In diesem Grundlagen-Artikel erkläre ich wichtige Grundbegriffe, stelle einige klassische Beispiele vor und gebe drei wichtige Tipps, um dir den Einstieg ins Schreiben von Lebenserinnerungen zu erleichtern.

Klärung einiger Begriffe

Lebenserinnerungen füllen viele Notizbücher

Erzählperspektive

In den allermeisten Fällen beschreiben autobiografische Autoren ihr Leben aus der Ich-Perspektive (der grammatisch ersten Person).
Wie stets, wenn es um Sprache und Literatur geht, gibt es auch hier Ausnahmen, zum Beispiel:

Was möchtest du?

Ein ganzes Leben kann nie beschrieben werden. Es geht immer um eine Auswahl.
Beim autobiografischen Schreiben stellt sich gleich zu Beginn die Frage: »Was wähle ich aus?«
Möchtest du deine komplette Autobiografie schreiben, oder einzelne Erinnerungen festhalten? Worin liegt das Verbindende dieser Erinnerungen?(Am besten, du schreibst deine Gedanken dazu gleich einmal in dein Notizheft.)

Lebenserinnerungen: Mit Stift oder Computer

Beispiele

In den nächsten Abschnitten diskutiere ich einige Beispiele autobiografi- scher Werke, um die Begriffe im Gebrauch zu verdeutlichen.
(Wenn alles schon klar ist, kannst du ruhig weiterblättern.)

Goethes »Dichtung und Wahrheit«
Goethe diktierte seine Lebenserinnerungen
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In Goethes Erinnerungsbuch geht es um die menschliche und künstlerische Entwicklung von Deutschlands wichtigstem Zitatengeber.

Auch wenn er nicht fertig wird – er kommt nur bis ins Jahr 1775, bis zu seinem Engagement in Weimar mit 26 Jahren –, ist »Dichtung und Wahrheit« dem Anspruch nach eine Autobiografie – und zugleich sind es Memoiren, denn Goethe war berühmt, als er sie verfasste. Auch ist viel von Zeitgeschichte und Zeitgenossen die Rede.

Wunderschön ist nicht nur der Anfang, in dem er den Sternenhimmel während seiner Geburt beschwört:

Die Konstellation war glücklich …

Hier kannst du weiterlesen: https://www.projekt-gutenberg.org/goethe/dichwah1/chap002.html
Adenauers „Erinnerungen“

Konrad Adenauers »Erinnerungen« setzen mit dem Jahr 1945 ein. Auf der Internetseite der Konrad Adenauer Stiftung erläutert Hanns Jürgen Küsters:

Das wahrscheinlich wichtigste Motiv war die Absicht, die Darstellung der Ereignisse, die in seinen Augen in der Öffent- lichkeit eine falsche Deutung erfahren hatten, nachträglich zu korrigieren und die wahren Gründe für Entscheidungen und Entwicklungen zu benennen.

Dieses Motive ist einschlägig für Memoiren. Von der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, wie sie im Zentrum einer Autobiografie steht, ist nicht die Rede. Die »Gründe« um die es geht, sind sachliche Gründe, keine biografischen.

Kaschnitz: „Orte“

Die autobiografischen »Aufzeichnungen« (so der Untertitel) der Schrift- stellerin Marie Luise Kaschnitz bestehen aus einer losen Reihung von Erinnerungen. Als Leitmotiv und verbindendes Element dienten ihr die Orte ihres Lebens.

Der Raum ersetzte die Zeit und damit die sonst übliche Chronologie. So entstand keine Autobiografie, aber dennoch ein sehr persönliches und atmosphärisches Buch.
Hier die Anfänge dreier hintereinander liegender Abschnitte:

Hamburg, und die Faszination, die eine Hafenstadt auf einen Binnenländer ausübt. Auf den Brücken steht er […]

In der Berliner Von-der-Heydt-Straße wachsen wir schnell, […]

Ich habe Nebel gern, Novemberdunkelheit, verkrieche mich, hatte schon als Kind eine Vorliebe für […]

Warum Lebenserinnerungen aufschreiben?

Was ist dein wichtigster Grund?

Am besten, du schreibst ihn gleich in dein Notizheft. Das wird vielleicht schon ein Entwurf für dein späteres Vorwort.

Drei wichtige Tipps für Schreibanfänger

Tipp #1: Schreibe, als ob du erzählen würdest.

Gerade, wenn du einen Beruf gelernt hast, der mit Texten zu tun hat, ist es wichtig, die alten Schreibgewohnheiten loszulassen.

Stell dir ein wohlwollendes und interessiertes Gegenüber vor. Real oder ausgedacht:

Vermeide Gedanken an

(Sonst denkst du nur an Rechtschreibung oder Auflagen und nicht

daran, was dir wichtig ist zu erzählen.)

Tipp #2: Rege dein Gedächtnis an.

All das ist einfach und macht Spaß!

Tipp #3: Gehe nicht (zu) systematisch vor.

Dieser Rat mag verblüffen. Doch am Anfang ist alles falsch, was deinen Schreibfluss ins Stocken bringt. Deshalb:

  1. Fange mit einem Einfall an, einer Episode deines Lebens.
  2. Schreibe eine Geschichte, die sich um diese Episode dreht, wie du zum Beispiel einen wichtigen Menschen kennenlerntest.
  3. Vielleicht passen zwei Geschichten zusammen und bilden einen Ab- schnitt.
  4. Erst wenn du zehn oder mehr solcher Geschichten geschrieben hast, solltest du dir über ihre Anordnung Gedanken machen und eine Gliederung entwerfen.
  5. Schreibe bei neuen Einfällen zunächst unabhängig von der Gliederung weiter.
  6. Überarbeite die Gliederung.
  7. Wiederhole 5 und 6 nach Bedarf.

Im Schreiben (nicht nur von Lebenserinnerungen) gehst du einerseits spontanen Einfällen nach, andererseits ordnest du das entstandene Material. Das eine kommt nicht ohne das andere aus.

Wenn du zu systematisch vorgehst und eine starre Gliederung der Reihe nach ausfüllen möchten, kann das Schreiben zu einer Last werden – und der Schreibfluss versiegt.

Zusatztipp: Hole dir praktische Hilfe …

… wo dir die Zeit, die Lust oder die Kräfte fehlen!

Das Schreiben der eigenen Lebenserinnerungen braucht Zeit und Energie. Wenn du dich überforderst, verlierst du die Freude daran – und dein Schreibfluss versiegt.