#99 — Meine Schwester, mein Bruder

Geschwister sind besondere Menschen. Man sucht sie sich nicht aus, in diesem Sinn sind sie »Verwandtschaft«. Doch in den meisten Fällen, wenn kein allzu großer Altersunterschied besteht, verbringt man einen Großteil der Kindheit mit ihnen. Geschwister werden zu engen Gefährten, mit denen man Geheimnisse teilt, als Bezugspersonen manchmal wichtiger als die Eltern. Sie werden zu Konkurrenten, an denen man sich misst, oder zu »Spiegeln«. Und sie können es ein Leben lang bleiben.

In ihrem Buch »Löwenherz« (Hanser-Literaturverlage 2022) schreibt Monika Helfer über ihren Bruder. Hier die ersten Zeilen:

So war mein Bruder Richard:
Er dachte beim Gehen ans Liegen,
beim Sitzen ans Liegen,
beim Stehen ans Liegen,
sogar beim Fliegen dachte er ans Liegen.
Dachte immer ans Liegen.
Er schlenderte vor sich hin auf seinen verqueren Beinen, wohin sie ihn eben führten, vor sich hin, der Kopf nämlich den Beinen voraus, der wurde ja nicht von der rauen Erde gebremst. Er hob flache Steine auf, ließ sie übers Wasser hüpfen, gern war er beim Wasser. […]
Er sah aus wie der hübsche Bruder von Alan Wilson, dem Sänger von Canned Heat, der war damals schon tot, er hatte sich mit siebenundzwanzig das Leben genommen — Richard würde es mit dreißig tun.

Es ist schwer über die eigenen Geschwister zu schreiben. Erstens, weil man sie so gut kennt. Was soll man auswählen, wo beginnen? Und zweitens, weil sie auch einen selbst gut kennen. Sie könnten alles lesen, könnten selbst über uns schreiben. Zu ihnen besteht nicht das hierarchische, zeitgetriebene Verhältnis wie zu den Eltern, die, im Zweifel stets die Verantwortung tragen. Vielleicht schrieb Monika Helfer auch deshalb über ihren Bruder, der schon lange gestorben war. Nicht über ihre lebenden Schwestern.

Trotzdem: Weil es sich meistens lohnt, wenn man sich beim Schreiben schwertut, schlage ich vor, sich schreibend mit einer Schwester oder einem Bruder auseinanderzusetzen. (Solange man es nicht veröffentlichen will, muss man es sie auch nicht lesen lassen.)


Schreibidee #99: Schreibe über eine Episode, in der deine Schwester oder dein Bruder eine wichtige Rolle spielt.


Hinweis 1: Kommt der Charakter deiner Schwester/deines Bruders bei dieser Episode zum tragen? Oder die Rolle, die ihr beide in der Familie spielt/gespielt habt?

Hinweis 2: Am besten eignen sich wohl Geschichten aus der Kindheit oder Jugendzeit.


[Wie immer fände ich es schön, wenn du deinen Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren und hochladen würdest. Damit gibst du zugleich dein Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Gerne kannst du dafür auch ein Pseudonym oder nur deinen Vornamen angeben — und den Namen der Schwester/des Bruders ändern.]

2 Kommentare

  1. Anekdote über meine Schwester……….. und den Tod

    Heute rief mich meine Schwester Barbara an und erzählte mir munter und eher beiläufig, sie habe von mir und unserer jüngsten Schwester Bettina geträumt.
    Wir seien beide tot gewesen.
    Das war ja zunächst nichts, worüber man hätte froh sein müssen.
    Dann aber kam die Pointe, und die war allerdings zum Schmunzeln:
    Sie hätte auf unserem Grab gesessen und Karten gespielt.
    Mehr hat sie nicht gesagt.
    Das sieht ihr ähnlich, sie spielt leidenschaftlich gerne Karten, ganz im Gegensatz zu uns Schwestern. Und gleich hatte die Szene etwas Beruhigendes, gar Fröhliches.
    Ich selbst wünsche mir für mein Grab ganz viel Efeu. Heute ist ein schattiger Baum dazugekommen, unter dem meine Schwester sitzen kann und etwas tut, das ihr Freude macht.
    Dass sie sich grundsätzlich gern auf Friedhöfen aufhält, die für sie etwas Entspannendes haben, mag mit ein Grund für ihre Traumszene gewesen sein.
    Bei diesem Bild verliert der Tod für mich allen Schrecken…
    Ich kann also behaupten, heute ein schönes Telefonat mit meiner Schwester geführt zu haben.
    Danke liebe Barbara

  2. Helga F.

    Vielleicht hatte ich damals nur etwas gesucht, einen Stift oder ein Blatt Papier. Aber vielleicht war es auch die Gewissheit, dass ich allein in der Wohnung und neugierig war. In Schubladen kramen war aufregend und verboten. Auch die Schublade des Nachtkästchens am Bett der Eltern ging mich eigentlich nichts an. Was immer ich auch suchte, ich öffnete die Schublade um darin etwas zu finden, was ich gerade brauchte.
    Im Innern der Schublade, die mit buntem Schrankpapier ausgelegt war, sah es so aus, wie ich es auch sonst gewohnt war: alles schön ordentlich und akkurat hingelegt, Stifte, Papier, das zu kleinen Merkzetteln geschnitten war, und weiter hinten ein paar Briefe. Oben auf lag eine bunte Postkarte, auf der schneebedeckte Berge und eine Wiese mit bunten Blumen zu sehen sind, darüber ein blauer Himmel mit weißen Wolken und mitten auf der Wiese eine Hütte. Ich war noch nie im Gebirge gewesen und hätte gerne auch mal so hohe Berge gesehen …
    Ohne weiter nachzudenken drehte ich die Karte um und las die paar Zeilen, die darauf standen. „Ich bin jetzt in Garmisch und es geht mir gut. Die neue Arbeit gefällt mir. Viele Grüße, Dein Sohn Siegfried.“ Dein Sohn Siegfried? An wen war denn die Karte geschickt worden? Hier zuhause gab es nur mich und meine Schwester… Die Karte war an unseren Vater adressiert.

    Viele Jahre später lernte ich meinen Halbbruder kennen und hatte bis zu seinem zu frühen Tod ein herzliches Verhältnis zu ihm.

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