Alle Artikel von Stefan Kappner

#10 — All‘ meine Wege

Reinhard Mey hat für beinahe alle Lebenslagen ein Lied parat. In seinem Lied „All‘ meine Wege“ singt er von einem Gefühl, das sich beim Rückblick auf das eigene Leben einstellen kann, das Gefühl von Stimmigkeit, das manche Schicksal nennen.

Doch, sicher, ab und zu mach‘ ich mir schon Gedanken,
Manchmal sogar les‘ ich mir selber aus der Hand.
Um zu erfahr‘n, was ich längst weiß, denn meine Schranken
Und meine Fehler, glaub‘ mir, sind mir gut bekannt.
Und ich weiß auch, daß ich genau dieselben Fehler
Wieder und wieder machen mußte, und ich seh‘
All‘ meine Wege und alle Schritte mußten dahin führ‘n, wo ich steh‘.

Hier können Sie den vollständigen Text lesen.

Stimmen Sie Mey zu, oder haben Sie im Gegenteil den Eindruck, dass es in Ihrem Leben viele Möglichkeiten gegeben hätte? Das Ihr gegenwärtiges Leben auch ganz anders sein könnte? Was halten Sie vom Begriff des Schicksals oder der göttlichen Fügung? Ich schlage vor, dass  Sie dieses Themas nicht abstrakt behandeln, sondern anhand eines ganz bestimmten Ereignisses in Ihrem Leben.

Schreibidee #10: Beschreiben Sie eine Phase in ihrem Leben, an dem sich die Wege kreuzten und eine Entscheidung fiel. Überlegen Sie, wie Ihr Leben verlaufen wäre, wenn es anders gekommen wäre. Bedenken Sie im Rückblick: War es Schicksal oder Zufall? Hätte es anders kommen können, oder mussten Ihre Schritte, wie Reinhard Mey singt, dorthin führen, wo Sie heute stehen?

Wenn Sie Lust haben, können Sie sich das Lied auch anhören. (Datenschutzhinweis: Wenn Sie das Video anklicken, wird Ihre IP-Adresse an YouTube übermittelt. Mehr dazu erfahren Sie in der Datenschutzerklärung.)

[Wie immer fände ich es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Ich wünsche Ihnen viele Leser — und reichlich hilfreiches Feedback.]

7 Gründe, Karl Ove Knausgård zu lesen

Wer sich daran machen möchte, die eigene Lebensgeschichte (ausführlich) zu beschreiben, der sollte sich die Zeit nehmen, Knausgård zu lesen.

Das sechsbändige autobiografische Werk des norwegischen Autors Karl Ove Knausgård genießt derzeit große öffentliche Aufmerksamkeit. Allein die Zahlen lassen aufhorchen: Mehrere tausend Seiten, die in Norwegen innerhalb von nur drei Jahren erschienen. Der erste Band verkaufte sich dort etwa eine halbe Million Mal (es gibt nur gut 5 Millionen Norweger), auch in den USA wurde »Min Kamp« (»Mein Kampf«), wie Knausgårds Reihe im Original heißt, zum Bestseller. Die deutschen Verkaufszahlen kenne ich nicht, doch in den Buchläden liegen hohe Stapel. Hierzulande erschienen die sechs Bände von 2011 bis 2017 unter den Titeln »Sterben«, »Lieben«, »Spielen«, »Leben«, »Träumen« und »Kämpfen«. Der Originaltitel, der auf norwegisch ironisch-provokativ wirken mag, hätte in Deutschland nur verstörend und abschreckend gewirkt, darum wurden er durch Einzeltitel ersetzt. Auf englisch heißen die Bücher übrigens konventioneller »A Death in the Family«, »A Man in Love«, »Boyhood Island«, »Dancing in the Dark« und »Some Rain Must Fall« – der sechste Band scheint noch nicht übersetzt zu sein.

»Sterben«

Im Folgenden beschränke ich mich auf den ersten Band, »Sterben«, in dem sich Knausgård in erster Linie mit seinem Vater auseinandersetzt, seiner für den jungen Karl Ove beängstigenden Strenge, seiner Alkoholsucht und seinem frühen Tod. Es fällt schwer, den Inhalt knapp wiederzugeben, denn Knausgård folgt nicht der Chronologie der Ereignisse. Teil 1 von »Sterben« besteht aus Kindheits- und Jugenderinnerungen, deren Auswahl und Platzierung sich oft nicht (sogleich?) erschließt. Der Vater spielt nur gelegentlich die Hauptrolle, es geht auch um Mädchen, erste Partys, die Schule, Sport, Musik und mehr. Teil 2 ist klarer gegliedert. Zentrum und Gerüst ist der Zeitabschnitt vom Tod des Vaters bis kurz vor seiner Beerdigung: Gemeinsam mit seinem Bruder fährt der Ich-Erzähler Karl Ove nach Kristiansand, wo sein Vater die letzten Jahre bei seiner Mutter lebte und das Haus in eine Müllhalde verwandelte. Auch Karl Oves Großmutter, das finden die Brüder heraus, konnte die Zustände nur mit Alkohol ertragen. Die beiden machen sich daran, die Flaschen und den Müll wegzuwerfen und das Haus für die Beerdigung vorzubereiten. Zugleich kümmern sie sich um die verstörte Großmutter, die ihren Sohn tot auffand.

Eine besondere Qualität erreicht Knausgårds Prosa dort, wo sie sich der Verkürzung verweigert und in der Wiederholung der Putzvorgänge, Autofahrten und Gespräche die Zähigkeit und Hartnäckigkeit des Lebens deutlich wird, das von Tag zu Tag gelebt werden muss, gerade in solchen Krisensituationen. Weder dem Schmutz noch der Erinnerung kann Karl Ove entrinnen, weder dem Vater noch sich selbst.

Knausgård als Inspiration für das biografische Schreiben

Mir geht es hier nicht darum, den literarischen Wert von »Sterben« zu bestimmen. Statt dessen möchte ich zeigen, warum es für angehende Selbst-Lebens-Beschreiber fruchtbar sein kann, Knausgård zu lesen. In diesem Sinne können sogar die vermeintlichen oder echten Schwächen des Buches hilfreich sein. Weil sie beim Norweger gleichsam im »Breitwandformat« zu beobachten sind, klar und deutlich.

1. Grund: Um die Vielfalt kennenzulernen

In Knausgårds Prosa findet sich beinahe alles, was in autobiografischen Texten vorkommen kann: Alltagsepisoden, die Populärkultur (Filme, Musik, Bücher), die in unserer Unterhaltungsgesellschaft einen immer breiteren Rahmen einnimmt, psychologische Betrachtungen und Selbst-Reflexionen, Landschaftsbeschreibungen, literarische Portraits, philosophische Überlegungen, Betrachtungen zum Schreiben, zu Kunst, dramatische Szenen, »erfundene« (literarisch überformte) Dialoge und unzweifelhaft Authentisches. So erfährt der Leser, wie vielfältig das autobiografische Schreiben sein kann, wo schlicht alles Platz hat, was dem Autor wichtig ist. Denn weil Autor, Erzähler und Hauptfigur hier zusammenfallen, zeigt sich die Hauptfigur auch durch in der Auswahl, die der Autor trifft.
Frage: Wer würde die technischen Ausführungen eines passionierten Maschinenenbauers über Hunderte von Seiten lesen, der etwa seine Erfindungen erklärt und das zum Teil seiner Autobiografie macht. Antwort: Die seine Leidenschaft teilen – und andere, je nachdem, wie gut es geschrieben ist.

2. Grund: Um der Kluft zwischen Erzählbedürfnis und Gedächtnis nachzuspüren

Knausgård beschreibt manche lange zurückliegenden Alltagssituationen sehr genau, etwa diese:

Ich setzte mich und aß weiter. Kurz darauf nahm ich die Teekanne und goss ein. Dunkelbraun, irgendwie holzartig, stieg der Tee an den weißen Wänden der Tasse hoch. Ein paar Blätter trieben wirbelnd mit, die anderen legten sich wie ein schwarzer Teppich auf den Boden. Ich goss Milch dazu, rührte drei Löffel Zucker ein, wartete, bis sich die Teeblätter wieder auf den Boden gelegt hatten, und trank.
Mm.
Unten auf der Straße sauste blinkend ein Schneepflug vorbei. Dann wurde die Haustür geöffnet. […]

Sicherlich hat sich diese Szene so ähnlich abgespielt. Knausgård trank als Heranwachsender sicherlich eine Menge Tee. Doch ob der Schneepflug genau zu dem bezeichneten Moment am Haus vorbeifuhr? Offensichtlich wollte der Autor hier eine typische Szene beschreiben, eine Stimmung hervorrufen. Doch wegen der vielen Wiederholungen solcher Alltags-Ereignisse ist es uns im allgemeinen nicht gegeben, einzelne von ihnen in dieser Klarheit und Genauigkeit zu erinnern. Oder besitzt Knausgård ein phänomenales Gedächtnis?

An einer anderen Stelle schreibt er: »Mein Erinnerungsvermögen war nicht der Rede wert, aber Yngve [sein Bruder] hatte ein Elefantengedächtnis, […]« Und als er einen Satz seines Vaters wiedergibt, heißt es:

Warum erinnerte ich mich daran so gut? Normalerweise vergaß ich praktisch alles, was die Leute, ganz gleich, wie nahe sie mir standen, zu mir sagten, und nichts an der Situation damals deutete drauf hin, dass es eine unserer allerletzten Begegnungen sein würde.

Es sollte also klar sein, dass Knausgård die Tee-Szene nicht erinnerte, sondern rekonstruierte. Man sollte nicht vergessen, dass er Schriftsteller ist und vor »Sterben« zwei Romane veröffentlichte. Er beherrscht seine literarischen Mittel. Er möchte etwas erzählen, was nicht mehr eins zu eins in seinem Gedächtnis vorliegt. In diese Lage kommt jeder, der über sein Leben schreibt.

Die literarische Qualität der gestalteten Szenen (und Dialoge, dazu gleich) führt dazu, dass Knausgårds „Mein Kampf“-Bücher bei Waterstones (in England) bei den Romanen steht. Man könnte sie als autobiografische Romane bezeichnen. In Frankreich wurde dafür ein anderer Terminus erfunden: Autofiktion.

3. Grund: Um zu lernen, Dialoge zu »erfinden«

Wie stellt man vergangene Gespräche dar? Gespräche können das Leben entscheidend beeinflussen – darum muss von wichtigen Gesprächen die Rede sein. Doch wohl kaum jemand erinnert sich an den genauen Wortlaut. Meist trifft zu, was Knausgård im obigen Zitat sagt. Und wer mit der Aufzeichnung und Transkription von Gesprächen zu tun hatte, weiß, dass sie oft viel ausführlicher sind, als wir erinnern. Vieles wird wiederholt, anderes nur angedeutet, so dass es nur im Zusammenhang der Situation restlos verständlich wird. Halbsätze, »Äh«s und »Mmm«s: Eine wortgenaue Wiedergabe von Gesprächen ist also weder möglich, noch wünschenswert. Möglich wäre es, die Gespräche nur zusammenzufassen (wer war beteiligt, was war das Thema, worin bestand das Ergebnis) oder sie in indirektere Rede wiederzugeben, so dass das Problem der Wörtlichkeit entfiele.

Knausgård entscheidet sich stattdessen meistens dafür, den Dialog zu rekonstruieren, wie er es auch mit den Alltagssituationen tut. Gelegentlich entstehen so recht banale Dialoge (zur Banalität: siehe 4. Grund), doch insgesamt erreicht er so eine bessere Lesbarkeit. Denn wörtliche Rede ist naturgemäß leicht zu verstehen.
Die Vielfalt der Dialoge bei Knausgård lädt dazu ein, sich über ihre Funktion und Wirkung Gedanken und machen und zu entscheiden, wie man selbst mit Gesprächen umgehen möchte. Zwei Beispiele, zuerst aus Knausgårds Schulzeit:

Eines Abends hatte sich mich zu Hause angerufen.
»Hallo, Karl Ove, hier ist Rita«, meldete sie sich.
»Rita?«, sagte ich.
»Ja, du Dummkopf. Rita Lolita.«
»Hallo«, sagte ich.
»Ich wollte dich was fragen«, meinte sie.
»Ja?«
»Willst du mit mir gehen?«
»Was hast du gesagt?«
»Noch einmal. Willst du mit mir gehen. Das ist eine simple Frage. Es ist allgemein üblich, dass du darauf mit Ja oder Nein antwortest.«
»Ich weiß nicht …«, erwiderte ich.
»Ach, nun komm schon. Wenn du nicht willst, dann sag es.«
»Ich glaube eher nicht …«, sagte ich.
»Also nicht«, sagte sie. »Dann sehen wir uns morgen in der Schule. Mach’s gut.«

Das zweite Gespräch findet zwischen den Brüdern im Haus der Großmutter statt:

»Hat sie dich auch gefragt, ob wir oft trinken?«, sagte ich. »Mich hat sie das jedenfalls schon mindestens zehn Mal gefragt, seit wir hier sind.«
»Ja, hat sie«, sagte er, »Die Frage ist, ob wir ihr nicht was geben sollten. Sie braucht unsere Erlaubnis ja eigentlich nicht, aber sie bittet uns darum. Also … Was meinst du?«
»Was sagst du da?«
»Hast du das nicht kapiert?«, sagte er und blickte wieder auf. Ein schwaches, freudloses Lächeln spielte um seine Lippen.
»Was kapiert?«
»Sie will was trinken. Sie ist verzweifelt.«
»Grußmutter?«
»Ja. Was meinst du, sollen wir ihr was geben?«
»Bist du sicher, dass es ihr darum geht? Ich habe gedacht, das Gegenteil wäre der Fall.«
»Das habe ich auch erst gedacht. Aber wenn man ein bisschen darüber nachdenkt, liegt es eigentlich auf der Hand. Er hat hier lange gewohnt. Wie hätte sie es sonst ertragen sollen?«
»Sie ist Alkoholikerin?«
Yngve zuckte mit den Schultern.

4. Grund: Um sich mit der Problematik der Banalität auseinanderzusetzen

Die Kritiken zu Knausgårds autobiografischer Reihe lesen sich vorwiegend positiv, manche sind begeistert, doch es gibt auch Verrisse. Die Schweizer Kritikerin Sieglinde Geisel sagt im Interview: »Ich finde es seltsam, wenn Literaturkritiker nicht unterscheiden können, welche Literatur uns erschüttern und verändern kann, und welche die Funktion des Tröstens, vielleicht sogar des Betäubens übernimmt. Ich habe das Gefühl, man hat Angst seine eigene Meinung zu vertreten. Das geht so weit, dass einer der berühmtesten Literaturkritiker – James Wood – im »New Yorker« sagte »Die Banalität ist so extrem, dass es schon wieder grossartig ist.« Ich habe das Gefühl, er erkennt, dass die Bücher furchtbar banal, öde und langweilig sind. Er wagt aber nicht zu sagen, dieses Ding sei einfach nur langweilig. Er fühlt sich verpflichtet, das Buch zu adeln, um nicht aus dem Rahmen zu fallen.« (Quelle: https://www.srf.ch/kultur/literatur/knausgaards-buecher-sind-furchtbar-banal-oede-und-langweilig)

Im Rolling Stone Magazin habe ich eine Antwort auf diesen Vorwurf gefunden:
„Er schreibt Sätze von erschütternder Banalität und doch nehmen seine Erzählexzesse gefangen, die ganze erzählerische Verve ist größer als die Addition der Sätze. Wir alle sind Knausgård  – erschreckender Durchschnitt und großartige Einzigartigkeit.“
(Quelle: https://www.rollingstone.de/reviews/karl-ove-knausgard-leben/)

Es kommt also darauf an, wie man mit dem an sich Banalen (also dem angeblich nicht Erzählenswerten) umgeht. Man kann es auf eine Weise einordnen, die seine Einzigartigkeit erkennbar macht.

Wenn Sie Ihre Erinnerungen schreiben wollen, begegnen Sie unweigerlich dem Banalitäts-Einwand. »Ist das denn überhaupt interessant?« – wenn es sonst niemand tut, werden Sie es sich selbst fragen. Die Knausgård-Lektüre kann Ihnen zeigen, wie man dem Einwand begegnet, ihn vielleicht sogar fruchtbar macht.

5. Grund: Um die Frage der Ehrlichkeit zu klären

Ehrliche Menschen werden geschätzt. Weil wir wissen, dass es nicht leicht fällt, ehrlich zu sein. Und weil es uns anstrengt, mit Leuten zu sprechen, die sich erhöhen und stilisieren, so dass unser Selbstwertgefühl herausgefordert wird. Das Gegenteil kann ebenso strapaziös sein: Wer sich kleinredet, scheint auf Mitleid und Tröstung zu warten. Nach dem Literaturwissenschaftler Philippe Lejeune schließt der Autor einer Autobiografie eine Art Vertrag mit dem Leser, den »autobiografischen Pakt«: Was ich hier schreibe, ist ehrlich und entspricht der Wahrheit (nach bestem Wissen und Gewissen). Warum sonst sollte man eine Autobiografie lesen (und nicht einen Roman oder eine historische Darstellung)?
Doch wer ehrlich ist, muss noch lange nicht alles von sich preisgeben. Manche Autoren sprechen von sich nur als öffentliche Person und lassen alles Allzu-Persönliche beiseite. Andere erlauben Einblicke in die intimsten Bereiche – Jean-Jacques Rousseau (»Die Bekenntisse«) war hier Vorreiter, seither gab es alle Arten von Entblößung.

Auf einer Skala der Offenheit erreicht Knausgård hohe Werte, doch anders, als das Presseecho es vermuten lässt, gibt es Grenzen. Es ist interessant zu lesen, wo diese verlaufen. Und es ist wichtig zu überlegen: Wo sollten meine Grenzen verlaufen?

6. Grund: Wegen Knausgårds Überlegungen zum (autobiografischen) Schreiben

Wer von sich selbst und seinem Leben schreibt, ist damit in der gleichen Situation wie es Karl Ove Knausgård war. Darum sind seine Bemerkungen zum Erinnern und Schreiben interessant. Wir erfahren, was er dachte, und lesen, welche Art von Prosa er deshalb gewählt hat. Ein Beispiel:

Die Geräusche an diesem Ort waren für mich, genau wie der Rhythmus, in dem sie auftauchten, neu und unbekannt, würden mir aber schon bald so vertraut sein, dass sie wieder verschwanden. Man weiß zu wenig, und es existiert nicht. Man weiß zu viel, und es existiert nicht. Schreiben heißt, das Existierende aus den Schatten dessen zu ziehen, was wir wissen. Darum geht es beim Schreiben. Nicht, was dort geschieht, nicht, welche Dinge sich dort ereignen, sondern es geht um das Dort an sich.

7. Grund: Um die Wirkungen des autobiografischen Schreibens besser zu verstehen

In Band 6 der Reihe, »Kämpfen«, schließt sich für Knausgård der Kreis und er schildert und reflektiert die Geschehnisse rund um die Veröffentlichung von »Sterben«. Auf diese Weise führt er vor, wie autobiografisches Schreiben und Literatur ins Leben zurückwirkt, und was das für das Schreiben selbst bedeutet. Denn auch das dickste Buch ist eine Art Brief, ein offener Brief. Das Schreiben und das Lesen, das Gelesen-Werden sind zwei Seiten einer Medaille – auch wenn das Buch kein Welterfolg wird, wenn es vielleicht nur eine Handvoll Leser findet.

Mein Fazit: Wenn Sie Knausgårds autobiografische Romane gelesen haben (es müssen ja nicht gleich alle sein, »Sterben« ist wohl der beste Einstieg), werden Sie sehr viel besser wissen, wie Sie selbst schreiben wollen – und wie nicht.

(Und hoffenlich haben Sie auch ihr Vergnügen bei der Lektüre – ein 8. Grund).

#9 — Fotogeschichte

Alte Fotografien

Zwei Dinge können uns mit einer Fotografie verbinden: Erstens der tatsächliche Zusammenhang mit unserer Biografie, zum Beispiel wenn es ein Bild ist, das bei unserer Einschulung gemacht wurde und uns mit Schultüte zeigt. Eine solche Fotografie nenne ich dokumentarisch. Und zweitens die Bedeutung, die sie für uns heute hat. Zum Beispiel die Fotografie unserer verstorbenen Lieblingstante oder die Ansicht einer Stadt, die wir gerne besuchen würden. Dann ist sie symbolisch, also ein Foto-Symbol oder ein Bedeutungs-Foto.

Diese Schreibidee widmet sich biografischen Foto-Symbolen. Ein Bild ist stets mehrdeutig. Selbst wenn wir die Personen, Dinge, Landschaften und so weiter kennen, die abgebildet sind, lässt es sich auf verschiedene Weise »sehen« und interpretieren. Sie müssen erzählen, warum Ihnen gerade dieses Foto so wichtig ist — und erzählen zugleich viel über sich und Ihr Leben.

Schreibidee #9: Beschreiben Sie eine Fotografie, die eine wichtige Bedeutung für Sie hat. Gehen Sie ins Detail, sodass sie ein Leser auch vor sich sieht, wenn die Fotografie nicht zugleich abgebildet wird. Erklären Sie dann, was die Fotografie für Sie bedeutet.

[Ich fände es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. (Wenn Sie mir das Foto zukommen lassen, kann ich es ebenfalls veröffentlichen. Das ist aber nicht zwingend nötig.) Ich wünsche Ihnen viele Leser — und reichlich hilfreiches Feedback.]

 

#8 — Veränderung

In den Bach steigen (und ihn festhalten)

Es gibt unvermeidbare Veränderungen — wie das Älterwerden, unerwartete Veränderungen und solche, die wir selbst herbeiführen. Schleichend oder plötzlich, meistens unumkehrbar.

Ganz eigentlich besteht das Leben aus Veränderungen: »Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen«, schrieb Heraklit. Eine Geschichte ergibt sich, wenn man eine Veränderung aus dem ständigen Fließen herauspräpariert und das Vorher (Anfang), den Prozess der Veränderung (Mitte, Höhepunkt der Geschichte) und das Danach (Ende) im Zusammenhang darstellt.

Schreibidee #8: Schreiben Sie die Geschichte einer Veränderung. Beschreiben Sie zuerst den Zustand davor, dann den Moment oder den Prozess der Veränderung, schließlich das Ergebnis. Vergleichen Sie, zuletzt, dieses Ergebnis mit den Wünschen oder Erwartungen, die Sie hatten, bevor die Veränderung eintrat.

Hinweis: Ihr Text wird umso lebendiger und interessanter, je ferner Sie sich von Allgemeinplätzen halten. Schreiben Sie möglichst konkret.

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10 berühmte Autobiografien

Viele Bücher

Viele wichtige Bücher im Feld der Lebenserinnerungen und Selbst-Betrachtungen werden andernorts im Internet vorgestellt. Hier eine Liste von zehn Werken aus den Jahren 1966 bis 2006, mit Links zu den jeweiligen Rezensionen. In chronologischer, keinesfalls wertender Reihenfolge. Eigentlich sollte man jedes dieser Bücher mindestens zwei Mal lesen. Einmal, um mehr von diesen Menschen und allem zu erfahren, was sie beschäftigte, und ein zweites Mal, um zu verstehen und zu genießen, wie sie davon erzählen.

  1. Carl Zuckmayer: Als wär’s ein Stück von mir (1966)
  2. Christa Wolf: Nachdenken über Christa T. (1968, Rezension von Marcel Reich-Ranicki)
  3. Marie Luise Kaschnitz: Orte (1973)
  4. Elias Canetti: Die gerettete Zunge (1977), Die Fackel im Ohr (1980), Das Augenspiel (1985)
  5. Anna Wimschneider: Herbstmilch. Lebenserinnerungen einer Bäuerin (1984)
  6. Ruth Klüger: weiter leben. Eine Jugend (1992)
  7. Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben (1999)
  8. Tomas Tranströmer: Die Erinnerungen sehen mich (1999)
  9. Barack Obama: Dreams from my father (2004, deutsch 2008)
  10. Günter Grass: Beim Häuten der Zwiebel (2006)

#7 — Lieblingslied

Plattenspieler

Vor einiger Zeit warb der dritte Radiosender des hessischen Rundfunks, hr3, damit, der Sender der »Lieblingssongs« zu sein. Hörer erzählten von den (zumeist romantischen) Geschichten, die sie mit den Liedern verbinden. Auf der Website von hr3 konnte man sich sein eigenes Lieblingslied wünschen. Dort wurde man gefragt: »Warum möchten Sie dieses Lied hören? (›Is cool‹ oder ›Weil ich es toll finde‹ reicht uns nicht. Etwas ausführlicher darf es schon sein! Songs mit einer guten Geschichte haben größere Chancen gespielt zu werden als die, bei denen nur ›Is cool‹ dabei steht.)«

Der Grund für ein Lieblingslied kann in einem äußeren oder einem inneren Zusammenhang liegen. Entweder etwas Schönes, Erinnerungswürdiges ist passiert — und gleichzeitig lief dieses Lied im Radio oder auf dem Plattenspieler, was uns seither und für immer an jenes Ereignis erinnert. Darum hören wir es auch immer wieder gern. Oder die Schönheit des Liedes selbst zieht uns an. Bei mir ist es meistens der Text, der den Unterschied macht — bei anderen ist es die Melodie oder der Stil, der Sound.

In seinem Lied »Lieder« singt Adel Tawil eine ganze Litanei seiner Lieblingslieder herunter (die man erst erraten muss, weil er den englischen Titel ins Deutsche überträgt), eine Kostprobe:

Und ich singe diese Lieder
Tanz' mit Tränen in den Augen (Lied: »Dancing with tears in my eyes« von Ultravox)
Bowie war für'n Tag mein Held (»Heroes« von David Bowie)
Und EMF kann es nich' glauben (»Unbelievable« von EMF)
Und ich steh' im lila Regen (»Purple Rain« von Prince)
Ich will ein Feuerstarter sein (»Firestarter« von Prodigy)
Whitney wird mich immer lieben (»I will always love you« von Whitney Housten)
Und Michael lässt mich nich' allein (»You are not alone« von Michael Jackson)

Zusammen ergibt das eine ganze musikalische Biografie — wenn die einzelnen Lieder auch etwas zu kurz kommen.

Schreibidee #7: Schreiben Sie die Geschichte eines Ihrer Lieblingslieder (oder Ihrer Lieblingsmusik). Es muss keine romantische Geschichte sein. Vielleicht ist es die Geschichte einer Entdeckung oder einer Erkenntnis (»Erleuchtung« durch Text oder Musik), die Geschichte einer Reise, einer Begegnung, einer bestimmten Zeit und ihrer Ideen …

Hinweis: Bleiben Sie so nahe wie möglich an dem, was konkret passierte. Widerstehen Sie der Versuchung, das Lied oder einen bestimmten Musikstil über andere Stile zu setzen oder es musikalisch zu verteidigen. Es geht nicht in erster Linie um den künstlerischen Wert des Musikstücks, sondern um die Bedeutung, die es in Ihrem Leben hatte oder hat.

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#6 — Notaufnahme

Notaufnahmeschild

Jede/r war schon einmal in der Notaufnahme eines Krankenhauses. Wegen eigener Beschwerden oder wegen der Krankheit eines Freundes, einer Angehörigen. Vielleicht nur, weil der Hausarzt gerade frei hatte oder in Urlaub war — vielleicht, weil er nicht weiter wusste oder der Krankenwagen direkt ins Krankenhaus fuhr.

Unfälle und Krankheiten sind einschneidende Erlebnisse, oft geben sie dem Leben eine neue Wendung. In modernen Industrieländern spielen diese Erlebnisse sich meistens in Notaufnahmen und Krankenhäusern ab. Die wenigen Minuten oder Stunden, die wir dort verbringen, sind voller Ängste, Hoffnungen, Sorgen, auch Wut und Dankbarkeit gegenüber den Ärzten und Pflegern, auf die wir angewiesen sind.

Schreibidee #6: Schreiben Sie davon, wie Sie einmal in der Notaufnahme waren.
Begrenzen Sie die erzählte Zeit (also den Zeitabschnitt, über den Sie berichten) auf Ihre Zeit dort. Wechseln Sie auch nicht den Ort. Beschreiben Sie, wie die Notaufnahme auf Sie wirkte und in welcher Situation Sie sich befanden.

Hinweis: Schreiben Sie nicht direkt, was von der Vorgeschichte zu erzählen ist, sondern berichten Sie von den Gedanken und Gefühlen, die Sie in der Notaufnahme hatten. So erfährt der Leser auch, was davor passierte, denn daran dachten Sie ganz bestimmt. Schreiben Sie auch nicht, wie die Geschichte ausging (die weitere Geschichte Ihrer Krankheit oder dessen, den Sie begleitet haben), sondern lassen Sie das Ende offen. Auf diese Weise können Sie sich ganz auf den zu erzählenden Moment konzentrieren.

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#5 — Luft

Möwenluft

Viertes und letztes Thema in der »Elemente«-Reihe. Siehe »Feuer«.

Gab es in Ihrem Leben Ereignisse, die Sie mit dem «Element Luft» in Verbindung bringen? Ein Himmelssturm, ein Tauchgang? Waren Sie der Luft wissenschaftlich auf der Spur (als Sauerstoff, Stickstoff, Kohlenstoffdioxid), oder mussten Sie sich wehren gegen schlechte Luft? Welches Klima, welche Luft haben Sie erlebt?

Welche symbolische Bedeutung kommt Ihnen in den Sinn? Gehen Sie gelegentlich in die Luft? Geht Ihnen die Luft aus, oder ist da noch viel Luft nach oben? Die Luft umgibt uns ständig, begleitet uns unauffällig und ist gerade deshalb lebensnotwendig. Kennen Sie andere solche unauffälligen, scheinbar selbstverständlichen und zugleich lebensnotwendige Begleiter?

Schreibidee #5: Schreiben Sie eine luftige Geschichte. Beginnen Sie mit einem konkreten Erlebnis, bei dem Luft eine Rolle spielt. Versuchen Sie in einem zweiten Schritt, das Erlebnis mit dem symbolischen Gehalt der Luft in Verbindung zu bringen.

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#4 — Erde

Muttererde

Drittes Thema in der »Elemente«-Reihe. Siehe »Feuer«.

Gab es in Ihrem Leben Ereignisse, in denen (die) Erde eine zentrale Rolle spielte? Entweder als Planet Erde oder als fruchtbares Element im Garten oder auf dem Feld. Haben Sie als Kind gerne in der Erde gewühlt? Welches Verhältnis haben Sie zu Gärten, Feldern, Waldboden. Besitzen Sie Land oder möchten Sie welches besitzen? Warum?

Welche symbolische Bedeutung kommt Ihnen in den Sinn? Stehen Sie bodenständig mit beiden Beinen auf der Erde? Woran lässt sich das erkennen? Gefällt Ihnen die Idee von «Mutter Erde»? «Unter der Erde» ist Gold zu finden, oder auch das Grab. Woran denken Sie, wenn Sie das Bild zur Schreibidee betrachten?

Schreibidee #4: Schreiben Sie eine erdverbundene Geschichte. Beginnen Sie mit einem konkreten Erlebnis, bei dem (die) Erde eine Rolle spielt. Versuchen Sie in einem zweiten Schritt, das Erlebnis mit dem symbolischen Gehalt der Erde in Verbindung zu bringen.

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#3 — Wasser

Wasserfläche

Zweites Thema in der »Elemente«-Reihe. Siehe »Feuer«.

Gab es in Ihrem Leben Ereignisse, in denen das Wasser eine zentrale Rolle spielte? Hatten Sie Angst vor dem Ertrinken, oder waren Sie schon immer eine »Wasser-Ratte«? Haben Sie eine Überschwemmung erlebt? Wann sahen Sie zum ersten Mal das Meer? Kannten Sie quälenden Durst?

Was bedeutet Wasser für Sie als Symbol? Löst schon das Bild vom Wasser eine Reaktion bei Ihnen aus? Alles Leben, so sagt man, stamme aus dem Wasser. Christen lassen sich taufen. Rituelle Waschungen versprechen auch seelische Sauberkeit. Welche Bedeutung ist für Sie untrennbar mit dem Wasser verbunden — und wann in ihrem Leben ergab sich diese Verbindung?

Schreibidee #3: Schreiben Sie eine Wasser-Geschichte. Beginnen Sie mit einem konkreten Erlebnis, bei dem das Wasser eine Rolle spielt. Versuchen Sie in einem zweiten Schritt, das Erlebnis mit dem symbolischen Gehalt des Wassers in Verbindung zu bringen.

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Max Frisch: Montauk

Long Island Beach

Der Schweizer Autor Max Frisch (1911-1991) war ein Meister des Rollenspiels. Der erste Satz seines Romans Stiller lautet: »Ich bin nicht Stiller!«. Erst ein Gerichtsverfahren bringt die Hauptfigur dazu, die alte Identität wieder anzuerkennen. In seinem Stück „Biografie: Ein Spiel“ darf der Verhaltensforscher Kürmann seine Biografie nachträglich verändern — was ihm jedoch kaum gelingt.

Die Erzählung Montauk von 1975 bildet einen weiteren Höhepunkt von Frischs Auseinandersetzung mit dem Problem der Identität, das heißt mit dem Problem unseres Verhältnisses zum eigenen Leben, unseres erzählerischen (autobiografischen) Zugriffs darauf und der Rolle der Erinnerung.

Jeder, der sich mit dem autobiografischen Schreiben beschäftigt, sollte Montauk lesen.

Der äußere Anlass scheint gering: Frisch entschließt sich dazu, ein Wochenende zu beschreiben, dass er im Mai 1974 zusammen mit »Lynn« auf Long Island bei New York verbrachte. »Montauk« ist der Name eines Dorfes an der Ostspitze der Insel. »Max Frisch erzählt die Geschichte einer kurzen Affäre und zugleich eines ganzen Lebens» steht richtig im Klappentext. Das ganze Leben kommt in Einschüben vor, die Themen des Wochenendes aufnehmen und biografisch erweitern.

Es stört ihn, daß immer Erinnerungen da sind. (Seite 9)

So heißt es gleich zu Beginn — doch sie sind unausweichlich. Auf dieser Unausweichlichkeit gründet die Struktur der Erzählung. Die Erinnerungen, die sich während des Wochenendes ergeben, werden in Ich-Perspektive ausgeführt, während die Erlebnisse des Wochenendes selbst als die einer Hauptfigur in dritten Person erzählt werden. So ergibt sich ein teilweise komplexes Zusammenwirken von Ich- und Er-Perspektive, eine Ich-Er-Form:

Sein Englisch ist bescheiden; ich weiß natürlich, was er sagen möchte. Kommt es vor, daß er nicht übersetzt, sondern in Englisch aussagt, was man so nicht sagen könnte in Schriftdeutsch oder Mundart, überrascht es mich, was und wie er denkt. Das genieße ich; dann ertappt ihn die Fremdsprache bei seiner wirklichen Meinung. […] Zum Beispiel sagt er, daß ich in meinem Leben nie in einem Bordell gewesen bin; er fügt hinzu: Deshalb bin ich auch kein politischer Mensch, weil ich alles verinnerliche. (Seite 107)

Das Englisch der Hauptfigur meiner Erzählung ist bescheiden, könnte man das paraphrasieren, aber da ich es bin, habe ich zugleich Zugriff auf sein Inneres. Es überrascht Frisch nicht, was er selbst denkt, aber was diese Figur denkt, das heißt, wenn er als Schreibender darüber nach-denkt.

Frisch verwendet die Er-Form nicht, um erfinden zu können. Über seine autobiografische Absicht lässt er sich und den Leser nicht im unklaren:

AMAGANNSETT
heißt also der kleine Ort, wo er gestern beschlosen hat, dieses Wochenende zu erzählen: autobiographisch, ja, autobiographisch. Ohne Personnagen zu erfinden; ohne Ereignisse zu erfinden, die exemplarischer sind als seine Wirklichkeit; ohne auszuweichen in Erfindungen. Ohne seine Schriftstellerei zu rechtfertigen durch Verantwortung gegenüber der Gesellschaft; ohne Botschaft. Er hat keine und lebt trotzdem. Er möchte bloß erzählen (nicht ohne alle Rücksicht auf die Menschen, die er beim Namen nennt): sein Leben. (155f.)

Die Er-Form dient also nicht der Erfindung, sondern einer möglichst großen Authentizität. Sie trennt die „Geschichte“ des Wochenendes von der restlichen Biografie, verhindert die Vermischung. In seinem Buch Autobiografisches als literarisches Schreiben (Schneider Verlag, Hohengehren 2000) interpretiert Günter Waldmann das so: Frisch wolle Distanz, Fremdheit ausdrücken: »Der Grund ist, dass in dieser Beziehung so viel Fremdheit besteht: er ist fremd gegenüber sich selbst wie gegenüber Lynn, aber auch er ist Lynn fremd, dass er für seine Erinnerung nicht als Ich, als Subjekt des Geschehens erscheint: Er ist dreiundsechzig, und Lynn, vom selben Jahrgang wie seine Tochter, ist dreißig.

Fremdheit herrscht allerdings auch in anderen Beziehungen, die Frisch in diesem Buch schildert oder anklingen lässt, in der zu Ingeborg Bachmann oder seiner damaligen Frau Marianne Oellers — die übrigens ebenfalls 28 jünger ist als er. Viel eher scheint es mir also das Verhältnis von Gegenwart und Erinnerung zu sein, dem er in der Wahl der grammatischen Person Ausdruck verleiht — und dem Willen, eben gerade jene Episode herausstellen und zu schildern. Vielleicht — aber das schreibt er nicht — wegen ihrer Abgeschlossenheit, die bereits die Form einer Erzählung trägt.

Neben dieser grundlegenden und bedenkenswerten Struktur und der vielen Einsichten zum Selbst-Verhältnis des Autors (des modernen Menschen), die die Lektüre lohnenswert machen, finden sich in dem rund 200 Seiten langen Prosatext noch einige ganz besondere Schätze. Mir gefiel besonders die lange Passage (S. 29-50) zum früheren Freunde und Förderer »W.« und der kurze Essay zum Thema Geld (170-182), der von einer kurzen Supermarkt-Episode mit Lynn angeregt wird und mit einer bewundernden Beschreibung Ingeborg Bachmanns endet:

Ich weiß nicht, wie sie das macht. Ich erinnere mich nicht, daß je eine Ausgabe sie reut, eine hohe Miete, eine Handtasche aus Paris, die am Strand kaputtgeht. Geld verläßt uns so oder so. Wenn jemand, den sie liebt, an sich selber spart, so verletzt es ihre Liebe. Eigentlich stünde es uns beiden zu, ein kleines Schloß oder ein großes, aber sie ist nicht empört, daß andere es haben. Sie zu beschenken ist eine Freude; sie strahlt. Sie verlangt den Luxus nicht; wenn er da ist, so ist sie ihm gewachsen. Ihre Herkunft kleinbürgerlich wie die meine; nur ist sie frei davon. Ohne Ideologie; kraft ihres Temperamentes. Wenn sie rechnet, dann rechnet sie mit Wundern. (182)

Erich Loest: Durch die Erde ein Riß

Erich Loest, 1955 und 2006

Der Sachse Erich Loest (1926-2013) hat sich im kollektiven Gedächtnis der Deutschen wohl am nachhaltigsten durch seine späten Leipzig-Werke verankert, Völkerschlachtdenkmal (1984) und Nikolaikirche (1995, zuerst Drehbuch, dann Roman). Insgesamt schrieb er mehr als fünfzig Romane, darunter einige Kriminalromane unter Pseudonym – und das, obwohl er beinahe sieben Jahre als politischer Häftling in Bautzen verbringen musste. Loest ist eine Art ostdeutscher Grass, ein Mann, an dessen »Lebenslauf« (so der Untertitel des Buchs) sich die Geschichte im Osten des Landes ablesen lässt, von der HJ über den späten (freiwilligen) Kriegseinsatz, den kommunistischen Aufbruch, SED, die Entstalinisierung, Entillusionierung, bis zur Wende und den Entwicklungen im wiedervereinten Deutschland.

»Durch die Erde ein Riß« allerdings entstand bereits 1981, nachdem Loest seine Heimat gerade verlassen hatte (1990 kehrte er nach Leipzig zurück). Loest ist also Mitte fünfzig als er das Buch schreibt, vergleichsweise jung für die Lebenserinnerungen eines Schriftstellers. Einen Grund für das frühe Datum nennt er nicht. Es mag mit dem biografischen Bruch zu tun haben, dem Wunsch, eine Zwischenbilanz zu ziehen. Oder er wollte endlich das schreiben und veröffentlichen, was ihm in der DDR vielleicht eine zweite Gefängnisstrafe eingebracht hätte. Die Form, in der er das tun, ist nicht die eines Bekenntnisses oder der inneren Einkehr. Er schreib nicht in der für Autobiografien typischen 1. Person, sondern in der 3. Person oder Er-Form. Das erste Kapitel beginn so:

Im April 1936 füllte ein Zehnjähriger den Aufnahmeantrag für das Deutsche Jungvolk aus. Füllte er aus? Tat es die Mutter für ihn? Das geschah auf dem abschüssigen Markt von Mittweida, seiner Geburtsstadt, zwanzig Kilometer nördlich von Chemnitz (Durch die Erde ein Riß. Ein Lebenslauf. Ausgabe: Mitteldeutscher Verlag, Halle 2016, Seite 11)

Auch für die Wahl der 3. Person führt Loest keinen Grund auf, man muss ihn aus der Wirkung erschließen: Wenn er den HJ-Fähnleinführer beschreibt, der er war, lenkt die 3. Person eher auf die historische Einordnung. Die 1. Person verlangte stärker nach psychologischer Selbstanalyse. Und auch später, als sich Loest nach einer kurzen politischen Abstinenz recht bald zur SED und ihrer »Friedenspolitik« bekennt, fällt die Er-Perspektive leichter:

Ein Jahr hatte ihn zum zweitenmal umgekrempelt. […] Februar 1945: Wir werden siegen, weil wir den Führer haben! Februar 1946: Nie wieder Politik! Februar 1947: Brüder, in eins nun die Hände! Verwirrend genug. (Seite 130)

Vom »Er«, den er »L.« nennt, berichtet der Autor Loest als »Chronist«, der sich ebenfalls nicht als »Ich« vorstellt, sondern in seiner beruflichen Rolle. Die Doppelrolle als L., von dem erzählt wird, und Chronist, der erzählt, ermöglicht ihm, Vorgänge des autobiografischen Schreibens flüssig und schlüssig abzubilden:

Während der Chronist diesen Abschnitt entwirft, liegt ein Exemplar von »Die Westmark fällt weiter!« [dem 2. Roman von 1952, S.K.] neben der Schreibmaschine. Es bereitet kein Vergnügen, zu lesen, was L. damals erdachte. Der Spurensicherer könnte sich ironisch erheben, aber es wäre ungerecht und ahistorisch sowieso. Wie er die Geschichte nicht belehren kann, so sollte er auch nicht am E.L. von damals herumerziehen und quengeln und deuteln, nur eines bleibt: So genau wie möglich hinabhorchen, hinunterspüren. Der Chronist kann Zwischentöne vermissen in der Schreibart, Differenziertheit; […] L. sah nun einmal keinen dritten Weg. (Seite 169)

Diese Stelle kommt einer Begründung am nächsten: Loest ging es nicht um Analyse, Reue oder Rechtfertigung, sondern um historisches Verständnis. An diesem Anspruch gemessen leistet »Durch die Erde ein Riß« einiges. Am meisten beeindruckte mich das Zeitbild der jungen DDR, deren gebrochenen Idealismus ich vor allem durch Christa Wolf kennengelernt habe, dann durch Uwe Johnson und die Generation um Wolf Biermann und Jürgen Fuchs – Loest bietet einen nüchternen, bodenständigen Blick auf die Anfänge eines Sozialismus, der in der Theorie einiges für sich hatte, aber eines niemals war: demokratisch. L. machte mit und dem Chronisten gelingt es, die Dialektik des Gewissens darzustellen, die sicher nicht nur ihn betraf:

Ein Satz war verbiestert zitiert worden, eine Betonformel: Lieber hundertmal mit der Partei irren, als sich einmal gegen sie stellen; er wurde Lenin zugeschrieben. Louis Fürnbergers Lied war gesunden worden: »Die Partei, die Partei, die hat immer Recht.« Einen Widerspruch, der Unzähligen zu schaffen machte und macht, der berufliche und politische Entwicklungen zerstörte und Charaktere bracht, der den Charakterfesten am stärksten und den Denkfaulen und Gewissenlosen am wenigsten zum Problem und manchem zum Lebensproblem wurde, den kein Ideologe zu Ende dachte, den Widerspruch nämlich zwischen Gewissen und Parteidisziplin, wollte er für seine Person entscheiden. Er riß sich aus der Unschuld, die mit dem Gewissen die Verantwortung von sich schiebt, und wollte das dafür Prompt gelieferte Ruhekissen nicht mehr. Den Widerspruch, aus dem alle Entwicklung wächst, wollte er auch in sich, und mit der Mitverantwortung akzeptierte er die Mitschuld. (260).

Auf biografika geht es um die Möglichkeiten und die Vielfalt biografischen Schreibens. Darum zuletzt noch einige Passagen, die zeigen, wie die doppelte Er-Perspektive (Günter Waldmann nennt sie »Er-Er-Form«) funktioniert:

»Im Laufe unseres Lebens kommen wir mehrmals auf uns selbst zurück«, sagt der Schriftsteller Martin Kessel. Im Zurückkommen auf den Scholar L. schlug der Chronist ein Dritteljahrhundert später in Zeitungen nach, wie denn diese Zeit sich dort spiegelt. (108)

Der »Chronist« kennzeichnet fremde Quellen, die er dem Gedächtnis als Hauptquelle zur Seite stellt.

Beim Suchen der Spuren im alten Sand erinnert sich Annelies [Loests Ehefrau, S.K.] und sagt es dem Chronisten in einer Mischung von Vorwurf und Anerkennung: Wurdest ganz schön selbstbewußt, hast dich verblüffend rasch verändert. Die große Klappe hattest du immer, aber jetzt nahm deine Selbstironie ab. (177)

L.s wohnten unterdessen in der Oststraße nahe dem Zentrum, sie hatten eine geräumige Wohnung eingetauscht, […] Einer der ersten Fernsehapparate weit und breit stand hier, an manchem Abend versammelte sich ein Dutzend Freunde um ihn. […] Einer, der wenig trank einer nicht gänzlich auskurierten Tbc wegen war Zwerenz. In seinem Buch, »Der Widerspruch« (S. Fischer Verlag, 1974), liet sich das so: (268f.)

Es folgt eine Passage aus dem Buch von Gerhard Zwerenz, die Loest unkommentiert stehen lässt. Fremde Quellen, sofern vertrauenswürdig, behandelt der Chronist gleichberechtigt zu den eigenen Erinnerungen.

Der Chronist ist sich nicht sicher, ob schon Janzen dieses Wort […] gebrauchte. (278)

Von welchem Freund? Ihn zu nennen wirkte vielleicht auch nach so vielen Jahren noch als Denunziation. […] Über das Verhalten von diesem und jenem war sich L. damals schon nicht in jeder Phase klar; darüber zu schreiben, brächte manchen womöglich in falsches Licht. Nicht alle, die redeten und dachten wie L., sahen sich später auf der Anklagebank wieder – warum waren sie davon gekommen? […] Lassen wir ein paar Namen, eine Paar Schicksale weg. Daß L. sich weiterhin dem Chronisten zu stellen hat, bleibt von dieser Überlegung unberührt. (282)

Wenig bewahrte das Gedächtnis über diesen Sommer. Fuhr er mit dem Rad zum Baden? Ging er mit den beiden größeren Kindern spazieren, Robbi im Wagen? Wie kam Annelies mit den dreien zurecht? Wie wenig oder wie viel half er ihr? Er schrieb, nun ja, das hatte er immer getan. (317)

Das Gedächtnis selbst, die wichtigste Quelle des »Chronisten«, erscheint als Archiv, das weder zu L. noch zu ihm gehört. Diese Unkörperlichkeit des Gedächtnisses ist eine Folge der Er-Er-Perspektive. Sie hat auch mit dem Gefühl der Distanz zu tun, das mich als Leser von Loests Autobiografie begleitet. Das Leben stach ihn, aber als Autor war Erich Loest die Nadel wichtiger als der Schmerz.

#2 — Feuer

Nachtfeuer

Das Thema „Feuer“, so elementar, roh und archaisch wie es ist, spielt in jedem Leben eine Rolle. In seiner untergründigen Gegenwart widersetzt es sich der Einordnung in einen Lebenslauf, es ist kein Gliederungspunkt unter vielen. Statt dessen bildet es eine Art Kraftfeld, eine elementare Gegebenheit der Existenz, zu der man so oder so stehen kann. Das gilt auch für die nächsten drei Ideen. Zusammen bildet sie eine „Elemente-Reihe“.

Feuer begegnet Ihnen episodisch und symbolisch. Mit „Episoden“ sind Erlebnisse und Ereignisse aus Ihrem Leben gemeint, in denen das Feuer eine zentrale Rolle spielte: ein Martinsfeuer, eine Brandwunde, ein Hausbrand, Krieg? „Mit dem Feuer spielen“, „feurige Liebe“, „Gebranntes Kind scheut das Feuer“ – symbolisch oder metaphorisch ist das Thema „Feuer“ leicht zugänglich und äußerst ergiebig. Ist das Feuer Ihnen ur-sympathisch, jagt es Ihnen einen Schrecken ein? Gilt das ganz konkret, oder meinen Sie eher die symbolische Ebene, Feuer als Metapher?

Autobiografische Texte werden besonders intensiv, wenn es gelingt, die konkrete Erzählung des Lebenslaufs, eine Erinnerung, symbolisch „aufzuladen“, das heißt in einen Zusammenhang zu stellen, den ein Symbol, eine Metapher eröffnet. So erzählen sie eine Geschichte, und vermitteln zugleich Ihr „Lebensgefühl“, ihren früheren oder heutigen Charakter oder den eines Mitmenschen. Die Metapher vermittelt Ihnen beim Schreiben neue Perspektiven auf Ihr Leben. Ihre Leser spüren eine tiefere Dimension.

Schreibidee #2: Schreiben Sie eine Feuer-Geschichte. Beginnen Sie mit einem konkreten Erlebnis, bei dem das Feuer eine Rolle spielt. Versuchen Sie in einem zweiten Schritt, das Erlebnis mit dem symbolischen Gehalt des Feuers in Verbindung zu bringen.

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#1 — Nachbarn

Nachbarn

Nachbarn begleiten unser Leben — in Reihenhaussiedlungen ebenso wie in einsamen Gehöften. Auf die Entfernung kommt es weniger an als auf die Beziehung. Manche bleiben fremd, andere werden zu Freunden. Manche werden plötzlich wichtig, bei einem Unfall, durch einen Zufall. Wie wir mit unseren Nachbarn umgehen, über sie (nach)denken, sagt viel über die Umstände aus, in denen wir leben oder gelebt haben — wirtschaftlich, gesellschaftlich, familiär. Kennen wir alle mit Namen, die in der Straße wohnen? Das hängt von der Straße ab — und es hängt von uns selbst ab.

Als ich einmal wenig Zeit hatte, um einen biografischen Schreibtag vorzubereiten, fiel mir spontan dieses Thema ein. Es stellte sich als Volltreffer heraus. Jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin wusste Interessantes und Nachdenkliches zu berichten. Von der vergnüglichen Glosse bis zum eindringlichen Portrait war alles dabei. Und es wurde klar: Wenn wir über unsere Nachbarn schreiben, offenbaren wir auch viel von uns selbst. Bewusst oder unbewusst. Unsere Nachbarn halten uns den Spiegel vor.

Das Thema „Nachbarn“ lässt sich darum auf unterschiedliche Weise behandeln. Als Schilderung einer mehr oder weniger bedeutsamen Lebens-Episode (wie sie in einer Autobiografie vorkommen könnte) oder als Anstoß zu Texten, die eher der Selbsterkenntnis dienen: Wie gehe ich mit meinem Mitmenschen um? Wen mag ich, wen meide ich? Was gefällt mir an meinen Nachbarn, und vielleicht: warum?

Schreibidee #1: Schreiben Sie von Ihren Nachbarn. Picken Sie sich welche heraus: Nachbarn in Ihrer Vergangenheit oder die gegenwärtigen Neben-Bewohner im Haus, in der Straße. Sie können auch eine ganze Serie schreiben. Mit welchem Nachbarn, welcher Nachbarin verbinden Sie eine besondere Geschichte?

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