Peter Härtling: Nachgetragene Liebe

Titelbild Härtling Nachgetragene Liebe

Sieben Jahre nach »Zwettl«, das ich an anderer Stelle auf biografika besprochen habe, schrieb Peter Härtling sein zweites ebenso schmales wie gewichtiges autobiografisches Buch. Darin beschäftigt er sich mit dem Leben seines Vaters, der im Juli 1945 im Gefangenenlager Döllersheim starb. Da war der junge Peter gerade elf Jahre alt. In »Nachgetragene Liebe« schreibt er:

Über die Zeit in Zwettl habe ich schon einmal geschrieben, jedoch um mich zu entdecken, den Zwölfjährigen; nicht dich. Ich bin dir ausgewichen. Und als ich vor neun Jahren zum zweiten Mal nach Zwettl reiste, unterhielt ich mich über einen Toten, jemanden, der, weil er mein Gedächtnis beunruhigte, vergangen sein sollte, fortgegangen wie im Juni 1945. Dieses Mal gehe ich dir nach, achte ich nur auf dich. (S. 153)

Die Anrede »du« bestimmt den Ton in diesem Buch. Ich habe es zuerst nicht gelesen, sondern als Hörbuch erlebt, gelesen von Härtling selbst. Vielleicht ist es mir darum noch näher gekommen als sein autobiografischer Erstling.

Bereits vor seinem Verschwinden und Tod war das Verhältnis Härtlings zu seinem Vater nicht unproblematisch. Dessen Naturell stand im Widerspruch zu dem in Jungvolk und HJ propagierten Kraftmenschentum. Als Anwalt konnte er sich nur schwer beruflich etablieren und lavierte im „Protektorat Böhmen und Mähren“ auf politisch unsicherem Terrain, kein Widerständler, aber einer, dem das Mitlaufen schwer fiel. Außerdem entfernten sich die Eltern voneinander. Härtling erinnert sich schmerzlich an eine Szene, die ihm die eheliche Untreue des Vaters vor Augen führte. Dabei versucht er stets, ihn zu verstehen, zeichnet auf, wo Verständnis gelingt, indem er Charakter und Umstände erwägt, und wo es an seine Grenzen kommt. Der Versuch, zu verstehen, ist Ausdruck der Liebe, die erst nachträglich versucht werden konnte. Dass er die Liebe nicht einfach behauptet, sondern im Schreiben gleichsam zu erfüllen versucht, macht die Größe des Textes aus.

Versöhnliches Denken

Als sie sich so unterhielten, hatte Vater noch drei Jahre zu leben.

Ich habe diesen Satz geschrieben und einige Male durchgestrichen. Nun lasse ich ihn stehen. Er stemmt sich gegen das, was ich bisher unter Erzählen verstand, gibt der Sprache die Zeit zurück, durchdringt sie mit einem Ernst, der alle Erfindung fragwürdig macht. Das ist keine Gestalt, über deren Leben ich bestimme, auch keine, die ich nur aus Protokollen, Briefen, Literatur kenne, und deren Tod als Datum feststeht. Dieser Tod ist ein anderer. Wenn ich mich ihm als Kind aussetze, mit ihm umgehe, unter ihm leide, die auch liebe, Vater, wenn ich dich reden lasse, von dir träume, wenn deine Stimme mit einem Mal die meine ist und ich mir für Augenblicke deiner Nähe sicher bin, dann fällt es mir schwer, unsere gemeinsame Zeit zu verlassen und dein Ende zu kennen. Ich will es nicht wissen, will so blind sein wie du, auf die Zeit setzen, sie überlisten, hoffen. (S. 67f.)

Nach diesem reflektierenden Absatz taucht er wieder ein in die Erzählung, in die restliche »gemeinsame Zeit«

Peter Härtling gilt mir vor allem darum als Vorbild jeder autobiografischen Beschreibung, weil er versucht, die anderen im Rückblick ebenso zu verstehen wie sich selbst. Er praktiziert ein versöhnliches Denken, beinahe könnte man es zärtlich nennen. Wenn er sich selbst, noch in den kleineren Bewegungen des Alltags, den inneren wie den äußeren, ernst und wichtig nimmt, dann tut er das nicht, um sich gegenüber den anderen aufzublähen und herauszustellen. Vielmehr muss er sich wichtig nehmen, weil er als Mensch so wichtig ist wie die anderen. Sein Schreiben lässt jedem sein Recht, auch dem, der im Unrecht war. Es schließt ein und bietet sich an als Instrument der Verständigung.

Peter Härtling:
Nachgetragene Liebe
Luchterhand, Darmstadt 1980.
ISBN 3-472-86498-2

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