Birgit Happel: »Geld ist ein Co-Autor der Lebensgeschichte«

Dr. Birgit Happel studierte Soziologie, Volkswirtschaftslehre und Psychologie und arbeitet als Referentin für Finanzbildung und Biografiearbeit. 2017 erschien ihr Buch »Geld und Lebensgeschichte«, das aus ihrer Forschungstätigkeit an der Universität Frankfurt hervorging. Als Inhaberin der Internetseite »Geldbiografien« engagiert sie sich für die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen und für die Vermittlung finanzieller Grundbildung im Dienste eines bessern Lebens.

»Die Leute wachsen hinein«

Stefan Kappner: Frau Happel, Sie haben als Soziologin das Thema „Geld und Lebensgeschichte“ erforscht. Was war dabei Ihre wichtigste Erkenntnis?

Birgit Happel: Geld und Lebensgeschichte sind natürlich vielschichtig miteinander verwoben und viele Lebensentscheidungen sind zugleich Finanzentscheidungen. Der Umgang mit Geld ist daher ein Co-Autor der Lebensgeschichte.

Nun würden manche sicherlich zugeben, dass sie zum Beispiel ihren Beruf deshalb gewählt haben, weil sie ein gutes Einkommen und damit einen höheren Lebensstandard anstrebten. Andere, zum Beispiel Künstler*innen oder Ärzt*innen, würden sich vielleicht eher dagegen wehren, das Geld bei ihren Entscheidungen eine Rolle gespielt hat. Was würden sie denen antworten?

Ich würde ihre Ausführungen nicht anzweifeln. Beim Geld hat jeder seine subjektive Wahrheit. Aber die kann sich auch verändern. Als junge Frau lebte ich zum Beispiel sehr idealistisch nach dem Motto „Geld ist auch nicht alles“ und später musste ich mir eingestehen, dass ich mehr Geld verdienen und haben möchte, als im sozialen Bereich gezahlt wird. Ich kenne auch Sozialarbeiter/innen, die um die Lebensmitte ihre Berufswahl anzweifeln, weil sie gesehen haben, dass sie vom guten Willen allein ihrer Familie nicht den Standard bieten können, den sie sich wünschen. Aber den umgekehrten Fall gibt es natürlich auch, wenn jemand immer gut verdient hat, können auch andere Dinge wichtiger werden.

Haben Sie schon erlebt, dass sich jemand gegen einen bestimmten Job entschieden hat, weil der Verdienst nicht zu niedrig, sondern zu hoch war? Weil ein solches Einkommen nicht zum Selbstbild oder zur Biografie gepasst hätte?

Das ist eine interessante Frage! Bei Frauen habe ich es indirekt erlebt, dass sie aus der Höhe des Gehalts die volle Verantwortung ableiteten und Angst hatten, die Stelle sei eine Nummer zu groß für sie. Mit der Höhe des Einkommens verändern sich auch die eigenen Ansprüche. Die Leute wachsen da hinein, was ja auch viel einfacher ist als der umgekehrte Weg, etwa wenn aufgrund von Restrukturierungen etc. das Gehalt sinkt.

Vor einiger Zeit bin ich auf ein kluges Zitat gestoßen. Ich weiß nicht, von wem es stammt. Es lautet: „Geld ist die Möglichkeit, andere für sich arbeiten zu lassen.“ Also müssten Menschen mit Geld mehr Zeit haben und sich vielleicht auch freier fühlen. Passt das zu Ihren biografischen Forschungen?

Ja sicher, man kann heutzutage alle möglichen Dienstleistungen auslagern, also käuflich erwerben und sich so Zeit erkaufen. Gerade für Familien sind Unterstützungsressourcen ein wichtiges Thema. Je mehr Geld ich für Dinge habe, die mir lästig sind, desto mehr Zeit bleibt etwa für persönliche und berufliche Themen. Ein schönes Beispiel, wie soziale Ungleichheit perpetuiert wird. Auch das klassische Unternehmertum ist so organisiert. Ob sich die Menschen aber wirklich freier fühlen, hängt auch mit anderen Faktoren zusammen, etwa Erfolg und Zukunftsperspektiven.

Wenn Sie soziale Ungleichheit ansprechen: Sehen Sie aus „finanzbiografischer Sicht“ auch Möglichkeiten, dieser etwas entgegenzusetzen?

Bildung ist ein wichtiger Baustein für soziale Aufwärtsmobilität. Dafür benötigen die Familien natürlich Geld. Aber das Geld ist nicht der einzige Schlüssel, es sind vor allem die Perspektiven, die jemand für sich zu erschließen vermag. Das heißt, wenn ich mir nicht vorstellen kann, aus meiner Misere herauszukommen und über mich selbst und meine Herkunft hinauszuwachsen, dann werde ich möglicherweise auch keine Initiative ergreifen und Schritte einleiten. Anders ausgedrückt, wenn jemand ein bestimmtes Ziel verfolgt, etwa eine Zusatzausbildung oder die Aufnahme eines Studiums und dafür finanziell zurückstecken muss, muss das Ziel attraktiv genug sein, dies auch zu tun.

Geldbotschaften

Sicherlich sehen Sie die Auseinandersetzung mit der eigenen Geld-Biografie als Teil eines solchen Bildungsprozesses. Können Sie kurz schildern, wie Sie die Geld-Biografien Ihrer Teilnehmer*innen erschließen? Spielt das Schreiben dabei eine Rolle?

In meiner Studie hatte ich natürlich nach wissenschaftlichen Standards vorzugehen und habe verschiedene analytische Schritte vollzogen. Es fing mit dem Erzählen der Lebensgeschichte an, die von mir transkribiert und anschließend analysiert wurde. Dabei habe ich zum Beispiel auf die Gelderziehung geschaut, den sozioökonomischen Background und vor allem auf übermittelte und selbst ausgebildete Geldbotschaften, also tief verinnerlichte Wertüberzeugungen zum Geld. Im Coaching würde man eher Glaubenssätze dazu sagen. Interessant ist auch zu schauen, was zu Hause nicht über Geld gesagt oder verschwiegen wird. Außerdem schaut die Biografieforschung auf sogenannte Verlaufskurven, die man vielleicht mit dem ungelebten Leben umschreiben könnte. In der praktischen Arbeit in Workshops baue ich das Schreiben ein, also etwa die ersten Erfahrungen mit Geld.

Haben Sie dabei auch Neues über Ihre eigene Biografie herausgefunden — und war das hilfreich?

Selbstreflexion ist ein wichtiger Bestandteil der empirischen Sozialforschung, um nicht seinen eigenen Bias auf die Forschung zu übertragen. Ich bin eigentlich ein eher sparsamer Mensch und es ist immer spannend, einmal den Gegenpol auszuprobieren. Besser zu genießen habe ich gelernt. Aber auch, dass die eigenen Wertorientierungen eine sehr starke innere Verankerung haben und als subjektive Wahrheit nicht unbedingt ökonomisch rational sein müssen. Das betrifft etwa den freigiebigen Umgang mit Geld, wenn sparsame Menschen denken, warum muss diese Person immer über ihre Verhältnisse leben, kann die sich nicht mal einschränken? Und das ist eben der springende Punkt, jahrzehntelang eingeübte Muster lassen sich nicht von heute auf morgen verändern.

Ich komme zu meiner letzten Frage: Welchen Rat geben Sie Ihren Kund*innen wohl am häufigsten?

Liebe Frauen, schiebt das Thema Finanzen nicht auf die lange Bank, es macht Spaß sich damit auseinanderzusetzen!

Birgit Happel, vielen Dank für Ihre Anregungen, einmal über die Bedeutung des Geldes für die eigene Lebensgeschichte nachzudenken.

(Mehr über Birgit Happel findet man auf www.geldbiografien.de.)

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