Kategorie: Schreibideen

#20 — Postkartengeschichten

Postkarten

Postkarten sind eine gute Inspirationsquelle — ob es die eigenen sind, die man bekommen oder nicht abgeschickt hat, ob sie beschrieben wurden oder nur gesammelt. Oder ob sie, wie in diesem Fall, aus fremden Quellen stammen und aus Nachlässen, Flohmärkten, aus dem Altpapier gerettet wurden. Wenn Sie keinen Stapel alter Postkarten zu Hause haben, können Sie hier welche herunterladen und entpacken.

Schreibidee #20: Wählen Sie aus einem Stapel fremder Postkarten diejenige aus, deren Motiv Sie am stärksten anspricht. Lassen Sie sich von Ihren spontanen Einfällen leiten und schreiben Sie einen Text, dessen erste Sätze so beginnen:
»Ich war einmal …«
»Dort habe ich …«

Hinweis 1: Sie müssen nicht über den Ort schreiben, der auf der Karte zu sehen ist. Es geht um Ihre Assoziationen. Es könnte sich auch um eine Orts-Metapher handeln, einen inneren »Ort« oder den Ort einer Begegnung.

Hinweis 2: Auch wenn der zweite Satz mit »habe« beginnt, sollten Sie nicht den gesamten Text in der zusammengesetzten Vergangenheit (Perfekt) schreiben. Das Präteritum ist meistens die schönere Erzählzeit.

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# 19 — Ringe

Ring, Kopie

In dem erstaunlich interessanten Schmöker »Frauen und Kleider« der kanadischen und amerikanischen Autorinnen Leanne Shapton, Sheila Heti und Heidi Julavits geht es nicht um Mode im engeren Sinn oder deren Geschichte, sondern um die Rolle, die Kleider, Schmuck, das Anziehen und »Herausputzen« in den Biografien der 561 Frauen spiel(t)en, die zu Wort und Bild kommen. Eine von vielen darin dokumentierten Projekten zum Thema heißt »Ring-Zyklus«: »Fünfzehn Frauen aus einer Zeitungsredaktion fotokopieren ihre Hände und erzählen die Geschichte ihrer Ringe.«
Hier ein Beitrag (alle sind kurz, in einer Redaktion ist wenig Zeit):

ROBERTA ZEFF Diesen Ring hat mir mein Mann zum Hochzeitstag geschenkt, ich weiß nicht mehr zu welchem. Der kleine war ursprünglich der Ehering meiner Großmutter im Jahr 1963, als meine Großeltern noch nicht viel Geld hatten. Es ist ein ganz kleiner, unscheinbarer Ring. Später hatte sie viele spektakuläre Ringe, aber mit diesem hat sie angefangen, deswegen habe ich ihn immer geliebt. Er hat eine Inschrift. Es sind die Initialen meiner Großeltern und das Datum ihrer Hochzeit: H.P. und C.L., 2-1-36.

Schreibidee #19: Fotokopieren Sie Ihre Hand und schreiben Sie die Geschichte Ihres Rings/Ihrer Ringe auf die Kopie.

Hinweis: Ringe sind höchst symbolische Gegenstände. Betonen Sie die Symbolik nicht. Bleiben Sie konkret und lassen Sie die Bedeutung »durchscheinen«.

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#18 — Sprechende Grabsteine

Sprechende Grabsteine auf Föhr/Amrum

(Diese Idee stammt von Anneliese Wohn. Ich danke für die Gelegenheit, sie hier zu veröffentlichen.)

Auf den Friedhöfen der deutschen Nordseeinseln Amrum und Föhr stehen »sprechende Grabsteine«. Diese »Denkmäler« (so sind sie teilweise beschriftet) erzählen vom Leben der Verstorbenen, zählen also außer dem Namen nicht allein Geburts- und Sterbedatum auf. Waren es Männer, findet sich auf den Steinen häufig ein Berufs-Symbol, wie oben im Bild ein Schiff für Kapitän Wilhelm Tönissen. Bei Frauen findet man Blumen, die für das Paar und die Kinder stehen, die Blüten von Töchtern unterscheiden sich von denen für Söhne. Ist eine Blüte abgeknickt, verstarb das Kind vor den Eltern.

Die Biografien der Verstorbenen geben Auskunft über Ehe und Kinder, Berufe und erzählen ab und an von besonderen Lebensumständen. Hier ein recht ausführliches Beispiel von der Insel Amrum, für das der Bildhauer auch die Rückseite des Grabsteins benötigte:

Neben diesem Stein modern die Gebeine des wohledlen seel: Hr Capitains HARCK NICKELSEN.
er war gebohren d. 12 Oct. 1706 zu eben der Zeit wie sein Vater auf dem Meer verunglückte. Im 12then Jahr seines Alters fing er an sein Brodt bey der Schiffahrt zu suchen. Ao. 1724 erlitte er die Wiederwärtigkeit, von den türckischen Seeräubern gefangen und an den Bay von Algier verkauft zu werden, welche er 3 Jahr dienete nach welcher Zeit er ihm aus Güte seine Freiheit durch die Purtogiesen erkauffen liess, suchte nachgehends in Holland und Copenhagen sein Glück am letzten Ort gelang es ihm, als Capitain ein Schiff auf Westindien und der Küste von Guinea zu führen.
Ao. 1737 trat er in der Ehe mit der tugendhaften Frauen, MATIJE HARCKEN, eine Tochter des hierneben rugenden seligen Schiffers OLUF JENSEN. Gott segnete seinen Beruf so erwünscht, daß er in seinen besten Alter schon hinlänglichen Vorraht vor die Zukunft hatte, welche er in einer vergnügte Ehe, mit einem christlichen und stillen Wandel, sich mit den seinigen zu Nutze machte, bis Ao. 1770 24. May er mit seinen Vätern, in einem Alter von 63 Jahre, 78 Monath und 12 Tage entschlummerte.

 

Schreibidee #18: Schreiben Sie die nach dem Vorbild der sprechenden Grabsteine eine Grabinschrift für eine verstorbene Person, die Ihnen wichtig war.

Hinweis: Mehr über die Tradition der sprechenden Grabsteine finden Sie auf Wikipedia, hier und hier.

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#17 — Ein Porträt

Porträt

Ein literarisches Porträt ist eine kürzere, meist pointierte Beschreibung eines Menschen. In autobiografischen Texten geht es dabei oft um die Einführung eines wichtigen Wegbegleiters des Autors oder der Autorin. Die Mutter, eine Schwester oder eine Freundin wird dem Leser vorgestellt, bevor sie in die Handlung eingreift oder in einer Geschichte vorkommt. Ein Lehrer wird porträtiert, der bleibenden Eindruck hinterließ. Manchmal sind es auch beiläufige Bekanntschaften, kuriose Charaktere, Originale, die in einem Porträt für wenige Zeilen ins Licht gerückt werden, obwohl sie im Zusammenhang des Lebenslaufs nicht weiter von Interesse zu sein scheinen. Aus ganz unterschiedlichen Gründen möchte man ihnen ein kleines Denkmal setzen.

Herrliche Beispiele für Porträts finden sich in Hildegard Knefs berühmter Autobiografie »Der geschenkte Gaul«, die mit Berliner Lakonie und sprachlicher Eigenständigkeit auch in anderer Hinsicht überzeugt. Eines gleich am Anfang, im ersten Kapitel, das als einziges nicht nummeriert ist, sondern den Titel »Liebeserklärung an einen Großvater« trägt. Im allerersten Abschnitt porträtiert die Knef ihren Großvater so:

Meiner hieß Karl, er war mittelgroß und genauso kräftig, wie er aussah. Er trug den Kopf sehr gerade, die Wirbelsäule auch, und er hatten einen großen Mund mit vielen Zähnen; er hatte sie noch alles 32, als er mit 81 Jahren Selbstmord machte. Sein Jähzorn war das Schönste an ihm, erstens weil er sich nie gegen mich richtete und weil er so wild und rasch kam, wie er verging, und wenn vergangen, wurde sein Gesicht warm wie ein Dorfteich in der Sommersonne und seine Bewegungen verlegen und einem fischenden Bären gleich.

Was macht dieses Porträt so überzeugend? Einige Aspekte:

  • Die äußerliche Beschreibung hat durchweg einen symbolischen Unterton. Das Äußere wird nicht einfach abgeschildert, sondern bedeutet etwas.
  • Die exakte Wortwahl. Er „beging“ nicht Selbstmord, er „machte“ ihn. Das ist kein Ausrutscher ins Umgangssprachliche, sondern drückt eine Haltung aus.
  • Die Charakterisierung steckt voller Konflikte. Kraft und Zärtlichkeit scheinen miteinander zu streiten.
  • Die stimmungs- und humorvollen Metaphern.

Schreibidee #17: Schreiben Sie das Kurzporträt eines Menschen aus ihrem Leben.

1. Hinweis: Wählen Sie fürs Erste niemanden aus, der Ihnen sehr nahe steht. Die Kunst des literarischen Porträt lässt sich besser an Menschen üben, die zwar eine Rolle spielten und von denen man ein klares Bild erinnert, von denen man jedoch nicht allzu viel weiß. So fällt die Auswahl leichter und man sieht eher das Charakteristische.

2. Hinweis: Schreiben Sie zunächst eine DIN-A-4-Seite über die ausgewählte Person und kürzen Sie Ihr Porträt anschließend mindestens auf die Hälfte. So beschränkt sich Ihre Schilderung auf das Wesentliche — und die geschilderte Person tritt für die Leser stärker hervor, als es bei sehr langen Beschreibungen der Fall wäre.

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#16 — Eine Wunschliste

Pusteblume

Die einzigen Liste, die vielleicht noch mehr über uns aussagt, als eine Liste von Lieblingsdingen, ist eine Wunschliste. Was verrät mehr über unsere Identität als unsere Wünsche? Schon die Art von Wünschen, die wir hegen, ist charakteristisch. Kinder, so scheint es, wünschen sich vor allem Dinge — so üben wir es mit ihnen, wenn sie einen Weihnachtswunschzettel schreiben sollen. Aber es geht auch anders. Auf der Rückseite der Kinderzeitung meiner Tochter werden die »Steckbriefe« von jungen Leserinnen veröffentlicht. »Mein größter Wunsch« lautet eine der Rubriken. Hier geht es ganz selten um Dinge, sondern meistens um das große Ganze, um das sich die Kinder zu Recht sorgen: Frieden wünschen sich viele, und dass die Natur besser geschützt werde. Die meisten, so glaube ich, würden dafür auf die Erfüllung ihrer Weihnachts-Wünsche verzichten.

Viele Kinder wissen nämlich genau, worauf es ankommt. Einige haben vielleicht darüber nachgedacht, als sie das Märchen »Die drei Wünsche« von Bechstein gehört haben oder ein anderes der zahlreichen Märchen, die vom Wünschen handeln. Oder Paul Maars Geschichte vom Sams mit seinen Wunschpunkten.

In unseren erlebnishungrigen Zeiten liest man von Wunschlisten oft als Listen von Dingen, die man noch tun oder erleben möchte, bis man ein bestimmtes Alter erreicht hat, oder bis zum Lebensende. Ein Lebensprogramm in Listenform. Im Klappentext von Robin Golds Roman »Die Liste der vergessenen Wünsche« (der nicht auf meiner Wunschliste steht), heißt es:

Früher war alles einfacher. Abschiede zum Beispiel. Als die sechsjährige Clara Black ihren Kater »Schweinebraten« beerdigte, ahnte sie nicht, dass das Leben noch einen viel größeren Verlust für sie bereithalten würde: Viele Jahre später stirbt ihr Verlobter kurz vor der Hochzeit. Es bricht Claras Herz. Doch dann findet sie eine alte Liste mit ihren Kindheitswünschen, die vor ihrem 35. Geburtstag in Erfüllung gehen sollten. Ganz unverhofft wird die Liste zu Claras Rettungsanker – und zum Weg zurück ins Glück …

Wie sieht Ihre Wunschliste aus: Glück und Frieden, eine Ballonfahrt über den Vesuv oder doch lieber das neueste iPad?

Schreibidee #16: Schreiben Sie eine Wunschliste mit genau zehn Einträgen.

1. Hinweis: Die Beschränkung auf zehn Einträge zwingt Sie, das eine gegen das andere abzuwägen. Wie mit den drei Wünschen im Märchen.
2. Hinweis: In einem zweiten Schritt können Sie, ausgehend von Ihrer Liste, einen kurzen Text schreiben, worin Sie auf einen der Listeneinträge genauer eingehen und sich ausmalen, wie es sein könnte, wenn Ihnen dieser Wunsch erfüllt würde.

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#15 — Eine Liste von Lieblingsdingen

Lieblingsfahrrad

Listen dienen nicht nur wunderbar dem Zeitmanagement oder der Arbeitsorganisation, sie können uns auch biografisch auf die Sprünge helfen. Eine Liste von Dingen, die Sie gerne mögen, ist eine einfache Art von Selbst-Porträt. Einfach, weil Sie weder entscheiden müssen, was vorne steht (es geht nicht um eine Rangfolge) noch wie das eine mit dem anderen zusammenhängt.

Der Journalist Stefan Mesch hat eine solche Liste zusammengestellt. Bertolt Brecht verwendete das Listen-Prinzip für ein Gedicht, »Vergnügungen«, das ausgesprochen häufig für Schreibimpulse verwendet wird (hier zum Beispiel von Gudrun Schulz).

Eine Liste von Dingen, die Sie hassen, ist wohl ebenso charakteristisch für Sie, macht aber vermutlich weniger Spaß. Doch wenn Sie gerade in der Stimmung sein sollten …

Schreibidee #15: Schreiben Sie eine Liste Ihrer Lieblingsdinge mit mindestens 25 Einträgen.

1. Hinweis: Mit »Dingen« sind nicht nur Gegenstände oder Sachen gemeint, sondern ganz allgemein alles, was einem im Leben begegnen kann.
2. Hinweis: In einem zweiten Schritt können Sie, ausgehend von Ihrer Liste, einen kurzen Text schreiben, worin Sie auf einige der Listeneinträge genauer eingehen und sich damit porträtieren. Titel: »Was ich liebe«.

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# 14 — Wahre Weihnachtsgeschichte

Engelsflügel auf dem Weihnachtsmarkt

Ich kenne eine Weihnachtsgeschichte, in der ein Vater einer Mutter einen Bildband von Norwegen schenkt.

Wir betrachteten gemeinsam die Bilder. Da waren hohe Berge, Meer und Wasserfälle zu sehen und hübsche kleine rote Häuschen. Papa sagte: »Wenn der verdammte Krieg vorbei ist, dann zeige ich euch beiden dieses wundervolle Land.«

Für den Vater sollte der Krieg nie vorbei gehen. Er starb »keine zwei Jahre nach diesem Weihnachtsfest«.

Die Geschichte stammt aus dem Buch »So feierten wir damals. Erlebte Geschichten durch das Jahr«.

Weihnachtsgeschichten müssen nicht aus märchenhaften, wunderbaren Geschehnissen zusammengesetzt werden. Das Weihnachtsfest ist selbst symbolisch genug, wir kennen seinen hohen Gefühlswert, sodass in dieser Bilderwelt noch die kleinste Beobachtung rührend wirken kann. In einer Weihnachtsgeschichte kann eine halbe Kindheit erzählt werden, oder mehr als die halbe Geschichte einer Familie.

Schreibidee #14: Schreiben Sie eine wahre Weihnachtsgeschichte aus Ihrem Leben

Hinweis: Die »Wahrheit« der Geschichte muss nicht in der Genauigkeit der Details liegen, sondern in dem, was sie über die beteiligten Menschen erzählt. Sie kann humorvoll, traurig, bissig-satirisch sein oder jedes andere Gefühl zum Ausdruck bringen, das Sie dem Weihnachtsfest gegenüber hatten oder haben.

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#13 — Kleider

Frau vor Schaufenster

Kleid Nr. 2 war […] aus brauner Schurwolle, züchtig geschnitten mit einem Tulpenrock, der oben anlag und unten weit war, einem hochgeschlossenen Kragen, der durch einen kleinen kreisrunden Schlüssellochausschnitt aufgelockert wurde, und Leisten von Goldknöpfen am Hals und an den Handgelenken. Ich war monatelang um das Kleid herumgeschlichen, bis ich genug Geld gespart hatte, um im Ausverkauf zuzuschlagen. Es kam in mein Leben, als ich gerade meinen ersten Bürojob antrat, und war die perfekte Uniform für das effiziente, asexuelle Faktotum, als das ich mich sah. Es wurde mein Markenzeichen im Büro und passte zu dem distanzieren, witzelnden Ton, den ich damals gern anschlug. Mein Freund verbrachte gerade ein Jahr im Ausland, und mir gefiel, dass das Kleid meine Unabhängigkeit und meine Unerreichbarkeit signalisierte. Kurz, Kleid Nr. 2 gab mit das Gefühl, Gold wert zu sein.

Dieses Zitat der Autorin Sadie Stein stammt aus dem Buch »Frauen und Kleider. Was wir tragen, was wir sind«, einem Sammelsurium voller biografischer Texte, Interviews und Dialoge zum Thema Kleidung, die 2015 als Übersetzung im S. Fischer Verlag herauskam. Es bietet keine Stilberatung, auch keinen Mode-Überblick, sondern zeigt, wie sehr Kleidung (Mode) als Ausdruck und Vergewisserung der jeweils eigenen Identität verstanden wird. Eben nicht nur »was wir tragen«, sondern auch »was wir sind«. (Und das gilt nicht allein für Frauen, glaube ich, aber sicherlich etwas mehr.)

Kleider sind nicht allein Gebrauchsgegenstände, sondern auch Zeichen. Bewusst oder unbewusst werden sie interpretiert und drücken etwas aus. »Kleider machen Leute«, bestimmen also die Art, wie wir von anderen gesehen werden. Darum kann man sie auch nutzen, um zu zeigen, wie man sich selbst sieht oder gesehen werden möchte.

Schreibidee #13: Schreiben Sie über ein Kleidungsstück, das Ihnen wichtig war. Was sagte es darüber aus, wer sie waren oder sind?

Hinweis: Erzählen Sie zuerst die Geschichte, woher das Kleidungsstück stammt, und beschreiben Sie es ausführlich. In einem zweiten Schritt erzählen Sie davon, zu welcher(n) Gelegenheit(en) sie es getragen haben und wie es mit Ihrem damaligen »Lebensgefühl« und damit zu tun hat, wie Sie sich sahen oder gesehen werden wollten.

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#12 — Kindheitsperspektiven

Kinder-Perspektiven

Über die eigene Kindheit lässt sich auf vielerlei Weisen schreiben. Zum Beispiel kann man ganz unterschiedliche Perspektiven wählen. Der Autor oder die Autorin kann aus seiner gegenwärtigen Sicht schreiben und alles Wissen und Können heranziehen, das er seit seiner Kindheit erworben hat, seine Kenntnis der Familiengeschichte, der Psychologie oder der historischen Umstände. Oder er/sie versetzt sich so weit wie möglich in das Kind-Ich, das er einmal war, und schreibt aus dessen Perspektive, das heißt so, dass nicht mehr beschrieben und erläutert wird, als es das Kind hätte tun können. Und in seiner kindlichen Sprache. Eine Herausforderung, der man niemals ganz gerecht werden, die aber interessante Einsichten und Tonlagen hervorbringen kann. (Ein Beispiel für die Verwendung der Kinder-Perspektive ist Hugo Hamiltons Buch »Gescheckte Menschen«)

Schreibidee #12: Schreiben Sie über eine Episode ihrer Kindheit aus zwei Perspektiven. Einmal aus der des Kindes, das sie waren, und ein zweites Mal in ihrer heutigen Sprache und mit ihrem heutigen Hintergrundwissen.

Hinweis: Fangen Sie mit einer kleinen, nicht allzu bedeutsamen Episode an, also einer kleinen Geschichte. Lassen Sie die beiden Texte anschließend eine Woche liegen, und überlegen Sie dann, worin die Vor- und Nachteile der jeweiligen Herangehensweise liegen.

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#11 — Gang durchs Museum

Monet: Häuser am Ufer der Zaan (1871)

Welche Kunstwerke uns ansprechen, hat sehr viel mit unserer Geschichte, unserer Identität zu tun. Meistens sind es nur wenige Bilder, die uns beim Gang durch ein Museum wirklich berühren. Warum es gerade dieses oder jenes Werk ist, das uns deutlicher anspricht, ist oft nicht klar. Es lohnt sich, ein wenig darüber nachzudenken.

Gerade dafür, zum Nachdenken, eignen sich Museen wunderbar (zum Beispiel das Städel Museum in Frankfurt, in dem das Gemälde Häuser am Ufer der Zaan von Claude Monet hängt, das ich als Illustration dieses Schreibimpulses ausgewählt habe). Wer nicht durch ein richtiges Museum gehen kann oder möchte, dem empfehle ich das Google Arts Project. Klicken Sie sich einfach von der Übersicht bis zu einem Bild, das Sie fasziniert.

Schreibidee #11: Beschreiben Sie ein Gemälde (oder eine Skulptur, eine Installation), die Sie besonders anspricht. Überlegen Sie, woran das liegen mag. Suchen Sie nach Anhaltspunkten dafür in Ihrer Biografie und erläutern Sie sie mit einer Geschichte.

Hinweis: Begnügen Sie sich nicht mit simplen Geschmacksurteilen wie: »Grün war schon immer meine Lieblingsfarbe«. Auch Ihr Geschmack hat sich gebildet, unterlag Einflüssen und Entwicklungen. Viele unsere Lebensentscheidungen haben etwas damit zu tun, was wir schön finden und was nicht.

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#10 — All‘ meine Wege

Reinhard Mey hat für beinahe alle Lebenslagen ein Lied parat. In seinem Lied „All‘ meine Wege“ singt er von einem Gefühl, das sich beim Rückblick auf das eigene Leben einstellen kann, das Gefühl von Stimmigkeit, das manche Schicksal nennen.

Doch, sicher, ab und zu mach‘ ich mir schon Gedanken,
Manchmal sogar les‘ ich mir selber aus der Hand.
Um zu erfahr‘n, was ich längst weiß, denn meine Schranken
Und meine Fehler, glaub‘ mir, sind mir gut bekannt.
Und ich weiß auch, daß ich genau dieselben Fehler
Wieder und wieder machen mußte, und ich seh‘
All‘ meine Wege und alle Schritte mußten dahin führ‘n, wo ich steh‘.

Hier können Sie den vollständigen Text lesen.

Stimmen Sie Mey zu, oder haben Sie im Gegenteil den Eindruck, dass es in Ihrem Leben viele Möglichkeiten gegeben hätte? Das Ihr gegenwärtiges Leben auch ganz anders sein könnte? Was halten Sie vom Begriff des Schicksals oder der göttlichen Fügung? Ich schlage vor, dass  Sie dieses Themas nicht abstrakt behandeln, sondern anhand eines ganz bestimmten Ereignisses in Ihrem Leben.

Schreibidee #10: Beschreiben Sie eine Phase in ihrem Leben, an dem sich die Wege kreuzten und eine Entscheidung fiel. Überlegen Sie, wie Ihr Leben verlaufen wäre, wenn es anders gekommen wäre. Bedenken Sie im Rückblick: War es Schicksal oder Zufall? Hätte es anders kommen können, oder mussten Ihre Schritte, wie Reinhard Mey singt, dorthin führen, wo Sie heute stehen?

Wenn Sie Lust haben, können Sie sich das Lied auch anhören. (Datenschutzhinweis: Wenn Sie das Video anklicken, wird Ihre IP-Adresse an YouTube übermittelt. Mehr dazu erfahren Sie in der Datenschutzerklärung.)

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#9 — Fotogeschichte

Alte Fotografien

Zwei Dinge können uns mit einer Fotografie verbinden: Erstens der tatsächliche Zusammenhang mit unserer Biografie, zum Beispiel wenn es ein Bild ist, das bei unserer Einschulung gemacht wurde und uns mit Schultüte zeigt. Eine solche Fotografie nenne ich dokumentarisch. Und zweitens die Bedeutung, die sie für uns heute hat. Zum Beispiel die Fotografie unserer verstorbenen Lieblingstante oder die Ansicht einer Stadt, die wir gerne besuchen würden. Dann ist sie symbolisch, also ein Foto-Symbol oder ein Bedeutungs-Foto.

Diese Schreibidee widmet sich biografischen Foto-Symbolen. Ein Bild ist stets mehrdeutig. Selbst wenn wir die Personen, Dinge, Landschaften und so weiter kennen, die abgebildet sind, lässt es sich auf verschiedene Weise »sehen« und interpretieren. Sie müssen erzählen, warum Ihnen gerade dieses Foto so wichtig ist — und erzählen zugleich viel über sich und Ihr Leben.

Schreibidee #9: Beschreiben Sie eine Fotografie, die eine wichtige Bedeutung für Sie hat. Gehen Sie ins Detail, sodass sie ein Leser auch vor sich sieht, wenn die Fotografie nicht zugleich abgebildet wird. Erklären Sie dann, was die Fotografie für Sie bedeutet.

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#8 — Veränderung

In den Bach steigen (und ihn festhalten)

Es gibt unvermeidbare Veränderungen — wie das Älterwerden, unerwartete Veränderungen und solche, die wir selbst herbeiführen. Schleichend oder plötzlich, meistens unumkehrbar.

Ganz eigentlich besteht das Leben aus Veränderungen: »Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen«, schrieb Heraklit. Eine Geschichte ergibt sich, wenn man eine Veränderung aus dem ständigen Fließen herauspräpariert und das Vorher (Anfang), den Prozess der Veränderung (Mitte, Höhepunkt der Geschichte) und das Danach (Ende) im Zusammenhang darstellt.

Schreibidee #8: Schreiben Sie die Geschichte einer Veränderung. Beschreiben Sie zuerst den Zustand davor, dann den Moment oder den Prozess der Veränderung, schließlich das Ergebnis. Vergleichen Sie, zuletzt, dieses Ergebnis mit den Wünschen oder Erwartungen, die Sie hatten, bevor die Veränderung eintrat.

Hinweis: Ihr Text wird umso lebendiger und interessanter, je ferner Sie sich von Allgemeinplätzen halten. Schreiben Sie möglichst konkret.

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#7 — Lieblingslied

Plattenspieler

Vor einiger Zeit warb der dritte Radiosender des hessischen Rundfunks, hr3, damit, der Sender der »Lieblingssongs« zu sein. Hörer erzählten von den (zumeist romantischen) Geschichten, die sie mit den Liedern verbinden. Auf der Website von hr3 konnte man sich sein eigenes Lieblingslied wünschen. Dort wurde man gefragt: »Warum möchten Sie dieses Lied hören? (›Is cool‹ oder ›Weil ich es toll finde‹ reicht uns nicht. Etwas ausführlicher darf es schon sein! Songs mit einer guten Geschichte haben größere Chancen gespielt zu werden als die, bei denen nur ›Is cool‹ dabei steht.)«

Der Grund für ein Lieblingslied kann in einem äußeren oder einem inneren Zusammenhang liegen. Entweder etwas Schönes, Erinnerungswürdiges ist passiert — und gleichzeitig lief dieses Lied im Radio oder auf dem Plattenspieler, was uns seither und für immer an jenes Ereignis erinnert. Darum hören wir es auch immer wieder gern. Oder die Schönheit des Liedes selbst zieht uns an. Bei mir ist es meistens der Text, der den Unterschied macht — bei anderen ist es die Melodie oder der Stil, der Sound.

In seinem Lied »Lieder« singt Adel Tawil eine ganze Litanei seiner Lieblingslieder herunter (die man erst erraten muss, weil er den englischen Titel ins Deutsche überträgt), eine Kostprobe:

Und ich singe diese Lieder
Tanz' mit Tränen in den Augen (Lied: »Dancing with tears in my eyes« von Ultravox)
Bowie war für'n Tag mein Held (»Heroes« von David Bowie)
Und EMF kann es nich' glauben (»Unbelievable« von EMF)
Und ich steh' im lila Regen (»Purple Rain« von Prince)
Ich will ein Feuerstarter sein (»Firestarter« von Prodigy)
Whitney wird mich immer lieben (»I will always love you« von Whitney Housten)
Und Michael lässt mich nich' allein (»You are not alone« von Michael Jackson)

Zusammen ergibt das eine ganze musikalische Biografie — wenn die einzelnen Lieder auch etwas zu kurz kommen.

Schreibidee #7: Schreiben Sie die Geschichte eines Ihrer Lieblingslieder (oder Ihrer Lieblingsmusik). Es muss keine romantische Geschichte sein. Vielleicht ist es die Geschichte einer Entdeckung oder einer Erkenntnis (»Erleuchtung« durch Text oder Musik), die Geschichte einer Reise, einer Begegnung, einer bestimmten Zeit und ihrer Ideen …

Hinweis: Bleiben Sie so nahe wie möglich an dem, was konkret passierte. Widerstehen Sie der Versuchung, das Lied oder einen bestimmten Musikstil über andere Stile zu setzen oder es musikalisch zu verteidigen. Es geht nicht in erster Linie um den künstlerischen Wert des Musikstücks, sondern um die Bedeutung, die es in Ihrem Leben hatte oder hat.

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#6 — Notaufnahme

Notaufnahmeschild

Jede/r war schon einmal in der Notaufnahme eines Krankenhauses. Wegen eigener Beschwerden oder wegen der Krankheit eines Freundes, einer Angehörigen. Vielleicht nur, weil der Hausarzt gerade frei hatte oder in Urlaub war — vielleicht, weil er nicht weiter wusste oder der Krankenwagen direkt ins Krankenhaus fuhr.

Unfälle und Krankheiten sind einschneidende Erlebnisse, oft geben sie dem Leben eine neue Wendung. In modernen Industrieländern spielen diese Erlebnisse sich meistens in Notaufnahmen und Krankenhäusern ab. Die wenigen Minuten oder Stunden, die wir dort verbringen, sind voller Ängste, Hoffnungen, Sorgen, auch Wut und Dankbarkeit gegenüber den Ärzten und Pflegern, auf die wir angewiesen sind.

Schreibidee #6: Schreiben Sie davon, wie Sie einmal in der Notaufnahme waren.
Begrenzen Sie die erzählte Zeit (also den Zeitabschnitt, über den Sie berichten) auf Ihre Zeit dort. Wechseln Sie auch nicht den Ort. Beschreiben Sie, wie die Notaufnahme auf Sie wirkte und in welcher Situation Sie sich befanden.

Hinweis: Schreiben Sie nicht direkt, was von der Vorgeschichte zu erzählen ist, sondern berichten Sie von den Gedanken und Gefühlen, die Sie in der Notaufnahme hatten. So erfährt der Leser auch, was davor passierte, denn daran dachten Sie ganz bestimmt. Schreiben Sie auch nicht, wie die Geschichte ausging (die weitere Geschichte Ihrer Krankheit oder dessen, den Sie begleitet haben), sondern lassen Sie das Ende offen. Auf diese Weise können Sie sich ganz auf den zu erzählenden Moment konzentrieren.

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