Alle Artikel von Stefan Kappner

#25 — Klecksografie

Bevor der Schweizer Psychoanalytiker Hermann Rorschach die Klecksografie zu seinem Diagnose-Instrument machte (Rorschach-Test), war sie eine beliebte literarische Fingerübung. Denn beim Schreiben unterliefen Tintenkleckse — anstatt sie zu verfluchen, konnte man sich auch gleich davon inspirieren lassen. Der Arzt und Dichter Justinus Kerner tat das gerne und prägte den Begriff der „Klecksographie“. Nach irgendwas sieht der Klecks immer aus — und wonach, das hängt vom Auge und dem Gehirn des Betrachters/der Betracherin ab.

Klecksographie von Justinus Kerner

Klecksographie von Justinus Kerner, die Zeilen lauten: „Aus Dintenfleken ganz gering\ Entstand der schöne Schmetterling.\ Zu solcher Wandlung ich empfehle\ Gott meine flekenvolle Seele.“

Anleitung:

  1. Machen Sie mit Tinte einen Klecks oder mehrere auf ein leeres Blatt Papier. (Mit einem Kolbenfüller geht das besonders elegant. Sie können aber auch einfach eine normale Tintenpatrone neben und sie über dem Blatt ausdrücken.)
  2. Falten Sie das Blatt in der Nähe des Kleckses und streichen es aus.
  3. Öffnen Sie das Blatt, verändern Sie den Klecks, wenn Sie möchten, noch mit einem geeigneten Instrument, und lassen ihn trocknen.
  4. Notieren Sie auf dem Blatt oder anderswo Ihre Gedanken zu der Klecks-Gestalt.

Schreibidee #25: Fertigen Sie eine Klecksografie an und lassen Sie sich davon zu einem kürzeren oder längeren Text inspirieren.

Hinweis 1: Auch mit Wasserfarben kann man schöne Kleckse machen. Siehe https://hirameki.de/
Hinweis 2: Sie müssen sich nicht bemühen, im Text bestimmte biografische Inhalte unterzubringen. Ihre Reaktion auf den Klecks ist, so sehen es zumindest die Psychologen nach Rorschach, selbst ein biografisches Zeugnis.
Hinweis 3: Die Assoziationen geht, wie bei Kerner, zunächst oft in die Richtung von Käfern oder anderem Getier. Lassen Sie diese beiseite und schauen Sie, was passiert, wenn Sie die Fleckenbilder genauer ansehen.

[Wie immer fände ich es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Wenn Sie mir die Klecksografie selbst schicken würden, kommt sie selbstverständlich mit auf die Seite. Ich wünsche Ihnen viele Leser — und reichlich hilfreiches Feedback.]

5 Tipps für spannende(re) Reiseberichte

Wie kann man Reiseberichte oder Reisegeschichten so gestalten, dass sie die Reise nicht bloß dokumentieren, sondern auch für Leser interessant und spannend sind?
Als Teil Ihrer Biografie, nicht als Reiseführer.

(Datenschutzhinweis: Wenn Sie das Video anklicken, das über YouTube läuft, wird Ihre IP-Adresse aus technischen Gründen an diesen Videodienst übermittelt. Mehr dazu erfahren Sie in der Datenschutzerklärung.)

Rachel Cusk: Outline

Auf Twitter (das auch sehr nützlich sein kann) fragte ich danach, ob es eine weibliche Autorin gebe, deren autobiografische Radikalität mit der von Karl Ove Knausgård zu vergleichen sei. Der Literaturredakteur Kolja Mensing verwies mich auf Rachel Cusk: Volltreffer! Die in England lebende Schriftstellerin hat nicht nur gerade eine Roman-Triologie vorgelegt, die deutlich autobiografische Züge trägt, sondern zuvor schon drei Erinnerungsbände („Memoirs“) veröffentlicht, von denen der erste, „A Life’s Work: On Becoming a Mother“ (2001) von ihrer Mutterschaft erzählt, der zweite, „The Last Supper: A Summer in Italy“ (2009), von einer inspirierenden Reise und der dritte „Aftermath. On Marriage and Separation“ (2012) in England einen literarischen Skandal auslöste. Darin berichtet sie schonungslos und tiefgründig vom Ende ihrer Ehe und hinterfragt, unter anderem, die Möglichkeiten des einzelnen, sich von traditionellen Rollenmodellen zu lösen und zu etwas wie einer Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern zu kommen. Außerdem veröffentlichte sie insgesamt acht Romane.

Autofiktion

Rachel Cusk schreibt mir großer Meisterschaft und analytischer Tiefe. Leider sind ihre drei Memoirs nicht auf Deutsch erschienen, darum halte ich mich an den ersten Band ihrer Triologie, „Outline“. Dabei handelt es sich einerseits um einen Roman, die Ich-Erzählerin heißt nicht „Rachel“, sondern „Faye“, sie hat keine Töchter wie Cusk, sondern Söhne — andererseits sind die Parallelen zum Leben der Autorin so deutlich, dass man von einem autobiografischen Text sprechen kann. Literaturwissenschaftlich korrekt heißt so etwas „Autofiktion“.

Handlung, Struktur, Thema

Die Handlung von „Outline“ ist schnell erzählt. Die Schriftstellerin Faye reist nach Athen, um einen Kurs im literarischen Schreiben zu geben. Ihr Sitznachbar im Flugzeug erzählt ihr von seinem Leben, seinen gescheiterten Ehen, und sie fragt nach, bleibt als Person im Hintergrund. Es folgen weitere Gespräche, mit Kollegen, einer griechischen Autorin und — besonders brillant — die Beiträge der Teilnehmer in ihrer Schreibwerkstatt. Es geht um Lebensfragen, mal mehr, mal weniger drängend, die von der Erzählerin zumeist in indirekter Rede wiedergegeben werden. In beeindruckender Weise schafft es Cusk dabei, eine Distanz zu schaffen, die nicht gleichgültig macht, sondern im Gegenteil ermöglicht, die Situationen, die sie darstellt, mit größerer Klarheit zu sehen. Nur die Bemühungen des griechischen Sitznachbarns, der Erzählering mittels und trotz seiner Lebensbeichte auch persönlich nahe zu kommen, verleiht die Indirektheit eine groteske Note. Alle anderen Personen werden ernstgenommen, wenn auch als Darsteller der menschlichen Komödie.

Die Geschichte der Ich-Erzählerin selbst deutet sich nur an. Was sie über sich denke und sagt, scheint nur dem Verständnis der Abläufe zu dienen, und dem jeweiligen Gespräch. Offenbar scheiterte ihre Ehe, sie sucht nach einer neuen Form für ihr Leben und das heißt: für sich selbst, ihre Identität. Was sie ist, was sie sein könnte, erscheint darum nur schemenhaft, als Umriss, vielleicht als erster Entwurf. Beide Bedeutungen, Umriss und Entwurf, stecken im englischen „Outline“.

Das Autobiografische neu definieren

Das Prinzip, dass dieser Art indirekter Selbst-Befragung, Selbst-Definition zugrunde liegt, enthüllt sich der Ich-Erzählerin und dem Leser ebenfalls indirekt, in einem Gespräch, doch zuletzt deutlich genug. Diesmal ist es das Gespräch mit einer Kollegin, die zu früh in der Dozentinnen-Wohnung eintrifft. Die Kollegin, sie heißt Anne, berichtet davon, ihrerseits auf ihrem Flug mit jemandem gesprochen zu haben — eine Spiegelung der Anfangsszene am Ende des Buchs — und dabei zu einer Erkenntnis gekommen zu sein:

[…] er beschrieb alles, was sie nicht war, und in allem, was er über sich sagte, fand sie eine negative Entsprechung in sich selbst. Diese Negativbeschreibung, ihr fiel kein besseres Wort dafür ein, hatte ihr etwas verdeutlicht: Während er sprach, sah sie sich selbst als Form, als Umriss, und alle Details legten sich von außen daran, währen der Umriss selbst leer blieb. Und dennoch vermittelte ihr dieser Umriss, obwohl sein Inhalt unbekannt war, zum ersten Mal seit dem Vorfall eine Ahnung davon, wer sie jetzt sein könnte.

Nach der Knausgårdschen Direktheit von „Aftermath“, die sie mit öffentlichen Anfeindungen bezahlen musste und in eine künstlerische Krise stürzte, drei Jahre konnte sie nicht schreiben, entwickelte Cusk in „Outline“ ein originelles und äußerst lesenswertes Verfahren, das eigene im anderen zu entdecken. Sie findet das Autobiografische in der genauen Beobachtung der sozialen und kulturellen Welt wieder, deren Freiheitsgrade und Möglichkeiten es stets neu zu erforschen gilt. Die (autobiografische) Literatur ist eines der wichtigsten Mittel dafür.

[Weitere Rezensionen zu Rachel Cusk: von Carola Ebeling auf Zeit Online: „Aus dem Käfig der Identität ausbrechen“, und von Sigrid Löffler auf Deutschlandfunk Kultur: „Erzählerisch überraschend, aber wenig elegant“.]

Nachtrag nach der Lektüre der Folgebände „In Transit“ und „Kudos“

Es handelt sich um eine Triologie und Rachel Cusk bleibt ihrem Erzählkonzept auch in den beiden weiteren Bänden treu. Das Konzept verliert dabei nicht an Kraft, es bleibt sogar erstaunlich frisch und fruchtbar.

Das Zentrum des zweiten Bandes bilden die Bemühungen der Erzählerin Faye, in London ein Haus zu kaufen und renovieren zu lassen. Sie spricht unter anderem mit dem Makler, der ihr die Pläne eher aus- als einreden will, und — mein persönliches Highlight — mit den albanischen Vorarbeiter Tony.

Im dritten Band besucht Faye zwei größere Literaturveranstaltungen, die Städte Köln und Lissabon lassen sich erraten. Wieder beginnt es im Flugzeug, wo ihr ein übermüdeter Geschäftsmann begegnet. Die meisten anderen Figuren und Gesprächspartner sind „Büchermenschen“: Verlagsangestelle, Lektoren, Übersetzerinnen und Journalisten. Ein Verleger erklärt ihr, der neue wirtschaftliche Erfolg des Verlags basiere auf Sudoku-Heften. In einer Reihe von Interviews kommt sie nicht zu Wort, weil die Reporter nur von sich erzählen. Die erste spricht ausführlich von ihrer Ehe und der ihrer Schwester, die in subtiler Weise miteinander verbunden scheinen, dann packt sie ein.

„Ich glaube, ich habe alles, was ich brauche“, sagte sie. „Offen gestanden habe ich alles Wissenswerte recherchiert, bevor ich hergekommen bin.“

Ihre Schriftstellerkolleg/inn/en tun immerhin nicht so, als interessierten sie sich sonderlich für die Erzählerin. Wer etwas Realismus in seine Träume von einem Schriftstellerleben bringen möchte, sollte hier nachlesen. Unter anderem kommt die unglaubliche wirtschaftliche und persönliche Situation der Übersetzerin Felicia zur Sprache. Es wird viel geplaudert, hohe und niedrige Themen vermischen sich.

Die Schlussszene am Strand kommt jedoch ganz ohne Worte aus. In deren Dickicht scheint sich Faye eher verloren als gefunden zu haben. Das Ende setzt einen schwierigen Kontrapunkt zum vorherigen Text, der einiges in einem neuen Licht erscheinen lässt. Besonders die Passagen, die sich auf Feminismus und die kulturelle Rolle der Frau beziehen, möchte man anschließend noch einmal lesen. Wahrscheinlich werde ich das auch.

Und auch alles andere, was von Rachel Cusk in den nächsten Jahren erscheint.

 

Rachel Cusk:
Outline
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016,
ISBN 978-3518425282

In Transit
Suhrkamp Verlag, Berlin 2017,
ISBN 978-3518425916

Kudos
Suhrkamp Verlag, Berlin 2018,
ISBN 978-3518428078

 

Günter Waldmann: Autobiografisches als literarisches Schreiben

Die meisten Autobiografien folgen der „klassischen“ Form: Der Autor oder die Autorin berichtet von ihrem eigenen Leben in der 1. Person oder Ich-Form und hält sich dabei mehr oder weniger genau an die chronologische Reihenfolge. Diese Art von Lebensbericht ist besonders leserfreundlich: Die Chronologie lässt uns die Ereignisse leichter einordnen, als wenn zwischen Schauplätzen und Lebensaltern hin und her gesprungen wird. Außerdem kommen wir nicht mit der Hauptfigur durcheinander: Sie ist eben jenes „Ich“, das erzählt und von dem zugleich erzählt wird. Und außerdem steht ihr Name auf dem Buchdeckel. Anders als bei Romanen müssen wir bei Autobiografien nicht zwischen dem Autor und seinem Gegenstand unterscheiden. So scheint es. Und daran kann sich der autobiografisch Schreibende orientieren, oder?

Kritik an der konventionellen Form

Der Literaturdidaktiker Günter Waldmann hat Einwände. Sein äußerst lesenswertes Buch „Autobiografisches als literarisches Schreiben“ (Schneider Verlag, Hohengehren 2000) ist beinahe so etwas wie ein ausführlich formulierter Einwand gegen die schnelle Beruhigung des autobiografischen Schreibens bei jener klassischen Form. Waldmanns zentrale These:

Die uns vertraute Autobiografie […] wurde entwickelt, um ein bestimmtes […] Welt- und Menschenbild darzustellen: das des Individualismus, das heißt das […] Bild vom selbstgesetzlichen Individuum als Sinnmitte der Welt. (Waldmann, S. 55)

Dieses Menschenbild ist heute fundamental fragwürdig und obsolet geworden. Daher hat die Erzählform des geordnete und heile Welten bewirkenden autonomen Mittelpunktshelden heute literarisch nur noch in der Trivialliteratur Belang – und in konventionell, in sukzessiv geordneter Ich-Form geschriebenen Autobiografien, wo diese Form noch immer als zeitlos und „natürlich“ gilt. (56)

Waldmann argumentiert ohne Wenn und Aber. Ich teile sein Urteil nicht uneingeschränkt. Weder glaube ich, dass das skizzierte Menschenbild des Individualismus gänzlich obsolet ist oder verschwinden sollte. Noch halte ich die klassische oder konventionelle Form der Autobiografie für völlig unzeitgemäß. In den letzten Jahren und Jahrzehnten wurden großartige Autobiografien in dieser Form verfasst, Marcel Reich-Ranicki („Mein Leben“, 1999) etwa wählte sie sicherlich nicht aus Unkenntnis oder aus Nähe zur Trivialliteratur.

Schwierige Chronologie, brüchiges Ich

Von Waldmanns Kritik kann man jedoch etwas Wichtiges lernen: Es gibt keine „naturgegebene“ Form für das autobiografische Schreiben. Jede Form ist geschichtlich entstanden und verhält sich daher keineswegs neutral zum Inhalt. Es lohnt sich, einige mögliche Formen zu kennen und sie bewusst zu wählen – sonst vermittelt man über die Form womöglich ein falsches Bild von sich und den eigenen Erinnerungen.

Die Chronologie beispielsweise, sie ist nicht einfach gegeben. Wir oft irren wir uns beim Erinnern über das Vorher und Nachher, müssen Freunde fragen, Lexika und private Aufzeichnungen heranziehen. Wer eine konventionelle Autobiografie schreibt, stellt die Chronologie wieder her und übt sich als der eigene Historiker. Dabei könnte er den Vorgang des Erinnerns auch selbst in den Mittelpunkt stellen und den Leser an der Auseinandersetzung mit Reihenfolgen und Ursache-Wirkungs-Beziehungen teilhaben lassen.

Und wie ist es mit dem Status des „Ich“? Waldmann erklärt zu Recht, dass das sich erinnernde Ich (Sie, wenn Sie autobiografisch Schreiben) keineswegs einfach identisch ist mit dem erinnerten früheren Ich. Nicht selten fällt es uns schwer, zu verstehen, warum wir so oder so gehandelt haben. Im Laufe des Lebens können wir uns fremd werden, und wir können uns wieder finden. „Im Alter von fünf Jahren konnte ich stundenlang unter dem Küchentisch sitzen und mit den Spielzeugautos beschäftigen, die ich zu Weihnachten von Onkel August geschenkt bekommen hatte“ – wer so etwas schreibt, zehrt mit großer Wahrscheinlichkeit von fremden Erinnerungen oder Geschichten. Er schreibt von einem Ich, dass er heute kaum mehr „in sich“ wiederfinden kann. Schon darum nicht, weil der Fünfjährige eine völlig andere Sprache sprach, ganz anders dachte, und unterm Tisch sicherlich keinen Zusammenhang mit Weihnachten sah.

Autobiografisches Schreiben in vielen Formen

Wer autobiografisch schreibt, muss sich entscheiden, ob er – des Leseflusses willen oder aus anderen Gründen – die Illusion des bruchlosen Ich beibehalten will, oder sich anderer Erzähltechniken bedient, um Nähe und Distanz, Lücken und Kontinuität auszudrücken.

Ob die konventionelle Form der Autobiografie, wie Waldmann meint, philosophisch wie politisch unhaltbar geworden ist, möchte ich offen lassen. Diese weitreichende Frage verlangte eine weitreichende Antwort –womöglich in Buchform. Unabhängig davon kann man sagen: Für jeden, der (auto)biografisch schreibt, ist es nützlich, möglichst viele literarische Formen zu kennen, in denen man über sich selbst und die eigene Welt schreiben kann. Nur so lässt sich die jeweils passende Form auswählen.

Und hier ist Waldmanns Buch ein echter Schatz: Es unterscheidet ein Dutzend verschiedene Formen autobiografischen Schreibens, führt unzählige Beispiele auf und stellt 16 „Erzählmodelle“ dar, die im „modernen autobiografischen Schreiben“ Verwendung fanden. Von Arno Schmidt bis Peter Härtling, von Luciano De Crescenzo bis Franz Innerhofer. Jedes Buch wird ausführlich vorgestellt, zitiert, analysiert. Ein unerschöpflicher Steinbruch von Ideen – und Lesestoff für mindestens ein Jahr.

Paula Fox: In fremden Kleidern

Mädchen vor Wäscheseil

Wenn man aus der riesigen Menge von Erfahrungen, die einen Menschen ausmachen, ein Motiv auswählt, um es zum Titel von Erinnerungen zu machen, sollte man präzise vorgehen. Auch bei der Übersetzung. Der Originaltitel von Paula Fox‘ »Memoir« lautet: »Borrowed finery«, also nicht »Fremde Kleider«. »Finery« bedeutet eher »Putz« oder »Aufputz«, bezieht sich also auf eine besondere Art von Kleidung, Sonntagskleidung oder solche, die man an Festtagen trägt. »Geborgter Aufputz« wäre also passender oder »Geborgte Sonntagskleider«.

Tatsächlich erzählt die Romanschriftstellerin Fox von einigen Situationen, in denen geborgter oder geschenkter Aufputz eine Rolle spielt, darunter die erste Szene, die der Folge von Kapiteln vorangestellt ist, die allesamt die jeweiligen Aufenthaltsorte des Kindes und der Jugendlichen Paula Fox bezeichnen. In dieser Szene trägt sie ein »dickes blaues Tweedkostüm«, viel zu dick für das kalifornische Klima, sie ist arm und allein, mit 17 Jahren gestrandet in Los Angeles.

Auch zu Beginn des ersten Kapitels ist von Kleidern die Rede. Pfarrer Elwood Amos Corning, der Fox als Kleinkind zu sich genommen hatte, nachdem ihre Eltern sie in einem »Findelhaus« abgaben und ihre Großmutter sie von dort wieder abholte. Paula trug viele Kleidungsstücke, die von den Müttern der Gemeinde gespendet wurden, denn auch der Pfarrer war arm, doch vor ihrem fünften Geburtstag schickte ihr Vater etwas Geld, sodass Elwood für sie ein Sonntagskleid »aus Tüpfelmusselin« kaufte, mit dem sie in der Kirche ein Gedicht aufsagen konnte.

An dieser Stelle erwartet der Leser, nun einer langen Reihe von »geborgten Kleidern« zu begegnen, die Fox‘ Lebensstationen illustrieren. Doch diese Erwartung (für mich auch nicht besonders attraktiv), wird nicht erfüllt. Fox erzählt vielmehr anhand der Häuser und Orte, an die sie »verfrachtet« wird, wie es treffend im Klappentext heißt, und der Menschen, die auf sie aufpassen sollen. Grund für Paulas Odyssee ist ihre Mutter, eine Schauspielerin, die sie mit 19 geboren hatte, aber partout nichts mit ihr zu tun haben will. Ihr Vater, ein Drehbuchautor und Quartalssäufer, fügt sich dem Willen der Mutter. Seine Anfälle von Verantwortungsgefühl führen zu nichts, höchstens zu einem weiteren Ortswechsel Paulas. Denn die beiden führen ein unstetes Leben. In die Geborgenheit des Elwoodschen Hauses, in dem sie ihre ersten fünf Jahre verbracht hatte, durfte sie nie mehr zurück. Statt dessen wurde sie bei Großeltern, Verwandten und Freunden herumgereicht.

Thema von Fox‘ Erinnerungen sind also weniger die Kleider, ihr Symbolpotential läuft höchstens mit, sondern ihre Heimatlosigkeit und vor allem das Verhalten ihrer Eltern. Die Virtuosität des Buchs besteht darin, dass wir als Leser ebenso unvorbereitet und ohne Begründung von Ort zu Ort mitgenommen werden wie das Kind, insgesamt 11 Stationen und Kapitel. Zu Beginn verstehen wir nicht warum, verlieren gelegentlich den Faden in den eindrücklichen Beschreibungen von Orten und Menschen, und achten deshalb besonders, wie das Kind, auf die Signale der gelegentlich auftauchenden Eltern. Das Bild fügt sich nach und nach, und im gleichen Maß steigt Spannung und Lesetempo. Jedenfalls bei mir was das der Fall. So bedauerte ich es nach den knapp 300 Seiten, die siebzehnjährige Paula, die uns zu Beginn im blauen Tweetköstüm begegnete, nicht noch etwas länger begleiten zu dürfen. Ging die Zeit der geborgten Sonntagskleider vorbei, nachdem sie von ihren Eltern offenbar völlig alleine gelassen wurde? Das erfahren wir nicht.

Das letzte Kapitel, nicht mehr als acht Seiten, erzählt davon, wie Fox ihre 92 Jahre alte Mutter besucht, und von ihrer Tochter Linda, die sie zur Adoption frei gab und erst als Erwachsene kennenlernte. Mit diesem Schlusspunkt betont sie das Thema des weiblichen Erbes:

Was mir in all den Jahren meines Lebens gefehlt hatte, bis zu dem Zeitpunkt, an dem Linda und ich uns trafen, war eine bestimmte Art von Freiheit: ohne Angst zu einer Frau aus meiner Familie sprechen zu können. (S. 286)

Wäre nicht ein Titel passender gewesen, der auf dieses zentrale Thema verweist? Vielleicht auf ihre Mutter oder eben auf jene Beziehungslosigkeit in der weiblichen Linie. Vielleicht steckt es, ein ganz klein wenig, im Kleider-Motiv, sofern Sonntagskleider typischerweise von Müttern und Töchtern gemeinsam ausgesucht werden? Ich vermute, Fox vermied eine deutlichere Ankündigung im Titel, um ihn nicht sentimental klingen zu lassen. Denn ihre Erinnerungen sind gänzliche unsentimental — auch darin liegt ihre besondere Qualität — und lassen uns mit dem Kind Paula mitfühlen, ohne das Verhalten der Eltern oder anderer »Figuren« moralisch zu bewerten. Eher wird es, wie auch die eigenen Reaktionen, verwundert zur Kenntnis genommen.

Paula Fox: In fremden Kleidern. Geschichte einer Jugend. Verlag C.H. Beck, München 2003. Englische Originalveröffentlichung 1999.

Der rote Faden — was ist das eigentlich?

In diesem Video geht es um den berühmten roten Faden. Warum muss der eigentlich rot sein? Was hat er mit dem Minotaurus aus der griechischen Mythologie zu tun? Und wieso hatte auch hier wieder Goethe seine Finger im Spiel?

(Datenschutzhinweis: Wenn Sie das Video anklicken, wird Ihre IP-Adresse an YouTube übermittelt. Mehr dazu erfahren Sie in der Datenschutzerklärung.)

#24 — Wortwechsel

Streitgespräch

Ein Dialog in wörtlicher Rede charakterisiert eine Situation oft besser, als eine aufwändige Beschreibung es könnte. Außer dem, was tatsächlich gesagt wird, transportiert Rede und Gegenrede die Stimmungen der Beteiligten, ihre soziale und vielleicht regionale Herkunft, Charakter und die Beziehung der Gesprächspartner zueinander. Vieles bleibt auch ungesagt, »zwischen den Zeilen«, und wird von den Lesern, die allesamt in solchen Situationen geübt sind, trotzdem verstanden. Allzu große Ausführlichkeit und Eindeutigkeit wirkt ermüdend, das Ungesagte zu »entschlüsseln« macht Spaß. Besonders geeignet sind Dialoge zur Darstellung von Konfliktsituationen, Missverständnissen und von Komik.

Hier ein Beispiel aus »Die Asche meiner Mutter« von Frank McCourt (Luchterhand Verlag, MÜnchen 1996):

Was ist das denn? sagt Mr. McCaffrey. Nehmen wir es hier vielleicht mit der Wahrheit nicht so ganz genau?
Ich weiß nicht, Mr. McCaffrey.
Little Barrington Street. Das ist eine Gasse. Warum nennst du sie eine Straße? Du wohnst in einer Gasse, nicht in einer Straße.
Sie wird aber allgemein Straße genannt, Mr. McCaffrey.
Erhebe dich nicht über deinen Stand, Junge.
Das würde ich nie tun, Mr. McCaffrey.
Du wohnst in einer Gasse, und das bedeutet, daß du nirgendwohin kannst, außer nach oben. Verstehst du das, McCourt?
Ja, Sir.
Du bist Fleisch vom Fleische der Gassenjungen, McCourt.
Ja, Mr. McCaffrey.
Dir atmet die Gasse aus jeder Pore. Vom Scheitel deines Schädels bis zur Kappe deines Schuhs. Versuche nicht, die breite Öffentlichkeit irrezuführen, McCourt. Da müßtest du schon reichlich früh aufstehen, um Menschen meines Schlages hinters Licht zu führen.
Das würde ich nie tun, Mr. McCaffrey.

Kaum jemand kann sich an den genauen Wortlaut von Gesprächen erinnern, höchstens an einzelne Wörter oder Redewendungen. Im biografischen Schreiben ist es deshalb »erlaubt«, das heißt es widerspricht nicht der Forderung nach Wahrhaftigkeit, den Wortlaut zu »erfinden«, solange der Verlauf des Gesprächs, Inhalt und Stimmungen, so wiedergegeben werden, wie es der Perspektive der Schreibenden entspricht. Denn jeder Leser weiß: Wirkliche mündliche Dialoge sind meistens sehr lang, voller »Ähs«, »Ohs« und Wiederholungen. Darauf verzichtet er gerne und lässt den Schreibenden die Quintessenz aus dem Gesagten ziehen.

Schreibidee #24: Schreiben Sie einen kurzen Dialog zwischen Ihnen und einem Dialogpartner, nach dem Muster
Ich:
X:
Ich:
und so weiter, ohne weitere »Regieanweisungen«.

Hinweis: Verzichten Sie zur Übung auch auf Einleitungssätze oder abschließende Bemerkungen außerhalb des Dialogs. Der Wortwechsel sollte so gestaltet sein, dass der Leser die Situation auch ohne weitere Erklärungen erfasst. Vielleicht sind Sie erstaunt, wie gut das möglich ist.

[Wie immer fände ich es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Ich wünsche Ihnen viele Leser — und reichlich hilfreiches Feedback.]

Christoph Ransmayr: Atlas eines ängstlichen Mannes

Kartengespräch

Geschichten ereignen sich nicht, Geschichten werden erzählt.

So schreibt Christoph Ransmayr im Geleitwort zu den siebzig (70!) Geschichten, die er in diesem Buch versammelt. Damit sagt er: Erst durch die Aktivität des Schreibens und Erzählens werden die Geschehnisse des Lebens zu Geschichten geformt und als solche bewahrt.

Dass es sich bei Ransmayrs Episoden von Orten und den Menschen, denen er dort begegnete, (auch) um autobiografische Texte handelt, daran dachte ich bei der Lektüre zunächst nicht. Ransmayrs »Ich« tritt leise auf, als Beobachter. Jedes einzelne Kapiteln beginnt mit den Worten »Ich sah«. Die Strenge dieser Form ist gepaart mit Ransmayrs charakteristisch gepflegtem Stil und seinen eindringlichen Beschreibungen der oft exotischen Situationen, an denen er seine Leser teilhaben lässt. Wer die Lektüre nicht unterbricht, um sich jeweils im Inhaltsverzeichnis über das nächste Land zu informieren, weiß zunächst nicht, wo sich das Auge befindet, das beobachtet. Das Bild entsteht im Verlauf der ersten Sätze wie der Abzug einer analogen Fotografie im chemischen Entwicklerbad — ein siebzigmal faszinierender Effekt:

Ich sah eine samtschwarze, von unzähligen Lichtpunkten tätowierte Finsternis über mit, ein scheinbar grenzenloses, bis an die fernsten Abgründe des Alls ausgespanntes Firmament, während ich auf dem flachen Boden eines Kahns lag, der unter den Ruderschlägen eines Fährmanns aus dem Volk der Maori durch die Nacht glitt.

So heißt es etwa zu Beginn des Kapitels »Im Weltraum«, das in Neuseeland spielt.

Das »Ich« erscheint, um im Bild zu bleiben, wie als Negativ dieser Entwicklung. Es ist das Ich eines Reisenden, der nicht erklärt, aus welchen Gründen er wo Halt machte, der jedoch, das spürt man, nicht ohne Grund unterwegs ist. Indem er davon absieht, sein Ich während der Reisen und Beschreibungen in den Vordergrund zu rücken, betont er einen Aspekt des Lebens, der uns allen gemeinsam ist und uns zugleich trennt, dass wir nämlich Bezugspunkt aller unserer Wahrnehmungen sind, die zu uns gehören und aus denen sich das Leben zum großen Teil zusammensetzt. Damit markiert Ransmayr eine Art Grenze des autobiografischen Schreibens, das immer auch von unseren Beobachtungen handelt, vom Raum, durch den wir schreiten dürfen. (Oft legen wir jedoch mehr Wert auf die Gefühle, die in uns aufsteigen.) Im Geleitwort behauptet er, dass »(fast) jede Episode dieses Buches auch von einem anderen Menschen, der sich ins Freie, in die Weite oder auch nur in die engste Nachbarschaft und dort in die Nähe des Fremden gewagt hat, erzählt worden sein könnte.« Verschwindet deshalb der autobiografische Anteil? Ich glaube nicht.

Ein weiterer wichtiger Aspekt sind die Begegnungen, die Ransmayr schildert. In den meisten Episoden konzentriert sich seine Wahrnehmung auf einen einzelnen Menschen. Auf einen »dünnen Mann« an Bord eines Schiffes zu den Osterinseln, auf Herzfeld, einem Kaufmann in Brasilien, auf eine junge Frau in der Psychiatrie, ein Kommunionskind. Von einem Mann, dem der Autor an einem kalten Tag auf der Chinesischen Mauer begegnet, heißt es:

Mr. Fox aus der walisischen Grafschaft Swansea war ein Birdwatcher, ein Vogelfreund, und seit dem frühen Morgen auf der Mauerkrone unterwegs, um Singvögel zu beobachten, zu fotografieren und ihre Gesänge, Warnrufe oder Haßlaute mit einem winzigen Digitalrekorder aufzuzeichnen. Es war der einundvierzigste Mauerabschnitt, den er auf diese Weise entlangwanderte.

Der Autor unterhält sich mit Mr. Fox, notiert Geschichte und Motive des Vogelfreunds und schließt:

Der Drosselgesang klang uns noch eine Weile nach, als wir uns auf dieser unvorstellbar langen Mauer wieder voneinander entfernten und jeder seinem Ziel entgegenging, er nach Simatai, ich nach Jinshanling, jeder in der Spur des anderen.

So eben gehen wir, in den Spuren der anderen.

 

Zuletzt eine Preisfrage: Warum kennzeichnet sich Ransmayr, der sich doch »in die Nähe des Fremden gewagt hat«, im Titel als »ängstlich«? Das wüsste ich gern. (Wer es weiß: Bitte in die Kommentare schreiben!)

Atlas-Cover

Christoph Ransmayr: Atlas eines ängstlichen Mannes.
Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2012. ISBN 978-3-596-19563-3

#23 — Dreiwortübung

Dreiwörtertext

Diese Schreibidee begleitet mich schon so lange, dass ich Schwierigkeiten habe, meine ursprüngliche Quelle zu benennen. Sie stammt jedenfalls aus dem Bereich des kreativen Schreibens, dessen Impulse und Ideen sich in vielen Fällen leicht aufs Biografische übertragen lassen. In diesem Fall ist es wohl eine Variante einer Übung, die Silke Heimes in Ihrem Arbeitsbuch »Kreatives und therapeutisches Schreiben« vorstellt, selbst wieder eine Abwandlung des Spiels aus dem Biedermeier, das Walter Benjamin und Asja Lacis in ihren »Denkbildern« erwähnen (hier zu finden). Dessen Spieler sollen aus vorgegeben unzusammenhängenden Wörtern einen Zusammenhang herstellen und einen Text, worin die Wörter in gegebener Reihenfolge vorkommen. Als Beispiel nennen Benjamin und Lacis die Wörter » Brezel, Feder, Pause, Klage und Firlefanz«.

Im biografischen Schreiben dürfen die Schreibanregungen nicht ganz so engen Regeln folgen, denn es soll gelingen einen weitere Verbinung herzustellen, eben die mit dem eigenen Leben. Darum stammen die Wörter hier aus keiner festgelegten Liste, sondern aus einem Gedicht oder kurzen Prosatext, der einen zusätzlichen (biografischen) Bedeutungs- und Resonanzraum eröffnet.

Schreibidee #23: Wählen Sie ein Gedicht oder kurzen Prosatext, mit dem Sie sich gegenwärtig beschäftigen oder in der Vergangenheit beschäftigt haben. Lesen Sie den Text in Ruhe durch und suchen Sie sich drei Wörter aus dem Text aus. Legen Sie den Ausgangstext dann beiseite und schreiben einen eigenen Text, in dem die drei Wörter vorkommen.

Hinweis: In einer Schreibgruppe kann der Text vorab für alle ausgewählt werden. Wenn jemand anderes als die Schreibende den Ausgangstext aussucht, kommt mehr Überraschung und Variation ins Spiel.

[Wie immer fände ich es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren würden (am besten verraten Sie auch, welchen Text und welche Wörter Sie ausgewählt haben). Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Ich wünsche Ihnen viele Leser — und reichlich hilfreiches Feedback.]

 

 

G#2 — Schreiben mit Dixit-Karten

3 Dixit-Karten

Dixit ist ein Gesellschaftsspiel mit wenigen Regeln und viel Fantasie (das „Spiel des Jahres“ 2010). Die Spieler müssen raten, welche der ausgelegten Spielkarten zu einem Begriff, einem Slogan, Sprichwort oder Satz passt, der vom jeweiligen „Erzähler“ verkündet wurde. Am meisten Punkte bekommt man, wenn die Karte weder von allen erraten wurde (nämlich bei einfachen Beschreibungen oder gängigen Gedankenverbindungen) noch von niemandem (wenn der Zusammenhang nicht nachvollziehbar ist).
Zusammen mit den wunderbar gestalteten Karten, von denen oben vier abgebildet sind, ergibt das eine reizvolle Aufgabe, die zum Gespräch anregt und den Wettkampf in den Hintergrund treten lässt.

Bemerkenswert: Die Herausforderung, vor der ein Dixit-Erzähler steht, entspricht der Herausforderung beim Schreiben: Wer eine Geschichte gut erzählen möchte (oder auch ein schönes Gedicht verfassen möchte), darf nicht einfach wiederholen, was ohnehin jeder denkt, also Klischees produzieren. Der Mörder sollte nicht der Gärtner sein, die Stiefmutter nicht unbedingt böse, der Urlaub nicht nur „unvergesslich“. Doch wer beim Schreiben andererseits nur neue, gewollt originelle Gedankenverbindungen verwendet, bleibt unverständlich. Er baut keine Brücke, über die der Leser oder Hörer ins Land seiner Fantasie gelangen könnten.

Schreibgruppenidee G#2: Die Teilnehmer suchen sich aus einer Auswahl von Dixit-Karten eine aus, ohne sie den anderen zu verraten. Dann schreiben sie zehn bis fünfzehn Minuten lang eine Geschichte zu dieser Karte. Nach dem Vorlesen sollen die anderen Teilnehmer raten, welche Karte sie im Sinn hatten.

Hinweis: Es bietet sich an, eine Gesprächsrunde anzuschließen, in der es um die Unausweichlichkeit der Biografie geht. Diskutieren Sie, wie stark die biografischen Bezüge sind, die in den Texten hergestellt wurden. Waren Sie Ihnen beim Schreiben bewusst? Erkennen Sie beim Vorlesen neue Verbindungen und Motive?

Stefan Kappner: Der Gestalter Klaus Winterhager

Winterhager-Plakat

Winterhager CoverAm 7. Januar 2016 starb der renommierte Gestalter und Professor für Grafik-Design Klaus Winterhager im Alter von 86 Jahren.
Die Zeitumstände in Nazi-Deutschland und seine frühen Kriegserlebnisse am Westwall hatten sein Leben geprägt.
Als Student an den Kölner Werkschulen und in seiner Laufbahn als Grafiker strebte er nach einer ästhetischen Haltung, die den vermeintlichen Gegensatz von angewandter und freier Kunst hinter sich ließ. Er wollte nie mehr Befehlsempfänger sein und verlangte auch dort nach Freiheit und Eigenverantwortung, wo er im Auftrag von Firmen oder Institutionen arbeitete.
Sein Stil, geschöpft aus feiner Ironie und dem Wissen um die Möglichkeiten und Grenzen kommunikativer Zeichen, beeinflusste Generationen von Designern an der Universität Gesamthochschule Wuppertal.

Die Biografie zeichnet Winterhagers Werdegang schlaglichtartig nach, in „Einzelbildern“. Darstellung und Auswahl beruhen im Wesentlichen auf Gesprächen, die er im Jahre 2015, nicht lange vor seinem Tod, mit dem Autor führte.

Das Buch, mit Abbildungen von Winterhagers Arbeiten, ist am 14. Mai 2018 bei biografika erschienen.

Hardcover, 168 Seiten, ISBN 978-3-947694-00-6, 30 €

Leseprobe Dieses Buch kaufen (über den Buchvertrieb tredition)

G#1 — Kollektives Erinnern

Schreibgruppe

Zum Standardrepertoire von Büchern übers biografische Schreiben zählt mittlerweile der Hinweis auf Joe Brainards Buch »Ich erinnere mich« (»I remember«, 1970, deutsch im Walde+Graf-Verlag, Zürich 2011), worin der amerikanische Künstler einen Satz nach dem anderen aufs Papier bringt, der mit »Ich erinnere mich« beginnt, ohne dass sie einen größeren Zusammenhang für sich in Anspruch nehmen als eben jenes Erinnern. Wenn Zusammenhänge erkennbar werden, dann scheinen sie sich im Erinnern selbst ergeben zu haben. Es gibt also keine Geschichte, keine These, keine Botschaft. Und trotzdem liest man weiter, denn immer wieder stößt man auf Erinnerungen, die so knapp sie sind, selbst Erinnerungen auslösen, eine interessante Geschichte andeuten oder ein spezielles Detail enthalten. Gerade solche, die in einem fortlaufenden Text womöglich keinen Platz hätten, etwa diese (die für mich funktionieren):

Ich erinnere mich an dieses kurze Zusammenzucken, das man kurz vor dem Einschlafen hat. Als würde man fallen. (Seite 72)

Ich erinnere mich, dass ich in einer im Park nachgestellten Krippe (nichts rührte sich) den Joseph darstellte. Man musste einfach eine halbe Stunde lang nur dastehen, dann kam ein anderer Joseph, und man trank eine Tasse heiße Schokolade, bis man wieder an der Reihe war. (S. 75)

Mir zeigen diese Erinnerungssplitter vor allem, dass unsere Erfahrungen als Menschen oft erstaunlich nahe beieinander liegen, wir also gar nicht so verschieden sind, wie wir denken. So kam ich auf die folgende Schreibgruppen-Idee:

Schreibgruppenidee G#1: Die Teilnehmer setzen sich im Kreis und schreiben jeweils auf ein DIN-A-4-Blatt einen Satz, der mit »Ich erinnere mich« beginnt. Dann geben sie ihr Blatt im Uhrzeigersinn weiter, lesen den Text ihres Nachbarn und schreiben einen neuen Satz »Ich erinnere mich …« darunter. So schreibt die Gruppe weiter, bis die Blätter wieder bei ihren ersten Schreibern ankommen. Dann werden die Texte reihum vorgelesen.

Hinweis 1: Die Sätze können lang oder kurz sein, müssen aber alle mit »Ich erinnere mich« beginnen. Machen Sie als Gruppenleiter keine inhaltlichen Vorgaben. Es sind also sowohl direkt anschließende Erinnerungen erlaubt als auch völlige Themenbrüche (die dann aber vielleicht doch einen »geheimen« Zusammenhang erahnen lassen.)

Hier ein Beispiel von meinem letzten Schreib-Wochenende:

Ich erinnere mich

[Ich fände es toll, wenn die eine oder andere Schreibgruppe mir ein solches »Erinnerungsblatt« schicken würde. Damit gäben Sie mir zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten.]

Tania Konnerth: Von der Seele schreiben

Schreibende Hand

Ich besitze eine recht stattliche Anzahl von Ratgebern und Ideenbüchern zum biografischen Schreiben. Anders als wissenschaftliche Werke sind die meisten davon stark geprägt vom persönlichen Zugang des Autors oder der Autorin in das riesige und verwinkelte Haus des Schreibens. Nur wenn dieser Zugang zu dem passt, was sich auch der Leser, die Leserin bewusst oder bloß geahnt vom Schreiben erhofft, kann das Buch zu einer Hilfe werden.

Tania Konnerths Buch richtet sich an diejenigen, die das Schreiben als Weg zur Selbst-Erkenntnis, zur Identitätsfindung oder -stärkung heranziehen möchten. Es geht ihr weniger um das Schreiben über sich selbst, wie es Autoren tun, die eine Autobiografie oder ein Memoir verfassen, als um das Schreiben für sich selbst. Wer den Buchtitel ernst nimmt, ist auf der richtigen Spur.

Zu Beginn führt die Autorin, die im Herder-Verlag sonst »Wohlfühlbücher« zur Steigerung von Optimismus und Lebensfreude verfasst, sieben Bereiche an, in denen das Schreiben positiv wirken kann: (1) als Ort der Selbstbegegnung, (2) zur Verbesserung der Ausdrucksmöglichkeiten, (3) zum kreativen Selbstausdruck, (4) um Gedanken zu sortieren, (5) zum Bewahren von Erinnerungen, (6) zur Aufarbeitung von seelischen Verletzungen und (7) als Begleiter in schwierigen Zeiten. Außer wenn es ums Bewahren geht, kommt es in dieser Aufzählung nicht oder nur sehr wenig darauf an, welche Texte dabei entstehen. Es geht vor allem um den Prozess des Schreibens, nicht um das Ergebnis. Tania Konnerths Zugang zum Haus des Schreibens, das Schreibzimmer, in dem sie sich am häufigsten aufhält, könnte man »meditatives Schreiben« nennen, denn Ihre Empfehlungen lesen sich beinahe wie eine Anleitung zur Meditation:

Lassen Sie sich also genau so schreiben, wie es gerade aus Ihnen fließt, und hören Sie sich einfach nur zu. Zensieren und kritisieren Sie sich nicht, sondern nehmen Sie an, was auch immer kommt. Es muss Ihnen nicht gefallen, was Sie schreiben, es geht nur darum, dass es ehrlich und authentisch ist. Manchmal kann man erst später Zugang zu einem eigenen Text bekommen, den man zunächst ablehnte. Vielleicht ist man sich zu nah gekommen damit, vielleicht hat man einen Schreck über die eigene Ausdrucksweise bekommen oder vielleicht war es auch einfach nur sehr ungewohnt, sich selbst das schreiben zu sehen. Erlauben Sie Ihren Texten zu sein, das ist ein ganz wichtiger Schritt in die Richtung, sich selbst sein zu lassen. (S. 24)

Wie beim Meditieren die Gedanken weder festgehalten noch verbannt, sondern beobachtet und losgelassen werden sollen, wie Wolken am Himmel, soll der Schreibfluss möglichst ungehemmt und vor allem unzensiert fließen dürfen.

(Von solcher Selbst-Entdeckung im Schreiben wird übrigens auch oft von Schriftstellern erzählt. So bekundete Martin Walser kürzlich in einem Interview des bayrischen Rundfunks:

Man muss gar nicht wissen, warum man schreibt. Man muss nur schreiben. […] Es ist eine wunderbare Beschäftigung. Heute weiß ich, dass es nichts Interessanteres gibt, als zuzuschauen, was die rechte Hand auf das Papier bringt.

Klammer zu.)

Damit ist schon das meiste gesagt. Mit dem Ziel, eine »meditative« und »selbst-akzeptierende« Schreibpraxis zu fördern, stellt Konnerth Methoden und Übungen vor, die es erleichtern, in den Schreibfluss zu kommen, ohne Textarten an- oder vorzugeben. Statt an (literarischen) Texten orientiert sie sich an dem, was Psychologen womöglich »Entwicklungsaufgaben« nennen würden: »Erinnerungen annehmen«, »Mitgefühl mit sich selbst entwickeln« oder »Achtsamkeit im Alltag« lauten typische Überschriften. Für Konnerth ist das Schreiben eine Lebenskunst, doch nicht im ästhetischen Sinn wie bei Hanns-Josef Ortheil (darüber habe ich anderswo geschrieben), sondern im Sinne einer freundlichen und durchaus bodenständigen Alltagstherapie. Die Psychologie, die ihr zugrunde liegt, ist wiederum keiner Schule oder Lehre zuzuordnen (jedenfalls referiert Konnerth auf keine), sondern entspringt einer Art »psychologischem Common-Sense«. An vielen Stellen heißt es schlicht: »meiner Erfahrung nach«. Weil sie als Beispiele durchweg ihre eigenen Texte zitiert, bekommt der Leser nach und nach einen Eindruck davon, woher Ihre Einstellungen und Erfahrungen stammen und wie sie selbst zum Schreiben kam. Wer das gut nachvollziehen kann, der ist bei Konnerth an der richtigen Stelle.

Wer sich andererseits Tipps zu den literarischen Bezügen und Möglichkeiten des autobiografischen Schreibens erhofft, oder schlicht Hilfen zur Verbesserung der Lesefreundlichkeit, den wird »Von der Seele schreiben« enttäuschen. Das wohl eher pflichtschuldig angehängte Kapitel »Vom Schreiben für mich zum Schreiben für andere« hält außer der Warnung, dass es, sobald der Leser ins Spiel kommt, auch um die selbstkritische Bewertung des Geschriebenen gehen sollte, kaum etwas bereit. Vor allem fehlt eine Idee, die mir sehr wichtig ist, dass nämlich die Auseinandersetzung mit (autobiografischer) Literatur nicht allein das eigene Schreiben beinahe zwangsläufig verbessert, sondern auch das Nachdenken über das eigene Leben und die Selbst-Erkenntnis vertiefen kann. Wozu haben wir sonst die Literatur?

Tania Konnerth: Von der Seele schreiben. Auf Entdeckungsreise zu mir selbst. Herder-Verlag, Freiburg 2015, ISBN 978-3-451-31576-3, 8 €.

 

 

#22 — Persönliches Heimatmuseum

Freilichtmuseum

Neulich war ich mit Familie im Freilichtmuseum Lindlar unterwegs, wo alte Bauernhöfe und andere Gebäude (wie das obige Verteiler-Türmchen) in hübscher Landschaft zusammengestellt sind. Dort können vor allem Kinder sehen und teilweise in Aktion erleben, was Ältere und selbst »Mittelalte« noch in »freier Wildbahn« erlebten. An solche Türmchen, die zur Stromversorgung ländlicher Gebiete beitrugen, erinnere ich mich zum Beispiel selbst noch gut, ich habe ihr Verschwinden kaum bemerkt. Als Kind faszinierten sie mich mit ihren Gummi-Isolierungen und den eindringlichen Warnschildern.

Andere Gebäude jedoch sagten mir weniger, blieben »museal« für mich, oder eben fremd, weil wir nicht in der Heimat meiner Kindheit herumliefen, sondern im Bergischen Land.

So kam ich auf diese Idee: Eigentlich bräuchte jeder sein eigenes Heimatmuseum. Denn Heimat ist nicht in erster Linie etwas, was man im Atlas findet. Heimat ist etwas sehr Persönliches, jede/r hat und schafft sich seine eigene Heimat, in der Gegenwart ebenso wie in der Erinnerung.

Schreibidee #22: Zeichnen Sie auf einem großen Stück Papier das Bild oder die Karte ihres persönlichen Heimatmuseums. Welche Landschaften, Gebäude und Ausstellungsstücke müssen dort unbedingt hinein? Beschreiben Sie dann, wie Ihr Heimatmuseum aufgebaut ist und was es dort zu sehen gibt.

Hinweis 1: Diese Idee eignet sich sehr dazu, kreativ ausgeschmückt und erweitert zu werden. Als Wandbild, Projektskizze, Ausstellungskatalog, Wanderkarte und so weiter.

Hinweis 2: Gehen Sie ins Detail. Erlauben Sie sich Subjektivität und Einseitigkeit. Es geht nicht darum, alles abzudecken, was sich für gewöhnlich in einem Heimatmuseum befindet. Es ist Ihr ganz persönliches!

[Wie immer fände ich es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Ich wünsche Ihnen viele Leser — und reichlich hilfreiches Feedback.]

 

 

#21 — Ein Tag im Jahr

Straßenkalender

Die Schriftstellerin Christa Wolf beschrieb über 50 Jahre lang einen bestimmten Tag im Jahr besonders genau, zufälligerweise war es der 27. September. Alles, was sie an diesem Tag erlebte und empfand, von persönlichen Eindrücken und Begebenheiten bis zu politischen Diskussionen und literarischen Überlegungen, nahm sie in ihre »Tageserzählung« mit auf. Mehr dazu hier.

Schreibidee #21: Beschreiben Sie einen Tag ihres Lebens besonders ausführlich. Lassen Sie nichts aus, sondern beschreiben Sie alles, woran Sie sich noch erinnern können.

Hinweis 1: Wenn Sie nicht wissen, welchen Tag Sie wählen sollen: Heute. Oder den 27. September.

Hinweis 2: Schreiben Sie alles am gleichen Tag auf oder spätestens am nächsten. Sonst vergessen Sie die Details, die diese Schreibidee besonders reizvoll machen. Reservieren Sie sich mindestens eine Stunde an diesem Tag zum Schreiben. Wahrscheinlich wird es länger dauern. Nehmen Sie sich die Zeit.

Hinweis 3: Notieren Sie sich den gewählten Tag in den Kalender des nächsten Jahres. Lesen Sie Ihren Text ein Jahr später wieder durch und überlegen Sie, ob Sie wie Christa Wolf mit dieser Art des Tage-Buch-Schreibens fortfahren möchten.

[Wie immer fände ich es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Ich wünsche Ihnen viele Leser — und reichlich hilfreiches Feedback.]