Heinrich Böll: Irisches Tagebuch

Irische Impression

Von 1954 bis 1956 publizierte der spätere Nobelpreisträger eine Folge von Reiseessays, Impressionen und Kurzerzählungen über Irland. Ihre Zusammenfassung, als »Irisches Tagebuch« veröffentlicht, bildet wohl bis heute das wichtigste deutsche Buch über die seither vielbesuchte Insel. Obwohl (oder gerade weil?) es beinahe ebenso viel über Heinrich Böll und Deutschland erzählt wie über Irland.

Kein Tagebuch

Warum Bölls Verlag, Kiepenheuer und Witsch, die Erstausgabe dieser Textsammlung »Tagebuch« nannte, bleibt etwas rätselhaft. In Briefen hatte Böll von »Irischen Impressionen« gesprochen, doch vielleicht erschien die passendere Bezeichnung als zu unverbindlich. Als sei etwas gleichsam im Vorbeigehen geschrieben, auf den ersten Eindruck hin. Um ein Tagebuch handelt es sich jedoch weder der Form nach — keine Datumsangaben, keine klare zeitliche Folge — noch in Hinsicht auf den Inhalt. Denn die Erzählperspektive eines Tagebuchs ist ohne Geheimnis: Es ist ein »Ich«, das erzählt, was an dem jeweiligen Tag oder jedenfalls in seiner Zeit geschieht. Bölls Irland-Essays sind etwas anderes, auch wenn die meisten der Texte ein »Ich“ enthalten. Sie zielen nicht darauf ab, ein Hintereinander von Eindrücken zu dokumentieren. Böll erhebt statt dessen den Anspruch, seine Eindrücke verdichtet und in literarischer Form darzustellen. Reisetexte, die er auf Verlangen und nach Gelegenheit an Zeitungen schickte, fügten sich im Nachhinein zu einem schmalen Band mit Kapiteln. Im dem Klappentext der Erstausgabe schrieb Böll selbst von einem …

Versuch, in verschiedenen Prosastücken, in komprimierter Form, ein Land darzustellen, in dem sich ständig das Süße mit dem Bitteren mischt, das Bittere mit dem Süßen, Gebet mit Fluch, ein Land, indem die Poesie auf der Straße liegt und Resignation fast wie in einem Treibhaus gezüchtet wird; ein Idyll, das mit den Tränen auswandernder Kinder bezahlt wird; ein Land, wo das dreizehnte sich mit dem zwanzigsten Jahrhundert mischt und das neunzehnte mit der Zukunft. Der totale Gegensatz zu Deutschland wirkte auf den Verfasser wie eine Provokation, gerade dieses Land in die deutsche Sprache aufzunehmen, es in ihr zu porträtieren, etwa in der Form eines Mosaiks, keiner realistischen Nachbildung, da der porträtierte Gegenstand andere als realistische Sprachräume erforderlich machte.

S. 180 der mit Materialien angereicherten Ausgabe von 2008

Böll hat also den Anspruch, gerade durch das Abweichen vom »Realismus«, d.h. von der tatsächlichen Chronologie der in Irland verlebten Tage, etwas Wesentliches zu erfassen. Das macht das »Irische Tagebuch« zu einer Form der Autofiktion.

Das Autobiografische wird nicht mit Erfundenem (»Fiktion«) verziert, sondern komponiert und arrangiert. Mit dem Ziel, einen Eindruck von Irland zu vermitteln, der dem Interesse und dem Gefühl des Verfassers entspricht.

Mythologie einer Insel

Mit der Folklore ist es fast wie mit der Naivität: wenn man weiß, daß man sie hat, hat man sie schon nicht mehr, und der alte Mann stand ein wenig traurig da, als die Sonne untergegangen war; blaugrauer Dämmer sog die grünen Schleier auf.

in Kapitel 15: »Kleiner Beitrag zur abendländischen Mythologie«

In Kapitel 15 erzählt Böll vom Besuch einer kleinen Insel im Fluss Shannon, den er mit einem befreundeten Kameramann unternahm. Sie trafen einen 88-jährigen, der vor einem Sonnenuntergang am Flussufer gefilmt werden sollte. Als die Sonne schließlich unterging, war die Pfeife des Alten ausgegangen. Der Kameramann stopfte sie mit zerpflückten Zigaretten, um den optischen Urzustand wiederherzustellen. Er griff ein, um Bilder zu produzieren, die »irischer« waren als der gewöhnlichen Lauf der Dinge. Denn dieser hätte ihm nur Pfeifenrauch ohne Sonnenuntergang oder Sonnenuntergang ohne Pfeifenrauch geliefert. So hatte er beides. Ähnlich arrangierte Böll seine Eindrücke, um sie zu seiner Vorstellung von Irland und seinen Menschen zu verdichten, zu einer »Mythologie«, die den Leser an seiner Reise- und Sehnsuchtsstimmung teilhaben lässt. Das obige Zitat beweist, dass er sich diese Freiheit ganz bewusst nahm. Zur Naivität konnte er nicht zurück. Darum nach vorne zur Kunst.

Quelle: S. 180 der mit Materialien erweiterten Neuausgabe von Kiepenheuer & Witsch

Ein Land der Träume

Ein Effekt des Massentourismus besteht darin, dass wir zuerst die Kataloge sehen und dann das Land. Weder für Überraschungen bleibt allzu viel Raum (denn wir wollen wissen, was wir einkaufen), noch für überhohe Erwartungen. Und trotzdem sind es diese Erwartungen, die »Länder der Träume«, die uns in Gang gesetzt haben und noch immer in Gang setzen.

Gothe (natürlich) führte es mustergültig vor:

Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunklen Laub die Goldorangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?
Kennst du es wohl?
Dahin, dahin
Möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn!

Johann Wolfgang Goethe: »Mignon«

Das Land der Sehnsucht, das Goethe besingt, ist ein idealisiertes Arkadien, das nur grob mit dem tatsächlichen Italien zusammenhängt. Auch Goethes „Italienische Reise“ ist keine journalistische Abbildung der Verhältnisse im Land. Mehr als um Italien geht es um die mögliche und ersehnte Bildungserfahrung, die den Reisenden verändert und bereichert.

Wie Goethe in Italien verhält sich Böll in Irland. Er sucht und findet das, was ihm zu Hause fehlt. Nicht, weil es per se besser wäre, sondern weil es einen Prozess des Denkens oder Umdenkens ins Gang setzt, der ihm gut tut. Seine erste Irland-Reise, so erfährt man im Begleitmaterial der Neuausgabe von 2008, trat Böll gerade an, als der anstrengende Hausbau in Köln-Müngersdorf beendet war. Später schreibt er über sein Ferienhaus:

Alles ist los: die Dachpfannen, die Dachrinne, nicht einmal das Mauerwerk ist sehr vertrauenerweckend (denn hier baut man provisorisch, wohnt aber dann, wenn man nicht auswandert, eine Ewigkeit in solchen Provisorien — bei uns aber baut man immer für die Ewigkeit und weiß nicht, ob die nächste Generation noch Nutzen von so viel Solidität haben wird).

in Kapitel 9: »Betrachtungen über den irischen Regen«

Das eben ist Bildung: die eigene Perspektive hinter sich lassen zu können. In diesem Sinne ist es richtig zu sagen, dass Reisen bildet.

Zugegeben, das Bau-Beispiel ist recht profan. Das Prinzip, das ich damit angesprochen habe, trifft jedoch auch auf viele andere Aspekte zu, die Böll ansprachen und die er ansprach: das Verhältnis der Menschen zum Geld, zur Zeit, zum Erzählen und zur Religion. Darum heißt es im Nachwort von Jochen Schubert treffend zu Bölls erstem Dublin-Aufenthalt:

Dublin gefiel — und fand vor allem in den Aspekten Beachtung, die von jeher Bölls Aufmerksamkeit hatten.

Was man sich bei Böll abschauen kann

Während ich neulich in Portugal war, habe ich ein Schreibtipp-Video konzipiert und zusammengeschnitten. Nun könnte ich einen weiteren Tipp ergänzen: Lesen Sie Heinrich Bölls »Versuche« (=Essays) über Irland. Von Ihnen können Sie lernen, wie wenig es auf die korrekte Abfolge der Tage ankommt. Das Verhältnis eines Menschen einem Land gegenüber hat immer etwas Fiktives, Erfundenes. Was er antrifft, wenn er gerade vorbeikommt, ist immer etwas dem Zufall überlassen. Aus dem Zufall einer Stimmung, des Wetters und der Begegnungen »erfindet« er sich ein Land. Und findet sich dort vielleicht selbst. Also spitzen Sie ruhig zu. Laufen Sie keinen altbekannten Klischees hinterher, keinen Reisekatalogen. Trauen Sie Ihrem eigenen Blick, und lassen Sie zu, dass er auch viel über Sie selbst verrät. Erschaffen Sie eine kleine Mythologie Ihres Reiselandes, geben Sie lieber Ihre Begeisterung weiter, als nüchtern und korrekt zu bleiben. Denken Sie daran, was Böll seinem Irland-Buch voranstellte:

Es gibt dieses Irland: wer aber hinfährt und es nicht findet, hat keine Ersatzansprüche an den Autor.

Heinrich Böll: Irisches Tagebuch.
Mit Materialien, Fotos und einem Nachwort von René Böll und Jochen Schubert.
Kiepenheuer & Witsch 2008
ISBN 978-3-462-03797-5

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