Alle Artikel von Stefan Kappner

Christa Wolf: Ein Tag im Jahr, 1960-2000

Christa Wolf, 1989

1935 hatte Maxim Gorki die Idee, alle Schriftsteller der Welt einen bestimmten Tag beschreiben zu lassen (zufälliger Weise war es der 27. September), um so gemeinsam eine Momentaufnahme der Weltgeschichte zu leisten. Welt-Literatur kam dabei nicht heraus, auf die Schnelle fand ich im Internet auch keinen Hinweis darauf, wie viele sich seiner Idee anschlossen. 1960 jedenfalls wiederholte die Zeitschrift „Iswestija“ den Aufruf, Christa Wolf las ihn und beschrieb ihren persönlichen 27. September 1960. Fasziniert vom Format, dieser besonderen Art des Tage-Buchs, machte sich Wolf das Projekt dann zu eigen, indem Sie fortan jeden 27. September beschrieb, den sie bis zu ihrem Tod erleben sollte. Aus der Idee einer weltumspannenden Beschreibung wurde ein zeitumspannendes Werk.

2003 fasste Christa Wolf die ersten vierzig Tagesaufzeichnungen, 1960 bis 2000, zusammen und gab sie als Buch heraus, sie folgte wohl der Magie der Zahlen (der 2000, aber auch der 40, der biblischen Zahl der Vollkommenheit, die oft wichtige Zeitabschnitte umschreibt). Posthum veröffentlichte ihr Mann Gerhard Wolf die letzten Jahre.

Der erste Eintrag unterscheidet sich noch wenig von einem Tagebucheintrag, nur dass sie auf kein Gestern und Vorgestern zurückgreift, also alle Zusammenhänge eigenständig darstellt, so dass der Tag für sich stehen kann. »Im Grunde könnte man aus jedem Tag eine Erzählung machen«, sagte sie in einem Spiegel-Interview. Sie sieht sich auch zu größerer Ausführlichkeit aufgerufen, pickt nicht das vermeintlich Wichtigste heraus, wie man es in Tagebuch-Einträgen oder noch kürzeren Kalender-Einträgen tut. Gerade dieser Verzicht, auszuwählen, macht die Tages-Erzählungen reich, so dass der heutige Leser nicht den Wertigkeiten folgen muss, die 1960, 1961 und so weiter galten, sondern »hingreifen« kann, wo er möchte.

Im zweiten Jahr beschreibt Wolf, warum Sie weitermacht, und motiviert sich damit selbst. Denn natürlich ist so eine Tagesbeschreibung anstrengend, sie muss dem eilenden Leben abgerungen werden:

Gestern, als eigentlich der »Tag des Jahres« sein sollte — eine Tradition, die ich doch anfangen möchte — habe ich den ganzen Tag über nicht daran gedacht, erst heute früh, beim Erwachen, fiel es mir ein, kein lustvoller Einfall, ich spürte Unlust, mich pflichtgemäß schreibend an gestern zu erinnern. In älteren Tagebüchern blätternd, sah ich wieder, was alles man vergißt, wenn man es nicht aufschreibt: Fast alles. Besonders die wichtigen Kleinigkeiten. Also aufschreiben. Und zugleich ein Test, was ich vom gestrigen Tag noch weiß, was ich aus der schnell verblassenden Erinnerung festhalten, »retten« kann. Und die Frage wegschieben: Wozu retten? Was ist denn wichtig an einem durchschnittlichen Tag in einem durchschnittlichen Leben? Was bringt mich dazu, die früh eingeprägte Mahnung: Nimm dich doch nicht so wichtig! zu mißachten? Selbstüberhebung? Aber ist Selbstüberhebung, sich wichtig nehmen, nicht die Wurzel allen Schreibens? (S. 25)

Von Anfang geht es also um das »Retten der Erinnerung«. Fast alles vergisst man. Und weil man nicht das gesamte Leben mitschreiben kann, auch nicht in einem Tagebuch, tut es Christa Wolf exemplarisch, sie nimmt Lebens-Stichproben. Wie schwierig selbst das mitunter werden kann, zeigt sich darin, dass keineswegs alle Tages-Erzählungen am Stichtag geschrieben wurden. Vor allem zu Beginn des Projekts, so lange der Gewinn der Langzeitverpflichtung noch unklar war, versäumt sie auch Tage: 1964 schreibt sie erst am 1. Oktober, 1968 erst am 30. Oktober:

Vorher fünf Wochen in Mahlow, im Waldkrankenhaus. Eine wiederholte Erfahrung: Im Krankenhaus gelingt Tagebuchschreiben nicht, obwohl man da viel Zeit dazu haben sollte. Aber auch das Innenleben ist auf Schongang gestellt. Diesmal habe ich sogar den »Tag des Jahres« vergessen. Will statt dessen etwas über die ganze Zeit schreiben, fünf Wochen, […] (S. 111)

Später, als das Werk sichtbar wird, stabilisierte sich das Schreiben. Christa Wolf notierte, was Sie aß, tat, dachte, was sie las und diskutierte. Sie beschrieb Menschen und Umstände. Das Schlaglicht auf einem Tag beleuchtet dabei auch die Zeitsituation, nicht alles, was zu erzählen wäre. Doch der Verzicht darauf, allzu viele Zusammenhänge herzustellen und damit Erklärungen, wird auch zum Gewinn. Die Geschichte der DDR und ihrer Schriftsteller mag aus anderen Quellen bekannt sein. Manchmal ist es das Private, Kleine, das anrührt (»Als ich in der Küche den Vormittagstrunk mache, ihn dann heraufbringe, sehe ich durchs Fenster Otto Shomakers Braunen auf unserer Wiese grasen. Ein schönes Pferd mit glänzendem Fell, Ottos einzige Lebensfreude, die er aber leugnet: Er halte das Pferd eigentlich nur für Harmut, seinen Sohn.«). Dann wieder spannende Insider-Storys aus dem Leben der großen Schriftsteller, etwa wenn sie 1986 in Zürich mit Max Frisch über Uwe Johnson und andere spricht. Auf den 27. September 1998 fallen Bundestagswahlen. Auch solche Zufälle haben ihren Reiz, und natürlich die Frage, wie die »DDR-Schriftstellerin« die Wende erlebte und die Zeit danach.

Zuletzt zeigt eine kleine Statistik der Seitenlängen, dass Wolf ihre Aufgabe ernst nahm und sich, weder in der Kürze noch in der Länge, sehr von den Vorgabe entfernte: Die kürzesten Einträge sind 6 Seiten lang (drei Mal), der längste 26 (im Jahr 1984), dazwischen kommen vor:Seitenstatistik

#20 — Postkartengeschichten

Postkarten

Postkarten sind eine gute Inspirationsquelle — ob es die eigenen sind, die man bekommen oder nicht abgeschickt hat, ob sie beschrieben wurden oder nur gesammelt. Oder ob sie, wie in diesem Fall, aus fremden Quellen stammen und aus Nachlässen, Flohmärkten, aus dem Altpapier gerettet wurden. Wenn Sie keinen Stapel alter Postkarten zu Hause haben, können Sie hier welche herunterladen und entpacken.

Schreibidee #20: Wählen Sie aus einem Stapel fremder Postkarten diejenige aus, deren Motiv Sie am stärksten anspricht. Lassen Sie sich von Ihren spontanen Einfällen leiten und schreiben Sie einen Text, dessen erste Sätze so beginnen:
»Ich war einmal …«
»Dort habe ich …«

Hinweis 1: Sie müssen nicht über den Ort schreiben, der auf der Karte zu sehen ist. Es geht um Ihre Assoziationen. Es könnte sich auch um eine Orts-Metapher handeln, einen inneren »Ort« oder den Ort einer Begegnung.

Hinweis 2: Auch wenn der zweite Satz mit »habe« beginnt, sollten Sie nicht den gesamten Text in der zusammengesetzten Vergangenheit (Perfekt) schreiben. Das Präteritum ist meistens die schönere Erzählzeit.

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# 19 — Ringe

Ring, Kopie

In dem erstaunlich interessanten Schmöker »Frauen und Kleider« der kanadischen und amerikanischen Autorinnen Leanne Shapton, Sheila Heti und Heidi Julavits geht es nicht um Mode im engeren Sinn oder deren Geschichte, sondern um die Rolle, die Kleider, Schmuck, das Anziehen und »Herausputzen« in den Biografien der 561 Frauen spiel(t)en, die zu Wort und Bild kommen. Eine von vielen darin dokumentierten Projekten zum Thema heißt »Ring-Zyklus«: »Fünfzehn Frauen aus einer Zeitungsredaktion fotokopieren ihre Hände und erzählen die Geschichte ihrer Ringe.«
Hier ein Beitrag (alle sind kurz, in einer Redaktion ist wenig Zeit):

ROBERTA ZEFF Diesen Ring hat mir mein Mann zum Hochzeitstag geschenkt, ich weiß nicht mehr zu welchem. Der kleine war ursprünglich der Ehering meiner Großmutter im Jahr 1963, als meine Großeltern noch nicht viel Geld hatten. Es ist ein ganz kleiner, unscheinbarer Ring. Später hatte sie viele spektakuläre Ringe, aber mit diesem hat sie angefangen, deswegen habe ich ihn immer geliebt. Er hat eine Inschrift. Es sind die Initialen meiner Großeltern und das Datum ihrer Hochzeit: H.P. und C.L., 2-1-36.

Schreibidee #19: Fotokopieren Sie Ihre Hand und schreiben Sie die Geschichte Ihres Rings/Ihrer Ringe auf die Kopie.

Hinweis: Ringe sind höchst symbolische Gegenstände. Betonen Sie die Symbolik nicht. Bleiben Sie konkret und lassen Sie die Bedeutung »durchscheinen«.

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#17 — Ein Porträt

Porträt

Ein literarisches Porträt ist eine kürzere, meist pointierte Beschreibung eines Menschen. In autobiografischen Texten geht es dabei oft um die Einführung eines wichtigen Wegbegleiters des Autors oder der Autorin. Die Mutter, eine Schwester oder eine Freundin wird dem Leser vorgestellt, bevor sie in die Handlung eingreift oder in einer Geschichte vorkommt. Ein Lehrer wird porträtiert, der bleibenden Eindruck hinterließ. Manchmal sind es auch beiläufige Bekanntschaften, kuriose Charaktere, Originale, die in einem Porträt für wenige Zeilen ins Licht gerückt werden, obwohl sie im Zusammenhang des Lebenslaufs nicht weiter von Interesse zu sein scheinen. Aus ganz unterschiedlichen Gründen möchte man ihnen ein kleines Denkmal setzen.

Herrliche Beispiele für Porträts finden sich in Hildegard Knefs berühmter Autobiografie »Der geschenkte Gaul«, die mit Berliner Lakonie und sprachlicher Eigenständigkeit auch in anderer Hinsicht überzeugt. Eines gleich am Anfang, im ersten Kapitel, das als einziges nicht nummeriert ist, sondern den Titel »Liebeserklärung an einen Großvater« trägt. Im allerersten Abschnitt porträtiert die Knef ihren Großvater so:

Meiner hieß Karl, er war mittelgroß und genauso kräftig, wie er aussah. Er trug den Kopf sehr gerade, die Wirbelsäule auch, und er hatten einen großen Mund mit vielen Zähnen; er hatte sie noch alles 32, als er mit 81 Jahren Selbstmord machte. Sein Jähzorn war das Schönste an ihm, erstens weil er sich nie gegen mich richtete und weil er so wild und rasch kam, wie er verging, und wenn vergangen, wurde sein Gesicht warm wie ein Dorfteich in der Sommersonne und seine Bewegungen verlegen und einem fischenden Bären gleich.

Was macht dieses Porträt so überzeugend? Einige Aspekte:

  • Die äußerliche Beschreibung hat durchweg einen symbolischen Unterton. Das Äußere wird nicht einfach abgeschildert, sondern bedeutet etwas.
  • Die exakte Wortwahl. Er „beging“ nicht Selbstmord, er „machte“ ihn. Das ist kein Ausrutscher ins Umgangssprachliche, sondern drückt eine Haltung aus.
  • Die Charakterisierung steckt voller Konflikte. Kraft und Zärtlichkeit scheinen miteinander zu streiten.
  • Die stimmungs- und humorvollen Metaphern.

Schreibidee #17: Schreiben Sie das Kurzporträt eines Menschen aus ihrem Leben.

1. Hinweis: Wählen Sie fürs Erste niemanden aus, der Ihnen sehr nahe steht. Die Kunst des literarischen Porträt lässt sich besser an Menschen üben, die zwar eine Rolle spielten und von denen man ein klares Bild erinnert, von denen man jedoch nicht allzu viel weiß. So fällt die Auswahl leichter und man sieht eher das Charakteristische.

2. Hinweis: Schreiben Sie zunächst eine DIN-A-4-Seite über die ausgewählte Person und kürzen Sie Ihr Porträt anschließend mindestens auf die Hälfte. So beschränkt sich Ihre Schilderung auf das Wesentliche — und die geschilderte Person tritt für die Leser stärker hervor, als es bei sehr langen Beschreibungen der Fall wäre.

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#16 — Eine Wunschliste

Pusteblume

Die einzigen Liste, die vielleicht noch mehr über uns aussagt, als eine Liste von Lieblingsdingen, ist eine Wunschliste. Was verrät mehr über unsere Identität als unsere Wünsche? Schon die Art von Wünschen, die wir hegen, ist charakteristisch. Kinder, so scheint es, wünschen sich vor allem Dinge — so üben wir es mit ihnen, wenn sie einen Weihnachtswunschzettel schreiben sollen. Aber es geht auch anders. Auf der Rückseite der Kinderzeitung meiner Tochter werden die »Steckbriefe« von jungen Leserinnen veröffentlicht. »Mein größter Wunsch« lautet eine der Rubriken. Hier geht es ganz selten um Dinge, sondern meistens um das große Ganze, um das sich die Kinder zu Recht sorgen: Frieden wünschen sich viele, und dass die Natur besser geschützt werde. Die meisten, so glaube ich, würden dafür auf die Erfüllung ihrer Weihnachts-Wünsche verzichten.

Viele Kinder wissen nämlich genau, worauf es ankommt. Einige haben vielleicht darüber nachgedacht, als sie das Märchen »Die drei Wünsche« von Bechstein gehört haben oder ein anderes der zahlreichen Märchen, die vom Wünschen handeln. Oder Paul Maars Geschichte vom Sams mit seinen Wunschpunkten.

In unseren erlebnishungrigen Zeiten liest man von Wunschlisten oft als Listen von Dingen, die man noch tun oder erleben möchte, bis man ein bestimmtes Alter erreicht hat, oder bis zum Lebensende. Ein Lebensprogramm in Listenform. Im Klappentext von Robin Golds Roman »Die Liste der vergessenen Wünsche« (der nicht auf meiner Wunschliste steht), heißt es:

Früher war alles einfacher. Abschiede zum Beispiel. Als die sechsjährige Clara Black ihren Kater »Schweinebraten« beerdigte, ahnte sie nicht, dass das Leben noch einen viel größeren Verlust für sie bereithalten würde: Viele Jahre später stirbt ihr Verlobter kurz vor der Hochzeit. Es bricht Claras Herz. Doch dann findet sie eine alte Liste mit ihren Kindheitswünschen, die vor ihrem 35. Geburtstag in Erfüllung gehen sollten. Ganz unverhofft wird die Liste zu Claras Rettungsanker – und zum Weg zurück ins Glück …

Wie sieht Ihre Wunschliste aus: Glück und Frieden, eine Ballonfahrt über den Vesuv oder doch lieber das neueste iPad?

Schreibidee #16: Schreiben Sie eine Wunschliste mit genau zehn Einträgen.

1. Hinweis: Die Beschränkung auf zehn Einträge zwingt Sie, das eine gegen das andere abzuwägen. Wie mit den drei Wünschen im Märchen.
2. Hinweis: In einem zweiten Schritt können Sie, ausgehend von Ihrer Liste, einen kurzen Text schreiben, worin Sie auf einen der Listeneinträge genauer eingehen und sich ausmalen, wie es sein könnte, wenn Ihnen dieser Wunsch erfüllt würde.

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Hanns-Josef Ortheil: Schreiben über mich selbst

Notizbücher

Das Kompendium »Schreiben über mich selbst« ist Teil der von Ortheil selbst herausgegebenen Reihe »Kreatives Schreiben« im Dudenverlag (2014, ISBN 978-3-411-75437-3, 14,95 €). Die »Spielformen autobiografischen Schreibens« (so der Untertitel), die es vorstellt, sind jeweils von bestimmten Werken und Beispielen abgeleitet, was die Lektüre kurzweilig und spannend macht und — wie so oft, wenn es ums Schreiben geht — auch vom Hundertsten ins Tausendste führt. Ausgehend von mündlichen Formen des Auskunftgebens und Dokumentierens, über die schriftlichen Ego-Dokumente, Selbstporträts und die Behandlung einzelner Lebensabschnitte, löst sich Ortheil von den allzu einfachen Einteilungen des Autobiografischen, mit denen wir es sonst meist zu tun haben. Im Abschnitt »Nach vorn und zurück blicken« geht es zum Beispiel nicht einfach ums Tagebuch-Schreiben, sondern um eine bestimmte Form von resümierenden Einträgen. Ortheil, der sein eigenes Leben in mannigfaltiger Weise dokumentiert und literarisch verarbeitet, eröffnet uns eine reich schattierte Farbenpalette des Autobiografischen, und zeigt zugleich: Patentrezepte gibt es nicht.

So erleichternd und anregend die Lektüre deshalb wird, so abschreckend wirken leider manche der »Text- und Schreibaufgaben«, die jedes der 25 Kapitel abschließen. Oft schlägt Ortheil vor allem vor, es den jeweils vorgestellten Autoren nachzutun, z.B. wo es um die Erkundung der eigenen Kindheit geht:

Konzentrieren Sie sich auf kurze Kindheitssequenzen in der Sartre’schen Manier. Erzählen Sie, wann und wo Sie einmal unbedingt Mittelpunkt einer Gesellschaft waren oder sein wollten, wie Sie den Erwachsenen und sich selbst etwas vormachten, wie Sie manchmal Triumphgefühle der Überlegenheit empfanden, […] (S. 102)

Solche Vorbild-Übungen sind sicherlich sehr hilfreich, können aber auch weniger passen und stellen in der Summe wohl für die meisten autobiografisch Schreibenden eine Überforderung dar:

— Konzipieren Sie einen literarischen Blog, in dem Sie von Ihren Lektüren erläuternd und kommentierend in regelmäßiger Folge berichten.
— Dokumentieren Sie Ihre Neuanschaffungen von Büchern und ordnen Sie diese Neuanschaffungen älteren Titeln zu.
— Erstellen Sie nach und nach […] (S. 90)

Statt der Rezension eines Lieblingsbuchs schlägt Ortheil also gleich einen ganzen Literaturblog vor. An dieser und anderen Stelle wünschte man sich, dass er etwas mehr die Technik der didaktischen Reduktion verwendet hätte, um aus dem Ganzen etwas Kleineres und doch Lehrreiches zu destillieren.

Auch in seiner »Nachbetrachtung« legt der Gründungsprofessor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim weniger Wert auf Reduktion. Für ihn geht es beim biografischen Schreiben ums Ganze:

Autobiografisches Schreiben kostet Zeit, und genau das ist ein Problem. Wer nicht kontinuierlich und regelmäßig schreibt, kann es gleich bleiben lassen. Denn autobiografische Texte sterben ab und trocknen aus, wenn sie nicht unablässig ergänzt und weiterführt werden. (S. 146)
[…]
Wer ohne fixierte Erinnerungen lebt, formt und gestaltet sein Leben nicht.
Das »Schreiben über mich selbst« ist daher nicht nur eine beliebige, literarische Praxis unter vielen anderen, sondern Teil einer umfassenden »Lebenskunst«. [… dabei] geht es […] darum, die eigene Existenz zu beobachten, zu reflektieren und zu durchdringen.(S. 147)

Die Idee, das Schreiben sei Lebenskunst, indem es die eigene Identität stärkt und schärft, beflügelt den »Schreibfanatiker« Ortheil. Sie erklärt in gewisser Weise die Faszination, die im biografischen Schreiben liegt. Doch gerade, weil sie so groß ist, diese Idee, lohnt es sich, den Lernwilligen auch in kleineren Schritten an sie heranzuführen.

Peter Härtling: Zwettl

Peter Härtling im Gespräch (2003)

Ein vielbändiges Werk

Peter Härtling starb am 10. Juli dieses Jahres (2017). Ich kannte ihn vor allem wegen seiner wunderbar ehrlichen Kinderbücher (vor allem »Ben liebt Anna« (1979); »Sophie macht Geschichten« (1980), die ich gerne meinen Töchtern vorlas) und als Autor eines Hölderlin-Romans. Außerdem wusste ich, dass er viel über Musiker geschrieben hatte. Daher war ich ein wenig erstaunt (und betroffen), als in einem Nachruf des Radiosenders hr2 besonders des autobiografischen Werks von Härtling gedacht wurde. (Sein Schaffen geht über diese drei Schwerpunkte noch hinaus: Er hat auch viele Gedichtbände publiziert und »nichtbiografische« Romane.)

Nun musste ich schnellstens daran gehen, das im Nachruf sehr gelobte autobiografische Werk Härtlings zu erkunden. Es besteht aus diesen Büchern:

  • Zwettl. Nachprüfung einer Erinnerung (1973)
  • Nachgetragene Liebe (1980)
  • Der Wanderer (1988)
  • Herzwand (1990)
  • Leben lernen (2003)

Es wäre reizvoll, die den unterschiedlichen Themen und Zeitabschnitten angepassten Herangehensweisen in diesen Büchern zu vergleichen. Doch vorerst reichte die Zeit nur für die Lektüre des schmalen, nur etwa 150 Seiten dicken »Zwettl«. Doch diese Seiten haben es in sich — die Lektüre sei jedem wärmstens empfohlen, der sich für das Genre interessiert.

Zwettl

Das Buch handelt von der Zeit, die Peter Härtling in dem Ort Zwettl in Niederösterreich verbrachte. Etwa ein Jahr, am Ende des Krieges. Peter war noch keine zwölf Jahre alt, als die Familie Härtling fliehen musste. Zwettl, vom Vater ausgesucht, wurde zu einer Zwischenstation. Im Juni 1945 starb der Vater in sowjetischer Kriegsgefangenschaft, die Mutter wurde vergewaltigt und beging kurze Zeit später Selbstmord. Der in zu kurzer Zeit aus seiner Kindheit entlassene Härtling versucht, sich irgendwie zu orientieren. Er beobachtet, hält aus, kämpft, lebt weiter.

Für Härtling war es bestimmt auch nach den gut zwanzig Jahren, die Anfang der Siebzigerjahre vergangen waren, nicht leicht, über diese Erfahrungen zu schreiben. Er bewältigt die Aufgabe, indem er alle Urteile beiseite lässt und tut, was der Untertitel verrät. Er überprüft seine Erinnerung, besucht Zwettl, stellt Fragen. Die bloß gespielte Gewissheit lückenlos erzählter Vergangenheit ersetzt er durch die Klarheit, die sich einstellt, wenn alle Verluste auch also solche benannt werden. Zu den realen Verlusten treten Erinnerungsverluste, und das, so lese ich manche Passagen, kann auch gut und heilsam sein.

Die Klarheit und Ehrlichkeit von Härtlings Selbst-Überprüfung drückt sich auch sprachlich aus. Etwa wenn er sich korrigiert und gerade in der Doppelung präziser wird als er es durch einfaches Benennen sein könnte:

die Stube ist, ich konnte es ausrechnen, als ich durch das Fenster schaute, auf meinem unsicheren Streichgang über die Pawlatschen im Jahre 1971, etwa dreimal vier Meter groß, zwölf qm,
sie richteten sie ein,
sie haben sie nie eingerichtet, es sich einige Dinge hinzugekommen, zufällig

Härtling nimmt uns als Leser mit, während er über seine Zeit in Zwettl nachdenkt. Er schreibt nur »ich«, wenn er das Subjekt der Erinnerung ist. Schließt er nur auf das Leben, das er als Junge geführt haben muss, schreibt er in der dritten Person:

diese Gegenstände sehe ich noch deutlich vor mir: sie müssen ihn vergnügt, er muß oft mit ihnen gespielt haben

Korrekturen

Ein Kapitel heißt »Die Körstube (IV): Korrekturen «, denn der Autor lässt sich von seiner »Tante K.« korrigieren und nimmt doch nicht ganz zurück, was er geschrieben hat. Er lässt es stehen:

Sie hätten, berichtigte Tante K., nicht die ganze Zeit auf Schreibtischen geschlafen, es sei arg genug gewesen, und L. habe nie im Stockbett geschlafen; das ist ein Irrtum, das kann ich genau sagen […]
ich habe alles falsch erinnert, ich habe meinen Kinderschlaf falsch geschlafen, meine Träume an einen falschen Ort verlegt; ja, jetzt weiß ich es, […]

Dieses Nachforschen und Korrigieren wird dem Leser nicht zu viel, weil er Anteil nimmt an beiden Hauptfiguren, dem »ich«, das erinnert, aber auch dem Jungen, an den erinnert werden soll. Und weil sich in der Nachprüfung Einsichten ergeben, die die psychologische Kraft des Erzählens demonstrieren:

das Haus war nicht übel, erzähl Tante K., wir schliefen in einem Bett, ich habe uns sogar Tee kochen können, und an der Decke des Zimmers, in dem wir schliefen, war ein breiter Sprung, darum hatten wir ein wenig Angst,
ich habe dieses Haus, auch dieses Zimmer vergessen gehabt, aber jetzt weiß ich, weshalb ich manchmal träume, ich läge in einem Bett unter einer gesprungenen Decke, der Sprung wird weiter, klafft und die Decke stürzt auf mich herab;

»Wenn man tief genug in sich selbst, in seine Eigenarten eindringt, taucht man unvermeidlich in anderen Menschen wieder auf«, schrieb der Bürgerrechtler und Theologe Howard Thurman. An diesen Satz musste ich bei der Lektüre von Zwettl häufiger denken. Nie wirkt es selbst-verliebt, was Härtling schreibt. Die Menschenfreundlichkeit, die ich aus seinen Kinderbüchern kannte, wendet er auch auf sich selbst an — und das war wohl eines der Rezepte, nach denen er zu »Leben lernte«. Bestimmt werde ich weiter Härtling lesen, um das noch besser zu verstehen.

P.S.

In einem Youtube-Video beschreibt Härtling Bilder seiner Kindheit vor und nach Zwettl. Mit einer angenehmen, sanften Stimme, die er auch als Moderator einer Literatursendung einsetzte.

#15 — Eine Liste von Lieblingsdingen

Lieblingsfahrrad

Listen dienen nicht nur wunderbar dem Zeitmanagement oder der Arbeitsorganisation, sie können uns auch biografisch auf die Sprünge helfen. Eine Liste von Dingen, die Sie gerne mögen, ist eine einfache Art von Selbst-Porträt. Einfach, weil Sie weder entscheiden müssen, was vorne steht (es geht nicht um eine Rangfolge) noch wie das eine mit dem anderen zusammenhängt.

Der Journalist Stefan Mesch hat eine solche Liste zusammengestellt. Bertolt Brecht verwendete das Listen-Prinzip für ein Gedicht, »Vergnügungen«, das ausgesprochen häufig für Schreibimpulse verwendet wird (hier zum Beispiel von Gudrun Schulz).

Eine Liste von Dingen, die Sie hassen, ist wohl ebenso charakteristisch für Sie, macht aber vermutlich weniger Spaß. Doch wenn Sie gerade in der Stimmung sein sollten …

Schreibidee #15: Schreiben Sie eine Liste Ihrer Lieblingsdinge mit mindestens 25 Einträgen.

1. Hinweis: Mit »Dingen« sind nicht nur Gegenstände oder Sachen gemeint, sondern ganz allgemein alles, was einem im Leben begegnen kann.
2. Hinweis: In einem zweiten Schritt können Sie, ausgehend von Ihrer Liste, einen kurzen Text schreiben, worin Sie auf einige der Listeneinträge genauer eingehen und sich damit porträtieren. Titel: »Was ich liebe«.

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Feridun Zaimoglu: Weiter im Text

Zaimoglu_besonderes Tagebuch

Ein Ego-Dokument

Die Aufzeichnungen des Kieler Autors, die den Untertitel »Ein Tagebuch mit Bildern« tragen, eignen sich wunderbar als Beispiel für ein »Ego-Dokument«, also für einen im Vergleich zur Autobiografie oder zur ausgearbeiteten, thematisch orientierten Erinnerung eher »kleineren« autobiografischen Text, der sehr viele unterschiedliche Formen annehmen kann. In diesem Fall sind es tagebuchartige Aufzeichnungen, die jedoch auf die übliche Gliederung mit Datumsangaben verzichten. Doch der Anfang und das Ende der Aufzeichnungen sind mit »Ende März 2011« und »Pfingstmontag« klar bezeichnet.

»Weiter im Text« ist ein Neben-Werk Zaimoglus, das nicht einmal in der Wikipedia-Liste seiner Bücher auftaucht. Es besteht aus der Reproduktion von einseitig getippten und mit gelegentlichen handschriftlichen Korrekturen versehenen Schreibmaschinenseiten (Zaimoglu schreibt seine Bücher auf einer elektrischen Schreibmaschine, auf einem der Fotos von seinem Arbeitszimmer ist sie zu sehen). Dazwischen Zeichnungen des Autors, vor Porträts typisierter Zeitgenossen.

Die Prosa folgt den vor allem mit Lesungen, Arbeitstreffen, Bahnfahrten und Schreib-Perioden prall gefüllten Tagen, knapp und pointiert, umgangssprachlich-direkt, karikierend wie die Zeichnungen. Eine Kostprobe (mit Original-Zeilenumbruch):

Diabeteskongreß in Hamburg. Soll Vortrag halten.
Sieben Uhr früh, nicht wach. Steh im markierten
Feld, rauche. Frau raucht Pfeife. Auf dem Aufnäher
auf ihrer Bomberjacke steht: Lesbian by nature.
Rotes Garn. Sie sagt: Was glotzt du? Noch nie
ne Lesbe gesehen? Ich: Hab ich oft, es ist
wegen der Pfeife. Sie erzählt vom Pfeifenraucherglück.
(S. 19)

Wer solche Beschreibungen mag, sich interessiert für den (wenig glamourösen) Alltag eines professionellen Schriftstellers und harte Themen-Schnitte toleriert, findet vielleicht (wie ich) an dem Heft der Edition Eichthal Gefallen.

Porträt Zaimoglu (im Hintergrund eines seiner Bilder)

Feridun Zaimoglu, 2013, vor einem seiner Bilder.

Ehrlich, aber nicht unverschleiert

Bietet »Weiter im Text«, als Ego-Dokument, völlig unverstellte Einblicke in Zaimoglus Leben und Denken? Er selbst ist ehrlich genug, um uns als seine Leser vorzuwarnen:

Ist dies Tagebuch ein Lügenplakat?
Eine plakatierte Lüge?
Natürlich.
Nur Idioten sind durchlässig, nur Idioten sind Unverschleierte:
Affekte und Effekte brechen durch. Keine Hemmung und Zurückhaltung.
Ich gebe nicht alles preis, halte den Mindestsatz an
selbstbeschwerenden
selbstgewichtenden Erlebnissen zurück. Sonst wäre ich Luft,
zerstäubter Duft. Ich will, wenn ich allein bin, mich riechen
können. Doch alles Niedergeschriebene auf diesen Seiten ist
wahr. Und doch zu wenig.
(S. 71)

# 14 — Wahre Weihnachtsgeschichte

Engelsflügel auf dem Weihnachtsmarkt

Ich kenne eine Weihnachtsgeschichte, in der ein Vater einer Mutter einen Bildband von Norwegen schenkt.

Wir betrachteten gemeinsam die Bilder. Da waren hohe Berge, Meer und Wasserfälle zu sehen und hübsche kleine rote Häuschen. Papa sagte: »Wenn der verdammte Krieg vorbei ist, dann zeige ich euch beiden dieses wundervolle Land.«

Für den Vater sollte der Krieg nie vorbei gehen. Er starb »keine zwei Jahre nach diesem Weihnachtsfest«.

Die Geschichte stammt aus dem Buch »So feierten wir damals. Erlebte Geschichten durch das Jahr«.

Weihnachtsgeschichten müssen nicht aus märchenhaften, wunderbaren Geschehnissen zusammengesetzt werden. Das Weihnachtsfest ist selbst symbolisch genug, wir kennen seinen hohen Gefühlswert, sodass in dieser Bilderwelt noch die kleinste Beobachtung rührend wirken kann. In einer Weihnachtsgeschichte kann eine halbe Kindheit erzählt werden, oder mehr als die halbe Geschichte einer Familie.

Schreibidee #14: Schreiben Sie eine wahre Weihnachtsgeschichte aus Ihrem Leben

Hinweis: Die »Wahrheit« der Geschichte muss nicht in der Genauigkeit der Details liegen, sondern in dem, was sie über die beteiligten Menschen erzählt. Sie kann humorvoll, traurig, bissig-satirisch sein oder jedes andere Gefühl zum Ausdruck bringen, das Sie dem Weihnachtsfest gegenüber hatten oder haben.

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#13 — Kleider

Frau vor Schaufenster

Kleid Nr. 2 war […] aus brauner Schurwolle, züchtig geschnitten mit einem Tulpenrock, der oben anlag und unten weit war, einem hochgeschlossenen Kragen, der durch einen kleinen kreisrunden Schlüssellochausschnitt aufgelockert wurde, und Leisten von Goldknöpfen am Hals und an den Handgelenken. Ich war monatelang um das Kleid herumgeschlichen, bis ich genug Geld gespart hatte, um im Ausverkauf zuzuschlagen. Es kam in mein Leben, als ich gerade meinen ersten Bürojob antrat, und war die perfekte Uniform für das effiziente, asexuelle Faktotum, als das ich mich sah. Es wurde mein Markenzeichen im Büro und passte zu dem distanzieren, witzelnden Ton, den ich damals gern anschlug. Mein Freund verbrachte gerade ein Jahr im Ausland, und mir gefiel, dass das Kleid meine Unabhängigkeit und meine Unerreichbarkeit signalisierte. Kurz, Kleid Nr. 2 gab mit das Gefühl, Gold wert zu sein.

Dieses Zitat der Autorin Sadie Stein stammt aus dem Buch »Frauen und Kleider. Was wir tragen, was wir sind«, einem Sammelsurium voller biografischer Texte, Interviews und Dialoge zum Thema Kleidung, die 2015 als Übersetzung im S. Fischer Verlag herauskam. Es bietet keine Stilberatung, auch keinen Mode-Überblick, sondern zeigt, wie sehr Kleidung (Mode) als Ausdruck und Vergewisserung der jeweils eigenen Identität verstanden wird. Eben nicht nur »was wir tragen«, sondern auch »was wir sind«. (Und das gilt nicht allein für Frauen, glaube ich, aber sicherlich etwas mehr.)

Kleider sind nicht allein Gebrauchsgegenstände, sondern auch Zeichen. Bewusst oder unbewusst werden sie interpretiert und drücken etwas aus. »Kleider machen Leute«, bestimmen also die Art, wie wir von anderen gesehen werden. Darum kann man sie auch nutzen, um zu zeigen, wie man sich selbst sieht oder gesehen werden möchte.

Schreibidee #13: Schreiben Sie über ein Kleidungsstück, das Ihnen wichtig war. Was sagte es darüber aus, wer sie waren oder sind?

Hinweis: Erzählen Sie zuerst die Geschichte, woher das Kleidungsstück stammt, und beschreiben Sie es ausführlich. In einem zweiten Schritt erzählen Sie davon, zu welcher(n) Gelegenheit(en) sie es getragen haben und wie es mit Ihrem damaligen »Lebensgefühl« und damit zu tun hat, wie Sie sich sahen oder gesehen werden wollten.

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#12 — Kindheitsperspektiven

Kinder-Perspektiven

Über die eigene Kindheit lässt sich auf vielerlei Weisen schreiben. Zum Beispiel kann man ganz unterschiedliche Perspektiven wählen. Der Autor oder die Autorin kann aus seiner gegenwärtigen Sicht schreiben und alles Wissen und Können heranziehen, das er seit seiner Kindheit erworben hat, seine Kenntnis der Familiengeschichte, der Psychologie oder der historischen Umstände. Oder er/sie versetzt sich so weit wie möglich in das Kind-Ich, das er einmal war, und schreibt aus dessen Perspektive, das heißt so, dass nicht mehr beschrieben und erläutert wird, als es das Kind hätte tun können. Und in seiner kindlichen Sprache. Eine Herausforderung, der man niemals ganz gerecht werden, die aber interessante Einsichten und Tonlagen hervorbringen kann. (Ein Beispiel für die Verwendung der Kinder-Perspektive ist Hugo Hamiltons Buch »Gescheckte Menschen«)

Schreibidee #12: Schreiben Sie über eine Episode ihrer Kindheit aus zwei Perspektiven. Einmal aus der des Kindes, das sie waren, und ein zweites Mal in ihrer heutigen Sprache und mit ihrem heutigen Hintergrundwissen.

Hinweis: Fangen Sie mit einer kleinen, nicht allzu bedeutsamen Episode an, also einer kleinen Geschichte. Lassen Sie die beiden Texte anschließend eine Woche liegen, und überlegen Sie dann, worin die Vor- und Nachteile der jeweiligen Herangehensweise liegen.

[Wie immer fände ich es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Ich wünsche Ihnen viele Leser — und reichlich hilfreiches Feedback.]

Hugo Hamilton: Gescheckte Menschen

Bucheinband Gescheckte Menschen

Eine Frage der Perspektive

Dieses Buch macht es mir nicht leicht. Ich mag es, weil es ein interessantes Thema behandelt, nämlich die Kindheit des Autors in einer deutsch-irischen Familie, die beides besonders intensiv ist und sein möchte: deutsch und irisch. Interessant und lehrreich ist es auch, weil es auf ganz besondere Weise geschrieben ist, nämlich aus der Sicht des Kindes, das der Autor war – und doch auch wieder nicht. Genauer wäre es vielleicht, zu formulieren, dass es in Ich-Form geschrieben ist und im Tonfall eines Kindes. Das funktioniert stellenweise hervorragend, stellenweise wünschte ich mir beim Lesen aber auch, er möge doch endlich die Perspektive wechseln, seinen Tonfall ändern und auf andere Weise berichten, was seine bemerkenswerte Kindheit erhellte und verdunkelte.

Ich will das Wechselbad meiner Lesegefühle genauer erklären. Denn aus Hamiltons Buch lässt sich viel darüber lernen, wie man über die eigene Kindheit schreiben kann, und welches erzählerische Risiko man dabei eingeht.

Wie ist es überhaupt möglich, wahre und wahrhaftige Kindheitsgeschichten zu schreiben?

Diese Frage ist berechtigt, denn wer über seine eigene Kindheit schreibt, begegnet zwangsläufig dem folgenden Problem: Er (oder sie) ist erwachsen geworden und hat sich dabei meilenweit von der Vorstellungswelt des Kindes entfernt, das er/sie einmal war. Auch wenn er (ich lasse es jetzt einmal beim »er«, meine aber immer auch »sie«) sich sehr gut an Umstände, Personen und Episoden erinnern kann, tut er es aus einer anderen Perspektive, als es bei dem Kind der Fall war. Sein »Ich« ist ein anderes als das »Kind-Ich«. Das Ich, das schreibt, und das Ich, das beschrieben wird, tragen denselben Namen, doch in vielerlei Hinsicht sind sie nicht identisch.

Es gibt zwei Möglichkeiten, mit dieser Verdoppelung des Ich umzugehen: Entweder man berichtet über das Kind, das man war, aus der Perspektive des Erwachsenen, mit der Sprache und dem Wissen des Erwachsenen oder des älteren Menschen, oder man bemüht sich umgekehrt, so weit irgend möglich in die Vorstellungswelt des Kind-Ichs einzutauchen und sich in seiner Sprache auszudrücken. (In der autobiografischen Literatur finden sich natürlich auch alle möglichen Zwischen- und Mischformen dieser beiden grundlegenden Möglichkeiten.)

Hamilton, so scheint es, entscheidet sich für die zweite Möglichkeit. Der Tonfall, in dem er redet, ist einfach und kindlich (Junge, Grundschule), und was er schreibt, scheint sich auf die Vorstellungswelt des Kindes zu beschränken. So beginnt das Buch:

Als ich klein war, erwachte ich in Deutschland. Ich hörte die Glocken, rieb mir die Augen und sah, wie der Wind die Vorhänge bauschte. Ich stand auf, sah aus dem Fenster und erblickte Irland. Und nach dem Frühstück gingen wir alle aus der Haustür nach Irland und besuchten die Messe. Und nach der Messe gingen wir zum großen, grünen Park am Meer, weil ich Mutter und Vater zeigen wollte, dass ich auf einem Ball stehen und bis drei zählen konnte, bevor der Ball unter meinen Füßen wegflutschte. (Seite 7 der Taschenbuchausgabe, btb 2006)

Zum Inhalt

Hugo hat eine deutsche Mutter und einen mäßig erfolgreichen aber äußerst patriotischen irischen Vater, der von der Wiederbelebung der irischen (gälischen) Sprache träumt und seinen Kindern verbietet, im Haus englisch zu sprechen oder mit Kindern zu spielen, die in weniger englisch-feindlichen Haushalten aufwachsen. Zusammen mit der wachsenden Zahl seiner Geschwister wächst Hugo in diesem »Sprachenkrieg« auf und wird nicht nur mit einer gehörigen Portion irisch-patriotischer Geschichtsauslegung imprägniert, sondern außerdem mit Geschichten aus der Jugend und Familie seiner Mutter, die im nationalsozialistischen Deutschland aufwuchs und das Trauma ihrer Vergewaltigung auf einer Pilgerreise durch Irland zu bewältigen suchte. Dort lernte sie den Vater kennen, die beiden heiraten auf einer Deutschland-Reise, doch in vielerlei Hinsicht beruht ihre Verbindung auf einem Missverständnis, das sich erst nach Jahren und Jahrzehnten auf schmerzliche Weise aufklärt. Weder die deutsche Herkunft noch die extreme politische Haltung des Vaters tragen dazu bei, Hugos Alltagsleben in Dublin zu erleichtern. Er und seine Geschwister werden sowohl als »Krauts« als auch als »Paddies« ausgegrenzt und häufig beschimpft und verprügelt.

So ungefähr der Inhalt. Hamilton packt, wie inzwischen klar geworden sein dürfte, viel Stoff in die gut 300 Seiten des … »Romans«? Ja, ich habe ständig die Neigung, »Roman« zu schreiben, obwohl diese Genrebezeichnung im Titel fehlt und im Klappentext deutlich auf die Identität des Autors mit der Hauptfigur hingewiesen wird. Auf diese Frage, ob Roman oder Erinnerungen, komme ich noch einmal zurück.

Kinderaugen, Kindersprache

Zuerst möchte ich einige Stellen anführen, bei denen der Tonfall, der Hamilton wählt, gut passt, zum Beispiel im obigen Zitat, wenn die mütterliche Welt des Heimes einfach mit »Deutschland« gleichgesetzt wird, denn so muss es den Kindern erscheinen, die alles Deutsche nur von der Mutter kennen. Oder wenn es um sprachliche Eigenheiten geht:

Als Mutter ins Krankenhaus musste, wurden wir von Áine betreut. Sie stammt aus Connemara und hat andere Wörter als die Arbeiter oder die O’Neills, der Polizist oder Mutter. Sie bringt uns bei, die Stufen auf Irisch zu zählen: a haon, a dó, a trí … […] Sie nennt mich weder Hanni noch Johannes, sondern Seán und manchmal Jack, aber Vater sagt, das sei falsch. Nie solle ich zulassen, dass mich jemand Jack oder John nennt, denn das sei nicht ich. Vater hat seinen Namen ins Irische geändert. Und wenn ich älter bin, werde ich meinen Namen auch ändern. (Seite 33f.)

Oder wenn der Vater seine Kinder mit politischen Gründen traktiert, die sie nicht verstehen können. In einem Wutanfall wirft er Anstecker in Form von Mohnblumen ins Feuer, dem Zeichen der britischen Armee, die sie vom Nachbarn bekommen hatten:

Zwei große Länder hätten in diesem Krieg um viele kleine Länder gekämpft. Und mitten darin hätten die Iren beschlossen, ihre Unabhängigkeit zu verkünden. Wir dienen weder König noch Kaiser, hätten die Iren sich und allen anderen kleinen Ländern auf der Welt gesagt. Und dann können wir Vater nicht mehr folgen, denn Mutter hieß ja früher Kaiser, und außerdem weiß ich nicht, worin der Unterschied zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg besteht und wer die Nazis sind und was sie mit uns zu tun haben. (S. 57)

Auch die Hilfslosigkeit des kleinen Hugo macht diese »kindliche« Erzählerstimme deutlich, die Unmöglichkeit, aus der eigenen Haus und den eigenen Vorstellungen zu treten, und so zu sein, wie die anderen:

Wenn man in einer Bande ist, hat man das Gefühl von Stärke im Bauch. Man rennt und brüllt, und alle anderen haben Angst. Aber sie wollen mich nicht mehr, weil ich ein Träumer bin, und deshalb ist es das Beste, wenn ich mich mit dem Rücken an die Wand stelle und aufpasse, dass sie meinem Bruder nichts tun. (S. 134)

Kind-Ich als Kunstfigur

Immer mehr jedoch tritt der Erzähler heraus aus dem unmittelbaren Umfeld des deutsch-irischen Jungen, und berichtet von dem, was die Mutter ihm von ihrem eigenen Leben erzählte und von der Familiengeschichte im Kempen der Dreißiger- und Vierzigerjahre. Nicht nur das. Er berichtet sogar von dem, was sie in ihre Schreibmaschine tippt, »um all das festzuhalten, was sie niemandem erzählen kann, nicht einmal Vater. Dinge, die man nicht in einem Lied oder einer Geschichte sagen, sondern nur auf der Schreibmaschine tippen kann, damit die Menschen sie irgendwann später lesen können, allein und ohne ihr dabei in die Augen zu schauen.« (160)

Der Autor hat diese Schreibmaschinenseiten gelesen, und jetzt lässt er sie von seinem Kind-Ich erzählen, das dadurch, und hier liegt das Problem, zu einer Kunstfigur wird. Der Hugo, den uns Hamilton vorstellt, kann nicht das Kind sein, dass er war und in dessen Vorstellungswelt er sich einfühlt. Statt dessen legt er die Familiengeschichte und was er von ihr weiß in den Mund des Kindes. Er begründet mit dessen Stimme sogar, warum er es tut:

Wenn man klein ist, kann man ein Geheimnis erben, ohne zu wissen, worin es besteht. Man kann im selben Film in der Falle sitzen wie seine Mutter, denn manches erbt man, ohne es zu merken. Und zwar nicht nur Äußerlichkeiten wie ein Lächeln oder eine Stimme, sondern auch Unausgesprochenes, das man erst in späteren Jahren begreift. (S.25)

Das ist unzweifelhaft richtig. Doch indem er sein Kind-Ich als Kunstfigur entwirft, als Gefäß für das Unbewusste auch seiner Mutter und (weniger) seines Vaters, verlässt er den Bereich der Autobiografie und geht über in die Autofiktion. Er setzt also fiktionale, romanhafte Mittel ein, um vom eigenen Leben nicht zu berichten, sondern es auf künstlerische Weise zu deuten. Vielleicht hat sein deutscher Verlag das Buch deshalb nicht »Erinnerung(en)« genannt – aber weil er unschlüssig war, ob es andererseits ein Roman sei, fehlt der Untertitel ganz. Im englischen heißt er „A memoir of a Half-Irish Childhood“. Als Autofiktion oder autobiografischer Roman verliert das Buch jedoch seine Glaubwürdigkeit als Tatsachen-Bericht und enttäuscht die Erwartungen derjenigen Leser, denen es vor allem auf solche Tatsachen ankommt.

So erging es mir eine Weile, ich war enttäuscht vom ewig-jungen Tonfall, bis ich, etwa auf der Hälfte des Buches, meine Lese-Erwartungen korrigierte. Sieht man nämlich davon ab, als Leser zu dem durchdringen zu wollen, was tatsächlich geschah, in Irland und in Hamiltons Familie, wird man mit Bildern von poetischer Schönheit belohnt. Zwar funktioniert die Kunst-Stimme des Autors auch in dieser Lesart nicht durchgängig, doch es wird trotzdem deutlich, warum Hamilton es vorzog, eine Autofiktion zu schreiben und was er damit gewinnt.

Autofiktionale Passagen

Hier einige Passagen, in denen die Kind-Perspektive stark überdehnt und symbolisch aufgeladen wird:

Mutter ging mit uns durch die Stadt, um zu sehen, was von früher noch geblieben war. […] Das Einzige was fehlte, war das Haus ihrer Kindheit am Buttermarkt. Der Brunnen stand noch, aber das Haus war verschwunden. Die Häuser hatten neue Türen und Fenster. Alle Menschen hätte neue Küchen und Herde, sagte Mutter, weil man den Krieg verloren habe und den Anblick der alten Dinge nicht mehr ertragen könne. Alles müsse neu sein. (S. 225f.)

Gibt Hamilton hier wieder, was seine Mutter tatsächlich sagte, oder eher die Einstellung seiner Mutter zum boomenden Nachkriegsdeutschland?

An einer anderen Stelle wird erzählt, wie die Mutter (die Familie) von einem alten antisemitischen Artikel des Vaters erfährt:

Wenn du klein bist, weißt du nichts, und wenn du größer bist, gibt es manches, das du gar nicht wissen willst. Andere Menschen sollten nicht wissen, dass Vater die Juden in Irland zwingen wollte, Irisch zu sprechen und irisch zu tanzen. Andere Menschen sollen nicht wissen, dass er mit Schaum vor dem Mund sprach. Dass auch das Irische wie Englisch oder Deutsch eine Sprach der Mörder hätte werden können.(S. 271)

Marianne, die Schwester der Mutter, lebte in Salzburg und half Juden, sich zu verstecken. Davon wird zunächst „naiv“, dann deutlicher erzählt:

„Ich kenne lungenkranke Menschen“ sagte die Frau. „Denen würde es da oben sehr gut gefallen.“
„Ohne Auto“, sagte Marianne, „ist es ein langer Aufstieg.“
Aber das würde diesen Menschendoch nur gut tun, sagte die Frau. Die Luft würde ihnen selbst beim Aufstieg gut tun. Und so kam Tante Marianne auf die Idee, eine Pension zu eröffnen, sagt Mutter. So begannen die Leute wegen der guten Luft und der Ruhe von überall her zu ihr kommen, und so gewann sie schließlich den Ruf, eine der schönsten Pensionen Österreichs zu betreiben, eine Pension mit langer Warteliste, von der man in der Touristeninformation nichts erfuhr. (S. 283)

Und dann fährt Hamilton fort, als würde es ihm selbst ein wenig zu viel, die konspirative Sprache der Frau und die unwissende des Kindes unkommentiert miteinander zu verschmelzen:

Tante Maria musste nicht lange darüber nachdenken, sagt Mutter. Sie ging nach Hause und bereitete alles vor. Und bald darauf kam der erste Gast, eine Jüdin ohne Namen, Gesicht und Adresse. Sie blieb immer nur für zwei oder drei Tage, dann zog sie in ein anderes Haus. (S. 284)

Nahe am Scheitern, vielleicht der Preis für Poesie

Die einzige Stellen, an denen ich mir über die Unangemessenheit von Hamiltons Erzählperspektive im Klaren bin und nicht schwanke zwischen Faszination und Ablehnung, haben damit zu tun, dass das Kind Hugo wächst und jetzt offensichtlich gar kein Kind mehr ist, sondern ein Jugendlicher, der sich eigentlich gegen diese sprachliche Verkleinerung wehren sollte, wie es Jugendliche tun.

Also ging ich nach Hause und sagte Vater, dass ich ihn töten wolle. Ich sagte ihm, ich wolle keine sterbende Sprache mehr sprechen, nur noch Killersprachen, und dann fragte ich ihn, wie ihm die Aussicht gefalle , demnächst von seinem eigenen Sohn getötet zu werden. Er nahm die Brille ab und sagte, ich solle nur machen. Aber ich machte nichts. Ich sagte nur das, was sie in der Schule sagen, wenn sie Angst haben. Ich sagte, dass mir meine Kraft dafür zu schade sei. (S. 296f.)

Hier übertritt das Kind-Ich seinen Zuständigkeitsbereich. Es mag als Medium für das bewusste und unbewusste Familienerbe fungieren, doch sich selbst als jugendlicher Rebell kann es nicht mehr in sich aufnehmen.

Trotz (oder vielleicht gerade wegen?) dieser Schwächen sollte jede/r das Buch lesen, der vorhat, über die eigene Kindheit aus der Sicht seines früheren Kind-Ichs zu schreiben. Vielleicht hätte es nur ein wenig kürzer sein sollen, dann wäre alles in schönster Ordnung und man könnte seinen betörenden, beinahe hypnotischen Tonfall bis zum Ende genießen, und die sprachlichen Bilder, die er hervorbringt:

Solche Dinge kann man erben. Sie sind wie ein Stein in der Hand. Ich habe Angst, irgendwann wie Vater zu hinken. Ich habe Angst, die Zungenspitze aus dem Mundwinkel zu schieben, wenn ich etwas repariere. Ich weiß, dass ich anders sein muss. Ich muss andere Musik hören (S.308)

Emmanuel Carrère: Alles ist wahr

Emmanuel Carrère 2009

Wer das Buch des französischen Drehbuchautors und Schriftstellers Emmanuel Carrère in die Hand nimmt, den Klappentext liest und das Titelbild betrachtet, muss annehmen, dass es (ausschließlich) die Geschichte eines Paares erzählt, das in der Tsunami-Katastrophe 2004 seine kleine Tochter verlor. Tatsächlich nimmt diese Geschichte jedoch nur einen verhältnismäßig kleinen Teil des Buches in Anspruch, die ersten 50 Seiten von ungefähr 240. Carrère hat die Tragödie während eines Urlaubs in Sri Lanka miterlebt, er selbst hätte Opfer des Tsunami werden können und beschreibt die Tage danach, in denen seine Frau Hélène und er sich an ihrem zur Hälfte zerstörten Ferienort um die Eltern und den Großvater des toten Kindes kümmern, in großartiger Eindringlichkeit und Prägnanz. Der Text ist autobiografisch, weil er der Perspektive des Autor-Ichs verpflichtet bleibt und offen von seinen Gefühlen und Grenzen spricht, doch dabei konzentriert er sich auf die Menschen, die dem Ich begegnen, und versucht, ihrem Leiden schreibend gerecht zu werden. Sie sind die eigentlichen Hauptpersonen des Buchs, das so zu einer „Mischung von Autobiografie und Reportage“ wird, wie Lauren Elkin in ihrer gründlichen Analyse von Carrères Werk schreibt (englisch).

Falsch vorbereitet durch den Klappentext (und vom vagen deutschen Titel »Alles ist wahr«), wundert man sich als Leser, wenn Carrère auf Seite 54 scheinbar das Thema wechselt und nun seine Schwägerin Juliette in den Mittelpunkt stellt, die Anfang dreißig, noch am Beginn ihrer Karriere als Richterin, Mutter dreier kleiner Töchter, einen Krebs-Rückfall erleidet und binnen eines Jahres stirbt. Zur dritten Hauptperson wählt er sich den Arbeitskollegen Juliettes, der sich der Familie nach ihrem Tod vorstellt, um ihnen von Juliettes großen Leistungen als Richterin zu erzählen, Étienne Rigal. Wie Juliette litt er bereits in jungen Jahren an Krebs, so dass ihm das Bein amputiert werden musste. Anders als im Falle der Tsunami-Tragödie beginnt der Autor nun zu recherchieren, spricht mit Juliettes Mann und ihren Eltern, ganz ausführlich mit Étienne und absolviert sogar eine Art »Praktikum« im Amtsgericht von Vienne, um dessen und Juliettes richterliche Praxis nachvollziehen zu können.

Wo ist der Zusammenhang?

Die Kritik liegt nahe: Hängt das alles nachvollziehbar zusammen? Thomas Laux von der Neuen Züricher Zeitung (Artikel vom 1. Juli 2014), meint: nein. Die Mixtur aus autobiografischem Material, französischem Strafrecht und den Leiden von Krebskranken und Amputierten bliebe unverständlich. »Flüchtigkeit allen Seins«, das sei als einigendes Thema zu wenig. (Das und mehr Kritiken des Buchs sind hier zu finden.) Was Laux womöglich übersieht, ist der Lektüreschlüssel, den uns Carrère mit dem französischen Originaltitel mitgibt, der »D’autres vies que la mienne« lautet, »Von anderen Leben, als meinem«. Ziel Carrères war es also gerade, sich auf das Leben von Menschen zu konzentrieren, die ihm auf die eine oder andere Art begegneten und die ihm bedeutsam vorkamen, ohne dass er dabei seine grundlegende Technik der offen autobiografischen Herangehensweise aufgeben wollte. Der Autor und Erzähler bleibt stets im Bild, was den Bericht an vielen Stellen besonders wahrhaftig erscheinen lässt. Die Recherche wird miterzählt, die Entstehung des Textes nachvollzogen, was ich vor allem als biografisch Schreibender zu schätzen weiß. Anders als bei reinen Biografien, die im historisch-neutralen Stil gehalten oder romanhaft gerundet werden, macht er sich mit dieser Vorgehensweise jedoch auch angreifbar: Der Grat zwischen Wahrhaftigkeit und einem Sich-ins-Bild-Drängeln des Autors ist schmal wie der Zwischen Mitgefühl und Voyeurismus.

Entwicklung einer »Methode«

Emmanuel Carrères berühmtestes Buch (auf Deutsch derzeit leider nicht lieferbar) heißt »Amok« (frz.: »L’Adversaire«) und erzählt von einem Mann, der seine Familie nach achtzehn Jahren der Lüge, in denen er allen vorgemacht hatte, ein angesehener Arzt zu sein, umbrachte, um unentdeckt zu bleiben, Eltern, Frau und Kinder. Um diese Ungeheuerlichkeit begreifen und über diesen Fall schreiben zu können, entwickelt Carrère jene besondere Erzählweise, in der die Recherche und das Leben des Autors zusätzlich thematisiert wird, um dem Leser keine fertigen Behauptungen und Analysen vorsetzen zu müssen. Im Vorgängerbuch zu »Alles ist wahr«, »Ein russischer Roman« erforschte er in ähnlicher Weise das Leben seiner eigenen Familie, vor allem das Geheimnis um seinen georgischen Großvater. Von hier, einer Recherche in ganz eigener Sache, ist die Wendung zu »anderen Leben als meinem« zu verstehen.

Was kann man lernen?

Worin besteht nun die besondere Qualität von Carrères Buch, die es auch lehrreich macht für alle, die (auto)biografisch schreiben? In seiner Offenheit ähnelt es den Büchern von Karl Ove Knausgård — oder vielmehr umgekehrt, denn Knausgård begann erst 2009, seine sechsbändige Autobiografie zu veröffentlichen. Carrère dagegen steht in der Tradition der französischen »Autofiktion«, dem literarisch ambitionierten und mit fiktionalen Techniken angereicherte autobiografischen Schreiben. Was gerade »Alles ist wahr« interessant macht, sind zwei Stärken: Die große Zahl der Figuren-Porträts, die von knappen Formulierungen bis zur ausgearbeiteten Charakterstudie reichen, und die Stellen, in denen Carrère seine eigene Vorgehensweise vorstellt und für den Leser durchsichtig macht.

Beispiele

Bei der Charakterisierung seiner »Figuren« achtet Carrère besonders auf das Milieu oder die soziale Schicht, etwa in dieser Passage auf S. 157 der deutschen Taschenbuch-Ausgabe:

Juliette wohnte bei ihren Eltern, und jedes Mal, wenn er sie in ihrer großen Wohnung in der Nähe von Denfert-Rochereau aufsuchte, fühlte er sich fürchterlich unwohl. Als hochrangige Wissenschaftler sind Jacques und Marie-Aude katholisch, elitär und konservativ, und Patrice hatte das Gefühl, dass sie auf ihn von oben herab blickten — wie auch auf seine Familie, in der man provinziell und Real- oder Grundschullehrer ist und mit alten Klapperkisten voller Anti-Atomkraft-Stickern herumfährt. Das Dogma seiner Familie ist die Diskussion: Man kann über alles, ja muss über alles diskutieren, aus der Diskussion entspringt die Erkenntnis. Nun ist aber in den Augen von Juliettes Eltern — wie übrigens auch in denen meiner eigenen — mit einem Öko aus den Savoyen, der glaubt, Mikrowellengeräte seien gesundheitsschädlich, etwas so viel Diskussion möglich wie mit einem, der behauptet, die Erde sein flach […]

Zuletzt einige Beispiele für Carrères biografische Offenheit und Transparenz:

Ich weiß nicht, ob der vorige Absatz letztlich im Buch stehen wird. Étienne hatte sich klar und deutlich ausgedrückt: Du kannst über alles schreiben, wovon ich dir erzähle, ich möchte nicht die geringste Kontrolle ausüben. Trotzdem könnte ich gut verstehen, wenn er vor der Veröffentlichung den Text lesen und mich bitten würde, über diese Episode kein Wort zu verlieren. Eher aus Rücksicht auf seine Familie als aus Scham, denn ich bin mir sicher, dass er sich nicht dafür schämt: […] Von dem, was ihn menschlich, arm, fehlbar und großartig macht, will er nichts abschneiden, und deshalb will auch ich die Erzählung seiner Lebens nicht beschneiden.
(Notiz von Étienne, am Seitenrand des Manuskripts: „Kein Problem, behalt es drin.“)(S. 101f.)

Ab hier bewege ich mich auf dünnem Eis. Ich nehme an, dass er in seiner Analyse viel von seinem Krebs gesprochen hat, und um die Dinge beim Namen zu nennen: Es erstaunt mich, dass Étienne bei einem solchen Glauben ans Unbewusste einer psychosomatischen Interpretation von Krebs so ablehnend gegenübersteht. […]
Er sagte das bereits am ersten Tag, dem Tag der Begegnung mit Juliettes Familie, und er wiederholte es mehrmals bei unserem ersten Zwiegespräch, und ich nickte jedes Mal, als sei ich seiner Meinung; aber tatsächlich bin ich mir nicht sicher, ob ich seiner Meinung bin.(108)

An dem Tag, als eine große Verbraucherbank Étienne um ein Treffen bar, lief ihm ein Schauer des Triumphes über den Rücken. Er schlug einen Termin vor. Zu viert betraten sie sein Büro: zwei Unternehmenskader, von denen einer extra aus Paris angereist war, und zwei Anwälte aus Vienne. Ich würde Ihre Begegnung gern wie eine Krimiszene erzählen. Sie beginn ganz harmlos mit einem Scherz: Sie sind also dieser Spielverderber? Doch dann verwandeln sich die Scherze in verdeckte Drohungen […] Schließlich bleibt der Redende vor dem Richter stehen und sagt mit verzerrtem Mund: Ich werde Sie plattmachen. Er schnappt sich irgendetwas vom Schreibtisch, zermalmt es zwischen seinen bleichen, nervösen Händen und lässt beim Öffnen der Faust die Reste herauskrümeln: Ich mache Sie so platt. Tatsächlich lief die Sache ganz anders. Das Gespräch blieb höflich […] (146)

#11 — Gang durchs Museum

Monet: Häuser am Ufer der Zaan (1871)

Welche Kunstwerke uns ansprechen, hat sehr viel mit unserer Geschichte, unserer Identität zu tun. Meistens sind es nur wenige Bilder, die uns beim Gang durch ein Museum wirklich berühren. Warum es gerade dieses oder jenes Werk ist, das uns deutlicher anspricht, ist oft nicht klar. Es lohnt sich, ein wenig darüber nachzudenken.

Gerade dafür, zum Nachdenken, eignen sich Museen wunderbar (zum Beispiel das Städel Museum in Frankfurt, in dem das Gemälde Häuser am Ufer der Zaan von Claude Monet hängt, das ich als Illustration dieses Schreibimpulses ausgewählt habe). Wer nicht durch ein richtiges Museum gehen kann oder möchte, dem empfehle ich das Google Arts Project. Klicken Sie sich einfach von der Übersicht bis zu einem Bild, das Sie fasziniert.

Schreibidee #11: Beschreiben Sie ein Gemälde (oder eine Skulptur, eine Installation), die Sie besonders anspricht. Überlegen Sie, woran das liegen mag. Suchen Sie nach Anhaltspunkten dafür in Ihrer Biografie und erläutern Sie sie mit einer Geschichte.

Hinweis: Begnügen Sie sich nicht mit simplen Geschmacksurteilen wie: »Grün war schon immer meine Lieblingsfarbe«. Auch Ihr Geschmack hat sich gebildet, unterlag Einflüssen und Entwicklungen. Viele unsere Lebensentscheidungen haben etwas damit zu tun, was wir schön finden und was nicht.

[Wie immer fände ich es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Ich wünsche Ihnen viele Leser — und reichlich hilfreiches Feedback.]