7 Gründe, Karl Ove Knausgård zu lesen

Wer sich daran machen möchte, die eigene Lebensgeschichte (ausführlich) zu beschreiben, der sollte sich die Zeit nehmen, Knausgård zu lesen.

Das sechsbändige autobiografische Werk des norwegischen Autors Karl Ove Knausgård genießt derzeit große öffentliche Aufmerksamkeit. Allein die Zahlen lassen aufhorchen: Mehrere tausend Seiten, die in Norwegen innerhalb von nur drei Jahren erschienen. Der erste Band verkaufte sich dort etwa eine halbe Million Mal (es gibt nur gut 5 Millionen Norweger), auch in den USA wurde »Min Kamp« (»Mein Kampf«), wie Knausgårds Reihe im Original heißt, zum Bestseller. Die deutschen Verkaufszahlen kenne ich nicht, doch in den Buchläden liegen hohe Stapel. Hierzulande erschienen die sechs Bände von 2011 bis 2017 unter den Titeln »Sterben«, »Lieben«, »Spielen«, »Leben«, »Träumen« und »Kämpfen«. Der Originaltitel, der auf norwegisch ironisch-provokativ wirken mag, hätte in Deutschland nur verstörend und abschreckend gewirkt, darum wurden er durch Einzeltitel ersetzt. Auf englisch heißen die Bücher übrigens konventioneller »A Death in the Family«, »A Man in Love«, »Boyhood Island«, »Dancing in the Dark« und »Some Rain Must Fall« – der sechste Band scheint noch nicht übersetzt zu sein.

»Sterben«

Im Folgenden beschränke ich mich auf den ersten Band, »Sterben«, in dem sich Knausgård in erster Linie mit seinem Vater auseinandersetzt, seiner für den jungen Karl Ove beängstigenden Strenge, seiner Alkoholsucht und seinem frühen Tod. Es fällt schwer, den Inhalt knapp wiederzugeben, denn Knausgård folgt nicht der Chronologie der Ereignisse. Teil 1 von »Sterben« besteht aus Kindheits- und Jugenderinnerungen, deren Auswahl und Platzierung sich oft nicht (sogleich?) erschließt. Der Vater spielt nur gelegentlich die Hauptrolle, es geht auch um Mädchen, erste Partys, die Schule, Sport, Musik und mehr. Teil 2 ist klarer gegliedert. Zentrum und Gerüst ist der Zeitabschnitt vom Tod des Vaters bis kurz vor seiner Beerdigung: Gemeinsam mit seinem Bruder fährt der Ich-Erzähler Karl Ove nach Kristiansand, wo sein Vater die letzten Jahre bei seiner Mutter lebte und das Haus in eine Müllhalde verwandelte. Auch Karl Oves Großmutter, das finden die Brüder heraus, konnte die Zustände nur mit Alkohol ertragen. Die beiden machen sich daran, die Flaschen und den Müll wegzuwerfen und das Haus für die Beerdigung vorzubereiten. Zugleich kümmern sie sich um die verstörte Großmutter, die ihren Sohn tot auffand.

Eine besondere Qualität erreicht Knausgårds Prosa dort, wo sie sich der Verkürzung verweigert und in der Wiederholung der Putzvorgänge, Autofahrten und Gespräche die Zähigkeit und Hartnäckigkeit des Lebens deutlich wird, das von Tag zu Tag gelebt werden muss, gerade in solchen Krisensituationen. Weder dem Schmutz noch der Erinnerung kann Karl Ove entrinnen, weder dem Vater noch sich selbst.

Knausgård als Inspiration für das biografische Schreiben

Mir geht es hier nicht darum, den literarischen Wert von »Sterben« zu bestimmen. Statt dessen möchte ich zeigen, warum es für angehende Selbst-Lebens-Beschreiber fruchtbar sein kann, Knausgård zu lesen. In diesem Sinne können sogar die vermeintlichen oder echten Schwächen des Buches hilfreich sein. Weil sie beim Norweger gleichsam im »Breitwandformat« zu beobachten sind, klar und deutlich.

1. Grund: Um die Vielfalt kennenzulernen

In Knausgårds Prosa findet sich beinahe alles, was in autobiografischen Texten vorkommen kann: Alltagsepisoden, die Populärkultur (Filme, Musik, Bücher), die in unserer Unterhaltungsgesellschaft einen immer breiteren Rahmen einnimmt, psychologische Betrachtungen und Selbst-Reflexionen, Landschaftsbeschreibungen, literarische Portraits, philosophische Überlegungen, Betrachtungen zum Schreiben, zu Kunst, dramatische Szenen, »erfundene« (literarisch überformte) Dialoge und unzweifelhaft Authentisches. So erfährt der Leser, wie vielfältig das autobiografische Schreiben sein kann, wo schlicht alles Platz hat, was dem Autor wichtig ist. Denn weil Autor, Erzähler und Hauptfigur hier zusammenfallen, zeigt sich die Hauptfigur auch durch in der Auswahl, die der Autor trifft.
Frage: Wer würde die technischen Ausführungen eines passionierten Maschinenenbauers über Hunderte von Seiten lesen, der etwa seine Erfindungen erklärt und das zum Teil seiner Autobiografie macht. Antwort: Die seine Leidenschaft teilen – und andere, je nachdem, wie gut es geschrieben ist.

2. Grund: Um der Kluft zwischen Erzählbedürfnis und Gedächtnis nachzuspüren

Knausgård beschreibt manche lange zurückliegenden Alltagssituationen sehr genau, etwa diese:

Ich setzte mich und aß weiter. Kurz darauf nahm ich die Teekanne und goss ein. Dunkelbraun, irgendwie holzartig, stieg der Tee an den weißen Wänden der Tasse hoch. Ein paar Blätter trieben wirbelnd mit, die anderen legten sich wie ein schwarzer Teppich auf den Boden. Ich goss Milch dazu, rührte drei Löffel Zucker ein, wartete, bis sich die Teeblätter wieder auf den Boden gelegt hatten, und trank.
Mm.
Unten auf der Straße sauste blinkend ein Schneepflug vorbei. Dann wurde die Haustür geöffnet. […]

Sicherlich hat sich diese Szene so ähnlich abgespielt. Knausgård trank als Heranwachsender sicherlich eine Menge Tee. Doch ob der Schneepflug genau zu dem bezeichneten Moment am Haus vorbeifuhr? Offensichtlich wollte der Autor hier eine typische Szene beschreiben, eine Stimmung hervorrufen. Doch wegen der vielen Wiederholungen solcher Alltags-Ereignisse ist es uns im allgemeinen nicht gegeben, einzelne von ihnen in dieser Klarheit und Genauigkeit zu erinnern. Oder besitzt Knausgård ein phänomenales Gedächtnis?

An einer anderen Stelle schreibt er: »Mein Erinnerungsvermögen war nicht der Rede wert, aber Yngve [sein Bruder] hatte ein Elefantengedächtnis, […]« Und als er einen Satz seines Vaters wiedergibt, heißt es:

Warum erinnerte ich mich daran so gut? Normalerweise vergaß ich praktisch alles, was die Leute, ganz gleich, wie nahe sie mir standen, zu mir sagten, und nichts an der Situation damals deutete drauf hin, dass es eine unserer allerletzten Begegnungen sein würde.

Es sollte also klar sein, dass Knausgård die Tee-Szene nicht erinnerte, sondern rekonstruierte. Man sollte nicht vergessen, dass er Schriftsteller ist und vor »Sterben« zwei Romane veröffentlichte. Er beherrscht seine literarischen Mittel. Er möchte etwas erzählen, was nicht mehr eins zu eins in seinem Gedächtnis vorliegt. In diese Lage kommt jeder, der über sein Leben schreibt.

Die literarische Qualität der gestalteten Szenen (und Dialoge, dazu gleich) führt dazu, dass Knausgårds „Mein Kampf“-Bücher bei Waterstones (in England) bei den Romanen steht. Man könnte sie als autobiografische Romane bezeichnen. In Frankreich wurde dafür ein anderer Terminus erfunden: Autofiktion.

3. Grund: Um zu lernen, Dialoge zu »erfinden«

Wie stellt man vergangene Gespräche dar? Gespräche können das Leben entscheidend beeinflussen – darum muss von wichtigen Gesprächen die Rede sein. Doch wohl kaum jemand erinnert sich an den genauen Wortlaut. Meist trifft zu, was Knausgård im obigen Zitat sagt. Und wer mit der Aufzeichnung und Transkription von Gesprächen zu tun hatte, weiß, dass sie oft viel ausführlicher sind, als wir erinnern. Vieles wird wiederholt, anderes nur angedeutet, so dass es nur im Zusammenhang der Situation restlos verständlich wird. Halbsätze, »Äh«s und »Mmm«s: Eine wortgenaue Wiedergabe von Gesprächen ist also weder möglich, noch wünschenswert. Möglich wäre es, die Gespräche nur zusammenzufassen (wer war beteiligt, was war das Thema, worin bestand das Ergebnis) oder sie in indirektere Rede wiederzugeben, so dass das Problem der Wörtlichkeit entfiele.

Knausgård entscheidet sich stattdessen meistens dafür, den Dialog zu rekonstruieren, wie er es auch mit den Alltagssituationen tut. Gelegentlich entstehen so recht banale Dialoge (zur Banalität: siehe 4. Grund), doch insgesamt erreicht er so eine bessere Lesbarkeit. Denn wörtliche Rede ist naturgemäß leicht zu verstehen.
Die Vielfalt der Dialoge bei Knausgård lädt dazu ein, sich über ihre Funktion und Wirkung Gedanken und machen und zu entscheiden, wie man selbst mit Gesprächen umgehen möchte. Zwei Beispiele, zuerst aus Knausgårds Schulzeit:

Eines Abends hatte sich mich zu Hause angerufen.
»Hallo, Karl Ove, hier ist Rita«, meldete sie sich.
»Rita?«, sagte ich.
»Ja, du Dummkopf. Rita Lolita.«
»Hallo«, sagte ich.
»Ich wollte dich was fragen«, meinte sie.
»Ja?«
»Willst du mit mir gehen?«
»Was hast du gesagt?«
»Noch einmal. Willst du mit mir gehen. Das ist eine simple Frage. Es ist allgemein üblich, dass du darauf mit Ja oder Nein antwortest.«
»Ich weiß nicht …«, erwiderte ich.
»Ach, nun komm schon. Wenn du nicht willst, dann sag es.«
»Ich glaube eher nicht …«, sagte ich.
»Also nicht«, sagte sie. »Dann sehen wir uns morgen in der Schule. Mach’s gut.«

Das zweite Gespräch findet zwischen den Brüdern im Haus der Großmutter statt:

»Hat sie dich auch gefragt, ob wir oft trinken?«, sagte ich. »Mich hat sie das jedenfalls schon mindestens zehn Mal gefragt, seit wir hier sind.«
»Ja, hat sie«, sagte er, »Die Frage ist, ob wir ihr nicht was geben sollten. Sie braucht unsere Erlaubnis ja eigentlich nicht, aber sie bittet uns darum. Also … Was meinst du?«
»Was sagst du da?«
»Hast du das nicht kapiert?«, sagte er und blickte wieder auf. Ein schwaches, freudloses Lächeln spielte um seine Lippen.
»Was kapiert?«
»Sie will was trinken. Sie ist verzweifelt.«
»Grußmutter?«
»Ja. Was meinst du, sollen wir ihr was geben?«
»Bist du sicher, dass es ihr darum geht? Ich habe gedacht, das Gegenteil wäre der Fall.«
»Das habe ich auch erst gedacht. Aber wenn man ein bisschen darüber nachdenkt, liegt es eigentlich auf der Hand. Er hat hier lange gewohnt. Wie hätte sie es sonst ertragen sollen?«
»Sie ist Alkoholikerin?«
Yngve zuckte mit den Schultern.

4. Grund: Um sich mit der Problematik der Banalität auseinanderzusetzen

Die Kritiken zu Knausgårds autobiografischer Reihe lesen sich vorwiegend positiv, manche sind begeistert, doch es gibt auch Verrisse. Die Schweizer Kritikerin Sieglinde Geisel sagt im Interview: »Ich finde es seltsam, wenn Literaturkritiker nicht unterscheiden können, welche Literatur uns erschüttern und verändern kann, und welche die Funktion des Tröstens, vielleicht sogar des Betäubens übernimmt. Ich habe das Gefühl, man hat Angst seine eigene Meinung zu vertreten. Das geht so weit, dass einer der berühmtesten Literaturkritiker – James Wood – im »New Yorker« sagte »Die Banalität ist so extrem, dass es schon wieder grossartig ist.« Ich habe das Gefühl, er erkennt, dass die Bücher furchtbar banal, öde und langweilig sind. Er wagt aber nicht zu sagen, dieses Ding sei einfach nur langweilig. Er fühlt sich verpflichtet, das Buch zu adeln, um nicht aus dem Rahmen zu fallen.« (Quelle: https://www.srf.ch/kultur/literatur/knausgaards-buecher-sind-furchtbar-banal-oede-und-langweilig)

Im Rolling Stone Magazin habe ich eine Antwort auf diesen Vorwurf gefunden:
„Er schreibt Sätze von erschütternder Banalität und doch nehmen seine Erzählexzesse gefangen, die ganze erzählerische Verve ist größer als die Addition der Sätze. Wir alle sind Knausgård  – erschreckender Durchschnitt und großartige Einzigartigkeit.“
(Quelle: https://www.rollingstone.de/reviews/karl-ove-knausgard-leben/)

Es kommt also darauf an, wie man mit dem an sich Banalen (also dem angeblich nicht Erzählenswerten) umgeht. Man kann es auf eine Weise einordnen, die seine Einzigartigkeit erkennbar macht.

Wenn Sie Ihre Erinnerungen schreiben wollen, begegnen Sie unweigerlich dem Banalitäts-Einwand. »Ist das denn überhaupt interessant?« – wenn es sonst niemand tut, werden Sie es sich selbst fragen. Die Knausgård-Lektüre kann Ihnen zeigen, wie man dem Einwand begegnet, ihn vielleicht sogar fruchtbar macht.

5. Grund: Um die Frage der Ehrlichkeit zu klären

Ehrliche Menschen werden geschätzt. Weil wir wissen, dass es nicht leicht fällt, ehrlich zu sein. Und weil es uns anstrengt, mit Leuten zu sprechen, die sich erhöhen und stilisieren, so dass unser Selbstwertgefühl herausgefordert wird. Das Gegenteil kann ebenso strapaziös sein: Wer sich kleinredet, scheint auf Mitleid und Tröstung zu warten. Nach dem Literaturwissenschaftler Philippe Lejeune schließt der Autor einer Autobiografie eine Art Vertrag mit dem Leser, den »autobiografischen Pakt«: Was ich hier schreibe, ist ehrlich und entspricht der Wahrheit (nach bestem Wissen und Gewissen). Warum sonst sollte man eine Autobiografie lesen (und nicht einen Roman oder eine historische Darstellung)?
Doch wer ehrlich ist, muss noch lange nicht alles von sich preisgeben. Manche Autoren sprechen von sich nur als öffentliche Person und lassen alles Allzu-Persönliche beiseite. Andere erlauben Einblicke in die intimsten Bereiche – Jean-Jacques Rousseau (»Die Bekenntisse«) war hier Vorreiter, seither gab es alle Arten von Entblößung.

Auf einer Skala der Offenheit erreicht Knausgård hohe Werte, doch anders, als das Presseecho es vermuten lässt, gibt es Grenzen. Es ist interessant zu lesen, wo diese verlaufen. Und es ist wichtig zu überlegen: Wo sollten meine Grenzen verlaufen?

6. Grund: Wegen Knausgårds Überlegungen zum (autobiografischen) Schreiben

Wer von sich selbst und seinem Leben schreibt, ist damit in der gleichen Situation wie es Karl Ove Knausgård war. Darum sind seine Bemerkungen zum Erinnern und Schreiben interessant. Wir erfahren, was er dachte, und lesen, welche Art von Prosa er deshalb gewählt hat. Ein Beispiel:

Die Geräusche an diesem Ort waren für mich, genau wie der Rhythmus, in dem sie auftauchten, neu und unbekannt, würden mir aber schon bald so vertraut sein, dass sie wieder verschwanden. Man weiß zu wenig, und es existiert nicht. Man weiß zu viel, und es existiert nicht. Schreiben heißt, das Existierende aus den Schatten dessen zu ziehen, was wir wissen. Darum geht es beim Schreiben. Nicht, was dort geschieht, nicht, welche Dinge sich dort ereignen, sondern es geht um das Dort an sich.

7. Grund: Um die Wirkungen des autobiografischen Schreibens besser zu verstehen

In Band 6 der Reihe, »Kämpfen«, schließt sich für Knausgård der Kreis und er schildert und reflektiert die Geschehnisse rund um die Veröffentlichung von »Sterben«. Auf diese Weise führt er vor, wie autobiografisches Schreiben und Literatur ins Leben zurückwirkt, und was das für das Schreiben selbst bedeutet. Denn auch das dickste Buch ist eine Art Brief, ein offener Brief. Das Schreiben und das Lesen, das Gelesen-Werden sind zwei Seiten einer Medaille – auch wenn das Buch kein Welterfolg wird, wenn es vielleicht nur eine Handvoll Leser findet.

Mein Fazit: Wenn Sie Knausgårds autobiografische Romane gelesen haben (es müssen ja nicht gleich alle sein, »Sterben« ist wohl der beste Einstieg), werden Sie sehr viel besser wissen, wie Sie selbst schreiben wollen – und wie nicht.

(Und hoffenlich haben Sie auch ihr Vergnügen bei der Lektüre – ein 8. Grund).

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