Kategorie: Autofiktion

Rachel Cusk: Outline

Auf Twitter (das auch sehr nützlich sein kann) fragte ich danach, ob es eine weibliche Autorin gebe, deren autobiografische Radikalität mit der von Karl Ove Knausgård zu vergleichen sei. Der Literaturredakteur Kolja Mensing verwies mich auf Rachel Cusk: Volltreffer! Die in England lebende Schriftstellerin hat nicht nur gerade eine Roman-Triologie vorgelegt, die deutlich autobiografische Züge trägt, sondern zuvor schon drei Erinnerungsbände („Memoirs“) veröffentlicht, von denen der erste, „A Life’s Work: On Becoming a Mother“ (2001) von ihrer Mutterschaft erzählt, der zweite, „The Last Supper: A Summer in Italy“ (2009), von einer inspirierenden Reise und der dritte „Aftermath. On Marriage and Separation“ (2012) in England einen literarischen Skandal auslöste. Darin berichtet sie schonungslos und tiefgründig vom Ende ihrer Ehe und hinterfragt, unter anderem, die Möglichkeiten des einzelnen, sich von traditionellen Rollenmodellen zu lösen und zu etwas wie einer Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern zu kommen. Außerdem veröffentlichte sie insgesamt acht Romane.

Autofiktion

Rachel Cusk schreibt mir großer Meisterschaft und analytischer Tiefe. Leider sind ihre drei Memoirs nicht auf Deutsch erschienen, darum halte ich mich an den ersten Band ihrer Triologie, „Outline“. Dabei handelt es sich einerseits um einen Roman, die Ich-Erzählerin heißt nicht „Rachel“, sondern „Faye“, sie hat keine Töchter wie Cusk, sondern Söhne — andererseits sind die Parallelen zum Leben der Autorin so deutlich, dass man von einem autobiografischen Text sprechen kann. Literaturwissenschaftlich korrekt heißt so etwas „Autofiktion“.

Handlung, Struktur, Thema

Die Handlung von „Outline“ ist schnell erzählt. Die Schriftstellerin Faye reist nach Athen, um einen Kurs im literarischen Schreiben zu geben. Ihr Sitznachbar im Flugzeug erzählt ihr von seinem Leben, seinen gescheiterten Ehen, und sie fragt nach, bleibt als Person im Hintergrund. Es folgen weitere Gespräche, mit Kollegen, einer griechischen Autorin und — besonders brillant — die Beiträge der Teilnehmer in ihrer Schreibwerkstatt. Es geht um Lebensfragen, mal mehr, mal weniger drängend, die von der Erzählerin zumeist in indirekter Rede wiedergegeben werden. In beeindruckender Weise schafft es Cusk dabei, eine Distanz zu schaffen, die nicht gleichgültig macht, sondern im Gegenteil ermöglicht, die Situationen, die sie darstellt, mit größerer Klarheit zu sehen. Nur die Bemühungen des griechischen Sitznachbarns, der Erzählering mittels und trotz seiner Lebensbeichte auch persönlich nahe zu kommen, verleiht die Indirektheit eine groteske Note. Alle anderen Personen werden ernstgenommen, wenn auch als Darsteller der menschlichen Komödie.

Die Geschichte der Ich-Erzählerin selbst deutet sich nur an. Was sie über sich denke und sagt, scheint nur dem Verständnis der Abläufe zu dienen, und dem jeweiligen Gespräch. Offenbar scheiterte ihre Ehe, sie sucht nach einer neuen Form für ihr Leben und das heißt: für sich selbst, ihre Identität. Was sie ist, was sie sein könnte, erscheint darum nur schemenhaft, als Umriss, vielleicht als erster Entwurf. Beide Bedeutungen, Umriss und Entwurf, stecken im englischen „Outline“.

Das Autobiografische neu definieren

Das Prinzip, dass dieser Art indirekter Selbst-Befragung, Selbst-Definition zugrunde liegt, enthüllt sich der Ich-Erzählerin und dem Leser ebenfalls indirekt, in einem Gespräch, doch zuletzt deutlich genug. Diesmal ist es das Gespräch mit einer Kollegin, die zu früh in der Dozentinnen-Wohnung eintrifft. Die Kollegin, sie heißt Anne, berichtet davon, ihrerseits auf ihrem Flug mit jemandem gesprochen zu haben — eine Spiegelung der Anfangsszene am Ende des Buchs — und dabei zu einer Erkenntnis gekommen zu sein:

[…] er beschrieb alles, was sie nicht war, und in allem, was er über sich sagte, fand sie eine negative Entsprechung in sich selbst. Diese Negativbeschreibung, ihr fiel kein besseres Wort dafür ein, hatte ihr etwas verdeutlicht: Während er sprach, sah sie sich selbst als Form, als Umriss, und alle Details legten sich von außen daran, währen der Umriss selbst leer blieb. Und dennoch vermittelte ihr dieser Umriss, obwohl sein Inhalt unbekannt war, zum ersten Mal seit dem Vorfall eine Ahnung davon, wer sie jetzt sein könnte.

Nach der Knausgårdschen Direktheit von „Aftermath“, die sie mit öffentlichen Anfeindungen bezahlen musste und in eine künstlerische Krise stürzte, drei Jahre konnte sie nicht schreiben, entwickelte Cusk in „Outline“ ein originelles und äußerst lesenswertes Verfahren, das eigene im anderen zu entdecken. Sie findet das Autobiografische in der genauen Beobachtung der sozialen und kulturellen Welt wieder, deren Freiheitsgrade und Möglichkeiten es stets neu zu erforschen gilt. Die (autobiografische) Literatur ist eines der wichtigsten Mittel dafür.

[Weitere Rezensionen zu Rachel Cusk: von Carola Ebeling auf Zeit Online: „Aus dem Käfig der Identität ausbrechen“, und von Sigrid Löffler auf Deutschlandfunk Kultur: „Erzählerisch überraschend, aber wenig elegant“.]

Nachtrag nach der Lektüre der Folgebände „In Transit“ und „Kudos“

Es handelt sich um eine Triologie und Rachel Cusk bleibt ihrem Erzählkonzept auch in den beiden weiteren Bänden treu. Das Konzept verliert dabei nicht an Kraft, es bleibt sogar erstaunlich frisch und fruchtbar.

Das Zentrum des zweiten Bandes bilden die Bemühungen der Erzählerin Faye, in London ein Haus zu kaufen und renovieren zu lassen. Sie spricht unter anderem mit dem Makler, der ihr die Pläne eher aus- als einreden will, und — mein persönliches Highlight — mit den albanischen Vorarbeiter Tony.

Im dritten Band besucht Faye zwei größere Literaturveranstaltungen, die Städte Köln und Lissabon lassen sich erraten. Wieder beginnt es im Flugzeug, wo ihr ein übermüdeter Geschäftsmann begegnet. Die meisten anderen Figuren und Gesprächspartner sind „Büchermenschen“: Verlagsangestelle, Lektoren, Übersetzerinnen und Journalisten. Ein Verleger erklärt ihr, der neue wirtschaftliche Erfolg des Verlags basiere auf Sudoku-Heften. In einer Reihe von Interviews kommt sie nicht zu Wort, weil die Reporter nur von sich erzählen. Die erste spricht ausführlich von ihrer Ehe und der ihrer Schwester, die in subtiler Weise miteinander verbunden scheinen, dann packt sie ein.

„Ich glaube, ich habe alles, was ich brauche“, sagte sie. „Offen gestanden habe ich alles Wissenswerte recherchiert, bevor ich hergekommen bin.“

Ihre Schriftstellerkolleg/inn/en tun immerhin nicht so, als interessierten sie sich sonderlich für die Erzählerin. Wer etwas Realismus in seine Träume von einem Schriftstellerleben bringen möchte, sollte hier nachlesen. Unter anderem kommt die unglaubliche wirtschaftliche und persönliche Situation der Übersetzerin Felicia zur Sprache. Es wird viel geplaudert, hohe und niedrige Themen vermischen sich.

Die Schlussszene am Strand kommt jedoch ganz ohne Worte aus. In deren Dickicht scheint sich Faye eher verloren als gefunden zu haben. Das Ende setzt einen schwierigen Kontrapunkt zum vorherigen Text, der einiges in einem neuen Licht erscheinen lässt. Besonders die Passagen, die sich auf Feminismus und die kulturelle Rolle der Frau beziehen, möchte man anschließend noch einmal lesen. Wahrscheinlich werde ich das auch.

Und auch alles andere, was von Rachel Cusk in den nächsten Jahren erscheint.

 

Rachel Cusk:
Outline
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016,
ISBN 978-3518425282

In Transit
Suhrkamp Verlag, Berlin 2017,
ISBN 978-3518425916

Kudos
Suhrkamp Verlag, Berlin 2018,
ISBN 978-3518428078