Ostertage 2020 „Noli me tangere“ (Karfreitag bis Ostersonntag)

Fra Angelico: Noli me tangere (um 1440), "Berühre mich nicht".
von Bettina von Galen

Am Gründonnerstag schaltete ich am späten Nachmittag den Rechner im Büro aus und fuhr von Grunewald nach Charlottenburg in mein Zuhause. Eine gewisse Trauer empfand ich darüber, dass ich in den nächsten Tagen keinen Gottesdienst, keine Osternacht feiern konnte. Ich stellte den Wagen ab und ging in meine Wohnung, in der ich allein lebe. Sie empfing mich sanft und ich freundete mich mit dem Gedanken an, dass ich sie für die nächsten fünf Tage menschenallein bewohnen würde. Ein erster Zweifel – wie soll das gehen? Ich entschloss mich für einen Gang in die Marienkapelle von St. Canisius, in der die Mondsichelmadonna steht, die zweimal den Untergang der Kirche überlebte. Dort finde ich Ruhe und kann ungestört nachdenken, beten oder meditieren. Diese Kirche ist ein besonderer Ort, der sich der Außenwelt nicht verschließt. Das Pflaster der Außenflächen führt in den Kirchenraum, der mit dem gleichen Mosaikstein aus grauem Sandstein gepflastert ist. Ich erlebe dies immer als eine Versöhnung zwischen menschlichen und geistigen Bedürfnissen.

Karfreitag – auch um 15.00 Uhr verdunkelt sich der Himmel nicht, was ich in meinem Leben oft so wahrgenommen habe, dass wir gemahnt werden, uns an Tod und Sterben zu erinnern. In diesem Jahr begleitet uns der Tod – vor allem auf den Bildschirmen; wir werden hineingeholt in die Verhältnisse, die in Italien herrschen, in Frankreich, und in Spanien. Wann sind wir dran? Sind wir immer nur eine oder zwei Wochen hinterher. Geht die Politik hier anders mit der Krise um? Ich beschließe, mich nicht mehr ungeschützt diesen Nachrichten auszusetzen und dosiere den Wissensdurst.

Ich schiebe die erste CD der Johannes-Passion von Bach in den CD-Player, eine Aufnahme mit den Thomanern und dem Gewandhausorchester Leipzig unter der Leitung von Günther Ramin aus dem Jahr 1954 – mein Geburtsjahr, durchzuckt es mich. Vor mir liegen Kunstkarten, die das „Noli me tangere“ – Motiv zeigen: Tizian, Fra Angelico, Hans Holbein, Antonio da Corregio, Fra Bartolomeo, Duccio di Buoninsegna. Würde es mir gelingen, auf Berührung zu verzichten?

Meine Seele verkümmert doch, denke ich.

Karsamstag: Bereits um 7:30 Uhr stehe ich am „Tomatenstand“ auf dem Karl-August-Platz. Nur vereinzelt kaufen Menschen ein, aber ich möchte mit meinen Einkäufen fertig sein, bevor der Markt offiziell um 8.00 Uhr öffnet. Es ist ein Schutzbedürfnis – warum? Habe ich Angst vor Ansteckung? Ich freue mich über die kleinen Marktgespräche, gehe nun seit 15 Jahren fast jeden Samstag hierhin, 9 Jahre von der Grolmanstraße her kommend, seit 7 Jahren nun aus der anderen Richtung, vom Lietzensee her.

Ich packe meine Einkäufe in den Fahrradkorb, in den Rucksack und nehme die Osterblumen in den Arm; die kurze Fahrt nach Hause lässt es zu, mit nur einer Hand zu fahren, zwar langsamer als früher und wenn es brenzlig wird, dann steige ich ab und schiebe.

Ostereierfärben, dazu ringe ich mich nicht durch; mein Berliner Sohn hat mir auch gesagt, dass sie mir ein paar Eier mitfärben – nur ungern möchte ich auf das rote oder blaue Ei zum Osterfrühstück verzichten. Da wird es mir so traurig ums Herz: Allein frühstücken?

Zum Glück warten Bücher auf mich – in wenigen Wochen tagt das Literaturgremium und ich bin noch nicht am Ende der Auswahlliste angekommen. Außerdem ist mir Roland Barthes wieder in die Hände gefallen, ein Autor, der mich seit nunmehr 40 Jahren begleitet – er stand in der 2. Reihe, da ich die fremdsprachigen Autoren nach hinten schieben musste um Platz zu schaffen: Fragments d‘un discours amoureux.

Und dann ein ausgiebiges Telefonat mit meiner ältesten Tochter; sie hat ihren zweijährigen kurzerhand in die Badewanne gesteckt, das liebt er, und so können wir miteinander telefonieren. Ich will wissen, wie es sich anfühlt, wieder zu Dritt zu sein. Ein paar Tage zuvor war ihr Ehemann nach fünfmonatigem Einsatz in Afghanistan nach Hause entlassen worden.

Auf meinem Nachtisch steht eine Abbildung einer Holzplastik aus dem 15. Jh. „Christus in der Rast“, die ich im Dom St. Blasii zu Braunschweig gesehen hatte. Ich schlafe ein.

Ostersonntag. Ich hatte mir vorgenommen, morgens nach Lankwitz zu fahren, um meiner Patentochter und ihren beiden Kindern ein „Osternest“ vorbeizubringen. Sie stehen an der Tür und winken; ich kämpfe mit Tränen. Es geht weiter nach Friedenau, wo ich meinem Sohn, seiner hochschwangeren Ehefrau und den beiden Kindern eine kleine Osterüberraschung machen möchte. L. kommt herunter, mit einem Körbchen, in dem auch drei gefärbte Ostereier liegen – das Frühstück ist gerettet. Die Kinder und ihre Mutter winken vom Balkon des dritten Stockwerks.

Ich frühstücke und bin wieder bei mir, in Vorfreude auf die Begegnung mit meiner jüngsten Tochter, die auch allein wohnt. Wir haben uns um 12.00 Uhr zu einem Spaziergang verabredet.

Der Ausflug in den Treptower Park stand unter ungünstigen Vorzeichen. Wir wollten zum sowjetischen Ehrenmal gehen, welches ich noch nicht kannte, sie aber schon oft vor dem Hintergrund politischer Ereignisse besucht hatte. Leider erlebte ich dort einen ersten hartnäckigen Allergieschub, der sich auf meine Atemwegsorgane legte. Wir kehrten bald zurück in ihre Wohnung, wo wir dann schöne Gesprächszeit füreinander hatten. Am späten Nachmittag kehrte ich in meine Einsiedelei zurück und spürte, dass sich etwas in mir immer mehr „zusammenzog“. Aber die fröhlichen Fotos meiner fünf Enkelkinder, vom Ostereiersuchen, die per WhatsApp oder als SMS eintrudelten, lösten noch einmal den Knoten, der meine Seele drohte zusammenzuschnüren.

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