Kategorie: Schreibideen

#33 — Eigenlob stimmt

Beim auto-biografischen Schreiben geht es auch um Selbst-Erkenntnis. Und da kein Mensch nur aus Schwächen besteht, gibt es immer Gründe, stolz auf sich zu sein. Selbst-Zufriedenheit ist ein wichtiger Baustein des Lebensglücks. Die Schweizer Psychologin Verena Kast betont, wie wichtig es ist, sich an Situationen des Lebens zu erinnern, in denen man stolz auf sich war:

Erinnern wir uns! Stellen wir uns vor, wie es damals war, als wir das erste Mal selber Rad gefahren sind: der Stolz, das Lebensgefühl, jetzt alles meistern zu können. — Für einen kurzen Moment wenigstens. (Verena Kast: Was wirklich zählt, ist das gelebte Leben. Die Kraft des Lebensrückblicks. Kreuz Verlag, Freiburg 2010, S. 9)

Beim Erzählen und Schreiben von solchen Episoden wird der ursprüngliche Stolz und die Freude wieder spürbar, was bei zukünftigen Herausforderungen helfen kann. Und das Bild vom eigenen Selbst wird gerade bei solchen Menschen vollständiger, die sonst eher zu Selbstkritik neigen.

»Eigenlob stinkt« heißt es, weil wir alle auch Zeitgenossen kennen, die gnadenlos angeben und sich selbst in den Vordergrund drängen. Eigenlob wird andererseits auch gefordert, etwa bei Bewerbungsgesprächen oder im zunehmend wichtigen »Selbst-Marketing«, dem Klopfen, das zum Handwerk gehört. In diesem Spannungsfeld ist es wichtig, das richtige Maß zu finden. Und ein realistisches Bild von den eigenen Leistungen und Fähigkeiten. Man muss ja nicht gleich damit hausieren gehen.

Schreibidee #33: Was haben Sie einmal besonders gut gemacht? Was ist Ihnen gelungen? Erzählern Sie davon und loben Sie sich dafür.

Hinweis: Tauchen Sie in die Episode ein, die Sie erlebt haben, und beschreiben Sie sie ausführlich. Genießen Sie das Gefühl des Stolzes, das Sie auf diese Weise zurück in Ihre Gegenwart holen.

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#32 — Und dann war Schluss!

Manchmal ist eine Grenze überschritten, hinter der es nicht mehr weitergeht.
Die Belastung ist zu groß, die Langeweile unerträglich: Jetzt muss Schluss sein. Manche dieser »Enden« in unserem Leben planen wir mit kühlem Kopf, von langer Hand. Andere überraschen uns selbst, nach einem schlimmen Abend, einer Enttäuschung oder einer unverschämten Bemerkung sagen wir: Jetzt ist Schluss!
Und dann sind wir froh, dass die überfällige Trennung von Mensch, Job, Ort oder Gegenstand endlich vollzogen ist.
Oder müssen wir es später bereuen?

Schreibidee #32: Schreiben Sie die Geschichte eines geplanten oder eines ungeplanten Endes in Ihrem Leben.

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#31 — Was jemand anderes über mich sagte

Ich war im zweiten Semester und stand irgendwo, sicherlich mit einem Plastikbecher Kaffee in der Hand, auf den Gängen der »Philfak«, als das Gespräch auf unsere Kommilitonen kam. Den einen, der noch auf Promotion studierte und seit Urzeiten den stets gleichen Sitzplatz in der kleinen Bibliothek einnahm. Den begabten Zahnarzt, der sich mehr noch als für Kant für neue Geschäftsideen interessierte. Die begeisterten Anhänger eines kauzigen Altprofs, dem zu Leb- und Wirkzeiten eine eigene Ausstellung gewidmet werden sollte.

Da erzählte jemand von einem Studenten, von dem er bisher zwar bloß gehört habe. In mehreren Proseminaren sei er durch schlimmes Pfälzisch aufgefallen. Meine Güte, was man sich in diesem Fach alles anhören müsse!

Ich verstummte. In den folgenden Wochen übte ich, laut deklamierend, das »c-h« vom »s-c-h« zu scheiden, tat meiner Zunge Gewalt an, mochte mich selbst nicht mehr hören, war mein eigener Logopäde — bis ich halbwegs hochdeutsch klang.

So können Worte wirken, die andere über einen sagen. Auch, und vielleicht im besonderen Maße, wenn sie nicht für die eigenen Ohren gedacht sind.

Auch Tomas Tranströmer ist eine solche »indirekte Rede« im Gedächtnis geblieben (aus: »Die Erinnerungen sehen mich«):

Bo erzählte, das erstemal habe er über mich sprechen hören, als er in einer Pause an ein paar meiner Klassenkameraden vorbeikam. Sie hatten gerade schriftliche Arbeiten zurückbekommen und waren unzufrieden mit den Zensuren. Bo hörte die gereizte Replik:
»Schließlich können ja nicht alle so SCHNELL schreiben wie Trana!«
Bo entschied, »Trana« sei ein abscheulicher Kerl, dem man aus dem Weg gehen müsse. Für mich ist diese Geschichte in gewisser Weise tröstlich. Jetzt für mangelnde Produktivität bekannt, galt ich damals offenbar als Vielschreiber, als einer, der durch allzu große Produktivität sündigt, […]

Schreibidee #31: Schreiben Sie über das, was ein anderer über Sie gesagt hat. Beschreiben Sie die Situation, in der es Ihnen zu Ohren kam, und die Wirkung, die die Worte auf sie hatten.

Impulsfragen: Wie wirkten Sie in den Augen der anderen? Was sagten sie über Sie, wenn es nicht durch den Filter der Höflichkeit ging? Wie groß war die Differenz zwischen Selbst-Bild und Fremd-Bild, die Ihnen dadurch zu Bewusstsein kam? Was halten Sie von Feedback? Was motiviert(e) Sie stärker: Lob oder Tadel?

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#30 — Strand oder Berge?

Strand oder Berge

Mit 16 Jahren war ich zum ersten Mal am Meer. Es war die Nordsee in der Nähe von Cuxhaven und ich gebe zu, dass ich kaum beeindruckt war. Das ozeanische Gefühl blieb im Watt stecken. Gepackt hat es mich erst zwei Jahre später, mit 18 Jahren auf Interrail-Tour, auf der Fähre von Brindisi auf die Insel des Pelops, wo ich mich nachts an Deck wie Odysseus fühlte, der den Sirenen lauscht. Es gehörte seither zu meinen Lieblingswunschträumen, am Meer zu leben, und dabei dachte ich jahrzehntelang nur ans Mittelmeer. Die Frage »Strand oder Berge?« hätte ich in einer Tausendstelsekunde beantwortet.

Mächtiger vielleicht als die Landschaft, aus der wir stammen, die heimatliche Landschaft, wirkt in uns eine Landschaft der Sehnsucht. Aufgeschnappt im Urlaub oder erlesen in Romanen, gesehen in Illustrierten oder Kunstausstellungen. Ein fremdes und doch vertrautes Terrain, wo das Leben, so scheint es, ungehinderter fließen würde oder wird. Mittelmeer oder Alpenhütte, urbanes Dickicht, Glasfassaden, Strand oder Berge?

Schreibidee #30: Beschreiben Sie Ihre Sehnsuchts-Landschaft und woher Sie sie kennen.

Hinweis 1: Bleiben Sie bei Ihren Erlebnissen und Erfahrungen, wenn Sie die Landschaft beschreiben und auch, wenn Sie erzählen, wie Sie auf sie gestoßen sind oder sie erfunden haben. Überlassen Sie die Deutungen Ihren Lesern.

Hinweis 2: Vermeiden Sie alle bewertenden Adjektive (»schön«, »herrlich«, »angenehm«, »beschwerlich« etc.). Vermitteln Sie statt dessen ein konkretes Bild Ihrer Landschaft (»windig«, »zerklüftet«, »mit zotteligem Gras bewachsen«).

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#29 — Ein Missgeschick

Ein Missgeschick

Meine Frau und ich sind keine Autofans. Wenn wir nicht auf dem Land leben würden, würden wir völlig auf dieses schmutzige, teure und nervige Verkehrsmittel verzichten. Außerdem scheinen uns besonders viele Auto-Missgeschicke zu passieren. Wir vergaßen schon oder vergessen regelmäßig

  • Öl zu wechseln (mit erheblichen Folgen),
  • dass noch Fahrräder auf dem Dach standen,
  • rechtzeitig zum TÜV zu fahren,
  • dass wir eigentlich einen Werkstatt-Termin hatten,
  • Scheibenklar nachzufüllen,
  • das Auto ordnungsgemäß zu parken,
  • etc.

Offenbar steht unsere Vergesslichkeit in einem Zusammenhang mit dem anhaltenden Unwillen, Autos in unserem Leben zu akzeptieren.

Daher meine These: Es gibt zufällige und typische Missgeschicke. Typische Fehlleistungen sind solche, die wir zwar nicht absichtlich herbeiführen, aber dennoch irgendwie unbewusst anziehen. Durch mangelnde Aufmerksamkeit, heimliche Verachtung, Widerwillen gegen eine bestimmte Sache oder Tätigkeit oder durch groben Unverstand in einem bestimmten Bereich.

Schreibidee #29: Schreiben Sie die Geschichte eines Ihrer (typischen) Missgeschicke.

Hinweis 1: Schildern Sie Ihre Erlebnisse ausführlich und konkret. Sparen Sie nicht mit Selbstironie.

Hinweis 2: Natürlich muss es nicht um Automobile gehen …

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#28 — Ein Buch, das ich noch habe

Im Laufe der Zeit kam vieles weg. Wer zwei oder drei Umzüge lang Bücher schleppt, ist bereit, selbst lange gehegte Schätze aus Kindheit und Jugend abzugeben. Manche landen bei Kindern und Enkeln, andere auf dem Grabbeltisch beim Wohltätigkeitsbasar oder in den anonymen Bücherschränken der Stadt. Doch eines oder zwei der ganz alten, ganz lieben Bücher ist bestimmt auch übrig geblieben.

Ein Kuriosum aus der Kindheit, ein faszinierendes Stück Karton? Ein Jugendbuch mit Figuren, wie wir gerne gewesen wären. Oder ein als Reclam- oder Suhrkamp-Band verkleidete Weltmaschine, die uns die Augen öffnete. Ein Buch, das Ihr ganzes Leben veränderte?

Schreibidee #28: Schreiben Sie von einem Buch, das Sie bis heute behalten haben, weil es für Ihr Leben wichtig war.

Hinweis 1: Stellen Sie nicht nur den Inhalt des Buches dar, sondern schreiben Sie auch von der Lebenssituation, in der Sie es gelesen (oder vorgelesen bekommen) haben. Und welche Bedeutung es für sie hat.

Hinweis 2: Sie können auch von einem Buch schreiben, das abhanden gekommen ist. Es muss nur wichtig gewesen sein.

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#27 — Ein Gegenstand, der mich als Kind faszinierte

Zapfen

Der kindliche Geist vergleicht nicht, sondern nimmt jedes Ding und jedes Ereignis als etwas Einmaliges, Erstmaliges, Absolutes. (Klaus Mann)

Was uns als Kind faszinierte und vor allem: woran wir aus der Vielfalt von Sinneseindrücken und Spielgelegenheiten uns noch heute erinnern, gehört zu den festen Bestandteilen unserer »Weltsicht«. Manche Vorlieben, manche Sammelleidenschaften sind durch die ersten intensiven Kontakte mit der Welt um uns herum zu erklären, die wir als Kinder erlebten. Darum lohnt es sich, einmal genauer hinzusehen und auch den unbelebten Dingen etwas Zeit zu widmen.

Schreibidee #27: Schreiben Sie von einem Gegenstand, der Sie als Kind faszinierte.

Hinweis 1: Versuchen Sie, sich wirklich auf einen Gegenstand oder eine bestimmte Art von Gegenständen zu konzentrieren. Vermeiden Sie eine bloße Aufzählung.

Hinweis 2: Beschreiben Sie den Gegenstand möglichst genau, so wie er Ihnen als Kind vorgekommen ist.

Hinweis 3: Woran wir uns erinnern, hängt auch mit der gegenwärtigen Situation zusammen, in der wir schreiben. In einer Schreibwerkstatt zu Herbstbeginn erinnerten sich gleich drei Teilnehmerinnen unabhängig voneinander an die Farbe, handschmeichelnde Glätte und die »feuchte Kühle« von Kastanien.

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#26 — Denkbild „Mein Leben“

Der Komet ISON, 2013

Besonders zu Beginn eines autobiografischen Projekts ist es gut und sinnvoll, das gelebte Leben als Ganzes ins Auge zu fassen und ein Verhältnis dazu zu suchen, eine eigene Sichtweise, die vom Schema des »Lebenslaufs« abweicht.

In seiner wunderbaren, sehr kurzen und präzisen Autobiografie »Die Erinnerungen sehen mich« schreibt Tomas Tranströmer (Literaturnobelpreis 2011):

»Mein Leben«. Wenn ich diese Worte denke, sehe ich einen Lichtstreifen vor mir. Bei näherer Betrachtung hat der Lichtstreifen die Form eines Kometen, mit Kopf und Schweif. Das lichtstärkste Ende, der Kopf, sind die Kindheit und das Heranwachsen. Der Kern, sein dichtester Teil, ist die sehr frühe Kindheit, wo die wichtigsten Züge in unserem Leben festgelegt werden. Ich versuche, mich zu erinnern, versuche, dahin vorzudringen. Aber es ist schwer, sich in diesen verdichteten Bezirken zu bewegen, es ist gefährlich, ein Gefühl, als käme ich dem Tode nahe. Weiter hinten verdünnt sich der Komet — das ist der längere Teil, der Schweif. Er wird immer spärlicher, aber auch breiter. Ich bin jetzt weit im Kometenschweif drinnen, ich bin sechzig Jahre alt, da ich dies schreibe.

Walter Benjamin hat den Begriff des »Denkbildes« geprägt, der mir gut zu dieser Art der autobiografischen Betrachtung zu passen scheint.

Schreibidee #26: Woran denken Sie bei den Worten „Mein Leben“? Finden Sie für diesen Gedanken oder dieses Gefühl ein »Denkbild«. Schreiben Sie dann einen kurzen Text, der mit den Worten beginnt: »Mein Leben: Bei diesen Worten denke ich an …«

Beispiele: In einer Schreibwerkstatt kamen im Anschluss an Tranströmers Text viele ganz unterschiedliche Denkbilder/Metaphern/Themen zur Sprache. Das Leben als Luftballon, als See, als Sammlung von Tätigkeiten und Aktivitäten, als eine Schublade, als geheimnisvolle Tiefe der Erinnerung und vieles mehr.

P.S.: Das Bild zeigt den Kometen ISON, aufgenommen 2013 von der NASA.

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#25 — Klecksografie

Bevor der Schweizer Psychoanalytiker Hermann Rorschach die Klecksografie zu seinem Diagnose-Instrument machte (Rorschach-Test), war sie eine beliebte literarische Fingerübung. Denn beim Schreiben unterliefen Tintenkleckse — anstatt sie zu verfluchen, konnte man sich auch gleich davon inspirieren lassen. Der Arzt und Dichter Justinus Kerner tat das gerne und prägte den Begriff der „Klecksographie“. Nach irgendwas sieht der Klecks immer aus — und wonach, das hängt vom Auge und dem Gehirn des Betrachters/der Betracherin ab.

Klecksographie von Justinus Kerner

Klecksographie von Justinus Kerner, die Zeilen lauten: „Aus Dintenfleken ganz gering\ Entstand der schöne Schmetterling.\ Zu solcher Wandlung ich empfehle\ Gott meine flekenvolle Seele.“

Anleitung:

  1. Machen Sie mit Tinte einen Klecks oder mehrere auf ein leeres Blatt Papier. (Mit einem Kolbenfüller geht das besonders elegant. Sie können aber auch einfach eine normale Tintenpatrone neben und sie über dem Blatt ausdrücken.)
  2. Falten Sie das Blatt in der Nähe des Kleckses und streichen es aus.
  3. Öffnen Sie das Blatt, verändern Sie den Klecks, wenn Sie möchten, noch mit einem geeigneten Instrument, und lassen ihn trocknen.
  4. Notieren Sie auf dem Blatt oder anderswo Ihre Gedanken zu der Klecks-Gestalt.

Schreibidee #25: Fertigen Sie eine Klecksografie an und lassen Sie sich davon zu einem kürzeren oder längeren Text inspirieren.

Hinweis 1: Auch mit Wasserfarben kann man schöne Kleckse machen. Siehe https://hirameki.de/
Hinweis 2: Sie müssen sich nicht bemühen, im Text bestimmte biografische Inhalte unterzubringen. Ihre Reaktion auf den Klecks ist, so sehen es zumindest die Psychologen nach Rorschach, selbst ein biografisches Zeugnis.
Hinweis 3: Die Assoziationen geht, wie bei Kerner, zunächst oft in die Richtung von Käfern oder anderem Getier. Lassen Sie diese beiseite und schauen Sie, was passiert, wenn Sie die Fleckenbilder genauer ansehen.

[Wie immer fände ich es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Wenn Sie mir die Klecksografie selbst schicken würden, kommt sie selbstverständlich mit auf die Seite. Ich wünsche Ihnen viele Leser — und reichlich hilfreiches Feedback.]

#24 — Wortwechsel

Streitgespräch

Ein Dialog in wörtlicher Rede charakterisiert eine Situation oft besser, als eine aufwändige Beschreibung es könnte. Außer dem, was tatsächlich gesagt wird, transportiert Rede und Gegenrede die Stimmungen der Beteiligten, ihre soziale und vielleicht regionale Herkunft, Charakter und die Beziehung der Gesprächspartner zueinander. Vieles bleibt auch ungesagt, »zwischen den Zeilen«, und wird von den Lesern, die allesamt in solchen Situationen geübt sind, trotzdem verstanden. Allzu große Ausführlichkeit und Eindeutigkeit wirkt ermüdend, das Ungesagte zu »entschlüsseln« macht Spaß. Besonders geeignet sind Dialoge zur Darstellung von Konfliktsituationen, Missverständnissen und von Komik.

Hier ein Beispiel aus »Die Asche meiner Mutter« von Frank McCourt (Luchterhand Verlag, MÜnchen 1996):

Was ist das denn? sagt Mr. McCaffrey. Nehmen wir es hier vielleicht mit der Wahrheit nicht so ganz genau?
Ich weiß nicht, Mr. McCaffrey.
Little Barrington Street. Das ist eine Gasse. Warum nennst du sie eine Straße? Du wohnst in einer Gasse, nicht in einer Straße.
Sie wird aber allgemein Straße genannt, Mr. McCaffrey.
Erhebe dich nicht über deinen Stand, Junge.
Das würde ich nie tun, Mr. McCaffrey.
Du wohnst in einer Gasse, und das bedeutet, daß du nirgendwohin kannst, außer nach oben. Verstehst du das, McCourt?
Ja, Sir.
Du bist Fleisch vom Fleische der Gassenjungen, McCourt.
Ja, Mr. McCaffrey.
Dir atmet die Gasse aus jeder Pore. Vom Scheitel deines Schädels bis zur Kappe deines Schuhs. Versuche nicht, die breite Öffentlichkeit irrezuführen, McCourt. Da müßtest du schon reichlich früh aufstehen, um Menschen meines Schlages hinters Licht zu führen.
Das würde ich nie tun, Mr. McCaffrey.

Kaum jemand kann sich an den genauen Wortlaut von Gesprächen erinnern, höchstens an einzelne Wörter oder Redewendungen. Im biografischen Schreiben ist es deshalb »erlaubt«, das heißt es widerspricht nicht der Forderung nach Wahrhaftigkeit, den Wortlaut zu »erfinden«, solange der Verlauf des Gesprächs, Inhalt und Stimmungen, so wiedergegeben werden, wie es der Perspektive der Schreibenden entspricht. Denn jeder Leser weiß: Wirkliche mündliche Dialoge sind meistens sehr lang, voller »Ähs«, »Ohs« und Wiederholungen. Darauf verzichtet er gerne und lässt den Schreibenden die Quintessenz aus dem Gesagten ziehen.

Schreibidee #24: Schreiben Sie einen kurzen Dialog zwischen Ihnen und einem Dialogpartner, nach dem Muster
Ich:
X:
Ich:
und so weiter, ohne weitere »Regieanweisungen«.

Hinweis: Verzichten Sie zur Übung auch auf Einleitungssätze oder abschließende Bemerkungen außerhalb des Dialogs. Der Wortwechsel sollte so gestaltet sein, dass der Leser die Situation auch ohne weitere Erklärungen erfasst. Vielleicht sind Sie erstaunt, wie gut das möglich ist.

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#23 — Dreiwortübung

Dreiwörtertext

Diese Schreibidee begleitet mich schon so lange, dass ich Schwierigkeiten habe, meine ursprüngliche Quelle zu benennen. Sie stammt jedenfalls aus dem Bereich des kreativen Schreibens, dessen Impulse und Ideen sich in vielen Fällen leicht aufs Biografische übertragen lassen. In diesem Fall ist es wohl eine Variante einer Übung, die Silke Heimes in Ihrem Arbeitsbuch »Kreatives und therapeutisches Schreiben« vorstellt, selbst wieder eine Abwandlung des Spiels aus dem Biedermeier, das Walter Benjamin und Asja Lacis in ihren »Denkbildern« erwähnen (hier zu finden). Dessen Spieler sollen aus vorgegeben unzusammenhängenden Wörtern einen Zusammenhang herstellen und einen Text, worin die Wörter in gegebener Reihenfolge vorkommen. Als Beispiel nennen Benjamin und Lacis die Wörter » Brezel, Feder, Pause, Klage und Firlefanz«.

Im biografischen Schreiben dürfen die Schreibanregungen nicht ganz so engen Regeln folgen, denn es soll gelingen einen weitere Verbinung herzustellen, eben die mit dem eigenen Leben. Darum stammen die Wörter hier aus keiner festgelegten Liste, sondern aus einem Gedicht oder kurzen Prosatext, der einen zusätzlichen (biografischen) Bedeutungs- und Resonanzraum eröffnet.

Schreibidee #23: Wählen Sie ein Gedicht oder kurzen Prosatext, mit dem Sie sich gegenwärtig beschäftigen oder in der Vergangenheit beschäftigt haben. Lesen Sie den Text in Ruhe durch und suchen Sie sich drei Wörter aus dem Text aus. Legen Sie den Ausgangstext dann beiseite und schreiben einen eigenen Text, in dem die drei Wörter vorkommen.

Hinweis: In einer Schreibgruppe kann der Text vorab für alle ausgewählt werden. Wenn jemand anderes als die Schreibende den Ausgangstext aussucht, kommt mehr Überraschung und Variation ins Spiel.

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G#2 — Schreiben mit Dixit-Karten

3 Dixit-Karten

Dixit ist ein Gesellschaftsspiel mit wenigen Regeln und viel Fantasie (das „Spiel des Jahres“ 2010). Die Spieler müssen raten, welche der ausgelegten Spielkarten zu einem Begriff, einem Slogan, Sprichwort oder Satz passt, der vom jeweiligen „Erzähler“ verkündet wurde. Am meisten Punkte bekommt man, wenn die Karte weder von allen erraten wurde (nämlich bei einfachen Beschreibungen oder gängigen Gedankenverbindungen) noch von niemandem (wenn der Zusammenhang nicht nachvollziehbar ist).
Zusammen mit den wunderbar gestalteten Karten, von denen oben vier abgebildet sind, ergibt das eine reizvolle Aufgabe, die zum Gespräch anregt und den Wettkampf in den Hintergrund treten lässt.

Bemerkenswert: Die Herausforderung, vor der ein Dixit-Erzähler steht, entspricht der Herausforderung beim Schreiben: Wer eine Geschichte gut erzählen möchte (oder auch ein schönes Gedicht verfassen möchte), darf nicht einfach wiederholen, was ohnehin jeder denkt, also Klischees produzieren. Der Mörder sollte nicht der Gärtner sein, die Stiefmutter nicht unbedingt böse, der Urlaub nicht nur „unvergesslich“. Doch wer beim Schreiben andererseits nur neue, gewollt originelle Gedankenverbindungen verwendet, bleibt unverständlich. Er baut keine Brücke, über die der Leser oder Hörer ins Land seiner Fantasie gelangen könnten.

Schreibgruppenidee G#2: Die Teilnehmer suchen sich aus einer Auswahl von Dixit-Karten eine aus, ohne sie den anderen zu verraten. Dann schreiben sie zehn bis fünfzehn Minuten lang eine Geschichte zu dieser Karte. Nach dem Vorlesen sollen die anderen Teilnehmer raten, welche Karte sie im Sinn hatten.

Hinweis: Es bietet sich an, eine Gesprächsrunde anzuschließen, in der es um die Unausweichlichkeit der Biografie geht. Diskutieren Sie, wie stark die biografischen Bezüge sind, die in den Texten hergestellt wurden. Waren Sie Ihnen beim Schreiben bewusst? Erkennen Sie beim Vorlesen neue Verbindungen und Motive?

G#1 — Kollektives Erinnern

Schreibgruppe

Zum Standardrepertoire von Büchern übers biografische Schreiben zählt mittlerweile der Hinweis auf Joe Brainards Buch »Ich erinnere mich« (»I remember«, 1970, deutsch im Walde+Graf-Verlag, Zürich 2011), worin der amerikanische Künstler einen Satz nach dem anderen aufs Papier bringt, der mit »Ich erinnere mich« beginnt, ohne dass sie einen größeren Zusammenhang für sich in Anspruch nehmen als eben jenes Erinnern. Wenn Zusammenhänge erkennbar werden, dann scheinen sie sich im Erinnern selbst ergeben zu haben. Es gibt also keine Geschichte, keine These, keine Botschaft. Und trotzdem liest man weiter, denn immer wieder stößt man auf Erinnerungen, die so knapp sie sind, selbst Erinnerungen auslösen, eine interessante Geschichte andeuten oder ein spezielles Detail enthalten. Gerade solche, die in einem fortlaufenden Text womöglich keinen Platz hätten, etwa diese (die für mich funktionieren):

Ich erinnere mich an dieses kurze Zusammenzucken, das man kurz vor dem Einschlafen hat. Als würde man fallen. (Seite 72)

Ich erinnere mich, dass ich in einer im Park nachgestellten Krippe (nichts rührte sich) den Joseph darstellte. Man musste einfach eine halbe Stunde lang nur dastehen, dann kam ein anderer Joseph, und man trank eine Tasse heiße Schokolade, bis man wieder an der Reihe war. (S. 75)

Mir zeigen diese Erinnerungssplitter vor allem, dass unsere Erfahrungen als Menschen oft erstaunlich nahe beieinander liegen, wir also gar nicht so verschieden sind, wie wir denken. So kam ich auf die folgende Schreibgruppen-Idee:

Schreibgruppenidee G#1: Die Teilnehmer setzen sich im Kreis und schreiben jeweils auf ein DIN-A-4-Blatt einen Satz, der mit »Ich erinnere mich« beginnt. Dann geben sie ihr Blatt im Uhrzeigersinn weiter, lesen den Text ihres Nachbarn und schreiben einen neuen Satz »Ich erinnere mich …« darunter. So schreibt die Gruppe weiter, bis die Blätter wieder bei ihren ersten Schreibern ankommen. Dann werden die Texte reihum vorgelesen.

Hinweis 1: Die Sätze können lang oder kurz sein, müssen aber alle mit »Ich erinnere mich« beginnen. Machen Sie als Gruppenleiter keine inhaltlichen Vorgaben. Es sind also sowohl direkt anschließende Erinnerungen erlaubt als auch völlige Themenbrüche (die dann aber vielleicht doch einen »geheimen« Zusammenhang erahnen lassen.)

Hier ein Beispiel von meinem letzten Schreib-Wochenende:

Ich erinnere mich

[Ich fände es toll, wenn die eine oder andere Schreibgruppe mir ein solches »Erinnerungsblatt« schicken würde. Damit gäben Sie mir zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten.]

#22 — Persönliches Heimatmuseum

Freilichtmuseum

Neulich war ich mit Familie im Freilichtmuseum Lindlar unterwegs, wo alte Bauernhöfe und andere Gebäude (wie das obige Verteiler-Türmchen) in hübscher Landschaft zusammengestellt sind. Dort können vor allem Kinder sehen und teilweise in Aktion erleben, was Ältere und selbst »Mittelalte« noch in »freier Wildbahn« erlebten. An solche Türmchen, die zur Stromversorgung ländlicher Gebiete beitrugen, erinnere ich mich zum Beispiel selbst noch gut, ich habe ihr Verschwinden kaum bemerkt. Als Kind faszinierten sie mich mit ihren Gummi-Isolierungen und den eindringlichen Warnschildern.

Andere Gebäude jedoch sagten mir weniger, blieben »museal« für mich, oder eben fremd, weil wir nicht in der Heimat meiner Kindheit herumliefen, sondern im Bergischen Land.

So kam ich auf diese Idee: Eigentlich bräuchte jeder sein eigenes Heimatmuseum. Denn Heimat ist nicht in erster Linie etwas, was man im Atlas findet. Heimat ist etwas sehr Persönliches, jede/r hat und schafft sich seine eigene Heimat, in der Gegenwart ebenso wie in der Erinnerung.

Schreibidee #22: Zeichnen Sie auf einem großen Stück Papier das Bild oder die Karte ihres persönlichen Heimatmuseums. Welche Landschaften, Gebäude und Ausstellungsstücke müssen dort unbedingt hinein? Beschreiben Sie dann, wie Ihr Heimatmuseum aufgebaut ist und was es dort zu sehen gibt.

Hinweis 1: Diese Idee eignet sich sehr dazu, kreativ ausgeschmückt und erweitert zu werden. Als Wandbild, Projektskizze, Ausstellungskatalog, Wanderkarte und so weiter.

Hinweis 2: Gehen Sie ins Detail. Erlauben Sie sich Subjektivität und Einseitigkeit. Es geht nicht darum, alles abzudecken, was sich für gewöhnlich in einem Heimatmuseum befindet. Es ist Ihr ganz persönliches!

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#21 — Ein Tag im Jahr

Straßenkalender

Die Schriftstellerin Christa Wolf beschrieb über 50 Jahre lang einen bestimmten Tag im Jahr besonders genau, zufälligerweise war es der 27. September. Alles, was sie an diesem Tag erlebte und empfand, von persönlichen Eindrücken und Begebenheiten bis zu politischen Diskussionen und literarischen Überlegungen, nahm sie in ihre »Tageserzählung« mit auf. Mehr dazu hier.

Schreibidee #21: Beschreiben Sie einen Tag ihres Lebens besonders ausführlich. Lassen Sie nichts aus, sondern beschreiben Sie alles, woran Sie sich noch erinnern können.

Hinweis 1: Wenn Sie nicht wissen, welchen Tag Sie wählen sollen: Heute. Oder den 27. September.

Hinweis 2: Schreiben Sie alles am gleichen Tag auf oder spätestens am nächsten. Sonst vergessen Sie die Details, die diese Schreibidee besonders reizvoll machen. Reservieren Sie sich mindestens eine Stunde an diesem Tag zum Schreiben. Wahrscheinlich wird es länger dauern. Nehmen Sie sich die Zeit.

Hinweis 3: Notieren Sie sich den gewählten Tag in den Kalender des nächsten Jahres. Lesen Sie Ihren Text ein Jahr später wieder durch und überlegen Sie, ob Sie wie Christa Wolf mit dieser Art des Tage-Buch-Schreibens fortfahren möchten.

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