Wie stellst du dir die Zeit nach dem Berufsleben vor? Monika Becht schrieb ein Memoir darüber. Im folgenden Interview erzählt sie von ihren Erfahrungen mit dem einen und anderen Schreibworkshop und verrät wertvolle Tipps für Neu-Ruheständler.

Zum ersten Mal besuchte mich Monika Becht im Januar 2020, um von ihrem Buchpropjekt zu erzählen. Vorläufiger Arbeitstitel: »Reif für die besten Jahre«. Ihre neue »Lebensgefährtin«, eine Pudeldame namens Nelli, räkelte sich auf dem Teppich. Ich befürchte, sie langweilte sich etwas, während Frauchen und ich uns über Thema und Struktur austauschten und eine erste Manuskriptberatung vereinbarten …

Zweieinhalb Jahre später liegt das fertige Werk vor mir, ein hübsches Taschenbuch mit Strandmotiv auf dem Einband. »Danke, ich steh lieber. Mein erstes Jahr im Ruhestand«, so heißt es nun. Der Klappentext erklärt: »Monika Becht, ehemalige Lehrerin und Karriere-Coach, bisher ausgefüllt durch ihren Beruf, steht ratlos vor der neuen Phase ihres Lebens. […] Die Leserinnen begleichen die Autorin bei dem Prozess des Übergangs in den Ruhestand, bei der Transformation und dem Aufbau eines neues Selbstverständnisses als Frau in ihren besten Jahren — und erkennen mit ihr das Potenzial der Selbsterneuerung im fortgeschrittenen Alter.«

Der ursprünglichen Gliederung ist Becht treu geblieben. Es sind vierzehn Kapitel geworden, eins zu jedem Monat, plus zwei Einleitungskapitel, bei denen es um ihren Abschied vom Berufsleben geht. Doch was ich lese, kommt mir straffer und frischer vor als bei meiner letzten Durchsicht (vom Sommer 2021). Und eine Geschichte, an die ich mich noch lebhaft erinnere, fehlt vollständig. Damit beginne ich mein E-Mail-Interview.

Überarbeiten

Stefan Kappner: Frau Becht, was hat sie dazu bewogen, die »Ariadne-Episode« letztlich komplett zu streichen? Und wie sind Sie, ganz allgemein, beim Überarbeiten vorgegangen?

Monika Becht: Ich habe alle Kapitel mehrfach überarbeitet und auch vieles gestrichen.Die Ariadne-Episode fiel weg, weil sie zu viel Kleinklein-Betroffenheit enthielt und zu viel vom Lehreralltag. Ich mochte nicht nur potenzielle Lehrerkollegen ansprechen und berühren. 

In diesen ersten zwölf Monaten nach dem Beruf habe ich das Material gesammelt, danach bearbeitet, ausgewählt und gekürzt. Im zweiten Jahr hat die eine oder andere Geschichte aus meinem Lehreralltag oder aus der Familie an Brisanz und Bedeutung verloren. Das hier sollte ja kein Tagebuch werden. Ich fragte mich: Was will ich hier vermitteln? Ist diese kleine Begebenheit das I-Tüpfelchen oder nur eine banale Wiederholung? Ähnlich wie beim Zwiebelschneiden kam ich bei jeder Überarbeitung der Essenz näher. 

Es war auch notwendig, die Texte mal eine Weile liegen zu lassen, wie ein gutes Stück Fleisch, das abhängen muss. Irgendwann musste ich mich dann bremsen, mich dazu zwingen, die Finger von den Texten zu lassen und sie als fertig zu betrachten.

Schreiben im Übergang

Sie haben Ihr Schreib-Projekt während des ersten Jahrs im Ruhestand begonnen. Haben Sie das Gefühl, dass Ihnen das Buch geholfen hat, die Zeit des Übergangs bewusster zu erleben?

Ganz sicher hat das Schreiben dazu beigetragen.  Ich habe mich in die neue Lebensphase „hineingeschrieben“. An einigen Stellen werfe ich einen Blick zurück auf verschiedene Situationen und Erfahrungen in meinem Leben und begegne mir selbst. Wie bin ich zu der Frau geworden, die ich heute bin? Und was sind grundlegende Wesensarten von mir, Antriebskräfte und Werte, die mich unabhängig von Alter bestimmen. Ich habe mich von der jungen Monika neu „aufladen“ lassen. Neuanfänge haben in mir doch immer Glückshormone ausgeschüttet, wie auch das Alleinreisen. Und ja, ich habe ich mich hineingespürt, das bin ich heute noch — allen Bedenkenträgerinnen zum Trotz, die sagten: »In deinem Alter willst du nochmal….?«

Das Schreiben hat meine Haltung zu mir selbst verändert, Wertschätzung und Selbstliebe verstärkt.

Der entscheidende Schreibworkshop

Sie erzählen in Ihrem Buch von einem Schreibworkshop in den USA  — mit der berühmten Natalie Goldberg, Autorin von »Schreiben in Cafés« (»Writing down the bones«) — und einem Online-Schreibkurs vom Schreibwerk Berlin. Waren diese Kurse entscheidend für das Buch? Oder wäre es ohnehin entstanden? 

Vor diesem Schreibworkshop bei Natalie Goldberg habe ich schon andere Workshops besucht. Irgendwann meinte ein Freund: »Ich glaube nicht, dass nach einem Schreibworkshop ein Buch entsteht.« Da reagiert ich etwas beleidigt. Ich schreibe ja schon seit Anfang der neunziger Jahre und habe auch einige Bücher — damals Karriereratgeber — veröffentlicht. Dann kam der Wunsch, weg von der Ratgebersprache hin zum literarischen Schreiben. Der Transfer schien schwierig. Lag es daran, dass ich immer noch nicht begriffen hatte, wie man den »Superplot« schreibt? Ich dachte: Noch ein Workshop, der wird mich dann in die richtige Richtung bringen. Doch zuerst passierte nichts. Ich kam nicht in einen Schreibfluss. Da stand ich noch im Berufsleben. 

Dann irgendwann, vor circa fünf Jahren, stieß ich auf ein Workshopangebot, das der Schriftsteller Bodo Kirchhoff mit Ulrike Bauer am Gardasee durchführte. Es ging um biografisches Erzählen, ein Genre, das mir bislang fremd geblieben war. Hier stand nicht der vermaledeite Plot im Fokus, sondern die Kunst des Erzählers. Schnell hatte ich einen Titel gefunden für eine Geschichte, die auch nach dem Workshop in der Schublade liegenblieb. Etwas anderes war jedoch geschehen und das war die Begegnung mit dem intensiven Dialog mit Sprache, meiner Sprache und die Frage nach der Essenz. All diese Informationen habe damals abgespeichert und jetzt musste der richtige Zeitpunkt kommen, dieses Wissen zu nutzen. Mein Interesse am biografischen Erzählen war geweckt. Gleichzeitig las ich sehr viel, beobachtete, wie erfahrene Autorinnen und Autoren mit Sprache umgingen. 

Der Workshop bei Natalie Goldberg  und ihre Einladung, sich auch mit den eigenen Abgründen beim Schreiben zu beschäftigen, war ein weiterer Mosaikstein. Ich fing wieder an zu schreiben, nutzte die Eindrücke meiner USA-Reise im Sinne des Journalschreibens. Der Workshop beim Schreibwerk Berlin brachte dann den Durchbruch. Hanne Landsberg entwickelte eine sehr spannende Struktur, die uns Teilnehmerinnen einlud, in die Erinnerungsarbeit zu gehen, Episoden unseres Lebens herauszugreifen und sie in den Kontext der zeitgeschichtlichen Ereignisse zu stellen. Wir lasen unter anderem Texte von Anni Ernaux. Diese Verbindung von Schreiben und Reflektieren der Zeitumstände, in denen ich aufwuchs, fand ich großartig und so spannend, dass Nichtschreiben keine Alternative mehr war. Schritt für Schritt entstand daraus mein neues Buchprojekt. 

Ein Schreibworkshop führt also nicht zwangsläufig zu einem Buchprojekt, da muss ich meinem guten Freund also inzwischen Recht geben. Die Freude am Schreiben kann jedoch angeregt werden. Hilfreich ist es auch, eine Schreib-Community zu haben bzw. Freundinnen und Freunde zum Probelesen, Lesungen besuchen, sich in das „Feld“ begeben, in dem man in Bewegung kommen möchte. Und dann muss die Zeit reif sein …

Entscheidung zum Self-Publishing

Als Ihr Buch schließlich fertig war, haben Sie sich dafür entschieden, es bei BoD zu veröffentlichen. Wie kam es dazu?

Meine erste Wahl wäre gewesen, einen geeigneten Verlag zu finden. Ich habe einige angeschrieben sowie Literaturagenten. Bei Nichtinteresse bekommt man ja meist keine Rückmeldung oder Absagen. Durch meine Recherche zu den Erfahrungen anderer Autorinnen und Autoren mit Agenten bin ich bald zu der Meinung gekommen, dass mir der Prozess von Agenten über Verlage zu lange dauert. Außerdem sind meine Zielgruppe und das Thema „Alter“ auf dem überfüllten Buchmarkt gerade nicht der Hit, auf den die Verleger warten.

Da ich nun schon zwei Jahre an dem Buch gearbeitet hatte und ein ungeduldiger Mensch bin, habe ich mich für das Self-Publishing mit Unterstützung von BoD entschieden. Ich hatte sowieso schon mit freien Lektoren/Lektorinnen gearbeitet, suchte mir dann eine Graphikerin für das Cover (was Spass machte) und BoD machte den Buchsatz und Druck. Für das Marketing muss ich nun selbst sorgen. Wenn man beruflich nicht mehr rund um die Uhr eingespannt ist, kann es Spaß machen, kreative Wege zu entwickeln, um die Aufmerksamkeit auf das eigene Buch zu lenken.

Rat für Neu-Ruheständler

Danke für diesen interessanten Einblick in Ihren Schreibprozess und ins Self-Publishing. Haben Sie zuletzt noch einige Tipps für Neu-Ruheständler?

Ich finde, man sollte sich vor allem im ersten Jahr erlauben, in den Tag hineinzuleben, und die Freiheit genießen, die eigene Zeit nun selbst zu verwalten. Es ist schön, sich Zeit zu nehmen, um herauszufinden, was Bauch und Herz wollen. Motto: Weg vom Sollen, hin zum Wollen, weg vom Müssen, hin zum Dürfen. Der »Autopilot« ist meistens noch hoch aktiv, zum Beispiel in Form unseres Pflichtbewusstseins. Auf unseren Ruhestand haben möglicherweise einige Familienangehörige mit Freude gewartet, um uns gleich einzuspannen in die Enkelbetreuung, die Hundebetreuung und anderes. Alles gut und schön, wenn wir die Konditionen mitbestimmen.

Das beste Mittel, um in dieser neuen Lebensphase geistig und emotional vital zu bleiben, ist dann die Entscheidung, Raum für ein paar Neuerungen zu schaffen. Zum Beispiel eine neue Sprache zu erlernen, ein neues Instrument zu spielen, an Orte zu reisen, wo wir noch nie waren, etc. Die Freude am Tun wird dann überwiegen, nicht das Ziel, etwas zu erreichen.

Liebe Frau Becht, vielen Dank für das Interview!

Hier findest du das Buch von

Monika Becht:
Danke, ich steh lieber!
Mein erstes Jahr im Ruhestand
BoD 2022
Taschenbuch, 12€
ISBN 9783756228522


(Hier findet man den einen oder anderen Schreibworkshop von Stefan Kappner.)