Monika Helfers Familiengeschichten

Sinn und Zweck meiner Rezensionen auf biografika ist es nicht, meine Lieblingslektüren vorzustellen. Mir geht es auch nicht darum, allgemeine Qualitätsurteile abzugeben. Stattdessen möchte ich auf Bücher hinweisen, die für Schreibende besonders hilf- und lehrreich sein können. Denn wer schreibt, sollte auch lesen. Je besser man das Terrain kennt, in dem man sich aufhält, desto besser findet man seinen eigenen Weg.

»Die Bagage« und »Vati«

Die österreichische Schriftstellerin Monika Helfer hat bereits einige Romane, Kinderbücher und andere Werke veröffentlicht, die von der Kritik meist gut aufgenommen wurden. Ihrer Familiengeschichte wendete sie sich recht spät zu (mit über 70 Jahren) — und landete damit ihren wahrscheinlich größten Erfolg. Warum so spät? Einerseits wohl, weil sie nicht immer als »Vollzeitschriftstellerin« arbeitete. Andererseits weil es Abstand braucht, um so über die eigene Mutter, den eigenen Vater schreiben zu können.

»Die Bagage« handelt hauptsächlich von der Familie ihrer Mutter. Von der schönen Großmutter Maria und dem ernsten, aber klugen und attraktiven Josef. Als er zum Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg eingezogen wird, machen sich andere Männer Hoffnungen auf Maria. Schließlich scheint es so, dass Grete, die Mutter der Erzählerin, nicht Josefs Tochter sei.

Das Wort »Bagage«, erklärt Helfer, kommt vom Gepäck, dem »Aufgeladenem«. Die Vorfahren der Familie waren von Hof zu Hof gezogen, um Hilfsarbeiten zu verrichten, Heuballen zu tragen. Damit standen sie sozial niedriger als Knechte, hatten den »untersten aller Berufe«. Schließlich besitzt man einen Hof, an dessen Lage sich die Vergangenheit noch ablesen lässt: Direkt am Berg, ohne Sonne und auf unfruchtbarer Erde. Die Geschichte handelt auch davon, was die Söhne und Töchter, die unter diesen Bedingungen aufwachsen, mit ihrem Leben anfangen können.

»Vati« konzentriert sich auf die Geschichte ihres Vaters, eines Bildungs- und Buchfanatikers aus kleinen Verhältnissen, der zwischenzeitlich als Leiter eines Erholungsheims für Kriegsversehrte arbeitet. Er heiratet Grete, die noch jung an Krebs stirbt. Mit elf Jahren kommt Monika, die Erzählerin, zusammen mit zwei ihrer drei Geschwister zu einer Tante nach Bregenz.

Warum »Roman«?

In einem Interview wurde Helfer gefragt, wie sie den Mut aufbringe, auch intime Dinge preiszugeben. Sie antwortete:

Dadurch, dass ich nicht hundertprozentig biografisch bin, es ist ja auch viel Fiktion dabei, und ich kann mich immer herausreden und sagen: Es ist auch Fiktion. […] Es gibt mir so viel Freiheit, wenn ich etwas dazuerfinden kann.

Als Sigel für diese Freiheit steht »Roman« auf beiden Büchern. Ich vermute jedoch (auch wegen der Art, in der Helfer im Interview antwortet): Die fiktionalen Elemente liegen weniger in der Grundkonstellation, den vergangenen Geschehnissen — die Namen etwa sind nicht erfunden –, als in der Ausgestaltung. Vor allem in der Ausgestaltung von Szenen, die sie nicht selbst miterlebte. Von denen in der Familie nur erzählt wurde. Oder solchen, die Lücken füllen. Zum Beispiel dieser:

»Ich heiße Georg«, sagte der Fremde und hielt Maria die Hand hin. »Ich komme aus Deutschland, aus der Stadt Hannover, ich bin nicht zufällig hier. Und Sie?«
Er will mich nicht mustern, dachte Maria, aber er mustert mich doch, und es gelingt ihm nicht, sein Staunen zu verbergen, weil ich so schön bin. So oder so ähnlich hatte sie schon oft gedacht. Es war keine Kunst, die Blicke der Männer zu deuten.

aus: Die Bagage

Die romanhafte Gestaltung ist jedoch den meisten biografischen Erzählungen zueigen. Es ist das, was sie zu Erzählungen macht, zu richtigen Geschichten, gegenüber einer bloßen Aneinanderreihung von Fakten. Das im Gestalten auch ein Erfinden liegt, ist offensichtlich. Schon Goethe bringt es in eine Formel, im Titel seiner klassischen Autobiografie »Dichtung und Wahrheit«. In dieser Hinsicht unterscheiden sich Helfers Bücher kaum von anderen Familiengeschichten und Erinnerungsbüchern.

Zweifel und Annäherung

Was Helfers Bücher neben der interessanten — man könnte sagen: opulenten — Geschichte ihrer Familie so lesenswert macht, gerade für Autor*innen: Sie zeigt, wie sie mit dem biografischen Erfinden umgeht. Sie macht es immer wieder zum Thema, führt es geradezu vor. Sie variiert im Ton, grenzt die »Spielszenen« deutlich von Reflexionen ab, sie erzählt vom Erzählen und vom Schreiben, und sie macht ihre eigene Betroffenheit deutlich. Gerade dort, wo sie ihre Vorstellung vom Vergangenen wahrscheinlich beeinflusst.

Mit Spielszenen meine ich eben jene Szenen und Geschichten, die sie sich ausmalt, um der Vergangenheit habhaft zu werden. Hier ein weiteres Beispiel:

Das Mädchen, drei Jahre alt, steht vor dem Bett, mitten in der Nacht. Es ist Margarethe. Die Grete. Sie zittert.
»Mama«, flüstert sie.
Die Mama flüstert auch: »Komm!«
Die Kleine kriecht zu ihr unter die Decke. Der Vater soll es nicht wissen. Das Mädchen legt sich nicht zwischen die Eltern, es legt sich an den Rand des Bettes.

aus: Die Bagage

Dieses Mädchen ist die Mutter der Erzählerin. Natürlich kann die Autorin nicht wissen, wie sich diese Szene abgespielt hat. Sie erfindet, um Gretes Lage zu illustrieren. Ihr Vater hält sie nämlich für das Kind eines anderen, darum »ekelt er sich vor ihr«, wie Helfer schreibt. Sie muss am Rand liegen, in der Familie gehalten durch die Liebe der Mutter.

Zu den Reflexionen gehören Passagen, in denen sie über die Stärken und Schwächen dieses Verfahrens nachdenkt. Zum Beispiel:

Die Erinnerung muss als heilloses Durcheinander gesehen werden. Erst wenn man ein Drama daraus macht, herrscht Ordnung. »Wie eben das Leben so ist.« Auch ein Spruch meiner Tante Kathe.

aus: Die Bagage

Die Autorin zeigt häufig auf, woher sie weiß, was sie schreibt. Indem sie die Familienmitglieder (vor allem die weiblichen) nicht nur als »Romanfiguren« zeigt, sondern auch als Erzählerinnen, wird die Familie greifbarer, gleichsam dreidimensional:

Die Fotografie über meinem Schreibtisch habe ich von meiner Stiefmutter. Ich besuchte sie, da war unser Vater zehn Jahre schon tot und sie selbst über achtzig.
Ich sagte: »Hast du Zeit für mich?«
»Wie lang?«, fragte sie.
»Lang.«
»Es geht also um deinen Vater, sagte sie. »Hab ich recht?«
»lch möchte einen Roman über ihn schreiben.«
»Wahr oder erfunden?«
Ich sagte: »Beides, aber mehr wahr als erfunden. Wenn du etwas hättest?«
Sie: »Wart damit, bis ich tot bin. Dann muss ich mich nicht ärgern.«
Sie ging einen Stock höher und kam wieder mit einem großen Kuvert, darin waren etwa zehn Fotografien, […]

aus: Vati

Vom Anfang bis heute?

Besonders eindrucksvoll finde ich die Passagen, in denen Helfer ihre Familiengeschichte(n) unterbricht und autobiografisch wird. Damit macht sie ihre eigene Betroffenheit deutlich und gibt den Leser*innen die Möglichkeit, ihre Schreibmotivation nachzuvollziehen. So erscheinen manche Passagen zwar noch immer als erfunden, aber nicht frei erfunden. Man stellt fest: Auch die Fantasie der Erzählerin hat ihre autobiografisches Fundament.

Zwei Beispielzitate:

Ich weiß nichts von den Träumen meiner Großmutter … —
Nur eines erbte ich von der schönen Maria: ihr Musterbuch. Tante Kathe hatte es mir gegeben, eine Hand daraufgelegt, als müsste sie es noch segnen. Der Schwager, Kaspar, der Weltgewandte, hatte es aus Wien mitgebracht, er hatte die Vorstellung, in Bregenz eine Weberei zu eröffnen, die erste im Land, und bis weit nach Osten in die Hauptstadt die Stoffe zu verkaufen. Das war noch vor dem Krieg gewesen. Maria liebte Stoffe, so wie ich, sie konnte, ich kann die Fingerkuppen nicht stillhalten, wenn Seidenbatist, Tüll, Samt, Taft, Voile vor ihr lag, vor mir liegt. Und sei es auch nur in einem Musterbuch in kleinen Vierecken, so groß wie eine Kinderschultasche.

aus: Die Bagage

Es begann die Zeit, in der mir alles an ihm missfiel. Wenn ich zurückdenke, kommt es mir vor, als hätte sich eine Krankheit in mir ausgebreitet, als wäre eine Infektionswelle durch mich hindurchgerauscht. Erst ärgerte ich mich nur über seine Hosen, die auch im Sommer viel zu dick waren, verdammt immer grau mit unten Stulpen und zu lang, dann meinte ich, seine Strickjacke in diesem undefinierbaren Gesamtblau bringe mich zur Raserei. Am Ende regte mich sogar auf, wie er Luft holte. Ich wäre gern nach Amerika ausgewandert, […] . Der Grund war, weil ich mich in die Romane von Saul Bellow verbissen hatte, zuerst in Die Abenteuer des Augie March, dann in Herzog, lange mein Lieblingsbuch. Dass mein Vater es gewesen war, der mir diesen Autor empfohlen hatte, das schob ich beiseite.
Und dann auf einmal war’s vorbei. Ich war gesund. Geheilt von der Wutkrankheit. Er regte mich nicht mehr auf.

aus: Vati

So macht die Erzählerin, so macht die Autorin klar, was wohl von William Faulkner so ausgedrückt wurde: »Die Vergangenheit ist nicht tot; sie ist noch nicht einmal vergangen.« Denn sie wirkt in die Gegenwart hinein, in diesem Fall: in die Gegenwart des Schreibens und Lesens. Die eigene Herkunft kann nicht neutral beschrieben werden. Dass geschrieben wird und wie geschrieben wird, hängt zusammen mit der Wirkung der Vergangenheit auf uns — und diese wiederum beeinflusst unsere Erinnerung, unsere Interpretation der Vergangenheit.

Monika Helfer: Die Bagage. Roman
Carl Hanser Verlag 2020
ISBN 978-3446265622

Monika Helfer: Vati. Roman
Carl Hanser Verlag 2021
ISBN 978-3446269170

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