Kategorie: Schreibratgeber

Tania Konnerth: Von der Seele schreiben

Schreibende Hand

Ich besitze eine recht stattliche Anzahl von Ratgebern und Ideenbüchern zum biografischen Schreiben. Anders als wissenschaftliche Werke sind die meisten davon stark geprägt vom persönlichen Zugang des Autors oder der Autorin in das riesige und verwinkelte Haus des Schreibens. Nur wenn dieser Zugang zu dem passt, was sich auch der Leser, die Leserin bewusst oder bloß geahnt vom Schreiben erhofft, kann das Buch zu einer Hilfe werden.

Tania Konnerths Buch richtet sich an diejenigen, die das Schreiben als Weg zur Selbst-Erkenntnis, zur Identitätsfindung oder -stärkung heranziehen möchten. Es geht ihr weniger um das Schreiben über sich selbst, wie es Autoren tun, die eine Autobiografie oder ein Memoir verfassen, als um das Schreiben für sich selbst. Wer den Buchtitel ernst nimmt, ist auf der richtigen Spur.

Zu Beginn führt die Autorin, die im Herder-Verlag sonst »Wohlfühlbücher« zur Steigerung von Optimismus und Lebensfreude verfasst, sieben Bereiche an, in denen das Schreiben positiv wirken kann: (1) als Ort der Selbstbegegnung, (2) zur Verbesserung der Ausdrucksmöglichkeiten, (3) zum kreativen Selbstausdruck, (4) um Gedanken zu sortieren, (5) zum Bewahren von Erinnerungen, (6) zur Aufarbeitung von seelischen Verletzungen und (7) als Begleiter in schwierigen Zeiten. Außer wenn es ums Bewahren geht, kommt es in dieser Aufzählung nicht oder nur sehr wenig darauf an, welche Texte dabei entstehen. Es geht vor allem um den Prozess des Schreibens, nicht um das Ergebnis. Tania Konnerths Zugang zum Haus des Schreibens, das Schreibzimmer, in dem sie sich am häufigsten aufhält, könnte man »meditatives Schreiben« nennen, denn Ihre Empfehlungen lesen sich beinahe wie eine Anleitung zur Meditation:

Lassen Sie sich also genau so schreiben, wie es gerade aus Ihnen fließt, und hören Sie sich einfach nur zu. Zensieren und kritisieren Sie sich nicht, sondern nehmen Sie an, was auch immer kommt. Es muss Ihnen nicht gefallen, was Sie schreiben, es geht nur darum, dass es ehrlich und authentisch ist. Manchmal kann man erst später Zugang zu einem eigenen Text bekommen, den man zunächst ablehnte. Vielleicht ist man sich zu nah gekommen damit, vielleicht hat man einen Schreck über die eigene Ausdrucksweise bekommen oder vielleicht war es auch einfach nur sehr ungewohnt, sich selbst das schreiben zu sehen. Erlauben Sie Ihren Texten zu sein, das ist ein ganz wichtiger Schritt in die Richtung, sich selbst sein zu lassen. (S. 24)

Wie beim Meditieren die Gedanken weder festgehalten noch verbannt, sondern beobachtet und losgelassen werden sollen, wie Wolken am Himmel, soll der Schreibfluss möglichst ungehemmt und vor allem unzensiert fließen dürfen.

(Von solcher Selbst-Entdeckung im Schreiben wird übrigens auch oft von Schriftstellern erzählt. So bekundete Martin Walser kürzlich in einem Interview des bayrischen Rundfunks:

Man muss gar nicht wissen, warum man schreibt. Man muss nur schreiben. […] Es ist eine wunderbare Beschäftigung. Heute weiß ich, dass es nichts Interessanteres gibt, als zuzuschauen, was die rechte Hand auf das Papier bringt.

Klammer zu.)

Damit ist schon das meiste gesagt. Mit dem Ziel, eine »meditative« und »selbst-akzeptierende« Schreibpraxis zu fördern, stellt Konnerth Methoden und Übungen vor, die es erleichtern, in den Schreibfluss zu kommen, ohne Textarten an- oder vorzugeben. Statt an (literarischen) Texten orientiert sie sich an dem, was Psychologen womöglich »Entwicklungsaufgaben« nennen würden: »Erinnerungen annehmen«, »Mitgefühl mit sich selbst entwickeln« oder »Achtsamkeit im Alltag« lauten typische Überschriften. Für Konnerth ist das Schreiben eine Lebenskunst, doch nicht im ästhetischen Sinn wie bei Hanns-Josef Ortheil (darüber habe ich anderswo geschrieben), sondern im Sinne einer freundlichen und durchaus bodenständigen Alltagstherapie. Die Psychologie, die ihr zugrunde liegt, ist wiederum keiner Schule oder Lehre zuzuordnen (jedenfalls referiert Konnerth auf keine), sondern entspringt einer Art »psychologischem Common-Sense«. An vielen Stellen heißt es schlicht: »meiner Erfahrung nach«. Weil sie als Beispiele durchweg ihre eigenen Texte zitiert, bekommt der Leser nach und nach einen Eindruck davon, woher Ihre Einstellungen und Erfahrungen stammen und wie sie selbst zum Schreiben kam. Wer das gut nachvollziehen kann, der ist bei Konnerth an der richtigen Stelle.

Wer sich andererseits Tipps zu den literarischen Bezügen und Möglichkeiten des autobiografischen Schreibens erhofft, oder schlicht Hilfen zur Verbesserung der Lesefreundlichkeit, den wird »Von der Seele schreiben« enttäuschen. Das wohl eher pflichtschuldig angehängte Kapitel »Vom Schreiben für mich zum Schreiben für andere« hält außer der Warnung, dass es, sobald der Leser ins Spiel kommt, auch um die selbstkritische Bewertung des Geschriebenen gehen sollte, kaum etwas bereit. Vor allem fehlt eine Idee, die mir sehr wichtig ist, dass nämlich die Auseinandersetzung mit (autobiografischer) Literatur nicht allein das eigene Schreiben beinahe zwangsläufig verbessert, sondern auch das Nachdenken über das eigene Leben und die Selbst-Erkenntnis vertiefen kann. Wozu haben wir sonst die Literatur?

Tania Konnerth: Von der Seele schreiben. Auf Entdeckungsreise zu mir selbst. Herder-Verlag, Freiburg 2015, ISBN 978-3-451-31576-3, 8 €.

 

 

Hanns-Josef Ortheil: Schreiben über mich selbst

Notizbücher

Das Kompendium »Schreiben über mich selbst« ist Teil der von Ortheil selbst herausgegebenen Reihe »Kreatives Schreiben« im Dudenverlag (2014, ISBN 978-3-411-75437-3, 14,95 €). Die »Spielformen autobiografischen Schreibens« (so der Untertitel), die es vorstellt, sind jeweils von bestimmten Werken und Beispielen abgeleitet, was die Lektüre kurzweilig und spannend macht und — wie so oft, wenn es ums Schreiben geht — auch vom Hundertsten ins Tausendste führt. Ausgehend von mündlichen Formen des Auskunftgebens und Dokumentierens, über die schriftlichen Ego-Dokumente, Selbstporträts und die Behandlung einzelner Lebensabschnitte, löst sich Ortheil von den allzu einfachen Einteilungen des Autobiografischen, mit denen wir es sonst meist zu tun haben. Im Abschnitt »Nach vorn und zurück blicken« geht es zum Beispiel nicht einfach ums Tagebuch-Schreiben, sondern um eine bestimmte Form von resümierenden Einträgen. Ortheil, der sein eigenes Leben in mannigfaltiger Weise dokumentiert und literarisch verarbeitet, eröffnet uns eine reich schattierte Farbenpalette des Autobiografischen, und zeigt zugleich: Patentrezepte gibt es nicht.

So erleichternd und anregend die Lektüre deshalb wird, so abschreckend wirken leider manche der »Text- und Schreibaufgaben«, die jedes der 25 Kapitel abschließen. Oft schlägt Ortheil vor allem vor, es den jeweils vorgestellten Autoren nachzutun, z.B. wo es um die Erkundung der eigenen Kindheit geht:

Konzentrieren Sie sich auf kurze Kindheitssequenzen in der Sartre’schen Manier. Erzählen Sie, wann und wo Sie einmal unbedingt Mittelpunkt einer Gesellschaft waren oder sein wollten, wie Sie den Erwachsenen und sich selbst etwas vormachten, wie Sie manchmal Triumphgefühle der Überlegenheit empfanden, […] (S. 102)

Solche Vorbild-Übungen sind sicherlich sehr hilfreich, können aber auch weniger passen und stellen in der Summe wohl für die meisten autobiografisch Schreibenden eine Überforderung dar:

— Konzipieren Sie einen literarischen Blog, in dem Sie von Ihren Lektüren erläuternd und kommentierend in regelmäßiger Folge berichten.
— Dokumentieren Sie Ihre Neuanschaffungen von Büchern und ordnen Sie diese Neuanschaffungen älteren Titeln zu.
— Erstellen Sie nach und nach […] (S. 90)

Statt der Rezension eines Lieblingsbuchs schlägt Ortheil also gleich einen ganzen Literaturblog vor. An dieser und anderen Stelle wünschte man sich, dass er etwas mehr die Technik der didaktischen Reduktion verwendet hätte, um aus dem Ganzen etwas Kleineres und doch Lehrreiches zu destillieren.

Auch in seiner »Nachbetrachtung« legt der Gründungsprofessor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim weniger Wert auf Reduktion. Für ihn geht es beim biografischen Schreiben ums Ganze:

Autobiografisches Schreiben kostet Zeit, und genau das ist ein Problem. Wer nicht kontinuierlich und regelmäßig schreibt, kann es gleich bleiben lassen. Denn autobiografische Texte sterben ab und trocknen aus, wenn sie nicht unablässig ergänzt und weiterführt werden. (S. 146)
[…]
Wer ohne fixierte Erinnerungen lebt, formt und gestaltet sein Leben nicht.
Das »Schreiben über mich selbst« ist daher nicht nur eine beliebige, literarische Praxis unter vielen anderen, sondern Teil einer umfassenden »Lebenskunst«. [… dabei] geht es […] darum, die eigene Existenz zu beobachten, zu reflektieren und zu durchdringen.(S. 147)

Die Idee, das Schreiben sei Lebenskunst, indem es die eigene Identität stärkt und schärft, beflügelt den »Schreibfanatiker« Ortheil. Sie erklärt in gewisser Weise die Faszination, die im biografischen Schreiben liegt. Doch gerade, weil sie so groß ist, diese Idee, lohnt es sich, den Lernwilligen auch in kleineren Schritten an sie heranzuführen.