Manuela Tulle: 38° — autobiografische Poesie

Tulle Übergang

Manuela Tulle war die erste Schreibende, die ich für biografika interviewt habe (hier nachzulesen). Sie hatte meine »Biografische Starthilfe« gebucht und gut genutzt. Ich bewunderte die Ruhe und Beharrlichkeit, mit der sie Anregungen aufnahm oder verwarf. Mit ihrem ersten Buch hat sie nun ein Projekt abgeschlossen, das ich kaum für möglich gehalten hätte.

Liebevolle Gestaltung

38° zwischen Sein und Werden; 38° between Being and Becoming« ist zweisprachig, doch nicht so, dass dem Englischen eine deutsche Übersetzung mitgeliefert würde. Die beiden Sprachen decken unterschiedliche Zeitabschnitte und Themen ab, sie sind selbst autobiografisch. Um keinem Teil Vorrang vor dem anderen einzuräumen, ist beides »von vorne« geschrieben. Das Buch hat zwei Titelseiten, in der Mitte treffen sich die Sprachen kopfüber auf einer von der Illustratorin Yu Mo Hung Umbach gestalteten Doppelseite. Überhaupt die Gestaltung: Das Buch ist beinahe quadratisch, nur wenig höher als breit, gedruckt auf leicht gelblichem, angenehm wertigem Papier, fadengeheftet, und mit rund 350 Seiten (etwa 150 auf englisch) liegt es gut in der Hand. Nur das Lesebändchen fehlt, wohl deshalb, weil oben und unten in diesem Buch nicht zu unterscheiden sind.

Aufbrechen und Ankommen

Beide Teile enthalten Gedichte, weitgehend in freien Versen, vereinzelt auch gebunden und/oder gereimt. Im deutschen Teil finden sich Blätter, die mit dem Zusatz »Treibgut autobiografischer Gezeiten« versehen und mit skizzierten Meereswellen blau unterlegt sind. Tulle nennt sie (in einer privaten Mitteilung) die »Wirbelsäule« des Kapitels »Aufbruch«. Auf ihnen erzählt die Autorin ihre Geschichte – die Geschichte einer Suche nach einem intensiveren Leben. Äußerlich gesehen ist es die Geschichte eines Ausstiegs, von Deutschland auf Inseln in der Karibik. Später die eines Lebens im regelmäßigen Wechsel zwischen den Weltteilen.

… Ich saß im Flieger zum 12. Breitengrad. Grenada, eine Insel in der Karibik, die zu den schönsten der »Inseln über dem Wind« gehört. Ich war 32 und nicht mehr die, die ich einmal war. Dass sich etwas Wesentliches in meinem Leben verändern würde, spürte ich in den Monaten vor meinem 30. Geburtstag; wie diese Veränderung aussehen und welches Ausmaß sie annehmen würde, wusste ich nicht.

Manuela Tulle, „Nicht mehr die, die ich einmal war“

Versform

Die autobiografischen Themen werden gespiegelt, aufgegriffen, variiert und weitergeführt in den Gedichten. Wer sich die Zeit nimmt, in sie einzutauchen, lernt die Gedankenwelt der Autorin intensiver kennen, als es womöglich durch ausführliche Prosaschilderungen gelänge. Zugegeben: In Bezug auf einzelne Texte frage ich mich, ob die Zeilensprünge viel zum Sinngehalt beitragen. Etwa wenn auf jeder Zeile ein kompletter Satz steht. Macht der bloße Zeilenwechsel aus einem Text schon einen Gedicht? In ihrem programmatischen Text »Autobiografische Poesie ist möglich« antwortet Tulle:

Warum will ich eine Bezeichnung, warum eine Kategorie für mein Schreiben?
Um mir zu versichern, dass es Schreiben ist?
Zweifel?
[…]
Mein Schreiben ist eine eigene Spezies,
der ich Färbung, Ton, Form oder nicht Form gebe.
Ich verleihe meinem Schreiben sein ganz eigenes So-sein.
Die gesündeste Daseinsform für alles Leidenschaftliche.
„Prosa-Dichtung“ ist ein Name, der mir soweit am besten gefällt,
weil ich spüre, dass diese Machart meinem Schreiben am meisten freien
(Wahn)sinn erlaubt.

Wegen diesem Buch habe ich den Kategorien, unter denen die Artikel auf biografika erscheinen, also eine weitere hinzugefügt: Autobiografische Poesie!

Der deutsche Teil ist gegliedert in die Teile »Aufbruch«, »hier und dort – kommen und gehen – hin und her« und »Erfüllung«, der englische enthält insgesamt 62 Texte ohne zusätzliche Unterteilung. Zu den intensivsten Texten gehören die drei »Briefe an Fiebernde« am Ende des Aufbruch-Teils. Hier setzt sich die Autorin mit den Sehnsüchten und Ängsten derjenigen auseinander, die nicht aufbrechen:

Die »Leichtigkeit des Seins«, wie du immer wieder meine Art des Daseins
beschreibst, und deren paradiesische Derivate fielen nicht wie reife Mangos
Vom Baum. Sie entstanden nach mehrjähriger hin- und herreißender
Entdeckungsreise in die Selbsterkenntnis.
Es ist ein »Zwiebelschalen-Prozess«: Haut nach Haut abziehen,
um noch weitere Schichten des »Nicht mehr und Nicht länger« freizulegen.

Zuletzt noch eine englische Kostprobe:

Words of an ancient language, nameless particles,
that have survived another mind, another psyche, another soul.
I carry them around like unborn children,
sleeping in the chambers of my indigenous heart,
waiting for daylight to come.

Manuela Tulle: „In Silence and in Light“

Vielfalt des autobiografischen Schreibens

Als mir Manuela Tulle erklärte, welches Buch zu schreiben sie vorhatte, war ich skeptisch. Man könnte sagen: Ich war kleingläubig. Jetzt freue ich mich umso mehr, dass es gelungen ist. Dank großer Beharrlichkeit und einem Verlag, der auch für unkonventionelle Projekte aufgeschlossen zu sein scheint. Wer sollte es lesen? Tulle schreibt im Untertitel: »Für alle, deren Leben ruft«. Ich setzte hinzu: Und für alle, die das Meer und Gedichte mögen und nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten für ihr (autobiografisches) Schreiben suchen.

Manuela Tulle, Yu Mo Hung Umbach:
38° zwischen Sein und Werden, 38° between Being and Becoming.
Für alle, deren Leben ruft, For all whose life is calling,
zweisprachig englisch-deutsch
ISBN 978-3-9854903-8-7
29 €

Leseprobe und Bestellung über die Seite des Präsenz-Verlags (hier klicken).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

* Um die Kommentarfunktion zu nutzen, müssen Sie der Speicherung Ihrer Daten zustimmen.

*

Ich stimme dem zu.