Bucheinband Gescheckte Menschen

Hugo Hamilton: Gescheckte Menschen

Eine Frage der Perspektive

Dieses Buch macht es mir nicht leicht. Ich mag es, weil es ein interessantes Thema behandelt, nämlich die Kindheit des Autors in einer deutsch-irischen Familie, die beides besonders intensiv ist und sein möchte: deutsch und irisch. Interessant und lehrreich ist es auch, weil es auf ganz besondere Weise geschrieben ist, nämlich aus der Sicht des Kindes, das der Autor war – und doch auch wieder nicht. Genauer wäre es vielleicht, zu formulieren, dass es in Ich-Form geschrieben ist und im Tonfall eines Kindes. Das funktioniert stellenweise hervorragend, stellenweise wünschte ich mir beim Lesen aber auch, er möge doch endlich die Perspektive wechseln, seinen Tonfall ändern und auf andere Weise berichten, was seine bemerkenswerte Kindheit erhellte und verdunkelte.

Ich will das Wechselbad meiner Lesegefühle genauer erklären. Denn aus Hamiltons Buch lässt sich viel darüber lernen, wie man über die eigene Kindheit schreiben kann, und welches erzählerische Risiko man dabei eingeht.

Wie ist es überhaupt möglich, wahre und wahrhaftige Kindheitsgeschichten zu schreiben?

Diese Frage ist berechtigt, denn wer über seine eigene Kindheit schreibt, begegnet zwangsläufig dem folgenden Problem: Er (oder sie) ist erwachsen geworden und hat sich dabei meilenweit von der Vorstellungswelt des Kindes entfernt, das er/sie einmal war. Auch wenn er (ich lasse es jetzt einmal beim »er«, meine aber immer auch »sie«) sich sehr gut an Umstände, Personen und Episoden erinnern kann, tut er es aus einer anderen Perspektive, als es bei dem Kind der Fall war. Sein »Ich« ist ein anderes als das »Kind-Ich«. Das Ich, das schreibt, und das Ich, das beschrieben wird, tragen denselben Namen, doch in vielerlei Hinsicht sind sie nicht identisch.

Es gibt zwei Möglichkeiten, mit dieser Verdoppelung des Ich umzugehen: Entweder man berichtet über das Kind, das man war, aus der Perspektive des Erwachsenen, mit der Sprache und dem Wissen des Erwachsenen oder des älteren Menschen, oder man bemüht sich umgekehrt, so weit irgend möglich in die Vorstellungswelt des Kind-Ichs einzutauchen und sich in seiner Sprache auszudrücken. (In der autobiografischen Literatur finden sich natürlich auch alle möglichen Zwischen- und Mischformen dieser beiden grundlegenden Möglichkeiten.)

Hamilton, so scheint es, entscheidet sich für die zweite Möglichkeit. Der Tonfall, in dem er redet, ist einfach und kindlich (Junge, Grundschule), und was er schreibt, scheint sich auf die Vorstellungswelt des Kindes zu beschränken. So beginnt das Buch:

Als ich klein war, erwachte ich in Deutschland. Ich hörte die Glocken, rieb mir die Augen und sah, wie der Wind die Vorhänge bauschte. Ich stand auf, sah aus dem Fenster und erblickte Irland. Und nach dem Frühstück gingen wir alle aus der Haustür nach Irland und besuchten die Messe. Und nach der Messe gingen wir zum großen, grünen Park am Meer, weil ich Mutter und Vater zeigen wollte, dass ich auf einem Ball stehen und bis drei zählen konnte, bevor der Ball unter meinen Füßen wegflutschte. (Seite 7 der Taschenbuchausgabe, btb 2006)

Zum Inhalt

Hugo hat eine deutsche Mutter und einen mäßig erfolgreichen aber äußerst patriotischen irischen Vater, der von der Wiederbelebung der irischen (gälischen) Sprache träumt und seinen Kindern verbietet, im Haus englisch zu sprechen oder mit Kindern zu spielen, die in weniger englisch-feindlichen Haushalten aufwachsen. Zusammen mit der wachsenden Zahl seiner Geschwister wächst Hugo in diesem »Sprachenkrieg« auf und wird nicht nur mit einer gehörigen Portion irisch-patriotischer Geschichtsauslegung imprägniert, sondern außerdem mit Geschichten aus der Jugend und Familie seiner Mutter, die im nationalsozialistischen Deutschland aufwuchs und das Trauma ihrer Vergewaltigung auf einer Pilgerreise durch Irland zu bewältigen suchte. Dort lernte sie den Vater kennen, die beiden heiraten auf einer Deutschland-Reise, doch in vielerlei Hinsicht beruht ihre Verbindung auf einem Missverständnis, das sich erst nach Jahren und Jahrzehnten auf schmerzliche Weise aufklärt. Weder die deutsche Herkunft noch die extreme politische Haltung des Vaters tragen dazu bei, Hugos Alltagsleben in Dublin zu erleichtern. Er und seine Geschwister werden sowohl als »Krauts« als auch als »Paddies« ausgegrenzt und häufig beschimpft und verprügelt.

So ungefähr der Inhalt. Hamilton packt, wie inzwischen klar geworden sein dürfte, viel Stoff in die gut 300 Seiten des … »Romans«? Ja, ich habe ständig die Neigung, »Roman« zu schreiben, obwohl diese Genrebezeichnung im Titel fehlt und im Klappentext deutlich auf die Identität des Autors mit der Hauptfigur hingewiesen wird. Auf diese Frage, ob Roman oder Erinnerungen, komme ich noch einmal zurück.

Kinderaugen, Kindersprache

Zuerst möchte ich einige Stellen anführen, bei denen der Tonfall, der Hamilton wählt, gut passt, zum Beispiel im obigen Zitat, wenn die mütterliche Welt des Heimes einfach mit »Deutschland« gleichgesetzt wird, denn so muss es den Kindern erscheinen, die alles Deutsche nur von der Mutter kennen. Oder wenn es um sprachliche Eigenheiten geht:

Als Mutter ins Krankenhaus musste, wurden wir von Áine betreut. Sie stammt aus Connemara und hat andere Wörter als die Arbeiter oder die O’Neills, der Polizist oder Mutter. Sie bringt uns bei, die Stufen auf Irisch zu zählen: a haon, a dó, a trí … […] Sie nennt mich weder Hanni noch Johannes, sondern Seán und manchmal Jack, aber Vater sagt, das sei falsch. Nie solle ich zulassen, dass mich jemand Jack oder John nennt, denn das sei nicht ich. Vater hat seinen Namen ins Irische geändert. Und wenn ich älter bin, werde ich meinen Namen auch ändern. (Seite 33f.)

Oder wenn der Vater seine Kinder mit politischen Gründen traktiert, die sie nicht verstehen können. In einem Wutanfall wirft er Anstecker in Form von Mohnblumen ins Feuer, dem Zeichen der britischen Armee, die sie vom Nachbarn bekommen hatten:

Zwei große Länder hätten in diesem Krieg um viele kleine Länder gekämpft. Und mitten darin hätten die Iren beschlossen, ihre Unabhängigkeit zu verkünden. Wir dienen weder König noch Kaiser, hätten die Iren sich und allen anderen kleinen Ländern auf der Welt gesagt. Und dann können wir Vater nicht mehr folgen, denn Mutter hieß ja früher Kaiser, und außerdem weiß ich nicht, worin der Unterschied zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg besteht und wer die Nazis sind und was sie mit uns zu tun haben. (S. 57)

Auch die Hilfslosigkeit des kleinen Hugo macht diese »kindliche« Erzählerstimme deutlich, die Unmöglichkeit, aus der eigenen Haus und den eigenen Vorstellungen zu treten, und so zu sein, wie die anderen:

Wenn man in einer Bande ist, hat man das Gefühl von Stärke im Bauch. Man rennt und brüllt, und alle anderen haben Angst. Aber sie wollen mich nicht mehr, weil ich ein Träumer bin, und deshalb ist es das Beste, wenn ich mich mit dem Rücken an die Wand stelle und aufpasse, dass sie meinem Bruder nichts tun. (S. 134)

Kind-Ich als Kunstfigur

Immer mehr jedoch tritt der Erzähler heraus aus dem unmittelbaren Umfeld des deutsch-irischen Jungen, und berichtet von dem, was die Mutter ihm von ihrem eigenen Leben erzählte und von der Familiengeschichte im Kempen der Dreißiger- und Vierzigerjahre. Nicht nur das. Er berichtet sogar von dem, was sie in ihre Schreibmaschine tippt, »um all das festzuhalten, was sie niemandem erzählen kann, nicht einmal Vater. Dinge, die man nicht in einem Lied oder einer Geschichte sagen, sondern nur auf der Schreibmaschine tippen kann, damit die Menschen sie irgendwann später lesen können, allein und ohne ihr dabei in die Augen zu schauen.« (160)

Der Autor hat diese Schreibmaschinenseiten gelesen, und jetzt lässt er sie von seinem Kind-Ich erzählen, das dadurch, und hier liegt das Problem, zu einer Kunstfigur wird. Der Hugo, den uns Hamilton vorstellt, kann nicht das Kind sein, dass er war und in dessen Vorstellungswelt er sich einfühlt. Statt dessen legt er die Familiengeschichte und was er von ihr weiß in den Mund des Kindes. Er begründet mit dessen Stimme sogar, warum er es tut:

Wenn man klein ist, kann man ein Geheimnis erben, ohne zu wissen, worin es besteht. Man kann im selben Film in der Falle sitzen wie seine Mutter, denn manches erbt man, ohne es zu merken. Und zwar nicht nur Äußerlichkeiten wie ein Lächeln oder eine Stimme, sondern auch Unausgesprochenes, das man erst in späteren Jahren begreift. (S.25)

Das ist unzweifelhaft richtig. Doch indem er sein Kind-Ich als Kunstfigur entwirft, als Gefäß für das Unbewusste auch seiner Mutter und (weniger) seines Vaters, verlässt er den Bereich der Autobiografie und geht über in die Autofiktion. Er setzt also fiktionale, romanhafte Mittel ein, um vom eigenen Leben nicht zu berichten, sondern es auf künstlerische Weise zu deuten. Vielleicht hat sein deutscher Verlag das Buch deshalb nicht »Erinnerung(en)« genannt – aber weil er unschlüssig war, ob es andererseits ein Roman sei, fehlt der Untertitel ganz. Im englischen heißt er „A memoir of a Half-Irish Childhood“. Als Autofiktion oder autobiografischer Roman verliert das Buch jedoch seine Glaubwürdigkeit als Tatsachen-Bericht und enttäuscht die Erwartungen derjenigen Leser, denen es vor allem auf solche Tatsachen ankommt.

So erging es mir eine Weile, ich war enttäuscht vom ewig-jungen Tonfall, bis ich, etwa auf der Hälfte des Buches, meine Lese-Erwartungen korrigierte. Sieht man nämlich davon ab, als Leser zu dem durchdringen zu wollen, was tatsächlich geschah, in Irland und in Hamiltons Familie, wird man mit Bildern von poetischer Schönheit belohnt. Zwar funktioniert die Kunst-Stimme des Autors auch in dieser Lesart nicht durchgängig, doch es wird trotzdem deutlich, warum Hamilton es vorzog, eine Autofiktion zu schreiben und was er damit gewinnt.

Autofiktionale Passagen

Hier einige Passagen, in denen die Kind-Perspektive stark überdehnt und symbolisch aufgeladen wird:

Mutter ging mit uns durch die Stadt, um zu sehen, was von früher noch geblieben war. […] Das Einzige was fehlte, war das Haus ihrer Kindheit am Buttermarkt. Der Brunnen stand noch, aber das Haus war verschwunden. Die Häuser hatten neue Türen und Fenster. Alle Menschen hätte neue Küchen und Herde, sagte Mutter, weil man den Krieg verloren habe und den Anblick der alten Dinge nicht mehr ertragen könne. Alles müsse neu sein. (S. 225f.)

Gibt Hamilton hier wieder, was seine Mutter tatsächlich sagte, oder eher die Einstellung seiner Mutter zum boomenden Nachkriegsdeutschland?

An einer anderen Stelle wird erzählt, wie die Mutter (die Familie) von einem alten antisemitischen Artikel des Vaters erfährt:

Wenn du klein bist, weißt du nichts, und wenn du größer bist, gibt es manches, das du gar nicht wissen willst. Andere Menschen sollten nicht wissen, dass Vater die Juden in Irland zwingen wollte, Irisch zu sprechen und irisch zu tanzen. Andere Menschen sollen nicht wissen, dass er mit Schaum vor dem Mund sprach. Dass auch das Irische wie Englisch oder Deutsch eine Sprach der Mörder hätte werden können.(S. 271)

Marianne, die Schwester der Mutter, lebte in Salzburg und half Juden, sich zu verstecken. Davon wird zunächst „naiv“, dann deutlicher erzählt:

„Ich kenne lungenkranke Menschen“ sagte die Frau. „Denen würde es da oben sehr gut gefallen.“
„Ohne Auto“, sagte Marianne, „ist es ein langer Aufstieg.“
Aber das würde diesen Menschendoch nur gut tun, sagte die Frau. Die Luft würde ihnen selbst beim Aufstieg gut tun. Und so kam Tante Marianne auf die Idee, eine Pension zu eröffnen, sagt Mutter. So begannen die Leute wegen der guten Luft und der Ruhe von überall her zu ihr kommen, und so gewann sie schließlich den Ruf, eine der schönsten Pensionen Österreichs zu betreiben, eine Pension mit langer Warteliste, von der man in der Touristeninformation nichts erfuhr. (S. 283)

Und dann fährt Hamilton fort, als würde es ihm selbst ein wenig zu viel, die konspirative Sprache der Frau und die unwissende des Kindes unkommentiert miteinander zu verschmelzen:

Tante Maria musste nicht lange darüber nachdenken, sagt Mutter. Sie ging nach Hause und bereitete alles vor. Und bald darauf kam der erste Gast, eine Jüdin ohne Namen, Gesicht und Adresse. Sie blieb immer nur für zwei oder drei Tage, dann zog sie in ein anderes Haus. (S. 284)

Nahe am Scheitern, vielleicht der Preis für Poesie

Die einzige Stellen, an denen ich mir über die Unangemessenheit von Hamiltons Erzählperspektive im Klaren bin und nicht schwanke zwischen Faszination und Ablehnung, haben damit zu tun, dass das Kind Hugo wächst und jetzt offensichtlich gar kein Kind mehr ist, sondern ein Jugendlicher, der sich eigentlich gegen diese sprachliche Verkleinerung wehren sollte, wie es Jugendliche tun.

Also ging ich nach Hause und sagte Vater, dass ich ihn töten wolle. Ich sagte ihm, ich wolle keine sterbende Sprache mehr sprechen, nur noch Killersprachen, und dann fragte ich ihn, wie ihm die Aussicht gefalle , demnächst von seinem eigenen Sohn getötet zu werden. Er nahm die Brille ab und sagte, ich solle nur machen. Aber ich machte nichts. Ich sagte nur das, was sie in der Schule sagen, wenn sie Angst haben. Ich sagte, dass mir meine Kraft dafür zu schade sei. (S. 296f.)

Hier übertritt das Kind-Ich seinen Zuständigkeitsbereich. Es mag als Medium für das bewusste und unbewusste Familienerbe fungieren, doch sich selbst als jugendlicher Rebell kann es nicht mehr in sich aufnehmen.

Trotz (oder vielleicht gerade wegen?) dieser Schwächen sollte jede/r das Buch lesen, der vorhat, über die eigene Kindheit aus der Sicht seines früheren Kind-Ichs zu schreiben. Vielleicht hätte es nur ein wenig kürzer sein sollen, dann wäre alles in schönster Ordnung und man könnte seinen betörenden, beinahe hypnotischen Tonfall bis zum Ende genießen, und die sprachlichen Bilder, die er hervorbringt:

Solche Dinge kann man erben. Sie sind wie ein Stein in der Hand. Ich habe Angst, irgendwann wie Vater zu hinken. Ich habe Angst, die Zungenspitze aus dem Mundwinkel zu schieben, wenn ich etwas repariere. Ich weiß, dass ich anders sein muss. Ich muss andere Musik hören (S.308)

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