Oliver Schrader: „Kleine und sehr intime Performances“

Oliver Schrader antwortete mir auf einen Newsletter, der sich mit Vätern und Söhnen befasste, und machte mich auf einen spannenden Workshop aufmerksam. So kam der Kontakt zustande. Schrader ist in Münster, Hamburg und Wien aufgewachsen. In der österreichischen Hauptstadt arbeitet er als Organisationsberater und heißt „klebert“, wenn er als Performer auftritt: www.klebert.at. Zusammen mit Karin Wetschanow hat Schrader das biografische Tischtheater ins Leben gerufen. Was das ist, wollte ich genauer wissen.

Biografisches Tischtheater

Stefan Kappner: Herr Schrader, wie sind Sie auf Idee eines »biografischen Tischtheaters« gekommen?

Oliver Schrader: Wahrscheinlich war es vor etwa zehn bis zwölf Jahren, dass ich auf der Straße zufällig eine gute Freundin aus Studienzeiten wiedertraf, die ich seit einigen Jahren aus den Augen verloren hatte. In dem kurzen Gespräch kamen wir darauf, dass wir beide  „mehr schreiben“ wollten, und gründeten eine Schreibgruppe. In dieser Gruppe kristallisierte sich nach einiger Zeit heraus, dass wir zwei im Unterschied zu unserer dritten Schreibpartnerin sehr an biografischen Themen interessiert waren. Wir hatten beide Theatererfahrung, Karin Wetschanow als Puppentheaterspielerin und mit Erinnerungstheater, ich durch Performance und Improvisationstheater. Für uns beide war es ein naheliegender Schritt, die Texte auch zu Inszenierungen werden zu lassen. Es gelang uns, diesen Schritt leicht und spielerisch zu machen, indem wir den „Tisch“ als Bühne einsetzten. Er ließ ein kleinen, intimen, niederschwelligen Raum entstehen, in dem wir Texte bzw. Textelemente mit Alltagsobjekten und improvisierten „Bühnenbildern“ weiter verarbeiteten. Von realistisch bis abstrakt erlaubt dieses Medium viele künstlerische Richtungen. Unsere eigenen Szenen gefielen uns beim Ausprobieren so gut, dass wir diese Erfahrung bald teilen wollten. 

Wie lange dauert denn so ein Tischtheater? Sind die Teilnehmer eher Zuschauer oder Mitspieler?

Die Länge eines Workshops kann unterschiedlich sein, von einem bis drei Tage, wir hatten auch schon Kursformate mit fünf Stunden alle zwei Wochen über ein halbes Jahr. Die Teilnehmer*innen sind Autor*innen, Erzähler_innen, RegisseurInnen, Schauspieler, Bühnenbildnerinnen und Zeug/innen in einem. 

Momentaufnahme bei einem Tischtheater-Workshop

Biografische Themen

Geben Sie die Themen für die Tischtheater-Workshops vor oder bringen die Teilnehmer jeweils das ein, was sie an ihrem Leben für bemerkenswert oder vielleicht für problematisch halten?

Normalerweise geben wir Themen wie „Essen“  „Kleidung“ „Wohnungen“ oder „Konsum“ vor, um über konkrete Erinnerungen und davon ausgehendem automatischem Schreiben zu den Themen zu gelangen, die die Teilnehmer*innen bewusst oder unbewusst beschäftigen. Oft nehmen wir alte Fotos her, oder auch Musik, die in einer Lebensphase wichtig war. Im letzten Workshop habe ich die Teilnehmer das Thema »Vater« in einen Tonbatzen kneten lassen. Das Vater-Thema für ein ganzes Wochenende war eine Premiere — die aber sicherlich wiederholt wird. Und in dieser Art bieten sich da auch noch verschiedene andere Themen an, mal sehen, wie viel wir nächstes Jahr machen wollen …

Bleibt es bei einer Einmal-Inszenierung oder werden die Stücke dokumentiert (schriftlich oder elektronisch) und möglicherweise erneut aufgeführt?

Die Stücke sind kleine, sehr intime und zu einem Gutteil improvisierte Performances, die genau für den Teilnehmerkreis des Workshops gedacht sind. Sie würden natürlich unendlich viel Material für weitere Verarbeitung hergeben, aber den Schritt überlassen wir der Eigeninitiative und den Anliegen der Teilnehmer*innen. Wir dokumentieren die Texte, die uns die Teilnehmer*innen zur Verfügung stellen und veröffentlichen auch einige auf unserer Website (www.biografisches-tischtheater.at) Ausserdem dokumentieren wir die Performances oft auf Video, aber bisher nur zum persönlichen Gebrauch der Teilnehmer*innen.

Das Vater-Wochenende, von dem Sie erzählen, finde ich besonders interessant. Die Ausschreibung dazu richtete sich nur an Männer. Bei meinen Veranstaltungen zum (auto-)biografischen Schreiben mache ich die Erfahrungen, dass sich mehrheitlich Frauen anmelden. Wie hoch war die Resonanz und die Bereitschaft unter den Männern, sich dem zentralen biografischen Thema »Vater« zu stellen?

Ich  hatte es etwas kurzfristig angesetzt, aber es gab genug Interessierte um den Workshop durchzuführen. Natürlich auch; weil ich dieses Format sowieso für kleine recht intime Gruppen anbiete, also maximal sieben Teilnehmer. Die, die sich anmeldeten, waren spontan sehr interessiert, fast als ob sie auf so eine Möglichkeit gewartet hätten. Auch einige Männer, die sich dieses Wochenende nicht einrichten konnten, ließen mich wissen, wie sehr es sie interessieren würde. Ich glaube, dass es gerade das Vater-Thema ist, bei dem es für viele Männer intuitiv naheliegend ist, es in einer Männergruppe zu behandeln, auch für solche, die sonst reine Männeransammlungen eher meiden. Wie übrigens ich selbst tendenziell auch. Aber beim Thema Vater-Sohn handelt es sich tatsächlich um eine sehr „männliche“ Angelegenheit, und es tat allen gut, Aufmerksamkeit und Resonanz von Männern dazu bekommen. Ich biete das Seminar sicher wieder an, einmal nochmal nur für Männer, aber einmal vielleicht auch gemischt, weil auch einige Frauen Interesse anmeldeten. „Wir haben ja auch Väter«, sagte eine Freundin von mir.  Das muß ich mir noch überlegen, wahrscheinlich mache ich es mit meiner Kollegion Karin Wetschanow zusammen, dann können wir die Gruppe zwischendurch aufteilen.

Kunst oder Therapie?

Die Biografiearbeit spielt sich ja oft irgendwo im weiten Feld zwischen Therapie und Kunst oder künstlerischem Ausdruck ab. Auf welcher Seite sehen Sie das biografische Tischtheater eher?

Unsere Intention, unser Interesse ist sicher auf der künstlerischen Seite. Wir wollen ermöglichen, Welt zu reflektieren, zu teilen, zum Ausdruck zu bringen. Mit künstlerischen Mitteln, weil wir selber gerne spielen und gestalten und weil die Reflexion eine vielschichtigere ist, als in vielen therapeutischen Zugängen.  Wir haben keinen Anspruch auf „Heilung“ oder ähnliche Versprechen.  Aber natürlich passieren Momente intensiver Selbsterfahrung und -reflexion, und für einige Teilnehmer*innen steht dieser Aspekt auch im Vordergrund. Vermutlich ist für diese Teilnehmer*innen diese Art der Auseinandersetzung auch und gerade darum attraktiv, weil der Rahmen den Druck herausnimmt, es müsse etwas verbessert oder „gelöst“ werden.

Lieber Herr Schrader, vielen Dank für das Interview! 

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