Didier Eribon: Rückkehr nach Reims

Didier Eribon als Heranwachsender

Grenzen werden meist erst sichtbar und in ihrer Natur spürbar, wenn sie den eigenen Weg versperren. In Deutschland stehen verhältnismäßig viele Wege dem Gemeingebrauch offen. Sobald ich woanders bin, fällt mir das auf. Ich versuche, querfeldein zu laufen, und ärgere mich, wenn ich überall auf Zäune stoße oder in Sackgassen laufe.

Flucht über den Zaun

Im Buch des französischen Soziologen Didier Eribon geht es um soziale Grenzen, die von den einen nicht bemerkt werden (oder ihnen harmlos erscheinen), während sie für andere beinahe unüberwindliche Hindernisse bilden. Eribon wuchs in einer Arbeiterfamilie in Reims auf – und schaffte er letztlich, über einen Zaun zu klettern, auf dessen anderer Seite sogar eine Universitätsprofessur möglich war. »Rückkehr nach Reims« handelt davon, was er bei dieser »Flucht« zurücklassen musste. 

Weniger und zugleich mehr als ein Memoir

Dieses Buch ist nicht allein ein »Memoir«, ein Erinnerungsbuch. Auch wenn Eribon auf den ersten Seiten davon erzählt, wie er seine Mutter nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder besucht:

Es war der Beginn einer Aussöhnung mir ihr. Oder genauer, einer Aussöhnung mit mir selbst, mit einem ganzen Teil meines Selbst, den ich verweigert, verworfen, verneint hatte.

Dieser Teil seines Selbst ist seine soziale Herkunft. Das Vorstadthaus, in das die Eltern gezogen waren, betrat Eribon erst, als sein Vater bereits in einer Alzheimerklinik war, in der er bald sterben würde. Seine Brüder hatte er jahrzehntelang nicht getroffen.

Das Buch ist mehr als eine autobiografische Erzählung und zugleich weniger. Eribon erklärt, warum es für ihn, den Gesellschaftstheoretiker, so sein musste:

Ich wusste, dass ein solches Projekt – von der »Rückkehr« schreiben – nur durch die Vermittlung, ich sollte sagen durch den Filter, kultureller, das heißt literarischer, theoretischer und politischer Referenzen gelingen konnte. Sie helfen dabei, das zu formulieren und zu denken, was man auszudrücken sucht, vor allem aber gestatten sie, die emotionale Aufladung zu neutralisieren, die sicher uu stark wäre, würde man sich der Realität ohne einen solchen Schirm aussetzen. 

Die »Rückkehr« ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft. Diese ist, so wird ihm nach dem Tod des Vaters klar, geradezu unvermeidbar. Jedenfalls dann, wenn man mit sich ins Reine kommen möchte.

Das Buch also weniger als ein Memoir, weil die »emotionale Aufladung« in der Tat teilweise neutralisiert ist. Eribon ist weniger die Hauptperson seiner Erzählung als sein Paradebeispiel. Das würde  man in einem Memoir eher vermeiden wollen. Es ist jedoch auch mehr als das, weil die theoretischen »Filter«, die Eribon anwendet, für jede*n Leser*in aufschlussreich sein können, die sich mit dem Thema des sozialen Aufstiegs und der »Herkunftsscham« auseinandersetzt.

Theoretische Filter

Die Theorien, von denen die Rede ist, sind jene großen französischen Soziologen und Philosophen des 20. Jahrhunderts, die Eribons Denken geprägt haben, Sartre, Bourdieux, Foucault und andere. Literarische Bezüge findet er vor allem in den autobiografischen Texten von Annie Ernaux, die ebenfalls von den Schwierigkeiten erzählen, die sich beim Verlassen des Herkunftsmilieus ergeben. Eribon ergeht sich aber keineswegs in abstrakt-akademischen Diskursen. Im Gegenteil: Er erklärt, was er verwendet, auf eingängige Weise – keine geringe Leistung – und verdeutlicht so, was überhaupt als »soziale Realität« zu verstehen ist.

Er stellt überzeugend dar, wie sich jedes Selbst-Verständnis auf Redeweisen und kulturelle Muster stützt, die konkret zur Verfügung stehen. Für alle, die sich mit der eigenen Lebensgeschichte beschäftigen, ist das eine wichtige Erkenntnis. Denn das Leben wird nicht allein geprägt von den materiellen Voraussetzungen eines bestimmten Milieus, sondern zugleich von deren Werten und Denkweisen. Wer »aufsteigt«, sei es über einen Bildungsabschluss, durch besondere berufliche Leistungen oder Heirat, und einen Weg einschlägt, der sozial nicht vorgezeichnet war, muss neue Werte und Denkweisen erlernen und die alten womöglich hinter sich lassen. Indem er in eine neue Welt eintritt, muss er/sie auch die innere Welt neu gestalten. 

Beispiel Hochschule

Eribon macht das unter anderem an der Situation von Student*innen deutlich. Er schreibt:

Der wahre Wert eines Hochschulabschlusses hängt vom sozialen Kapital ab, auf das man zurückgreifen kann, und von dem strategischen Wissen darüber, wie man einen solchen Abschluss auf dem Arbeitsmarkt einsetzt.

Dieses »strategische Wissen« aber steht dem Kind von Akademikern eher zur Verfügung als dem ersten Kind, das in einer Familie und Verwandtschaft studiert. Das gilt auch schon für die Studienwahl und die Auswahl einer geeigneten Hochschule.

Galt das nur für Eribos Zeit, vielleicht verschärft in Frankreich, mit tieferen Gräben zwischen den »Klassen«? 

Der jüngste Bildungsreport des Stifterverbands (hier nachzulesen) lässt anderes vermuten: 

Die soziale Herkunft entscheidet noch immer maßgeblich über den Bilderungserfolg eines Kindes. Nur 27 Prozent der Grundschülerinnen und -schüler aus einem Nichtakademikerhaushalt beginnen später ein Studium. Bei Akademikerkindern sind es 79 Prozent. 

Stifterverband: Broschüre „Vom Arbeiterkind zum Doktor“

Als Gründe für diese Ungleichheit werden unter anderem genannt: Unsicherheiten wegen weniger Erfahrungswerten und weniger Informationen zum Studium aus dem unmittelbaren Umfeld, fehlende Rollenvorbilder in akademischen Berufen.

Wer autobiografisch über die Bedingungen der eigenen Herkunft, über Erfolge und Misserfolge schreibt, kann auf solche Zusammenhänge zurückgreifen. Sie setzen, was als individuelles Schicksal erlebt wurde, in einen gesellschaftlichen und historischen Rahmen. Das kann sehr aufschlussreich sein und entlastend wirken. Sie befreit das Schreiben über sich selbst außerdem vom Vorwurf der (psychologisierenden) »Nabelschau«.

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims
Suhrkamp, Berlin 2016
ISBN 978-3-518-07252-3

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