Paul Auster: Winterjournal

Warum interessieren wir uns so sehr für das Leben von Schriftstellern? Tatsache ist: Wir tun es gar nicht. Eigentlich passiert gar nicht so viel bei Autoren zu Hause, schließlich sitzen sie oft lange Tage an ihren Texten. Doch was passiert, können sie besser ausdrücken als die meisten anderen. Darum lesen wir die Autobiografien von Schriftstellern weniger, um etwas über sie zu erfahren, sondern um Erfahrungen ausgedrückt zu finden, die wir selbst gemacht haben.

Auster als Autobiograf

Paul Auster ist Autor vieler Romane mit zum Teil autobiografischen Bezügen (»Im Land der letzten Dinge«, »New-York-Trilogie«, zuletzt: »4 3 2 1«) und einer ganzen Reihe autobiographischer Werke: »Die Erfindung der Einsamkeit« (1982), »Das rote Notizbuch« (1995), »Die Geschichte meiner Schreibmaschine« (2001). Er hat folgt also nicht der Idee, das eigene Leben in einem einzigen Werk, einer Autobiografie, zusammenfassen zu wollen, sondern befasst sich mit je eigener Betroffenheit und Interesse mit einzelnen Aspekten seiner Biografie, etwa mit seinem Vater oder dem Schreiben. Dabei ergeben sich immer neue Perspektiven. Und selbst wenn sich die Ereignisse, die er erinnert, überschneiden, verdoppeln, widersprechen sie sich nicht — denn nicht anders geht es uns allen. Je nachdem, womit wir uns beschäftigen, verändert sich unser Blick aufs eigene Leben. Das Immer-neu-ansetzen, verschieben und neu sehen, ist die ehrlichere Herangehensweise. Dagegen bringt die Autobiografie, als einheitliche Interpretation eines ganzen Lebens, die meiste »Dichtung« in die »Wahrheit«.

Du-Perspektive

Das Winterjournal wurde in Rezensionen als Austers »Geschichte seines Körpers« charakterisiert, doch es ist etwas komplizierter. Er spricht auch nicht einfach seinen Körper mit »Du« an. Die Du-Perspektive wird vielmehr vom ersten Satz an als Ausdruck eines Selbstgesprächs etabliert:

Your think it will never happen to you, that it cannot happen to you, that you are the only person in the world to whom none of these things will ever happen, and then, one by one, they all begin to happen to you, in the same way they happen to everyone else.

Du denkst, das sie dir niemals passieren werden, dass sie dir nicht passieren können, dass du der einzige Mensch auf der Welt bis, dem keine dieser Dinge passieren, und dann, eine nach der anderen, passieren sie dir, auf die gleiche Art, wie sie jedem anderen passieren.

Was er meint, sind die Dinge, die passieren, wenn man älter wird. Denn der Winter, von dem im Titel die Rede ist, ist nicht bloß irgendein Winter in Brooklyn, New York, wo Auster wohnt, sondern der »Winter deines Lebens«, wie er es im allerletzten Satz ausspricht: »Eine Tür hat sich geschlossen. Eine andere Tür sich geöffnet. Du beginnst den Winter deines Lebens.«

Der Körper kommt ins Spiel, weil es ums Älterwerden geht, und das ist zuallererst ein körperlicher Prozess. Auster spricht mit sich selbst übers Älterwerden, und damit zugleich über sein Leben. Er zieht dabei weniger eine Bilanz, eher sucht er einen Standpunkt, eine Haltung, während er die Tür zum Alter durchschreitet.

Das »Du« passt deswegen zur Beschäftigung mit unserem Körper, weil Menschen, sobald sie »ich« sagen können, nicht mehr nur ein Körper sind, der wahrnimmt und reagiert, sondern einen Körper haben. Wir trennen uns also ein Stück von unserem Körper, wie wir uns von unserer Vergangenheit, unseren Erinnerungen trennen, und sie als ein Gegenüber erleben können, dass sich ansprechen lässt.

Assoziationen

Die Form des Selbstgesprächs vermittelt darüberhinaus eine größere Intimität, vielleicht einen größeren Willen zur Ehrlichkeit. Und sie entbindet den Autor von einer linearen Erzählweise. Denn wenn er zu sich selbst spricht, ist es nur natürlich, dass er sein ganzes Leben voraussetzen und Assoziationen folgen kann, die ihn von einem zum anderen Thema bringen. Der Körper und seine Empfindungen — vom Schmerz eines Unfalls, eines Herzanfalls, bis zur Lust der Sexualität und von Süßigkeiten — wird dabei oft, aber längst nicht nur, zum Thema. Dass der Leser dennoch folgen kann, liegt daran, das Auster wunderbar unaufgeregt und ruhig erzählt — und dass es im Leben eines Schriftstellers keine komplizierten politischen oder unternehmerischen Wendungen zu verstehen gilt, um dem Ganzen folgen zu können.

Als ich »Winter Journal« las (und es mir parallel vom Autor vorlesen lies und seinem New Yorker Englisch auf der etwas schweren Zunge lauschte), fragte ich mich, warum die Du-Form nicht häufiger zum Einsatz kommt. Sie hat ihre eigenen Verdienste. Wer schreibend über sein Leben nachdenken möchte und dafür noch nach einer Form sucht, sollte sich mit dem Winterjournal beschäftigen.

Zuletzt ein weiteres (programmatisches) Zitat:

You have no use for the good old days. Whenever you find yourself slipping into a nostalgic frame of mind, mourning the loss of the things that seemed to make life better then than it ist now, you tell yourself to stop and think carefully, to look back at Then with the same scrutiny you apply to looking at Now, and before long you come to the conclusion that there ist little difference between them, that the Now and the Then are essentially the same.

Für die guten alten Tage hast du keine Verwendung. Wann immer du merkst, dass du nostalgisch wirst und den Verlust von Dingen betrauerst, die das Leben damals besser zu machen schienen als es heute ist, ermahnst du dich, damit aufzuhören und sorgfältig nachzudenken, das Damals mit demselben kritischen Geist zu beurteilen, mit dem du das Heute betrachtest, und binnen Kurzem kommst du zu der Schlussfolgerung, dass wenig Unterschied zwischen den beiden ist, dass das Heute und das Damals im Wesentlichen gleich sind.

Paul Auster: Winterjournal
Rowohlt Taschenbuch, 2015
ISBN 978-3499259500
Hier zitiert aus der englischen Ausgabe »Winter Journal«, Erstveröffentlichung 2012.
(Meine Übersetzungen, S.K.)

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