# 1 — Nachbarn

Nachbarn

Nachbarn begleiten unser Leben — in Reihenhaussiedlungen ebenso wie in einsamen Gehöften. Auf die Entfernung kommt es weniger an als auf die Beziehung. Manche bleiben fremd, andere werden zu Freunden. Manche werden plötzlich wichtig, bei einem Unfall, durch einen Zufall. Wie wir mit unseren Nachbarn umgehen, über sie (nach)denken, sagt viel über die Umstände aus, in denen wir leben oder gelebt haben — wirtschaftlich, gesellschaftlich, familiär. Kennen wir alle mit Namen, die in der Straße wohnen? Das hängt von der Straße ab — und es hängt von uns selbst ab.

Als ich einmal wenig Zeit hatte, um einen biografischen Schreibtag vorzubereiten, fiel mir spontan dieses Thema ein. Es stellte sich als Volltreffer heraus. Jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin wusste Interessantes und Nachdenkliches zu berichten. Von der vergnüglichen Glosse bis zum eindringlichen Portrait war alles dabei. Und es wurde klar: Wenn wir über unsere Nachbarn schreiben, offenbaren wir auch viel von uns selbst. Bewusst oder unbewusst. Unsere Nachbarn halten uns den Spiegel vor.

Das Thema „Nachbarn“ lässt sich darum auf unterschiedliche Weise behandeln. Als Schilderung einer mehr oder weniger bedeutsamen Lebens-Episode (wie sie in einer Autobiografie vorkommen könnte) oder als Anstoß zu Texten, die eher der Selbsterkenntnis dienen: Wie gehe ich mit meinem Mitmenschen um? Wen mag ich, wen meide ich? Was gefällt mir an meinen Nachbarn, und vielleicht: warum?

Schreibidee #1: Schreiben Sie von Ihren Nachbarn. Picken Sie sich welche heraus: Nachbarn in Ihrer Vergangenheit oder die gegenwärtigen Neben-Bewohner im Haus, in der Straße. Sie können auch eine ganze Serie schreiben. Mit welchem Nachbarn, welcher Nachbarin verbinden Sie eine besondere Geschichte?

Wenn Sie eine Nachbarn-Geschichte geschrieben haben, fände ich es toll, wenn Sie sie unten in die Kommentarbox kopieren würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Ich wünsche Ihnen viele Leser — und reichlich hilfreiches Feedback.

2 Kommentare

  1. Regina Passoth

    Ich komme im September 1970 als erstes Kind meiner Eltern zur Welt. Als absolutes Wunschkind – meine Eltern sind schon zwölf Jahre verheiratet, als sich der ersehnte Nachwuchs endlich einstellt.
    Wenige Monate vor meiner Geburt ziehen meine Eltern ins eigene Haus. Mama ist ihre Schwangerschaft deutlich anzusehen, der Babybauch liefert Stoff für erste Gespräche mit den neuen Nachbarn und nimmt meiner Mutter die Sorge, die Dorfgemeinschaft werde sie ablehnen.
    Brigitte wohnt schräg gegenüber in einem hutzeligen Häuschen an der Ecke. Sie ist mit Wilhelm verheiratet, die beiden haben zwei Kinder. Brigitte ist Apothekerin, Wilhelm arbeitet als Ingenieur bei einem Energieversorger.
    Wegen der Kinder übernimmt Brigitte lediglich Vertretungsdienste, wenn der örtliche Apotheker Urlaub macht. Obwohl sie normalerweise wenig Wert auf ihr Äußeres legt, bereitwillig Kleidung aus zweiter Hand trägt und den schütteren Flaum auf ihrem Kopf mit einem praktischen Haarteil aufpeppt, sieht die Apothekenkundschaft sie stets nur adrett, im weißen Kittel und mit ordentlicher Frisur.
    Als meine Mutter mit mir aus dem Krankenhaus kommt, hat Brigitte den Weg von unserer Garage zur Haustür mit Rosenblättern bestreut. Für sie bin ich von Anfang an „Regina Caeli“, die Himmelskönigin.
    Ich habe diese Ecke unserer Kleinstadt nie wirklich verlassen. Immer nur vorübergehend. 1996, nach unserer Hochzeit, bauen mein Mann und ich auf dem Grundstück neben meinen Eltern ein eigenes Haus. Brigitte wohnt nun direkt gegenüber. Wilhelm ist an Alzheimer erkrankt und nur noch ein Schatten seiner selbst, wird aber von Brigitte liebevoll betreut und überallhin mitgenommen. Sonntags führt sie ihn an der Hand sogar in die Kirche – wie eh und je. Warum sollte sich daran was ändern? „Kirche kann doch meinem Wilhelm nicht schaden!“
    Ich erinnere mich nicht mehr genau, wann Wilhelm verstorben ist. Er war ein „ruhiger Vertreter“, liebte das Meer und die Insel Borkum. Nach seinem Tod lässt Brigitte ihn auf See bestatten. Wie sehr sie ihn vermisst und sich wünscht, er hätte ihr Leben länger geteilt, das erwähnt sie in klaren Momenten bis heute.
    Ja, Brigitte lebt noch. Mit 97 Jahren allerdings nicht mehr hier gegenüber, sondern bei ihrer Tochter in Gelsenkirchen. Weihnachten 2020 ist sie plötzlich verschwunden, im letzten Herbst begegnen wir ihr unerwartet vor unserem Haus. Sie sitzt im Auto, hat mit ihrer Tochter eine Ausfahrt unternommen, um im Häuschen nach dem Rechten zu sehen.
    Eine Hausfrau ist sie nie gewesen. Putzen, Bügeln, Kochen – hier hat sie stets Minimalprogramm gefahren. Wahrscheinlich hatte sie Angst zu verblöden. Und bestimmt hatte sie auch schlicht keine Lust!
    Als einziges Kind evangelischer Eltern wächst sie im streng katholischen Paderborn auf. Das katholische Gymnasium dort darf sie nicht besuchen – da evangelisch und noch dazu ein Mädchen. Ihr Vater, das hat sie mir oft erzählt, setzt sich darüber hinweg, schickt sie auf ein anderes Gymnasium und nach dem Abitur zum Studieren: Pharmazie und Latein.
    Wie so viele Frauen ihrer Generation, fügt sie sich in familiäre Verpflichtungen, ist nur eingeschränkt berufstätig, erteilt aber Scharen von Kindern verschiedener Schulformen Nachhilfeunterricht „in allen Fächern“.
    Von meinem Fenster aus kann ich ihren Hauseingang sehen. Ich erinnere mich gut an die Zeit, als sich dort Nachmittag für Nachmittag Schülerinnen und Schüler die Klinke in die Hand geben. An wartende Eltern in parkenden Autos. Brigitte ist „berühmt“ für ihren Unterricht, sie pflegt Kontakte zum Lehrpersonal und zu den Schulen; manchmal ruft sie kurzerhand auch bei mir an, wenn sie in irgendeiner Frage unsicher ist. Manchmal kann ich ihr weiterhelfen, „und wenn nicht, ist auch nicht schlimm“.
    Wenige Jahre vor dem Tod meiner Mutter bietet Brigitte ihr das Du an: „Ich bin ja die Ältere, Gisela.“ Mama war zeitlebens zurückhaltend, es gab nur wenige Leute, die sie duzte, nicht, weil sie niemanden mochte, es passte einfach zu ihrer introvertierten Art. Ins kleinstädtische Dorfleben integriert hat sie sich nie. Über das Du ihrer „alten“ Nachbarin von schräg gegenüber hat sie sich jedoch gefreut. Es war ihr bestimmt eine Ehre.

    • Liebe Regina Passoth,
      vielen Dank für diesen schönen Text über Ihre alte Nachbarin. Solche Menschen bereichern unser Leben, auch wenn sie nicht in die gängigen Kategorien von verwandt oder befreundet passen.
      Am Ende kommen Sie auf Ihre Mutter zu sprechen und das „kleinstädtische Dorfleben“, in das sie sich nicht integrieren ließ. Das macht neugierig auf „mehr“.
      Herzlich
      SK

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