Schreibwerkstatt Oberursel: Lebensbilder

Von dieser autobiografischen Anthologie kann ich keine Rezension schreiben, weil ich selbst der Herausgeber bin. Sie besteht aus Texten von Teilnehmerinnen »meiner« Schreibwerkstatt. Ich berichte also nur, warum sich die Lektüre lohnt.

Als ich den Kurs der VHS Oberursel übernahm, gab es bereits drei Anthologien, die unter dem Titel »Freitags von Zehn bis Zwölf« mit verschiedenen Untertiteln erschienen waren. Die Ausgangsidee dieser vierten Textsammlung war es, sich von Fotos und Bildern inspirieren zu lassen.

Bilder zur Inspiration

Mit dieser Vorgabe gingen die Teilnehmerinnen sehr unterschiedlich um. Einmal ist ein Foto Leitmotiv, einmal Symbol, ein andermal Illustration oder eigenständiger Beitrag. Ein Bild wird sogar präsentiert, das nie gemacht wurde und doch, als Leerstelle, präsent ist.

Diese Vielfalt, die sich in den gewählten Textformen und Themen fortsetzt, macht die Anthologie auch für Außenstehende interessant. Wer sich für das biografische Schreiben interessiert, findet zahlreiche Anknüpfungspunkte, sowohl inhaltlich als auch stilistisch.

Drei Beispiele

Andrea Diehls Text »Meine lebenslustigen Eltern« geht von einer Fotografie aus, auf der ihre Eltern mit vertauschten Kleidern zu sehen sind. Sie erzählt vom Leben der Eltern und kommt dabei immer wieder auf dieses Bild zurück, das zum Symbol wird:

Wie konnten sie sich das Geschehene verzeihen? Jedenfalls setzte sich die positive Stimmung auf dem Foto durch. Die beiden wollten sich nicht von den Nachkriegsumständen bezwingen lassen. Alles wurde auf Neuanfang gestellt.

Roswitha Feldgens Text »Die Löwin« ist ein imaginierter Dialog der Autorin mit ihrer Mutter, die auf dem Bild als Kleinkind in der Mitte sitzt. Es geht um wichtige Teile der gemeinsamen Familiengeschichte:

Ich: Ihr habt mir erzählt, dass Tante Paula bei ihrer Ankunft am Hauptbahnhof meinen Namen gefunden hat. Sie hörte eine Mutter ihr goldiges kleines Mädchen »Roswitha« rufen und war begeistert von dem Namen. Euch gefiel er genauso gut. Papa war im Krieg. Er konnte nicht gefragt werden.
Du: Wieder ein Mädchen! Ich hatte so sehr auf einen Jungen gehofft. Den hätten wir aber nicht »Roswitha« nennen können.
Ich: Tante Tilly war die mittlere Schwester. War das manchmal schwer für sie?
Du: Tilly war ein anderer Typ als Paula und ich. Ihre Haut war hell und die Augen blassblau. Sie verschlug es nach Bacharach. Dort lernte sie ihren Mann kennen und bekam sechs Kinder. Die Älteste nannte sie Anneliese, nach mir. Fritz und ich sind in Frankfurt gelan-
det.

Sibyl Jackel erzählt von ihrer Familie aus einer ungewöhnlichen Perspektive, nämlich der ihres Hundes, dem »Expat-Dog Luna«, der auf dem Bild in seiner Flugzeug-Transportbox zu sehen ist:

Helmut streichelte mich und schloss das Gitter: »Gute Reise, Luni. Wir sehen uns in Shanghai wieder.« »Was wird mit mir und meiner Box passieren? Werde ich mit den anderen Tieren weggebracht? Muss ich zu einem neuen Rudel? Was habe ich falsch gemacht? War ich nicht in letzter Zeit ganz brav gewesen?«, schoss es mir durch den Kopf.

Die Vielfalt des autobiografischen Schreibens

Wer erfahren möchte, welche Formen das Schreiben über die eigene Lebensgeschichte annehmen kann, findet noch weitere originelle Beispiele: Christel Locher formuliert eine »Grabrede aus der Perspektive« ihres verstorbenen Alter-Ego (dazu gestaltete sie ein Grabtuch). Susanne Marx schreibt in der dritten Person und im Ausgang von neun Bildern in einem Bilderrahmen: »Neunmal Susanne«. Susanne von Winning formuliert ihre »Auto-Biografie«, bei der der Bindestrich den ganzen Unterschied macht. Und das ist noch nicht alles.

Ich bin sehr froh, dass die Teilnehmerinnen der Schreibwerkstatt Oberursel die Mühe auf sich genommen haben, sich neben den wöchentlichen Gelegenheitstexten, die dort entstehen, für dieses Buchprojekt zu engagieren! Manche, die zum ersten Mal an einer solchen Anthologie beteiligt waren, wunderten sich, wie viele Überarbeitungsschritte und Korrekturdurchgänge notwendig waren, bis aus dem ersten Entwurf ein Text entstand, den man erhobenen Hauptes veröffentlichen kann.

Freitags von Zehn bis Zwölf. Lebensbilder
Herausgegeben von Stefan Kappner
Books on Demand, Norderstedt 2021
ISBN: 978-3-7543-0174-6
Nur 12 €

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