Havanna steht ein Mädchen, Granada. Man träumte sich gerne weg aus der deutschen Wirklichkeit.

Mich faszinieren die Namen in den Songs von Bob Dylan, Lennard Cohen oder Bruce Springsteen. Sie stehen für ein bestimmtes Lebensgefühl — aber oft weiß ich gar nicht, wofür sie eigentlich stehen. Vielleicht ist es vor allem ihr Klang, vielleicht ihre vertraute Fremdheit, die mich fesseln: North Country Blues, Chelsea Hotel, Asbury Park, Atlantic City, Matamoros Banks. Menschen wie wir, an fremden Orten.

Ein Schulfreund sammelte Karten und konnte stundenlang in Atlanten »lesen«. Namen von Orten, Bergen, Flüssen auf grünem, braunen oder blauem Hintergrund.


Schreibidee #92: Schreibe über einen Ortsnamen, der dich fasziniert.


Hinweis: Du musst an diesem Ort nicht gewesen sein oder gar gewohnt haben (siehe #90), aber es schadet auch nicht. Es sollte nur nicht um den Ort selbst gehen, sondern um das Gefühl oder die Vorstellung, die sein Name in dir auslöst, und warum das vielleicht so ist.

[Wie immer fände ich es schön, wenn du deinen Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren und hochladen würdest. Damit gibst du zugleich dein Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Gerne kannst du dafür auch ein Pseudonym oder nur deinen Vornamen angeben.]

1 Kommentare

  1. Helga F.

    Napoli war so ein Ortsnamen-Ohrwurm.
    “Zwei kleine Italiener die träumen von Napoli …“ sang Cornelia Froboess Anfang der 1960er Jahre, damals noch unter ihrem flotten Namen Conny.
    Immer wenn ich von der Schule oder einer anderen Veranstaltung aus der Innenstadt nach Hause fuhr, musste ich durch die Bahnhofshalle um zum Regionalzug im Flügelbahnhof zu gelangen. Und dort in der Bahnhofshalle standen sie in kleinen Grüppchen zusammen, plaudernd, rauchend und auch den Fräuleins vielsagende Blicke zuwerfend oder anerkennend zu pfeifen – die sogenannten Gastarbeiter, die zu der Zeit noch vornehmlich aus Süditalien nach München gekommen waren. In meiner Erinnerung entsprachen sie dem Bild, dass der Schlager von ihnen zeichnete: „Zwei kleine Italiener am Bahnhof, da kennt man sie. Sie kommen jeden Abend zum D-Zug nach Napoli …“
    Man konnte sich beeilen um aus ihrem Blickfeld zu kommen oder langsam vorbeischlendern um dabei etwas von ihrer melodiösen Sprache aufzufangen. Ciao bella, ragazza carina, amore mio … sole, mare und grazie – Wortfetzen, die auch etwas mit Fernweh und der Sehnsucht nach „eine[r] Reise in den Süden“ zu tun hatten.
    Es sollte noch einige Jahre dauern, bis auch ich in den Süden gereist bin. Napoli sah ich jedoch nur mit dem touristischen Blick: enge Gassen Wäscheleinen überspannt, lärmende Kinder und knatternde Mofas, der Hafen mit Sicht auf den Vesuv – und dann die Weiterreise nach Capri.

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