Kategorie: Memoir

Rachel Cusk: Outline

Auf Twitter (das auch sehr nützlich sein kann) fragte ich danach, ob es eine weibliche Autorin gebe, deren autobiografische Radikalität mit der von Karl Ove Knausgård zu vergleichen sei. Der Literaturredakteur Kolja Mensing verwies mich auf Rachel Cusk: Volltreffer! Die in England lebende Schriftstellerin hat nicht nur gerade eine Roman-Triologie vorgelegt, die deutlich autobiografische Züge trägt, sondern zuvor schon drei Erinnerungsbände („Memoirs“) veröffentlicht, von denen der erste, „A Life’s Work: On Becoming a Mother“ (2001) von ihrer Mutterschaft erzählt, der zweite, „The Last Supper: A Summer in Italy“ (2009), von einer inspirierenden Reise und der dritte „Aftermath. On Marriage and Separation“ (2012) in England einen literarischen Skandal auslöste. Darin berichtet sie schonungslos und tiefgründig vom Ende ihrer Ehe und hinterfragt, unter anderem, die Möglichkeiten des einzelnen, sich von traditionellen Rollenmodellen zu lösen und zu etwas wie einer Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern zu kommen. Außerdem veröffentlichte sie insgesamt acht Romane.

Autofiktion

Rachel Cusk schreibt mir großer Meisterschaft und analytischer Tiefe. Leider sind ihre drei Memoirs nicht auf Deutsch erschienen, darum halte ich mich an den ersten Band ihrer Triologie, „Outline“. Dabei handelt es sich einerseits um einen Roman, die Ich-Erzählerin heißt nicht „Rachel“, sondern „Faye“, sie hat keine Töchter wie Cusk, sondern Söhne — andererseits sind die Parallelen zum Leben der Autorin so deutlich, dass man von einem autobiografischen Text sprechen kann. Literaturwissenschaftlich korrekt heißt so etwas „Autofiktion“.

Handlung, Struktur, Thema

Die Handlung von „Outline“ ist schnell erzählt. Die Schriftstellerin Faye reist nach Athen, um einen Kurs im literarischen Schreiben zu geben. Ihr Sitznachbar im Flugzeug erzählt ihr von seinem Leben, seinen gescheiterten Ehen, und sie fragt nach, bleibt als Person im Hintergrund. Es folgen weitere Gespräche, mit Kollegen, einer griechischen Autorin und — besonders brillant — die Beiträge der Teilnehmer in ihrer Schreibwerkstatt. Es geht um Lebensfragen, mal mehr, mal weniger drängend, die von der Erzählerin zumeist in indirekter Rede wiedergegeben werden. In beeindruckender Weise schafft es Cusk dabei, eine Distanz zu schaffen, die nicht gleichgültig macht, sondern im Gegenteil ermöglicht, die Situationen, die sie darstellt, mit größerer Klarheit zu sehen. Nur die Bemühungen des griechischen Sitznachbarns, der Erzählering mittels und trotz seiner Lebensbeichte auch persönlich nahe zu kommen, verleiht die Indirektheit eine groteske Note. Alle anderen Personen werden ernstgenommen, wenn auch als Darsteller der menschlichen Komödie.

Die Geschichte der Ich-Erzählerin selbst deutet sich nur an. Was sie über sich denke und sagt, scheint nur dem Verständnis der Abläufe zu dienen, und dem jeweiligen Gespräch. Offenbar scheiterte ihre Ehe, sie sucht nach einer neuen Form für ihr Leben und das heißt: für sich selbst, ihre Identität. Was sie ist, was sie sein könnte, erscheint darum nur schemenhaft, als Umriss, vielleicht als erster Entwurf. Beide Bedeutungen, Umriss und Entwurf, stecken im englischen „Outline“.

Das Autobiografische neu definieren

Das Prinzip, dass dieser Art indirekter Selbst-Befragung, Selbst-Definition zugrunde liegt, enthüllt sich der Ich-Erzählerin und dem Leser ebenfalls indirekt, in einem Gespräch, doch zuletzt deutlich genug. Diesmal ist es das Gespräch mit einer Kollegin, die zu früh in der Dozentinnen-Wohnung eintrifft. Die Kollegin, sie heißt Anne, berichtet davon, ihrerseits auf ihrem Flug mit jemandem gesprochen zu haben — eine Spiegelung der Anfangsszene am Ende des Buchs — und dabei zu einer Erkenntnis gekommen zu sein:

[…] er beschrieb alles, was sie nicht war, und in allem, was er über sich sagte, fand sie eine negative Entsprechung in sich selbst. Diese Negativbeschreibung, ihr fiel kein besseres Wort dafür ein, hatte ihr etwas verdeutlicht: Während er sprach, sah sie sich selbst als Form, als Umriss, und alle Details legten sich von außen daran, währen der Umriss selbst leer blieb. Und dennoch vermittelte ihr dieser Umriss, obwohl sein Inhalt unbekannt war, zum ersten Mal seit dem Vorfall eine Ahnung davon, wer sie jetzt sein könnte.

Nach der Knausgårdschen Direktheit von „Aftermath“, die sie mit öffentlichen Anfeindungen bezahlen musste und in eine künstlerische Krise stürzte, drei Jahre konnte sie nicht schreiben, entwickelte Cusk in „Outline“ ein originelles und äußerst lesenswertes Verfahren, das eigene im anderen zu entdecken. Sie findet das Autobiografische in der genauen Beobachtung der sozialen und kulturellen Welt wieder, deren Freiheitsgrade und Möglichkeiten es stets neu zu erforschen gilt. Die (autobiografische) Literatur ist eines der wichtigsten Mittel dafür.

[Weitere Rezensionen zu Rachel Cusk: von Carola Ebeling auf Zeit Online: „Aus dem Käfig der Identität ausbrechen“, und von Sigrid Löffler auf Deutschlandfunk Kultur: „Erzählerisch überraschend, aber wenig elegant“.]

Nachtrag nach der Lektüre der Folgebände „In Transit“ und „Kudos“

Es handelt sich um eine Triologie und Rachel Cusk bleibt ihrem Erzählkonzept auch in den beiden weiteren Bänden treu. Das Konzept verliert dabei nicht an Kraft, es bleibt sogar erstaunlich frisch und fruchtbar.

Das Zentrum des zweiten Bandes bilden die Bemühungen der Erzählerin Faye, in London ein Haus zu kaufen und renovieren zu lassen. Sie spricht unter anderem mit dem Makler, der ihr die Pläne eher aus- als einreden will, und — mein persönliches Highlight — mit den albanischen Vorarbeiter Tony.

Im dritten Band besucht Faye zwei größere Literaturveranstaltungen, die Städte Köln und Lissabon lassen sich erraten. Wieder beginnt es im Flugzeug, wo ihr ein übermüdeter Geschäftsmann begegnet. Die meisten anderen Figuren und Gesprächspartner sind „Büchermenschen“: Verlagsangestelle, Lektoren, Übersetzerinnen und Journalisten. Ein Verleger erklärt ihr, der neue wirtschaftliche Erfolg des Verlags basiere auf Sudoku-Heften. In einer Reihe von Interviews kommt sie nicht zu Wort, weil die Reporter nur von sich erzählen. Die erste spricht ausführlich von ihrer Ehe und der ihrer Schwester, die in subtiler Weise miteinander verbunden scheinen, dann packt sie ein.

„Ich glaube, ich habe alles, was ich brauche“, sagte sie. „Offen gestanden habe ich alles Wissenswerte recherchiert, bevor ich hergekommen bin.“

Ihre Schriftstellerkolleg/inn/en tun immerhin nicht so, als interessierten sie sich sonderlich für die Erzählerin. Wer etwas Realismus in seine Träume von einem Schriftstellerleben bringen möchte, sollte hier nachlesen. Unter anderem kommt die unglaubliche wirtschaftliche und persönliche Situation der Übersetzerin Felicia zur Sprache. Es wird viel geplaudert, hohe und niedrige Themen vermischen sich.

Die Schlussszene am Strand kommt jedoch ganz ohne Worte aus. In deren Dickicht scheint sich Faye eher verloren als gefunden zu haben. Das Ende setzt einen schwierigen Kontrapunkt zum vorherigen Text, der einiges in einem neuen Licht erscheinen lässt. Besonders die Passagen, die sich auf Feminismus und die kulturelle Rolle der Frau beziehen, möchte man anschließend noch einmal lesen. Wahrscheinlich werde ich das auch.

Und auch alles andere, was von Rachel Cusk in den nächsten Jahren erscheint.

 

Rachel Cusk:
Outline
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016,
ISBN 978-3518425282

In Transit
Suhrkamp Verlag, Berlin 2017,
ISBN 978-3518425916

Kudos
Suhrkamp Verlag, Berlin 2018,
ISBN 978-3518428078

 

Emmanuel Carrère: Alles ist wahr

Emmanuel Carrère 2009

Wer das Buch des französischen Drehbuchautors und Schriftstellers Emmanuel Carrère in die Hand nimmt, den Klappentext liest und das Titelbild betrachtet, muss annehmen, dass es (ausschließlich) die Geschichte eines Paares erzählt, das in der Tsunami-Katastrophe 2004 seine kleine Tochter verlor. Tatsächlich nimmt diese Geschichte jedoch nur einen verhältnismäßig kleinen Teil des Buches in Anspruch, die ersten 50 Seiten von ungefähr 240. Carrère hat die Tragödie während eines Urlaubs in Sri Lanka miterlebt, er selbst hätte Opfer des Tsunami werden können und beschreibt die Tage danach, in denen seine Frau Hélène und er sich an ihrem zur Hälfte zerstörten Ferienort um die Eltern und den Großvater des toten Kindes kümmern, in großartiger Eindringlichkeit und Prägnanz. Der Text ist autobiografisch, weil er der Perspektive des Autor-Ichs verpflichtet bleibt und offen von seinen Gefühlen und Grenzen spricht, doch dabei konzentriert er sich auf die Menschen, die dem Ich begegnen, und versucht, ihrem Leiden schreibend gerecht zu werden. Sie sind die eigentlichen Hauptpersonen des Buchs, das so zu einer „Mischung von Autobiografie und Reportage“ wird, wie Lauren Elkin in ihrer gründlichen Analyse von Carrères Werk schreibt (englisch).

Falsch vorbereitet durch den Klappentext (und vom vagen deutschen Titel »Alles ist wahr«), wundert man sich als Leser, wenn Carrère auf Seite 54 scheinbar das Thema wechselt und nun seine Schwägerin Juliette in den Mittelpunkt stellt, die Anfang dreißig, noch am Beginn ihrer Karriere als Richterin, Mutter dreier kleiner Töchter, einen Krebs-Rückfall erleidet und binnen eines Jahres stirbt. Zur dritten Hauptperson wählt er sich den Arbeitskollegen Juliettes, der sich der Familie nach ihrem Tod vorstellt, um ihnen von Juliettes großen Leistungen als Richterin zu erzählen, Étienne Rigal. Wie Juliette litt er bereits in jungen Jahren an Krebs, so dass ihm das Bein amputiert werden musste. Anders als im Falle der Tsunami-Tragödie beginnt der Autor nun zu recherchieren, spricht mit Juliettes Mann und ihren Eltern, ganz ausführlich mit Étienne und absolviert sogar eine Art »Praktikum« im Amtsgericht von Vienne, um dessen und Juliettes richterliche Praxis nachvollziehen zu können.

Wo ist der Zusammenhang?

Die Kritik liegt nahe: Hängt das alles nachvollziehbar zusammen? Thomas Laux von der Neuen Züricher Zeitung (Artikel vom 1. Juli 2014), meint: nein. Die Mixtur aus autobiografischem Material, französischem Strafrecht und den Leiden von Krebskranken und Amputierten bliebe unverständlich. »Flüchtigkeit allen Seins«, das sei als einigendes Thema zu wenig. (Das und mehr Kritiken des Buchs sind hier zu finden.) Was Laux womöglich übersieht, ist der Lektüreschlüssel, den uns Carrère mit dem französischen Originaltitel mitgibt, der »D’autres vies que la mienne« lautet, »Von anderen Leben, als meinem«. Ziel Carrères war es also gerade, sich auf das Leben von Menschen zu konzentrieren, die ihm auf die eine oder andere Art begegneten und die ihm bedeutsam vorkamen, ohne dass er dabei seine grundlegende Technik der offen autobiografischen Herangehensweise aufgeben wollte. Der Autor und Erzähler bleibt stets im Bild, was den Bericht an vielen Stellen besonders wahrhaftig erscheinen lässt. Die Recherche wird miterzählt, die Entstehung des Textes nachvollzogen, was ich vor allem als biografisch Schreibender zu schätzen weiß. Anders als bei reinen Biografien, die im historisch-neutralen Stil gehalten oder romanhaft gerundet werden, macht er sich mit dieser Vorgehensweise jedoch auch angreifbar: Der Grat zwischen Wahrhaftigkeit und einem Sich-ins-Bild-Drängeln des Autors ist schmal wie der Zwischen Mitgefühl und Voyeurismus.

Entwicklung einer »Methode«

Emmanuel Carrères berühmtestes Buch (auf Deutsch derzeit leider nicht lieferbar) heißt »Amok« (frz.: »L’Adversaire«) und erzählt von einem Mann, der seine Familie nach achtzehn Jahren der Lüge, in denen er allen vorgemacht hatte, ein angesehener Arzt zu sein, umbrachte, um unentdeckt zu bleiben, Eltern, Frau und Kinder. Um diese Ungeheuerlichkeit begreifen und über diesen Fall schreiben zu können, entwickelt Carrère jene besondere Erzählweise, in der die Recherche und das Leben des Autors zusätzlich thematisiert wird, um dem Leser keine fertigen Behauptungen und Analysen vorsetzen zu müssen. Im Vorgängerbuch zu »Alles ist wahr«, »Ein russischer Roman« erforschte er in ähnlicher Weise das Leben seiner eigenen Familie, vor allem das Geheimnis um seinen georgischen Großvater. Von hier, einer Recherche in ganz eigener Sache, ist die Wendung zu »anderen Leben als meinem« zu verstehen.

Was kann man lernen?

Worin besteht nun die besondere Qualität von Carrères Buch, die es auch lehrreich macht für alle, die (auto)biografisch schreiben? In seiner Offenheit ähnelt es den Büchern von Karl Ove Knausgård — oder vielmehr umgekehrt, denn Knausgård begann erst 2009, seine sechsbändige Autobiografie zu veröffentlichen. Carrère dagegen steht in der Tradition der französischen »Autofiktion«, dem literarisch ambitionierten und mit fiktionalen Techniken angereicherte autobiografischen Schreiben. Was gerade »Alles ist wahr« interessant macht, sind zwei Stärken: Die große Zahl der Figuren-Porträts, die von knappen Formulierungen bis zur ausgearbeiteten Charakterstudie reichen, und die Stellen, in denen Carrère seine eigene Vorgehensweise vorstellt und für den Leser durchsichtig macht.

Beispiele

Bei der Charakterisierung seiner »Figuren« achtet Carrère besonders auf das Milieu oder die soziale Schicht, etwa in dieser Passage auf S. 157 der deutschen Taschenbuch-Ausgabe:

Juliette wohnte bei ihren Eltern, und jedes Mal, wenn er sie in ihrer großen Wohnung in der Nähe von Denfert-Rochereau aufsuchte, fühlte er sich fürchterlich unwohl. Als hochrangige Wissenschaftler sind Jacques und Marie-Aude katholisch, elitär und konservativ, und Patrice hatte das Gefühl, dass sie auf ihn von oben herab blickten — wie auch auf seine Familie, in der man provinziell und Real- oder Grundschullehrer ist und mit alten Klapperkisten voller Anti-Atomkraft-Stickern herumfährt. Das Dogma seiner Familie ist die Diskussion: Man kann über alles, ja muss über alles diskutieren, aus der Diskussion entspringt die Erkenntnis. Nun ist aber in den Augen von Juliettes Eltern — wie übrigens auch in denen meiner eigenen — mit einem Öko aus den Savoyen, der glaubt, Mikrowellengeräte seien gesundheitsschädlich, etwas so viel Diskussion möglich wie mit einem, der behauptet, die Erde sein flach […]

Zuletzt einige Beispiele für Carrères biografische Offenheit und Transparenz:

Ich weiß nicht, ob der vorige Absatz letztlich im Buch stehen wird. Étienne hatte sich klar und deutlich ausgedrückt: Du kannst über alles schreiben, wovon ich dir erzähle, ich möchte nicht die geringste Kontrolle ausüben. Trotzdem könnte ich gut verstehen, wenn er vor der Veröffentlichung den Text lesen und mich bitten würde, über diese Episode kein Wort zu verlieren. Eher aus Rücksicht auf seine Familie als aus Scham, denn ich bin mir sicher, dass er sich nicht dafür schämt: […] Von dem, was ihn menschlich, arm, fehlbar und großartig macht, will er nichts abschneiden, und deshalb will auch ich die Erzählung seiner Lebens nicht beschneiden.
(Notiz von Étienne, am Seitenrand des Manuskripts: „Kein Problem, behalt es drin.“)(S. 101f.)

Ab hier bewege ich mich auf dünnem Eis. Ich nehme an, dass er in seiner Analyse viel von seinem Krebs gesprochen hat, und um die Dinge beim Namen zu nennen: Es erstaunt mich, dass Étienne bei einem solchen Glauben ans Unbewusste einer psychosomatischen Interpretation von Krebs so ablehnend gegenübersteht. […]
Er sagte das bereits am ersten Tag, dem Tag der Begegnung mit Juliettes Familie, und er wiederholte es mehrmals bei unserem ersten Zwiegespräch, und ich nickte jedes Mal, als sei ich seiner Meinung; aber tatsächlich bin ich mir nicht sicher, ob ich seiner Meinung bin.(108)

An dem Tag, als eine große Verbraucherbank Étienne um ein Treffen bar, lief ihm ein Schauer des Triumphes über den Rücken. Er schlug einen Termin vor. Zu viert betraten sie sein Büro: zwei Unternehmenskader, von denen einer extra aus Paris angereist war, und zwei Anwälte aus Vienne. Ich würde Ihre Begegnung gern wie eine Krimiszene erzählen. Sie beginn ganz harmlos mit einem Scherz: Sie sind also dieser Spielverderber? Doch dann verwandeln sich die Scherze in verdeckte Drohungen […] Schließlich bleibt der Redende vor dem Richter stehen und sagt mit verzerrtem Mund: Ich werde Sie plattmachen. Er schnappt sich irgendetwas vom Schreibtisch, zermalmt es zwischen seinen bleichen, nervösen Händen und lässt beim Öffnen der Faust die Reste herauskrümeln: Ich mache Sie so platt. Tatsächlich lief die Sache ganz anders. Das Gespräch blieb höflich […] (146)

Max Frisch: Montauk

Long Island Beach

Der Schweizer Autor Max Frisch (1911-1991) war ein Meister des Rollenspiels. Der erste Satz seines Romans Stiller lautet: »Ich bin nicht Stiller!«. Erst ein Gerichtsverfahren bringt die Hauptfigur dazu, die alte Identität wieder anzuerkennen. In seinem Stück „Biografie: Ein Spiel“ darf der Verhaltensforscher Kürmann seine Biografie nachträglich verändern — was ihm jedoch kaum gelingt.

Die Erzählung Montauk von 1975 bildet einen weiteren Höhepunkt von Frischs Auseinandersetzung mit dem Problem der Identität, das heißt mit dem Problem unseres Verhältnisses zum eigenen Leben, unseres erzählerischen (autobiografischen) Zugriffs darauf und der Rolle der Erinnerung.

Jeder, der sich mit dem autobiografischen Schreiben beschäftigt, sollte Montauk lesen.

Der äußere Anlass scheint gering: Frisch entschließt sich dazu, ein Wochenende zu beschreiben, dass er im Mai 1974 zusammen mit »Lynn« auf Long Island bei New York verbrachte. »Montauk« ist der Name eines Dorfes an der Ostspitze der Insel. »Max Frisch erzählt die Geschichte einer kurzen Affäre und zugleich eines ganzen Lebens» steht richtig im Klappentext. Das ganze Leben kommt in Einschüben vor, die Themen des Wochenendes aufnehmen und biografisch erweitern.

Es stört ihn, daß immer Erinnerungen da sind. (Seite 9)

So heißt es gleich zu Beginn — doch sie sind unausweichlich. Auf dieser Unausweichlichkeit gründet die Struktur der Erzählung. Die Erinnerungen, die sich während des Wochenendes ergeben, werden in Ich-Perspektive ausgeführt, während die Erlebnisse des Wochenendes selbst als die einer Hauptfigur in dritten Person erzählt werden. So ergibt sich ein teilweise komplexes Zusammenwirken von Ich- und Er-Perspektive, eine Ich-Er-Form:

Sein Englisch ist bescheiden; ich weiß natürlich, was er sagen möchte. Kommt es vor, daß er nicht übersetzt, sondern in Englisch aussagt, was man so nicht sagen könnte in Schriftdeutsch oder Mundart, überrascht es mich, was und wie er denkt. Das genieße ich; dann ertappt ihn die Fremdsprache bei seiner wirklichen Meinung. […] Zum Beispiel sagt er, daß ich in meinem Leben nie in einem Bordell gewesen bin; er fügt hinzu: Deshalb bin ich auch kein politischer Mensch, weil ich alles verinnerliche. (Seite 107)

Das Englisch der Hauptfigur meiner Erzählung ist bescheiden, könnte man das paraphrasieren, aber da ich es bin, habe ich zugleich Zugriff auf sein Inneres. Es überrascht Frisch nicht, was er selbst denkt, aber was diese Figur denkt, das heißt, wenn er als Schreibender darüber nach-denkt.

Frisch verwendet die Er-Form nicht, um erfinden zu können. Über seine autobiografische Absicht lässt er sich und den Leser nicht im unklaren:

AMAGANNSETT
heißt also der kleine Ort, wo er gestern beschlosen hat, dieses Wochenende zu erzählen: autobiographisch, ja, autobiographisch. Ohne Personnagen zu erfinden; ohne Ereignisse zu erfinden, die exemplarischer sind als seine Wirklichkeit; ohne auszuweichen in Erfindungen. Ohne seine Schriftstellerei zu rechtfertigen durch Verantwortung gegenüber der Gesellschaft; ohne Botschaft. Er hat keine und lebt trotzdem. Er möchte bloß erzählen (nicht ohne alle Rücksicht auf die Menschen, die er beim Namen nennt): sein Leben. (155f.)

Die Er-Form dient also nicht der Erfindung, sondern einer möglichst großen Authentizität. Sie trennt die „Geschichte“ des Wochenendes von der restlichen Biografie, verhindert die Vermischung. In seinem Buch Autobiografisches als literarisches Schreiben (Schneider Verlag, Hohengehren 2000) interpretiert Günter Waldmann das so: Frisch wolle Distanz, Fremdheit ausdrücken: »Der Grund ist, dass in dieser Beziehung so viel Fremdheit besteht: er ist fremd gegenüber sich selbst wie gegenüber Lynn, aber auch er ist Lynn fremd, dass er für seine Erinnerung nicht als Ich, als Subjekt des Geschehens erscheint: Er ist dreiundsechzig, und Lynn, vom selben Jahrgang wie seine Tochter, ist dreißig.

Fremdheit herrscht allerdings auch in anderen Beziehungen, die Frisch in diesem Buch schildert oder anklingen lässt, in der zu Ingeborg Bachmann oder seiner damaligen Frau Marianne Oellers — die übrigens ebenfalls 28 jünger ist als er. Viel eher scheint es mir also das Verhältnis von Gegenwart und Erinnerung zu sein, dem er in der Wahl der grammatischen Person Ausdruck verleiht — und dem Willen, eben gerade jene Episode herausstellen und zu schildern. Vielleicht — aber das schreibt er nicht — wegen ihrer Abgeschlossenheit, die bereits die Form einer Erzählung trägt.

Neben dieser grundlegenden und bedenkenswerten Struktur und der vielen Einsichten zum Selbst-Verhältnis des Autors (des modernen Menschen), die die Lektüre lohnenswert machen, finden sich in dem rund 200 Seiten langen Prosatext noch einige ganz besondere Schätze. Mir gefiel besonders die lange Passage (S. 29-50) zum früheren Freunde und Förderer »W.« und der kurze Essay zum Thema Geld (170-182), der von einer kurzen Supermarkt-Episode mit Lynn angeregt wird und mit einer bewundernden Beschreibung Ingeborg Bachmanns endet:

Ich weiß nicht, wie sie das macht. Ich erinnere mich nicht, daß je eine Ausgabe sie reut, eine hohe Miete, eine Handtasche aus Paris, die am Strand kaputtgeht. Geld verläßt uns so oder so. Wenn jemand, den sie liebt, an sich selber spart, so verletzt es ihre Liebe. Eigentlich stünde es uns beiden zu, ein kleines Schloß oder ein großes, aber sie ist nicht empört, daß andere es haben. Sie zu beschenken ist eine Freude; sie strahlt. Sie verlangt den Luxus nicht; wenn er da ist, so ist sie ihm gewachsen. Ihre Herkunft kleinbürgerlich wie die meine; nur ist sie frei davon. Ohne Ideologie; kraft ihres Temperamentes. Wenn sie rechnet, dann rechnet sie mit Wundern. (182)