Saša Stanišić: Herkunft

Saša Stanišić flüchtete 1992, während des Bosnienkriegs, mit seinen Eltern aus dem zerfallenden Jugoslawien nach Heidelberg. Sein Vater war serbischer, seine Mutter bosnisch-muslimischer Herkunft. Nach einem Literaturstudium, das ihm u.a. den weiteren Aufenthalt in Deutschland ermöglichte, wurde Stanišić erfolgreicher Schriftsteller. So wie er es der Mitarbeiterin bei der Ausländerbehörde angekündigt hatte (wenn man das glauben darf). Er schrieb zwei vielbeachtete Romane und einen Band mit Erzählungen. Für »Herkunft« erhielt er 2019 den Deutschen Buchpreis.

Eine Art Kostüm

Die Schlüsselszene dieses Buchs findet sich im fünften der vielen kurzen Kapitel: »Oskoruša, 2009« : Seine serbische Großmutter, die Mutter seines Vaters, zeigt ihm den Friedhof ihres Heimatdorfs Oskoruša, auf dem „auf fast jedem Grabstein, auf fast jedem Grabholz […] mein eigener Nachname [stand].“ Er lernt einige Bewohner des Dorfes kennen, Gavrilo, der irgendwie mit ihm verwandt ist, und dessen Frau Marija. Und beim Picknick fragt Gavrilo, woher er käme:

Also doch, Herkunft, wie immer, dachte ich und legte los: Komplexe Frage! Zuerst müsse geklärt werden, worauf das Woher ziele. Auf die geografische Lage des Hügels, auf dem der Kreißsaal sich befand? Auf die Landesgrenzen des Staates zum Zeitpunkt der letzten Wehe? Provenienz der Eltern? Gene, Ahnen, Dialekt? Wie man es dreht, Herkunft bleibt doch ein Konstrukt! Eine Art Kostüm, das man ewig tragen soll, nachdem es einem übergestülpt worden ist. Als solches ein Fluch! Oder, mit etwas Glück, ein Vermögen, das keinem Talent sich verdankt, aber Vorteile und Privilegien schafft.
So redete ich und redete, und Gavrilo ließ mich ausreden. Er brach das Brot und reichte mir die Kante. Dann sagte er: »Von hier. Du kommst von hier.«

Saša Stanišić: Herkunft

In einem späteren Kapitel, in dem Stanišić — dazu kommen wir noch — den Ton wechselt, schreibt er:

Bevor ich den Friedhof von Oskoruša sah, hatte ich mir aus Herkunft im Sinne familiärer Abstammung nichts gemacht. Meine Großeltern waren einfach da. […]
Dann las ich aber auf dem Friedhof von Oskoruša meinen Nachnamen auf jedem zweiten Grabstein. Und habe mir aus dem, was mit Herkunft zu tun hatte, aus meiner unbekannten Verwandtschaft und meinen bekannten Orten, gleich mal mehr gemacht. Aus dem, was vergangen war in dem vermeintlich vertrauten Višegrad, und auch aus dem, was ich durch das anfänglich fremde Heidelberg gewonnen hatte.

Saša Stanišić: Herkunft, Kapitel »Die Häkchen im Namen«

Dieses harmlose »gleich mal mehr gemacht«, das wie eine hingeworfene Formulierung wirkt, birgt einen Doppelsinn. Denn aus dem, was mit Herkunft zu tun hatte, machte Stanišić eben auch das Buch, das wir lesen. Er nahm sie wichtiger, und er nahm sie auf wie einen Gegenstand, den man von allen Seiten betrachtet, um zu sehen, was daraus noch zu machen wäre.

Das Thema und was darüber hinaus geht

Die Großmutter, die ihn auf jenen Friedhof geführt hatte, ist ein wichtiger Teil des Themas »Herkunft« und zugleich scheint sie den thematischen Rahmen zu sprengen, aus dem er »etwas machen kann«. Während er am Buch schreibt, das Erinnerungen gewidmet ist, verliert sie im fernen Bosnien ihre eigene Erinnerung. Ihre Altersverwirrtheit steigert sich, sie muss betreut werden. Mitten im Fabulieren über einen möglichen Schluss ihres Dramas aus Traum und Erinnerung, das er als Fantasy-Abenteuer gestaltet, bricht er ab und protokolliert:

Heute ist der 29. Oktober 2018. Ich habe geschrieben: »Schmetterlinge sind es nicht, du Esel.« Mein Telefon hat geklingelt. Meine Großmutter ist im Alter von achtundsiebzig Jahren in Rogatica gestorben.

Saša Stanišić: Herkunft, Kapitel »Der Drachenhort«

Umgang mit dem Genre »Autobiografie« …

Anders als viele Autor*innen der letzten Jahre verzichtet Stanišić darauf, sein autobiografisches Buch mit dem Zusatz »Roman« zu versehen, um den dichterischen Anteil zu betonen. Er bekennt sich zur Identität von Autor, Erzähler und Hauptfigur. Doch weil dieser Autor Schriftsteller ist und sein will, geht seine Fantasie eben manchmal mit ihm durch und Erfundenes mischt sich unter die Erinnerungen. Als Leser fühlt man sich dabei keineswegs hinters Licht geführt. Im Gegenteil: Auch und vielleicht gerade in seinen Fantasien meint man, den Menschen Stanišić kennenzulernen. Manchmal korrigiert er sich selbst, manchmal auch nicht:

Es war Vaters erster Job in Deutschland. Er kletterte in Rohre und machte in den Rohren, was man ihm auftrug. Die Rohre waren so groß, dass er darin aufrecht stehen konnte. Am Ende des Tages hatte er manchmal mit den Kollegen mehrere Rohrkilometer zurückgelegt. Und wenn sie keine Lust hatten, zurückzulaufen, legten sie sich dort zum Schlafen hin, und am Morgen brachte die Frühschicht ihnen Brötchen und Aufschnitt mit. Jugos frühstücken in BASF-Rohren in der Lausitz.
Vater sagt heute: Unsinn. Das war ganz anders gewesen mit den Röhren in Schwarzheide. Die waren weder so groß, noch hat man darin je übernachtet, und überhaupt: »Frag doch einfach, dann musst du dir nicht so ein Zeug ausdenken.«

Saša Stanišić: Herkunft, Kapitel »Schwarzheide, 1993«

Man darf dem Schriftsteller bei der Arbeit zusehen. Und zugleich vermeidet er jede Selbsterhöhung, er lässt sich ausschimpfen.

Stanišić »macht etwas« aus dem Thema Herkunft, indem er verschiedene Zugangsweisen ausprobiert und häufig den Ton wechselt. Märchenhaft, sachlich-geradeheraus, ratlos-grüblerisch, romantisch, gleichnishaft. Die Lektüre ist abwechslungsreich, unterhaltsam ohne »nur« zu unterhalten. Anklänge an die Literaturgeschichte machen Spaß und lassen zugleich merken, dass er sich mit dem Genre der Autobiografie »professionell«, das heißt aus der Warte des Schriftstellers, beschäftigt hat. Zum Beispiel im kunstvollen ersten Kapitel »An die Ausländerbehörde«, in der er an die (sicherlich erfundene) erste Begegnung mit einem autobiografischen Text zurückdenkt, den handgeschriebenen Lebenslauf, den er für jenes Amt verfassen sollte. Dort gibt es Anklänge an die klassischen kosmologischen Anfänge von Autobiografien (Goethe, natürlich, oder auch »Ronja Räubertochter«):

Als bei Mutter die Wehen anfingen, brüllte ein heftiger Sturm über der Stadt. Der Wind bog die Fenster vom Kreißsaal und brachte Gefühle durcheinander, und mitten in einer Wehe schlug auch noch der Blitz ein, dass alle dachten, aha, soso, jetzt also kommt der Teufel in die Welt.

Später in diesem Kapitel heißt es lapidar-entlarvend:

Keine biografische Erzählung ohne Kindheitsfreizeitgestaltung.

Und weiter geht’s mit einer Schlittenfahrt.

… und mit der Wirklichkeit

Es geht um Drachen und eine Hornviper. Es geht um jugendliche Fast-Abenteuer in Heidelberg, um Sprache (natürlich, keine Integrations-Erzählung ohne Sprachkenntniserweiterung) und um Eichendorff. Und dann ist da noch die Wirklichkeit, mit der der Autor mal mehr, man weniger anfangen kann. Zum Beispiel, als er das Geschirr zurückträgt ins Haus von Gavrilo und Marija:

Im Regal ein kleiner Fernseher. Eine Fliege ließ sich auf dem Bildschirm nieder. Auf dem Gehäuse Häkelhandwerk und auf dem Häkelhandwerk zwei gerahmte Fotos von den Kriegsverbrechern Radovan Karadžić und, in Uniform, Ratko Mladić.
Ich musste mich setzen.

Kapitel »Das Knarren der Böden in dörflichen Wohnstuben«

Wie diese netten Leute und die Kriegsverbrecher zusammenhängen, die seine Mutter bedrohten, wird nicht aufgeklärt. Als Heidelberger Bub scheint er die Achseln zu zucken und zu sagen: »Ich kann es mir auch nicht erklären«. Statt dessen schreibt er, erneut den Ton wechselnd, nun als ehemaliger Literaturstudent:

Der Kitt der multiethnischen Idee hielt dem zersetzenden Potenzial der Nationalismen nicht länger stand. Tito als die wichtigste Erzählstimme des jugoslawischen Einheitsplots war nicht zu ersetzen. Die neuen Stimmen volkstümelten verlogen und verroht.

Kapitel »Tod dem Faschismus, Freiheit dem Volke«

Auch als seine Großmutter stirbt ist Stanišić weit weg. Er konnte sie nur selten besuchen. Im Bewusstsein, dass er zwar ein Buch über sie, seine Eltern und viele Verwandte schreibt, beim Schreiben jedoch für sich sein muss und will, entstehen Formulierungen, die nichts mehr mit literarischen Maskenspielen zu tun zu haben, sondern direkt aus dem Mund des Autors, etwa bei einer Lesung im kleinen Kreis, zu stammen scheinen. Noch eben lächelte er wegen einer gelungenen Formulierung, die Spaß machte, vorzulesen, dann blickt er auf und sagt ernst:

Literatur ist ein schwacher Kitt.

Wieder dieses Wort: »Kitt«! Und weiter:

Das merke ich auch bei diesem Text. Ich beschwöre das Heile und überbrücke das Kaputte, beschreibe das Leben vor und nach der Erschütterung, und ich Wirklichkeit vergesse ich Geburtstage und nehme Einladungen zu Hochzeiten nicht wahr. Ich muss nachdenken, um mich zu erinnern, wie die Kinder meiner Cousinen heißen. An den Gräbern meiner Großeltern mütterlicherseits habe ich noch kein einziges Mal eine Kerze angezündet.

Kapitel „Geschichtenkitt“

Wenn ich die Laudatio zum Buchpreis hätte schreiben sollen, dann hätte ich vor allem das in den Mittelpunkt gestellt: Wie Stanišić die Literatur feiert und zugleich ihre Grenzen aufzeigt.

Saša Stanišić: Herkunft
Luchterhand Literaturverlag, München 2019
ISBN 978-3-630-87473-9

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