Neulich habe ich mir eine sogenannte „Cross-Over-Hose“ gekauft. Das ist eine Funktionshose (aus Kunstfasern), die wie eine Anzughose geschnitten ist. Ich habe sie schon zum Paddeln angehabt und für Geschäftstermine. Auf einer Städtetour habe ich mir ein Hemd für die Oper gekauft, weil das T-Shirt nicht fein genug war, doch diese Hose konnte ich anbehalten.

Was hat das mit „gutem Schreiben“ zu tun? Nun, auch beim Schreiben kommt es auf den Zusammenhang an. Auf den Kon-text, den „Text“ der Umstände, der mitgelesen wird. Kein Teil eines Textes lässt sich unabhängig vom Ganzen verstehen.

Ist eine Liste „gutes Schreiben“?

Nehmen wir dieses Beispiel aus Daniela Dröschers autobiografischem Essay „Zeige deine Klasse“:

SPORT-Manifest meines Vaters:
SUBTEXT: Einer muss gewinnen
1. Erster sein ist unter allen Umständen erstrebenswert. Erster sein macht Freude.
2. Zeige deine Freude aber nicht zu sehr.
3. Man muss „nicht immer“ Erster sein, andere wollen auch mal gewinnen.

Daniela Dröscher: Zeige deine Klasse, Hofmann und Campe 2021, S. 81

Worum handelt es sich hier? Als „Manifest“, wie es heißt, wirkt diese Liste recht naiv. Richtet es sich an Kinder? Was bedeutet „Subtext“ in diesem Zusammenhang?

Stünde diese Liste in einem Ratgeber-Buch, hätte man wahrscheinlich viel an ihr zu kritisieren. Auch scheint sie nichts zu erzählen. Erst wenn man den Zusammenhang kennt, wird sie in ihrer Funktion verständlich.

Es geht in Dröschers Buch nämlich um eine Rekonstruktion dessen, was mit der „sozialen Herkunft“ der Autorin verbunden war. „Rekonstruktion“ deswegen, weil nichts davon offen ausgesprochen der Erinnerung zur Verfügung steht. Es geht vielmehr darum, sich nachträglich den verdeckten Voraussetzungen und unbefragten Annahmen anzunähern, die in Dröschers Erziehung wirksam waren. In diesem Fall: Welche Überzeugungen lagen dem zugrunde, was der Vater übers Gewinnen sagte?

Das „Manifest“ war also gerade kein Manifest, sondern wirkte unbewusst. Die Form der Liste dient als Gedanken-Stütze für die nachträglichen Annäherung. Man merkt es, wenn man weiter liest:

Mein Vater war sich selbst uneins, wie das mit dem Gewinnen nun zu handhaben war, doch überwog in meiner Wahrnehmung das Primat des Siegens, auch weil er, wenn ihn etwas begeisterte, in Superlativen sprach: "Das größte Getriebe", "das beste Essen", "der schnellste Mensch", "das schönste Lied."

Wenn mich ein*e Schreibende*r fragte, ob sie die Überzeugungen ihres Vaters mittels einer Liste charakterisieren solle, wäre ich wohl skeptisch. Lieber, so würde ich vermutlich raten, solle sie zeigen, wie er sich typischerweise verhielt. Wie er zum Beispiel unter Stress reagierte, oder wie er seine Zuneigung zum Ausdruck brachte, welche Freunde er sich wählte etc.

Doch in diesem (speziellen) Fall funktioniert die Liste. Wenn man Dröschers Stil auch nicht unbedingt bewundern muss: Er entstammt dem Versuch, sich hinter nichts zu verstecken, auch nicht hinter „gutem Schreiben“.

Szenisches Schreiben geht (fast) immer

Dröschers Listen entsprechen jedoch eher so etwas wie Hawaiihemden: Sie wirken nur in bestimmten Zusammenhängen gut, in anderen recht unangemessen.

Was wäre das Schreib-Pendant zu meiner Cross-Over-Hose?

Beinahe jeder Text gewinnt, wenn so erzählt wird, dass die Leser*innen gleichsam mit ins Geschehen genommen werden. Wenn nicht nur davon berichtet wird, was geschah, sondern wenn es vorgeführt wird wie auf einer Bühne. Mit „Bühnenbild“, „Figuren“, wörtlicher Rede etc. Zum Beispiel so:

Irgendwann während der Reise, als wir am Straßenrand rauchten, zog Philippe mich ein wenig zur Seite und fragte: Du als Schriftsteller, wirst du über all das schreiben? Seine Frage überrumpelte mich, ich hatte nicht darüber nachgedacht. Ich antwortete: Nein, ich denke nicht. Solltest du aber, insistierte Philippe. Wenn ich schreiben könnte, würde ich es jedenfalls tun. Dann tu es. Du bist der Richtigere dafür. Philippe sah mich skeptisch an, aber kaum ein Jahr später schrieb er darüber, und zwar gut.

Emmanuel Carrère: Alles ist wahr, btb Verlag 2015, S. 49

Den Inhalt dieser kleinen Szene hätte man auch zusammenfassend berichten können, etwa so: „Obwohl Philippe mich gebeten hatte, all das niederzuschreiben, schreckte ich davor zurück und bat ihn, es selbst zu tun …“ Doch die Szene am Straßenrand macht die Offenheit und Unsicherheit der Fragen und Entschlüsse deutlicher. (Mehr zu Carrère findest du hier.)

Szenen wie diese sind leicht verständlich, auch wenn ihr Inhalt schwer wiegen kann. Denn sie bilden das natürliche Erleben ab und den alltäglichen Umgang mit Sprache. Sie lockern jeden Text auf, machen ihn farbiger und lebendiger. Öffnen den Text für andere Stimmen als die der Erzählerin oder des Erzählers.

Szenisches Schreiben kann eingesetzt werden, um eine bestimmte Stimmung zu erzeugen, doch auch um Informationen zu vermitteln, die sonst recht trocken daherkämen.

„Gutes Schreiben“ ist natürlich noch viel mehr. Nicht alles lässt sich in eine Szene packen. Szenen sind die Cross-Over-Hose des Schreibens. Aber Hemd und Socken braucht man manchmal auch.