Hape Kerkeling: Der Junge muss an die frische Luft

Lloyd-Passage Hände Kerkeling

Die Kindheitserinnerungen des Komikers Hape Kerkeling sind derzeit in aller Munde, denn mit ihnen geschah, was früher oder später mit allen erfolgreichen Büchern zu geschehen scheint: Sie wurden verfilmt. Ich habe den Film nicht gesehen, doch einige Schreibseminar-Teilnehmerinnen erzählten mir davon, vom harten Gegensatz zwischen Humor und der tragischen Geschichte (Kerkelings Mutter nimmt sich das Leben), der teilweise schwer zu ertragen sei. Das machte mich neugierig. (hier eine Filmkritik: https://www.epd-film.de/filmkritiken/der-junge-muss-die-frische-luft)

Kontraste

Kontraste fesseln. Das war schon bei Kerkelings Pilgerbuch Teil des Erfolgsrezeptes. Natürlich spielt auch der Bekanntheitsgrad eine Rolle. Doch Kerkeling verlässt sich weder auf das eine noch auf das andere. Sein Memoir (so heißt das Genre neudeutsch) ist kunstvoll und bewusst gearbeitet – auch dort, wo es einen Plauderton anschlägt. Und manchmal selbst dort, wo er Naivität vorschützt. Das macht es zur kurzweiligen Lektüre und besonders wertvoll für alle, die selbst über ihr Leben schreiben möchten.

Eingepackt in Geschenkpapier

Zunächst einmal bettet Kerkeling die eigentliche Geschichte in eine doppelte Rahmenhandlung ein. Als wickelte er Geschenkpapier um den zerbrechlichen Inhalt. Im »äußeren« Rahmen geht es um die Premiere eines Musicals, das seinem ersten Kinofilm »Kein Pardon« auf die Bühne bringt. Bevor er dabei nette Fans und Kollegen trifft, begegnet er als Horst Schlämmer verkleidet einem krebskranken Mädchen. Melanie hat sich gewünscht, die Kunstfigur kennenzulernen, in der sie ihren eigenen Mut, die Dinge beim Namen zu nennen, gespiegelt sieht. Im »inneren Rahmen« trifft Kerkeling (als er selbst) einem Jungen in Mosambik, der kaum noch spricht, seit sich seine Mutter aus Angst vor Milizen in seiner Gegenwart erhängte.


Ich neige mich dem Jungen zu und beginne eindringlich auf ihn einzureden, so als wollte ich ihn aus seinem eigenartigen Dämmerzustand aufwecken: »Luis, hör mir mal genau zu. Jetzt erzähle ich dir meine Geschichte.« (S. 47)

Den beiden Lagen »Geschenkpapier« noch vorangestellt sind ein Vorwort und eine Episode im Garten Gethsemane, von der er behauptet, sie sei die eigentliche Kraftquelle gewesen, die ihn zum Schreiben des »für mich stellenweise schwierigen« Buchs befähigte. Beinahe also eine dritte Rahmenhandlung.

Zum Kern der Geschichte

Erst derart eingewickelt, geschützt und abgesichert durch seinen Glauben und den beruflichen Erfolg, wagt sich Kerkeling im vierten Kapitel auf Seite 48 an die Geschichte seiner Kindheit. Sie beginnt im Vorschulalter und endet im wesentlichen mit dem Schulwechsel ins Gymnasium. Den Aufstieg zum Fernsehkomiker deutet er am Ende nur an, setzt ihn als bekannt voraus.

Der lange Anlauf zur Geschichte könnte das Interesse des Lesers in anderen Fällen erlahmen lassen. Doch Kerkeling kennt sein Publikum genau: Es weiß, dass es sich auf ihn verlassen kann, darum steigert er die Spannung. Auch sprachlich bleibt er sich treu: Was er zu sagen hat, sagt er klar und deutlich. Gelegentlich überdeutlich. Und auch damit schafft er einen Kontrast und erhöhtes Interesse, denn letztlich, so ahnt man, wird seine kindliche Erfahrung unsagbar bleiben.

Ironische Großspurigkeit

Der Absturz in die »Tragödie griechischen Ausmaßes« (S. 88), den Tod der Mutter, ist umso dramatischer, als er aus großer Höhe erfolgt. Wenngleich aus einfachen Ruhrgebiets-Verhältnissen stammend, der Vater ständig auf Montage unterwegs, und trotz des Umzugs der Familie vom Dorf in ein ungeliebtes Stadthaus, erreicht Hans-Peters Kinderleben unerhörte Seligkeiten. Denn seine Oma Änne, das resolute und unkonventionelle Oberhaupt der Familie, Besitzerin eines Tante-Emma-Ladens, lässt ihn nicht nur auf der Theke sitzen und mit den Kunden plaudern. Als er sechs Jahre alt ist, mietet sie ein städtisches Grundstück mit Stallungen und Weideland, kauft zwei Ziegen und vier Pferde, von dem sie ihm eines schenkt, einen schwarzen Wallach. Sie erfüllt Träume, von deren Existenz der kleine Hans-Peter noch gar nichts wusste. Doch nicht genug: Dazu erwirbt sie eine offene Wiener Kutsche, mit der sie ironisch-ernsthafte Paraden durch Recklinghausen inszeniert:

Änne thront an milden Feiertagen gemeinsam mit ihren vier Enkeln im gemütlichen Passagierraum des offenen Landauers, ihre und meine chronisch frierenden Füße mit einer von Schottenkaros übersäten Wolldecke bedeckt. Gern winkt sie huldvoll mit einem weißen Spitzentaschentuch den vielen herbeieilenden Schaulustigen zu und ermutigt mich stets, es ihr gleichzutun. Das bereitet ihr diebische Freude, […]
Meine Oma hält, seit ihren schlechten Erfahrungen in den noch nicht allzu fernen und traurigen Nazitagen, viele ihrer Mitmenschen schlicht für »dumm.« Ihr Urteil ist da endgültig, und sie wird es auch nicht mehr revidieren. Gern spricht sie in diesem Zusammenhang davon, dass wir, ihre Enkel, »bloß niemals so werden wie diese Kälber, denen man alles erzählen kann und die jedem Trottel hinterherlaufen.« (S. 113f.)

Es gehört zu den Stärken des Buches, wie Kerkeling die Geschichte seiner Familie in die Zeitgeschichte einbettet, und nicht nur diese «ironische Großspurigkeit« zu Erfahrungen in Beziehung setzt, die Eltern wie Großeltern in den erst 20 Jahre zurückliegenden Zeiten der Nazi-Herrschaft und des Krieges erleben mussten. Etwa das Schweigen seines Großvaters (väterlicherseits), der als Vorsitzender des Regionalverbandes der KPD Bochum bereits 1933 verhaftet worden war. Die Kriegsjahre verbrachte er in Buchenwald.

Tragödie von griechischem Ausmaß

Oma Änne stirbt, die Traum-Ranch wird schnell verkauft und Hans-Peters Mutter, zwar lebenslustig, doch nicht mit der robusten Natur ihrer Mutter Änne ausgestattet, schlittert unaufhaltsam in die Überforderung. Die Operation einer chronischen Kieferentzündung führt wegen eines ärztlichen Kunstfehlers zum Verlust ihres Geruchs- und Geschmackssinns. Dann kommt die Depression, deren Auswirkungen ihr Sohn durch frühe Comedy-Einlagen zu mildern sucht. Obwohl Kerkeling mehrfach auf die Bedeutung des »einfachen Holzstuhls« eingeht, auf dem die Mutter sitzt und ins Leere starrt, gerät ihm diese Beschreibung nicht zum Rührstück. Wo der Leser einfache küchenpsychologische Schlüsse ziehen könnte, tritt er ihnen nicht subtil, sondern ausdrücklich entgegen. Das gilt auch für eine Stelle im Kapitel »Gay pride, mal anders«, an der er sich gegen die simple Idee wehrt, die starken Frauen in der Familie hätten ihn gleichsam zum Homosexuellen erzogen. Diesen »Unwissenden will ich schnell den Wind aus den seltsam aufgeblasenen Segeln nehmen« (118) schreibt er. Weil die Geschichte, die er erzählt, so ungewöhnlich und berührend ist, verzeihe ich ihm auch Ausflüge ins Programmatische und Bekenntnishafte, die ich sonst ungerne lese. Vielleicht auch deshalb, weil ich seine Schlussfolgerungen weitgehend teile.

Vorausdeutungen

Noch einige Aspekte, die für autobiografisch interessierte Leser besonders bemerkenswert sind. Erstens die vielen Vorausdeutungen. S. 90 schreibt er: „Meinen Großvater Herrmann habe ich nur zweimal weinen sehen. Bei diesem abschied von meiner Mutter und in jenem Moment, als mein Vater und ich ihm drei Jahre später die Nachricht von ihrem Tod überbrachten.“
Auf S. 100: „Eine kerngesunde und rüstige Oma, die so gar nichts von ihrem nahen Ende zu ahnen scheint, […] „
Insgesamt zähle ich mindestens sechs solcher Vorgriffe. Und trotzdem wird die Spannung nicht zerstört. Denn es geht nicht um die bloße Tatsache des Todes. Was ich als Leser erfahren will, ist, wie es trotz der im Großen und Ganzen liebevollen Familie zu jener Tragödie kommen konnte.

Glaubwürdigkeit

Kerkeling beginnt seine Kindheitserzählung mit der Geburt und schildert auch sehr frühe Episoden in Ich-Perspektive:

Als ich halbwegs sitzen kann, hocke ich auf der Ladentheke und sauge aufgeregt und neugierig alles, was in diesem Laden geschieht und geredet wird, in mich auf. (S. 69)

Es ist klar, dass die zum Teil sehr konkrete Schilderung des Geschehens im Tante-Emma-Laden seiner Oma nicht auf Erinnerungen beruhen kann. Möglichen Einwänden begegnet er erst ganz am Ende, in einer »Nachbemerkung«:

Auch wenn dieses Buch selbstverständlich auf wahren Begebenheiten beruht, so kann ich doch keine Garantie dafür übernehmen, dass sich in meiner Kindheit alles haargenau und bis ins kleinste Detail so abgespielt hat, wie ich es hier beschrieben habe. (S. 313)

Und er erklärt, wie er den Schreibprozess erlebt hat:

Ich habe versucht, meine eigene Kindheit vor meinem inneren Auge wieder erstehen zu lassen, und mich dabei auf die Bilder, Geschichten und Eindrücke, die sich seit meinen frühesten Lebensjahren in mir angesammelt haben, sowie vor allem auch auf die Schilderungen meiner nächsten Verwandten gestützt. (ebd., die Hervorhebung stammt von mir)

Das erklärt natürlich, warum vor allem solche Episoden zum Tragen kommen, die zu Kerkelings späteren Lebensweg passen. Allen voran die Szene, in der er noch im Vorschulalter ankündigt: »Wenn ich groß bin, will ich ins Fernsehen.« Vermutlich wollte er auch einmal Fahrlehrer oder Polizist werden – doch das haben die Angehörigen vergessen. Und auch für ihn ist es nicht wichtig. So wird man zu dem, an den man sich erinnert.

Porträts als Strukturprinzip

Von Leut – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5399328

Kerkelings Karriere beruhte vor allem auf den originellen und auf verschrobene Art realitätsnahen Rollen, die er verkörperte. Darum wundert es nicht, dass er den Porträts von Verwandten und Bekannten auch in diesem Buch besondere Aufmerksamkeit widmet. Vor allem zu Beginn, wo die Chronologie der Ereignisse noch keine große Rolle spielt, sortiert er seine Erlebnisse nach den Menschen, denen er sie zu verdanken hat.

Die meisten kommen sehr gut weg, dem Zitat des Yogi Babaji, das dem Buch als Motto vorangestellt ist, möchte er gerecht werden: »Liebe die ganze Menschheit! Hilf allen Lebewesen! Sei glücklich! Sei höflich! Sei eine Quelle unerschöpflicher Freude! Erkenne GOTT und das Gute in jedem Gesicht!«

Hape Kerkeling:
Der Junge muss an die frische Luft. Meine Kindheit und ich.
Piper Verlag, München/Berlin 2014
Taschenbuchausgabe 2016
ISBN 978-3-492-32000-9

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