Schlagwort: Autobiografie

Erika Pluhar: Die öffentliche Frau

Erika Pluhar

Dieses Buch bespreche ich nicht auf biografika, weil die Autorin mir besonders zusagte oder weil ich es im Ganzen für sehr gelungen hielte, sondern allein wegen seiner interessanten Form. Vielleicht kann diese Form einigen biografisch Schreibenden als Vorbild oder Anregung dienen.

Pluhar, eine österreichische Schauspielerin, Schriftstellerin und Chan­son­ni­è­re, stand lange prominent in der Öffentlichkeit. Sie hat viel schon geschrieben und erzählt, auch über ihr eigenes Leben. Doch alles kommt nie zum Ausdruck. Außerdem wechseln Sichtweisen und sogar Erinnerungen mit den Jahren. Um Lücken zu füllen, sich hier und da genauer auszusprechen, Akzente zu setzen und sich zugleich mit ihrer Rolle als »öffentliche Frau« auseinanderzusetzen, bedient sie sich der Form eines fiktiven Interviews. Sie erfindet also die Figur eines Journalisten, der sie in ihrem Haus besucht, um sich ihre Lebensgeschichte anzuhören.

Das Gespräch zwischen »der Frau«, wie Sie sich nennt, und dem ebenfalls namenlos bleibenden Journalisten,, liest sich so:

Wäre es nicht aufregend, nochmals und ganz neu zu beleuchten, was gerade Ihnen als Frau widerfahren ist? fragt der Redakteur. Sie wird mir den Kopf abreißen, denkt er.
Aber die Frau schweigt. Dann dämpft sie gemächlich ihre Zigarette aus, lehnt sich zurück und sagt: Los. Knipsen Sie Ihr Gerät an.
Der überraschte Redakteur tut eilig das Befohlende.
Es kann losgehen, sagt er dann.

Was die Frau — also Pluhar — dem Redakteur erzählt, steht nun eingerückt im Text. Vor allem geht es um ihren Beruf, Schauspielerei und Musik, Momentaufnahmen der Beziehungen zu verschiedenen Männern, zuletzt auch um Politisches.

Schnell merkt man, welche Vorteile die Interview-Form der Autorin bietet:

  • Pluhar muss sich weder an eine chronologische noch eine andere, thematisch motivierte Ordnung halten. Im Interview-Gespräch kann sie jeweils begründen, wovon sie jeweils als Nächstes erzählt. Sie kann sich auch selbst korrigieren, relativieren und Dinge gegenüberstellen, wie in einem Gespräch, ohne zu einem endgültigen Urteil gelangen zu müssen.
  • An zwei Stellen »liest« sie dem Journalisten Texte vor, das heißt: sie fügt sie in den übrigen Text ein. Das ist eine clevere Art, um einzelne biografische Texte, die für sich stehen, in einen größeren Zusammenhang wiederzuverwenden.
  • Als »öffentliche Frau« machte Pluhar auch schmerzhafte Erfahrungen mit der Öffentlichkeit. In der Form eines fiktiven Interviews hat sie die Möglichkeit, ihre eigenen Erzählungen zu kommentieren und natürlich auch die Fragen vorzugeben, auf die reagiert. Einige Aspekte der eigenen Bekanntheit diskutiert sie mit dem fiktiven Interviewer, ohne dass es zu ernsthaften Auseinandersetzungen käme.

Leider geraten die fiktiven Dialoge insgesamt zu harmlos und banal. Pluhar gelingt es nicht, den »Redakteur« zu einer lebendigen Figur zu machen. Während der Interviews wird viel geraucht, oft blickt die Hauptfigur, Erzählerin und Autorin des Buchs sinnend in den Garten. Doch ihr behaupteter Tiefsinn wird nicht eingelöst. Inhaltlich ist »Die öffentliche Frau« eher etwas für Fans.

Für alle, die nach einer Form für ihre autobiografischen Texte suchen, um sie in den größeren Zusammenhang eines Buchs zu bringen, kann die Lektüre jedoch wertvolle Anregungen bieten.

Erika Pluhar:
Die öffentliche Frau. Eine Rückschau.
Insel Verlag Berlin 2015,
ISBN 978-3-458-36054-4

#26 — Denkbild „Mein Leben“

Der Komet ISON, 2013

Besonders zu Beginn eines autobiografischen Projekts ist es gut und sinnvoll, das gelebte Leben als Ganzes ins Auge zu fassen und ein Verhältnis dazu zu suchen, eine eigene Sichtweise, die vom Schema des »Lebenslaufs« abweicht.

In seiner wunderbaren, sehr kurzen und präzisen Autobiografie »Die Erinnerungen sehen mich« schreibt Tomas Tranströmer (Literaturnobelpreis 2011):

»Mein Leben«. Wenn ich diese Worte denke, sehe ich einen Lichtstreifen vor mir. Bei näherer Betrachtung hat der Lichtstreifen die Form eines Kometen, mit Kopf und Schweif. Das lichtstärkste Ende, der Kopf, sind die Kindheit und das Heranwachsen. Der Kern, sein dichtester Teil, ist die sehr frühe Kindheit, wo die wichtigsten Züge in unserem Leben festgelegt werden. Ich versuche, mich zu erinnern, versuche, dahin vorzudringen. Aber es ist schwer, sich in diesen verdichteten Bezirken zu bewegen, es ist gefährlich, ein Gefühl, als käme ich dem Tode nahe. Weiter hinten verdünnt sich der Komet — das ist der längere Teil, der Schweif. Er wird immer spärlicher, aber auch breiter. Ich bin jetzt weit im Kometenschweif drinnen, ich bin sechzig Jahre alt, da ich dies schreibe.

Walter Benjamin hat den Begriff des »Denkbildes« geprägt, der mir gut zu dieser Art der autobiografischen Betrachtung zu passen scheint.

Schreibidee #26: Woran denken Sie bei den Worten „Mein Leben“? Finden Sie für diesen Gedanken oder dieses Gefühl ein »Denkbild«. Schreiben Sie dann einen kurzen Text, der mit den Worten beginnt: »Mein Leben: Bei diesen Worten denke ich an …«

Beispiele: In einer Schreibwerkstatt kamen im Anschluss an Tranströmers Text viele ganz unterschiedliche Denkbilder/Metaphern/Themen zur Sprache. Das Leben als Luftballon, als See, als Sammlung von Tätigkeiten und Aktivitäten, als eine Schublade, als geheimnisvolle Tiefe der Erinnerung und vieles mehr.

P.S.: Das Bild zeigt den Kometen ISON, aufgenommen 2013 von der NASA.

[Wie immer fände ich es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Ich wünsche Ihnen viele Leser — und reichlich hilfreiches Feedback.]

5 Tipps für spannende(re) Reiseberichte

Wie kann man Reiseberichte oder Reisegeschichten so gestalten, dass sie die Reise nicht bloß dokumentieren, sondern auch für Leser interessant und spannend sind?
Als Teil Ihrer Biografie, nicht als Reiseführer.

(Datenschutzhinweis: Wenn Sie das Video anklicken, das über YouTube läuft, wird Ihre IP-Adresse aus technischen Gründen an diesen Videodienst übermittelt. Mehr dazu erfahren Sie in der Datenschutzerklärung.)

Der rote Faden — was ist das eigentlich?

In diesem Video geht es um den berühmten roten Faden. Warum muss der eigentlich rot sein? Was hat er mit dem Minotaurus aus der griechischen Mythologie zu tun? Und wieso hatte auch hier wieder Goethe seine Finger im Spiel?

(Datenschutzhinweis: Wenn Sie das Video anklicken, wird Ihre IP-Adresse an YouTube übermittelt. Mehr dazu erfahren Sie in der Datenschutzerklärung.)

Deutsche Geschichte in 10 Autobiografien

Seintänzerin über Köln, 1946

Auf diese Idee kam ich beim Vorgespräch zu einer Radiosendung des Deutschlandfunks, zu der ich eingeladen wurde. Wir sprachen von Autobiografien und Zeitgeschichte.

Jede Lebensgeschichte bewegt sich in den Grenzen der eigenen Zeit, die aus der je eigenen Perspektive wahrgenommen und erzählt wird. Das gilt nicht nur in Bezug auf harte Einschnitte, wie sie der Krieg mit sich brachte, oder ganze Gesellschaftssysteme. Auch Veränderungen, die die eigenen Lebensgrundlagen unbedroht lassen, prägen uns und ziehen uns mit: politische und kulturelle Strömungen ebenso wie technische Neuerungen. 1968 ist 50 Jahre her: Sicherlich werden in diesem Jahr einige (auto)biografische Bücher erscheinen, in denen »die 68er« im Zentrum stehen.

Hier also meine Liste von Autobiografien, mit denen sich besonders viel über die jüngere deutsche Geschichte lernen lässt.  Einerseits, weil sie Zeitgeschichte thematisieren. Andererseits, weil sie mit dem Anklang, den sie fanden, Reflexionsstufen markieren und historische Motive, die für ihre Leser beziehungsweise »die Öffentlichkeit« wichtig wurden und zum Teil noch sind. (Ich beschränke mich auf Titel, die nicht in anderen biografika-Beiträgen vorkommen.)

  1. Stefan Zweig: Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers (1942, posthum) — Die Kultur des in zwei Weltkriegen untergegangenen „alten Europas“, mit Schwerpunkt Wien.
  2. Klaus Mann: Der Wendepunkt (1952, posthum) — „Mythen der Kindheit“, Deutschland und Europa in den 20er Jahren, Emigration und Exil.
  3. Otto Hahn: Mein Leben (1968) — Erinnerungen des Chemie-Nobelpreisträgers. Zur wissenschaftlichen Revolution im 20sten Jahrhundert (Lise Meitner schrieb leider keine Autobiografie).
  4. HIldegard Knef: Der geschenkte Gaul (1971) — Kindheit und Kriegsjahre, künstlerische Höhen und Tiefen des ersten deutschen Nachkriegs-Stars. Knefs Autobiografie war in Deutschland wie in den USA enorm erfolgreich.
  5. Walter Kempowski: Tadellöser & Wolf (1971) — Geschichte der Rostocker Reederfamilie des Autors von 1938 bis 1945. Unter besonderer Berücksichtigung der Umgangssprache. Teil der „Deutschen Chronik“, die Kempowski  1972 mit Uns geht’s ja noch Gold fortsetzte.
  6. Bernward Vesper: Die Reise (1977, posthum) — Vorgeschichte und Ursachen des RAF-Terrorismus, Vesper war der Sohn eines NS-Schriftstellers und Lebensgefährte der späteren RAF-Terroristin Gudrun Ensslin.
  7. Ruth Klüger: weiter leben (1992): Die 1931 in Wien geborene Germanistin schreibt über die Deportation ihrer jüdischen Familie und ihre Erinnerungen an die Konzentrationslager Theresienstadt, Ausschwitz-Birkenau und Christianstadt. Und vom „Weiterleben“ nach 1945.
  8. Christa Wolf: Ein Tag im Jahr (1960–2000) (veröffentlicht: 2003) — Die Autorin beschreibt jeweils den 27. September jedes Jahres und dokumentiert damit neben ihrer privaten Autobiografie die Geschichte zweier lange getrennter, dann wiedervereinter deutscher Staaten.
  9. Uwe Timm (2003): Am Beispiel meines Bruders — Umgang einer deutschen Familie mit der Erinnerung an den gefallenen Sohn, einem Angehörigen der Waffen-SS (hier eine Internet-Rezension).
  10. Gerhard Henschel: Kindheitsroman (2004) — Minutiöse Chronik einer bundesdeutschen Kindheit in den 60er und frühen 80er Jahren (Rezensionsnotizen). Teil einer Buchreihe, die mit Jugendroman, Liebesroman, Abenteuerroman, Bildungsroman, Künstlerroman und Arbeiterroman ebenso minutiös fortgesetzt wurde. In der Tradition Walter Kempowskis.

Vielleicht haben Sie Lust, in den Kommentaren Ihre eigenen Ideen mitzuteilen? Welche Autobiografien kennen Sie, in denen die jüngere deutsche Geschichte besonders eindrucksvoll dargestellt wird? Immer, natürlich, aus der Perspektive des einzelnen, und ohne den historischen Anspruch, Allgemeingültiges zu formulieren.

[P.S.: Das Bild zeigt eine Seiltänzerin über dem zerstörten Köln, 1946, Fotograf unbekannt, aus dem Buch Köln und der Krieg. Leben, Kultur, Stadt. 1940 -1950 (Greven Verlag 2016). Quelle: www.express.de/25086238]

 

 

#17 — Ein Porträt

Porträt

Ein literarisches Porträt ist eine kürzere, meist pointierte Beschreibung eines Menschen. In autobiografischen Texten geht es dabei oft um die Einführung eines wichtigen Wegbegleiters des Autors oder der Autorin. Die Mutter, eine Schwester oder eine Freundin wird dem Leser vorgestellt, bevor sie in die Handlung eingreift oder in einer Geschichte vorkommt. Ein Lehrer wird porträtiert, der bleibenden Eindruck hinterließ. Manchmal sind es auch beiläufige Bekanntschaften, kuriose Charaktere, Originale, die in einem Porträt für wenige Zeilen ins Licht gerückt werden, obwohl sie im Zusammenhang des Lebenslaufs nicht weiter von Interesse zu sein scheinen. Aus ganz unterschiedlichen Gründen möchte man ihnen ein kleines Denkmal setzen.

Herrliche Beispiele für Porträts finden sich in Hildegard Knefs berühmter Autobiografie »Der geschenkte Gaul«, die mit Berliner Lakonie und sprachlicher Eigenständigkeit auch in anderer Hinsicht überzeugt. Eines gleich am Anfang, im ersten Kapitel, das als einziges nicht nummeriert ist, sondern den Titel »Liebeserklärung an einen Großvater« trägt. Im allerersten Abschnitt porträtiert die Knef ihren Großvater so:

Meiner hieß Karl, er war mittelgroß und genauso kräftig, wie er aussah. Er trug den Kopf sehr gerade, die Wirbelsäule auch, und er hatten einen großen Mund mit vielen Zähnen; er hatte sie noch alles 32, als er mit 81 Jahren Selbstmord machte. Sein Jähzorn war das Schönste an ihm, erstens weil er sich nie gegen mich richtete und weil er so wild und rasch kam, wie er verging, und wenn vergangen, wurde sein Gesicht warm wie ein Dorfteich in der Sommersonne und seine Bewegungen verlegen und einem fischenden Bären gleich.

Was macht dieses Porträt so überzeugend? Einige Aspekte:

  • Die äußerliche Beschreibung hat durchweg einen symbolischen Unterton. Das Äußere wird nicht einfach abgeschildert, sondern bedeutet etwas.
  • Die exakte Wortwahl. Er „beging“ nicht Selbstmord, er „machte“ ihn. Das ist kein Ausrutscher ins Umgangssprachliche, sondern drückt eine Haltung aus.
  • Die Charakterisierung steckt voller Konflikte. Kraft und Zärtlichkeit scheinen miteinander zu streiten.
  • Die stimmungs- und humorvollen Metaphern.

Schreibidee #17: Schreiben Sie das Kurzporträt eines Menschen aus ihrem Leben.

1. Hinweis: Wählen Sie fürs Erste niemanden aus, der Ihnen sehr nahe steht. Die Kunst des literarischen Porträt lässt sich besser an Menschen üben, die zwar eine Rolle spielten und von denen man ein klares Bild erinnert, von denen man jedoch nicht allzu viel weiß. So fällt die Auswahl leichter und man sieht eher das Charakteristische.

2. Hinweis: Schreiben Sie zunächst eine DIN-A-4-Seite über die ausgewählte Person und kürzen Sie Ihr Porträt anschließend mindestens auf die Hälfte. So beschränkt sich Ihre Schilderung auf das Wesentliche — und die geschilderte Person tritt für die Leser stärker hervor, als es bei sehr langen Beschreibungen der Fall wäre.

[Wie immer fände ich es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Ich wünsche Ihnen viele Leser — und reichlich hilfreiches Feedback.]

 

7 Gründe, Karl Ove Knausgård zu lesen

Wer sich daran machen möchte, die eigene Lebensgeschichte (ausführlich) zu beschreiben, der sollte sich die Zeit nehmen, Knausgård zu lesen.

Das sechsbändige autobiografische Werk des norwegischen Autors Karl Ove Knausgård genießt derzeit große öffentliche Aufmerksamkeit. Allein die Zahlen lassen aufhorchen: Mehrere tausend Seiten, die in Norwegen innerhalb von nur drei Jahren erschienen. Der erste Band verkaufte sich dort etwa eine halbe Million Mal (es gibt nur gut 5 Millionen Norweger), auch in den USA wurde »Min Kamp« (»Mein Kampf«), wie Knausgårds Reihe im Original heißt, zum Bestseller. Die deutschen Verkaufszahlen kenne ich nicht, doch in den Buchläden liegen hohe Stapel. Hierzulande erschienen die sechs Bände von 2011 bis 2017 unter den Titeln »Sterben«, »Lieben«, »Spielen«, »Leben«, »Träumen« und »Kämpfen«. Der Originaltitel, der auf norwegisch ironisch-provokativ wirken mag, hätte in Deutschland nur verstörend und abschreckend gewirkt, darum wurden er durch Einzeltitel ersetzt. Auf englisch heißen die Bücher übrigens konventioneller »A Death in the Family«, »A Man in Love«, »Boyhood Island«, »Dancing in the Dark« und »Some Rain Must Fall« – der sechste Band scheint noch nicht übersetzt zu sein.

»Sterben«

Im Folgenden beschränke ich mich auf den ersten Band, »Sterben«, in dem sich Knausgård in erster Linie mit seinem Vater auseinandersetzt, seiner für den jungen Karl Ove beängstigenden Strenge, seiner Alkoholsucht und seinem frühen Tod. Es fällt schwer, den Inhalt knapp wiederzugeben, denn Knausgård folgt nicht der Chronologie der Ereignisse. Teil 1 von »Sterben« besteht aus Kindheits- und Jugenderinnerungen, deren Auswahl und Platzierung sich oft nicht (sogleich?) erschließt. Der Vater spielt nur gelegentlich die Hauptrolle, es geht auch um Mädchen, erste Partys, die Schule, Sport, Musik und mehr. Teil 2 ist klarer gegliedert. Zentrum und Gerüst ist der Zeitabschnitt vom Tod des Vaters bis kurz vor seiner Beerdigung: Gemeinsam mit seinem Bruder fährt der Ich-Erzähler Karl Ove nach Kristiansand, wo sein Vater die letzten Jahre bei seiner Mutter lebte und das Haus in eine Müllhalde verwandelte. Auch Karl Oves Großmutter, das finden die Brüder heraus, konnte die Zustände nur mit Alkohol ertragen. Die beiden machen sich daran, die Flaschen und den Müll wegzuwerfen und das Haus für die Beerdigung vorzubereiten. Zugleich kümmern sie sich um die verstörte Großmutter, die ihren Sohn tot auffand.

Eine besondere Qualität erreicht Knausgårds Prosa dort, wo sie sich der Verkürzung verweigert und in der Wiederholung der Putzvorgänge, Autofahrten und Gespräche die Zähigkeit und Hartnäckigkeit des Lebens deutlich wird, das von Tag zu Tag gelebt werden muss, gerade in solchen Krisensituationen. Weder dem Schmutz noch der Erinnerung kann Karl Ove entrinnen, weder dem Vater noch sich selbst.

Knausgård als Inspiration für das biografische Schreiben

Mir geht es hier nicht darum, den literarischen Wert von »Sterben« zu bestimmen. Statt dessen möchte ich zeigen, warum es für angehende Selbst-Lebens-Beschreiber fruchtbar sein kann, Knausgård zu lesen. In diesem Sinne können sogar die vermeintlichen oder echten Schwächen des Buches hilfreich sein. Weil sie beim Norweger gleichsam im »Breitwandformat« zu beobachten sind, klar und deutlich.

1. Grund: Um die Vielfalt kennenzulernen

In Knausgårds Prosa findet sich beinahe alles, was in autobiografischen Texten vorkommen kann: Alltagsepisoden, die Populärkultur (Filme, Musik, Bücher), die in unserer Unterhaltungsgesellschaft einen immer breiteren Rahmen einnimmt, psychologische Betrachtungen und Selbst-Reflexionen, Landschaftsbeschreibungen, literarische Portraits, philosophische Überlegungen, Betrachtungen zum Schreiben, zu Kunst, dramatische Szenen, »erfundene« (literarisch überformte) Dialoge und unzweifelhaft Authentisches. So erfährt der Leser, wie vielfältig das autobiografische Schreiben sein kann, wo schlicht alles Platz hat, was dem Autor wichtig ist. Denn weil Autor, Erzähler und Hauptfigur hier zusammenfallen, zeigt sich die Hauptfigur auch durch in der Auswahl, die der Autor trifft.
Frage: Wer würde die technischen Ausführungen eines passionierten Maschinenenbauers über Hunderte von Seiten lesen, der etwa seine Erfindungen erklärt und das zum Teil seiner Autobiografie macht. Antwort: Die seine Leidenschaft teilen – und andere, je nachdem, wie gut es geschrieben ist.

2. Grund: Um der Kluft zwischen Erzählbedürfnis und Gedächtnis nachzuspüren

Knausgård beschreibt manche lange zurückliegenden Alltagssituationen sehr genau, etwa diese:

Ich setzte mich und aß weiter. Kurz darauf nahm ich die Teekanne und goss ein. Dunkelbraun, irgendwie holzartig, stieg der Tee an den weißen Wänden der Tasse hoch. Ein paar Blätter trieben wirbelnd mit, die anderen legten sich wie ein schwarzer Teppich auf den Boden. Ich goss Milch dazu, rührte drei Löffel Zucker ein, wartete, bis sich die Teeblätter wieder auf den Boden gelegt hatten, und trank.
Mm.
Unten auf der Straße sauste blinkend ein Schneepflug vorbei. Dann wurde die Haustür geöffnet. […]

Sicherlich hat sich diese Szene so ähnlich abgespielt. Knausgård trank als Heranwachsender sicherlich eine Menge Tee. Doch ob der Schneepflug genau zu dem bezeichneten Moment am Haus vorbeifuhr? Offensichtlich wollte der Autor hier eine typische Szene beschreiben, eine Stimmung hervorrufen. Doch wegen der vielen Wiederholungen solcher Alltags-Ereignisse ist es uns im allgemeinen nicht gegeben, einzelne von ihnen in dieser Klarheit und Genauigkeit zu erinnern. Oder besitzt Knausgård ein phänomenales Gedächtnis?

An einer anderen Stelle schreibt er: »Mein Erinnerungsvermögen war nicht der Rede wert, aber Yngve [sein Bruder] hatte ein Elefantengedächtnis, […]« Und als er einen Satz seines Vaters wiedergibt, heißt es:

Warum erinnerte ich mich daran so gut? Normalerweise vergaß ich praktisch alles, was die Leute, ganz gleich, wie nahe sie mir standen, zu mir sagten, und nichts an der Situation damals deutete drauf hin, dass es eine unserer allerletzten Begegnungen sein würde.

Es sollte also klar sein, dass Knausgård die Tee-Szene nicht erinnerte, sondern rekonstruierte. Man sollte nicht vergessen, dass er Schriftsteller ist und vor »Sterben« zwei Romane veröffentlichte. Er beherrscht seine literarischen Mittel. Er möchte etwas erzählen, was nicht mehr eins zu eins in seinem Gedächtnis vorliegt. In diese Lage kommt jeder, der über sein Leben schreibt.

Die literarische Qualität der gestalteten Szenen (und Dialoge, dazu gleich) führt dazu, dass Knausgårds „Mein Kampf“-Bücher bei Waterstones (in England) bei den Romanen steht. Man könnte sie als autobiografische Romane bezeichnen. In Frankreich wurde dafür ein anderer Terminus erfunden: Autofiktion.

3. Grund: Um zu lernen, Dialoge zu »erfinden«

Wie stellt man vergangene Gespräche dar? Gespräche können das Leben entscheidend beeinflussen – darum muss von wichtigen Gesprächen die Rede sein. Doch wohl kaum jemand erinnert sich an den genauen Wortlaut. Meist trifft zu, was Knausgård im obigen Zitat sagt. Und wer mit der Aufzeichnung und Transkription von Gesprächen zu tun hatte, weiß, dass sie oft viel ausführlicher sind, als wir erinnern. Vieles wird wiederholt, anderes nur angedeutet, so dass es nur im Zusammenhang der Situation restlos verständlich wird. Halbsätze, »Äh«s und »Mmm«s: Eine wortgenaue Wiedergabe von Gesprächen ist also weder möglich, noch wünschenswert. Möglich wäre es, die Gespräche nur zusammenzufassen (wer war beteiligt, was war das Thema, worin bestand das Ergebnis) oder sie in indirektere Rede wiederzugeben, so dass das Problem der Wörtlichkeit entfiele.

Knausgård entscheidet sich stattdessen meistens dafür, den Dialog zu rekonstruieren, wie er es auch mit den Alltagssituationen tut. Gelegentlich entstehen so recht banale Dialoge (zur Banalität: siehe 4. Grund), doch insgesamt erreicht er so eine bessere Lesbarkeit. Denn wörtliche Rede ist naturgemäß leicht zu verstehen.
Die Vielfalt der Dialoge bei Knausgård lädt dazu ein, sich über ihre Funktion und Wirkung Gedanken und machen und zu entscheiden, wie man selbst mit Gesprächen umgehen möchte. Zwei Beispiele, zuerst aus Knausgårds Schulzeit:

Eines Abends hatte sich mich zu Hause angerufen.
»Hallo, Karl Ove, hier ist Rita«, meldete sie sich.
»Rita?«, sagte ich.
»Ja, du Dummkopf. Rita Lolita.«
»Hallo«, sagte ich.
»Ich wollte dich was fragen«, meinte sie.
»Ja?«
»Willst du mit mir gehen?«
»Was hast du gesagt?«
»Noch einmal. Willst du mit mir gehen. Das ist eine simple Frage. Es ist allgemein üblich, dass du darauf mit Ja oder Nein antwortest.«
»Ich weiß nicht …«, erwiderte ich.
»Ach, nun komm schon. Wenn du nicht willst, dann sag es.«
»Ich glaube eher nicht …«, sagte ich.
»Also nicht«, sagte sie. »Dann sehen wir uns morgen in der Schule. Mach’s gut.«

Das zweite Gespräch findet zwischen den Brüdern im Haus der Großmutter statt:

»Hat sie dich auch gefragt, ob wir oft trinken?«, sagte ich. »Mich hat sie das jedenfalls schon mindestens zehn Mal gefragt, seit wir hier sind.«
»Ja, hat sie«, sagte er, »Die Frage ist, ob wir ihr nicht was geben sollten. Sie braucht unsere Erlaubnis ja eigentlich nicht, aber sie bittet uns darum. Also … Was meinst du?«
»Was sagst du da?«
»Hast du das nicht kapiert?«, sagte er und blickte wieder auf. Ein schwaches, freudloses Lächeln spielte um seine Lippen.
»Was kapiert?«
»Sie will was trinken. Sie ist verzweifelt.«
»Grußmutter?«
»Ja. Was meinst du, sollen wir ihr was geben?«
»Bist du sicher, dass es ihr darum geht? Ich habe gedacht, das Gegenteil wäre der Fall.«
»Das habe ich auch erst gedacht. Aber wenn man ein bisschen darüber nachdenkt, liegt es eigentlich auf der Hand. Er hat hier lange gewohnt. Wie hätte sie es sonst ertragen sollen?«
»Sie ist Alkoholikerin?«
Yngve zuckte mit den Schultern.

4. Grund: Um sich mit der Problematik der Banalität auseinanderzusetzen

Die Kritiken zu Knausgårds autobiografischer Reihe lesen sich vorwiegend positiv, manche sind begeistert, doch es gibt auch Verrisse. Die Schweizer Kritikerin Sieglinde Geisel sagt im Interview: »Ich finde es seltsam, wenn Literaturkritiker nicht unterscheiden können, welche Literatur uns erschüttern und verändern kann, und welche die Funktion des Tröstens, vielleicht sogar des Betäubens übernimmt. Ich habe das Gefühl, man hat Angst seine eigene Meinung zu vertreten. Das geht so weit, dass einer der berühmtesten Literaturkritiker – James Wood – im »New Yorker« sagte »Die Banalität ist so extrem, dass es schon wieder grossartig ist.« Ich habe das Gefühl, er erkennt, dass die Bücher furchtbar banal, öde und langweilig sind. Er wagt aber nicht zu sagen, dieses Ding sei einfach nur langweilig. Er fühlt sich verpflichtet, das Buch zu adeln, um nicht aus dem Rahmen zu fallen.« (Quelle: https://www.srf.ch/kultur/literatur/knausgaards-buecher-sind-furchtbar-banal-oede-und-langweilig)

Im Rolling Stone Magazin habe ich eine Antwort auf diesen Vorwurf gefunden:
„Er schreibt Sätze von erschütternder Banalität und doch nehmen seine Erzählexzesse gefangen, die ganze erzählerische Verve ist größer als die Addition der Sätze. Wir alle sind Knausgård  – erschreckender Durchschnitt und großartige Einzigartigkeit.“
(Quelle: https://www.rollingstone.de/reviews/karl-ove-knausgard-leben/)

Es kommt also darauf an, wie man mit dem an sich Banalen (also dem angeblich nicht Erzählenswerten) umgeht. Man kann es auf eine Weise einordnen, die seine Einzigartigkeit erkennbar macht.

Wenn Sie Ihre Erinnerungen schreiben wollen, begegnen Sie unweigerlich dem Banalitäts-Einwand. »Ist das denn überhaupt interessant?« – wenn es sonst niemand tut, werden Sie es sich selbst fragen. Die Knausgård-Lektüre kann Ihnen zeigen, wie man dem Einwand begegnet, ihn vielleicht sogar fruchtbar macht.

5. Grund: Um die Frage der Ehrlichkeit zu klären

Ehrliche Menschen werden geschätzt. Weil wir wissen, dass es nicht leicht fällt, ehrlich zu sein. Und weil es uns anstrengt, mit Leuten zu sprechen, die sich erhöhen und stilisieren, so dass unser Selbstwertgefühl herausgefordert wird. Das Gegenteil kann ebenso strapaziös sein: Wer sich kleinredet, scheint auf Mitleid und Tröstung zu warten. Nach dem Literaturwissenschaftler Philippe Lejeune schließt der Autor einer Autobiografie eine Art Vertrag mit dem Leser, den »autobiografischen Pakt«: Was ich hier schreibe, ist ehrlich und entspricht der Wahrheit (nach bestem Wissen und Gewissen). Warum sonst sollte man eine Autobiografie lesen (und nicht einen Roman oder eine historische Darstellung)?
Doch wer ehrlich ist, muss noch lange nicht alles von sich preisgeben. Manche Autoren sprechen von sich nur als öffentliche Person und lassen alles Allzu-Persönliche beiseite. Andere erlauben Einblicke in die intimsten Bereiche – Jean-Jacques Rousseau (»Die Bekenntisse«) war hier Vorreiter, seither gab es alle Arten von Entblößung.

Auf einer Skala der Offenheit erreicht Knausgård hohe Werte, doch anders, als das Presseecho es vermuten lässt, gibt es Grenzen. Es ist interessant zu lesen, wo diese verlaufen. Und es ist wichtig zu überlegen: Wo sollten meine Grenzen verlaufen?

6. Grund: Wegen Knausgårds Überlegungen zum (autobiografischen) Schreiben

Wer von sich selbst und seinem Leben schreibt, ist damit in der gleichen Situation wie es Karl Ove Knausgård war. Darum sind seine Bemerkungen zum Erinnern und Schreiben interessant. Wir erfahren, was er dachte, und lesen, welche Art von Prosa er deshalb gewählt hat. Ein Beispiel:

Die Geräusche an diesem Ort waren für mich, genau wie der Rhythmus, in dem sie auftauchten, neu und unbekannt, würden mir aber schon bald so vertraut sein, dass sie wieder verschwanden. Man weiß zu wenig, und es existiert nicht. Man weiß zu viel, und es existiert nicht. Schreiben heißt, das Existierende aus den Schatten dessen zu ziehen, was wir wissen. Darum geht es beim Schreiben. Nicht, was dort geschieht, nicht, welche Dinge sich dort ereignen, sondern es geht um das Dort an sich.

7. Grund: Um die Wirkungen des autobiografischen Schreibens besser zu verstehen

In Band 6 der Reihe, »Kämpfen«, schließt sich für Knausgård der Kreis und er schildert und reflektiert die Geschehnisse rund um die Veröffentlichung von »Sterben«. Auf diese Weise führt er vor, wie autobiografisches Schreiben und Literatur ins Leben zurückwirkt, und was das für das Schreiben selbst bedeutet. Denn auch das dickste Buch ist eine Art Brief, ein offener Brief. Das Schreiben und das Lesen, das Gelesen-Werden sind zwei Seiten einer Medaille – auch wenn das Buch kein Welterfolg wird, wenn es vielleicht nur eine Handvoll Leser findet.

Mein Fazit: Wenn Sie Knausgårds autobiografische Romane gelesen haben (es müssen ja nicht gleich alle sein, »Sterben« ist wohl der beste Einstieg), werden Sie sehr viel besser wissen, wie Sie selbst schreiben wollen – und wie nicht.

(Und hoffenlich haben Sie auch ihr Vergnügen bei der Lektüre – ein 8. Grund).

10 berühmte Autobiografien

Viele Bücher

Viele wichtige Bücher im Feld der Lebenserinnerungen und Selbst-Betrachtungen werden andernorts im Internet vorgestellt. Hier eine Liste von zehn Werken aus den Jahren 1966 bis 2006, mit Links zu den jeweiligen Rezensionen. In chronologischer, keinesfalls wertender Reihenfolge. Eigentlich sollte man jedes dieser Bücher mindestens zwei Mal lesen. Einmal, um mehr von diesen Menschen und allem zu erfahren, was sie beschäftigte, und ein zweites Mal, um zu verstehen und zu genießen, wie sie davon erzählen.

  1. Carl Zuckmayer: Als wär’s ein Stück von mir (1966)
  2. Christa Wolf: Nachdenken über Christa T. (1968, Rezension von Marcel Reich-Ranicki)
  3. Marie Luise Kaschnitz: Orte (1973)
  4. Elias Canetti: Die gerettete Zunge (1977), Die Fackel im Ohr (1980), Das Augenspiel (1985)
  5. Anna Wimschneider: Herbstmilch. Lebenserinnerungen einer Bäuerin (1984)
  6. Ruth Klüger: weiter leben. Eine Jugend (1992)
  7. Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben (1999)
  8. Tomas Tranströmer: Die Erinnerungen sehen mich (1999)
  9. Barack Obama: Dreams from my father (2004, deutsch 2008)
  10. Günter Grass: Beim Häuten der Zwiebel (2006)

Erich Loest: Durch die Erde ein Riß

Erich Loest, 1955 und 2006

Der Sachse Erich Loest (1926-2013) hat sich im kollektiven Gedächtnis der Deutschen wohl am nachhaltigsten durch seine späten Leipzig-Werke verankert, Völkerschlachtdenkmal (1984) und Nikolaikirche (1995, zuerst Drehbuch, dann Roman). Insgesamt schrieb er mehr als fünfzig Romane, darunter einige Kriminalromane unter Pseudonym – und das, obwohl er beinahe sieben Jahre als politischer Häftling in Bautzen verbringen musste. Loest ist eine Art ostdeutscher Grass, ein Mann, an dessen »Lebenslauf« (so der Untertitel des Buchs) sich die Geschichte im Osten des Landes ablesen lässt, von der HJ über den späten (freiwilligen) Kriegseinsatz, den kommunistischen Aufbruch, SED, die Entstalinisierung, Entillusionierung, bis zur Wende und den Entwicklungen im wiedervereinten Deutschland.

»Durch die Erde ein Riß« allerdings entstand bereits 1981, nachdem Loest seine Heimat gerade verlassen hatte (1990 kehrte er nach Leipzig zurück). Loest ist also Mitte fünfzig als er das Buch schreibt, vergleichsweise jung für die Lebenserinnerungen eines Schriftstellers. Einen Grund für das frühe Datum nennt er nicht. Es mag mit dem biografischen Bruch zu tun haben, dem Wunsch, eine Zwischenbilanz zu ziehen. Oder er wollte endlich das schreiben und veröffentlichen, was ihm in der DDR vielleicht eine zweite Gefängnisstrafe eingebracht hätte. Die Form, in der er das tun, ist nicht die eines Bekenntnisses oder der inneren Einkehr. Er schreib nicht in der für Autobiografien typischen 1. Person, sondern in der 3. Person oder Er-Form. Das erste Kapitel beginn so:

Im April 1936 füllte ein Zehnjähriger den Aufnahmeantrag für das Deutsche Jungvolk aus. Füllte er aus? Tat es die Mutter für ihn? Das geschah auf dem abschüssigen Markt von Mittweida, seiner Geburtsstadt, zwanzig Kilometer nördlich von Chemnitz (Durch die Erde ein Riß. Ein Lebenslauf. Ausgabe: Mitteldeutscher Verlag, Halle 2016, Seite 11)

Auch für die Wahl der 3. Person führt Loest keinen Grund auf, man muss ihn aus der Wirkung erschließen: Wenn er den HJ-Fähnleinführer beschreibt, der er war, lenkt die 3. Person eher auf die historische Einordnung. Die 1. Person verlangte stärker nach psychologischer Selbstanalyse. Und auch später, als sich Loest nach einer kurzen politischen Abstinenz recht bald zur SED und ihrer »Friedenspolitik« bekennt, fällt die Er-Perspektive leichter:

Ein Jahr hatte ihn zum zweitenmal umgekrempelt. […] Februar 1945: Wir werden siegen, weil wir den Führer haben! Februar 1946: Nie wieder Politik! Februar 1947: Brüder, in eins nun die Hände! Verwirrend genug. (Seite 130)

Vom »Er«, den er »L.« nennt, berichtet der Autor Loest als »Chronist«, der sich ebenfalls nicht als »Ich« vorstellt, sondern in seiner beruflichen Rolle. Die Doppelrolle als L., von dem erzählt wird, und Chronist, der erzählt, ermöglicht ihm, Vorgänge des autobiografischen Schreibens flüssig und schlüssig abzubilden:

Während der Chronist diesen Abschnitt entwirft, liegt ein Exemplar von »Die Westmark fällt weiter!« [dem 2. Roman von 1952, S.K.] neben der Schreibmaschine. Es bereitet kein Vergnügen, zu lesen, was L. damals erdachte. Der Spurensicherer könnte sich ironisch erheben, aber es wäre ungerecht und ahistorisch sowieso. Wie er die Geschichte nicht belehren kann, so sollte er auch nicht am E.L. von damals herumerziehen und quengeln und deuteln, nur eines bleibt: So genau wie möglich hinabhorchen, hinunterspüren. Der Chronist kann Zwischentöne vermissen in der Schreibart, Differenziertheit; […] L. sah nun einmal keinen dritten Weg. (Seite 169)

Diese Stelle kommt einer Begründung am nächsten: Loest ging es nicht um Analyse, Reue oder Rechtfertigung, sondern um historisches Verständnis. An diesem Anspruch gemessen leistet »Durch die Erde ein Riß« einiges. Am meisten beeindruckte mich das Zeitbild der jungen DDR, deren gebrochenen Idealismus ich vor allem durch Christa Wolf kennengelernt habe, dann durch Uwe Johnson und die Generation um Wolf Biermann und Jürgen Fuchs – Loest bietet einen nüchternen, bodenständigen Blick auf die Anfänge eines Sozialismus, der in der Theorie einiges für sich hatte, aber eines niemals war: demokratisch. L. machte mit und dem Chronisten gelingt es, die Dialektik des Gewissens darzustellen, die sicher nicht nur ihn betraf:

Ein Satz war verbiestert zitiert worden, eine Betonformel: Lieber hundertmal mit der Partei irren, als sich einmal gegen sie stellen; er wurde Lenin zugeschrieben. Louis Fürnbergers Lied war gesunden worden: »Die Partei, die Partei, die hat immer Recht.« Einen Widerspruch, der Unzähligen zu schaffen machte und macht, der berufliche und politische Entwicklungen zerstörte und Charaktere bracht, der den Charakterfesten am stärksten und den Denkfaulen und Gewissenlosen am wenigsten zum Problem und manchem zum Lebensproblem wurde, den kein Ideologe zu Ende dachte, den Widerspruch nämlich zwischen Gewissen und Parteidisziplin, wollte er für seine Person entscheiden. Er riß sich aus der Unschuld, die mit dem Gewissen die Verantwortung von sich schiebt, und wollte das dafür Prompt gelieferte Ruhekissen nicht mehr. Den Widerspruch, aus dem alle Entwicklung wächst, wollte er auch in sich, und mit der Mitverantwortung akzeptierte er die Mitschuld. (260).

Auf biografika geht es um die Möglichkeiten und die Vielfalt biografischen Schreibens. Darum zuletzt noch einige Passagen, die zeigen, wie die doppelte Er-Perspektive (Günter Waldmann nennt sie »Er-Er-Form«) funktioniert:

»Im Laufe unseres Lebens kommen wir mehrmals auf uns selbst zurück«, sagt der Schriftsteller Martin Kessel. Im Zurückkommen auf den Scholar L. schlug der Chronist ein Dritteljahrhundert später in Zeitungen nach, wie denn diese Zeit sich dort spiegelt. (108)

Der »Chronist« kennzeichnet fremde Quellen, die er dem Gedächtnis als Hauptquelle zur Seite stellt.

Beim Suchen der Spuren im alten Sand erinnert sich Annelies [Loests Ehefrau, S.K.] und sagt es dem Chronisten in einer Mischung von Vorwurf und Anerkennung: Wurdest ganz schön selbstbewußt, hast dich verblüffend rasch verändert. Die große Klappe hattest du immer, aber jetzt nahm deine Selbstironie ab. (177)

L.s wohnten unterdessen in der Oststraße nahe dem Zentrum, sie hatten eine geräumige Wohnung eingetauscht, […] Einer der ersten Fernsehapparate weit und breit stand hier, an manchem Abend versammelte sich ein Dutzend Freunde um ihn. […] Einer, der wenig trank einer nicht gänzlich auskurierten Tbc wegen war Zwerenz. In seinem Buch, »Der Widerspruch« (S. Fischer Verlag, 1974), liet sich das so: (268f.)

Es folgt eine Passage aus dem Buch von Gerhard Zwerenz, die Loest unkommentiert stehen lässt. Fremde Quellen, sofern vertrauenswürdig, behandelt der Chronist gleichberechtigt zu den eigenen Erinnerungen.

Der Chronist ist sich nicht sicher, ob schon Janzen dieses Wort […] gebrauchte. (278)

Von welchem Freund? Ihn zu nennen wirkte vielleicht auch nach so vielen Jahren noch als Denunziation. […] Über das Verhalten von diesem und jenem war sich L. damals schon nicht in jeder Phase klar; darüber zu schreiben, brächte manchen womöglich in falsches Licht. Nicht alle, die redeten und dachten wie L., sahen sich später auf der Anklagebank wieder – warum waren sie davon gekommen? […] Lassen wir ein paar Namen, eine Paar Schicksale weg. Daß L. sich weiterhin dem Chronisten zu stellen hat, bleibt von dieser Überlegung unberührt. (282)

Wenig bewahrte das Gedächtnis über diesen Sommer. Fuhr er mit dem Rad zum Baden? Ging er mit den beiden größeren Kindern spazieren, Robbi im Wagen? Wie kam Annelies mit den dreien zurecht? Wie wenig oder wie viel half er ihr? Er schrieb, nun ja, das hatte er immer getan. (317)

Das Gedächtnis selbst, die wichtigste Quelle des »Chronisten«, erscheint als Archiv, das weder zu L. noch zu ihm gehört. Diese Unkörperlichkeit des Gedächtnisses ist eine Folge der Er-Er-Perspektive. Sie hat auch mit dem Gefühl der Distanz zu tun, das mich als Leser von Loests Autobiografie begleitet. Das Leben stach ihn, aber als Autor war Erich Loest die Nadel wichtiger als der Schmerz.