Zeitzeugenschaft, die Verbindung der eigenen Biografie mit den politischen und gesellschaftlichen Geschehnissen der Zeit, ist eine wichtige Aufgabe des biografischen Schreibens. Selten findet man diese Verbindung so direkt und auf Augenhöhe wie in den Erinnerungen Sebastian Haffners, die bereits 1939 geschrieben, aber erst im Jahr 2000 posthum veröffentlicht wurden.
In seiner Rezension in Der Zeit berichtet Volker Ulrich, dass Haffner das Buch zu persönlich vorgekommen sei. Tatsächlich hätte es in seiner Zeit wohl so gewirkt. Vielleicht sogar unseriös.
Indem er zum Beispiel das Ende des Ersten Weltkriegs aus der Sicht des Elfjährigen beschrieb, der er war, schaffte er eine ungewöhnlichen und frischen Zugang zu historischem Wissensstoff. Zugleich zeigte er die eigene Haltung und das biografische Fundament, auf dem seine Darstellungen fußten. Das sind Techniken, die heute vielfach angewendet werden, einerseits aus didaktischen Gründen, etwa in der Zeitzeugenarbeit. Andererseits als Ausdruck einer erkenntnistheoretischen Haltung wie bei Emmanuel Carrère oder bei den gesellschaftlichen Analysen Didier Eribons. Ich frage mich, wie stark die “Geschichte eines Deutschen” die Erinnerungsliteratur zum Nationalsozialismus geprägt hätte, wenn sie 1945 erschienen wäre. Aber hätte sie 1945 erscheinen können?
Kein Einzelfall
Auf S. 21 schreibt Haffner:
Diese Argumentation könnte noch überzeugter ausfallen. Denn streng genommen, könnte man hinzufügen, gibt es keine Einzelfälle. Wir alle sind Kinder unserer Zeit. Haffners zentrales Thema ist die Verführung seiner Generation durch den Nationalsozialismus. Und dazu hat er mehr zu sagen, als ich in einem 1939 geschriebenen Text für möglich gehalten hätte. In gewisser Weise widerlegt er die häufig gehörte Meinung, das »Phänomen Hitler« sei singulär und beinahe unerklärlich. Oder nur durch ausgeklügelte psychologische und soziologische Studien zu verstehen. Zwei besonders bemerkenswerte Passagen möchte ich zitieren. Die erste, etwas längere, beschreibt die Reaktion des kriegsbegeisterten Jungen auf die Niederlage von 1918 und die Bedingungen des Waffenstillstands, die er in einem Aushang vor einem Zeitungsladen liest:
Geschichte eines Deutschen, S. 31ff.
Die “Faszination durch das Monstrum”
»Hitler und ich«: Vielleicht hätte Haffner das 1945 nicht mehr geschrieben. Doch das vertiefte Grauen, das Shoa und Zweiter Weltkrieg hervorriefen, konnte die Erkenntnis auch betäuben. Vielleicht sah der Zeitzeuge von 1939 klarer. Die zweite Passage beschreibt die Faszination, die gerade das Abstoßende ausübte, weil es wie etwas völlig Neues auftrat:
Geschichte eines Deutschen, S. 87f.
Woran (an wen) mag man da heute (nicht) denken?
Als »Geschichte eines Deutschen« 2000 zu einem Bestseller wurde, wunderten sich viele über die Hellsichtigkeit und die Genauigkeit auch von Vorhersagen, die Haffner 1939 gemacht hatte. Historiker zweifelten das Entstehungsjahr an und vermuteten, Haffner oder seine Herausgeber (seine beiden Kinder Sarah Haffner und Oliver Pretzel) hätten den Text erst nachträglich geschrieben oder verändert. Weil die Originalmanuskripte vorhanden waren, konnten sie kriminologisch untersucht werden. Ergebnis: Alles war echt!
Wer sich heute mit dem Nationalsozialismus befasst, besonders mit seiner Entstehung, und/oder wer sich unserer Zeit, politischen oder gesellschaftlichen Vorgängen, auf biografische Weise nähert, sollte dringend dieses Buch lesen.
Sebastian Haffner:
Geschichte eines Deutschen. Die Erinnerungen 1914-1933.
Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart/München 2000
ISBN 3-421-05409-6