Schlagwort: autobiografisches Schreiben

#30 — Strand oder Berge?

Strand oder Berge

Mit 16 Jahren war ich zum ersten Mal am Meer. Es war die Nordsee in der Nähe von Cuxhaven und ich gebe zu, dass ich kaum beeindruckt war. Das ozeanische Gefühl blieb im Watt stecken. Gepackt hat es mich erst zwei Jahre später, mit 18 Jahren auf Interrail-Tour, auf der Fähre von Brindisi auf die Insel des Pelops, wo ich mich nachts an Deck wie Odysseus fühlte, der den Sirenen lauscht. Es gehörte seither zu meinen Lieblingswunschträumen, am Meer zu leben, und dabei dachte ich jahrzehntelang nur ans Mittelmeer. Die Frage »Strand oder Berge?« hätte ich in einer Tausendstelsekunde beantwortet.

Mächtiger vielleicht als die Landschaft, aus der wir stammen, die heimatliche Landschaft, wirkt in uns eine Landschaft der Sehnsucht. Aufgeschnappt im Urlaub oder erlesen in Romanen, gesehen in Illustrierten oder Kunstausstellungen. Ein fremdes und doch vertrautes Terrain, wo das Leben, so scheint es, ungehinderter fließen würde oder wird. Mittelmeer oder Alpenhütte, urbanes Dickicht, Glasfassaden, Strand oder Berge?

Schreibidee #30: Beschreiben Sie Ihre Sehnsuchts-Landschaft und woher Sie sie kennen.

Hinweis 1: Bleiben Sie bei Ihren Erlebnissen und Erfahrungen, wenn Sie die Landschaft beschreiben und auch, wenn Sie erzählen, wie Sie auf sie gestoßen sind oder sie erfunden haben. Überlassen Sie die Deutungen Ihren Lesern.

Hinweis 2: Vermeiden Sie alle bewertenden Adjektive (»schön«, »herrlich«, »angenehm«, »beschwerlich« etc.). Vermitteln Sie statt dessen ein konkretes Bild Ihrer Landschaft (»windig«, »zerklüftet«, »mit zotteligem Gras bewachsen«).

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#27 — Ein Gegenstand, der mich als Kind faszinierte

Zapfen

Der kindliche Geist vergleicht nicht, sondern nimmt jedes Ding und jedes Ereignis als etwas Einmaliges, Erstmaliges, Absolutes. (Klaus Mann)

Was uns als Kind faszinierte und vor allem: woran wir aus der Vielfalt von Sinneseindrücken und Spielgelegenheiten uns noch heute erinnern, gehört zu den festen Bestandteilen unserer »Weltsicht«. Manche Vorlieben, manche Sammelleidenschaften sind durch die ersten intensiven Kontakte mit der Welt um uns herum zu erklären, die wir als Kinder erlebten. Darum lohnt es sich, einmal genauer hinzusehen und auch den unbelebten Dingen etwas Zeit zu widmen.

Schreibidee #27: Schreiben Sie von einem Gegenstand, der Sie als Kind faszinierte.

Hinweis 1: Versuchen Sie, sich wirklich auf einen Gegenstand oder eine bestimmte Art von Gegenständen zu konzentrieren. Vermeiden Sie eine bloße Aufzählung.

Hinweis 2: Beschreiben Sie den Gegenstand möglichst genau, so wie er Ihnen als Kind vorgekommen ist.

Hinweis 3: Woran wir uns erinnern, hängt auch mit der gegenwärtigen Situation zusammen, in der wir schreiben. In einer Schreibwerkstatt zu Herbstbeginn erinnerten sich gleich drei Teilnehmerinnen unabhängig voneinander an die Farbe, handschmeichelnde Glätte und die »feuchte Kühle« von Kastanien.

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5 Tipps für spannende(re) Reiseberichte

Wie kann man Reiseberichte oder Reisegeschichten so gestalten, dass sie die Reise nicht bloß dokumentieren, sondern auch für Leser interessant und spannend sind?
Als Teil Ihrer Biografie, nicht als Reiseführer.

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Günter Waldmann: Autobiografisches als literarisches Schreiben

Die meisten Autobiografien folgen der „klassischen“ Form: Der Autor oder die Autorin berichtet von ihrem eigenen Leben in der 1. Person oder Ich-Form und hält sich dabei mehr oder weniger genau an die chronologische Reihenfolge. Diese Art von Lebensbericht ist besonders leserfreundlich: Die Chronologie lässt uns die Ereignisse leichter einordnen, als wenn zwischen Schauplätzen und Lebensaltern hin und her gesprungen wird. Außerdem kommen wir nicht mit der Hauptfigur durcheinander: Sie ist eben jenes „Ich“, das erzählt und von dem zugleich erzählt wird. Und außerdem steht ihr Name auf dem Buchdeckel. Anders als bei Romanen müssen wir bei Autobiografien nicht zwischen dem Autor und seinem Gegenstand unterscheiden. So scheint es. Und daran kann sich der autobiografisch Schreibende orientieren, oder?

Kritik an der konventionellen Form

Der Literaturdidaktiker Günter Waldmann hat Einwände. Sein äußerst lesenswertes Buch „Autobiografisches als literarisches Schreiben“ (Schneider Verlag, Hohengehren 2000) ist beinahe so etwas wie ein ausführlich formulierter Einwand gegen die schnelle Beruhigung des autobiografischen Schreibens bei jener klassischen Form. Waldmanns zentrale These:

Die uns vertraute Autobiografie […] wurde entwickelt, um ein bestimmtes […] Welt- und Menschenbild darzustellen: das des Individualismus, das heißt das […] Bild vom selbstgesetzlichen Individuum als Sinnmitte der Welt. (Waldmann, S. 55)

Dieses Menschenbild ist heute fundamental fragwürdig und obsolet geworden. Daher hat die Erzählform des geordnete und heile Welten bewirkenden autonomen Mittelpunktshelden heute literarisch nur noch in der Trivialliteratur Belang – und in konventionell, in sukzessiv geordneter Ich-Form geschriebenen Autobiografien, wo diese Form noch immer als zeitlos und „natürlich“ gilt. (56)

Waldmann argumentiert ohne Wenn und Aber. Ich teile sein Urteil nicht uneingeschränkt. Weder glaube ich, dass das skizzierte Menschenbild des Individualismus gänzlich obsolet ist oder verschwinden sollte. Noch halte ich die klassische oder konventionelle Form der Autobiografie für völlig unzeitgemäß. In den letzten Jahren und Jahrzehnten wurden großartige Autobiografien in dieser Form verfasst, Marcel Reich-Ranicki („Mein Leben“, 1999) etwa wählte sie sicherlich nicht aus Unkenntnis oder aus Nähe zur Trivialliteratur.

Schwierige Chronologie, brüchiges Ich

Von Waldmanns Kritik kann man jedoch etwas Wichtiges lernen: Es gibt keine „naturgegebene“ Form für das autobiografische Schreiben. Jede Form ist geschichtlich entstanden und verhält sich daher keineswegs neutral zum Inhalt. Es lohnt sich, einige mögliche Formen zu kennen und sie bewusst zu wählen – sonst vermittelt man über die Form womöglich ein falsches Bild von sich und den eigenen Erinnerungen.

Die Chronologie beispielsweise, sie ist nicht einfach gegeben. Wir oft irren wir uns beim Erinnern über das Vorher und Nachher, müssen Freunde fragen, Lexika und private Aufzeichnungen heranziehen. Wer eine konventionelle Autobiografie schreibt, stellt die Chronologie wieder her und übt sich als der eigene Historiker. Dabei könnte er den Vorgang des Erinnerns auch selbst in den Mittelpunkt stellen und den Leser an der Auseinandersetzung mit Reihenfolgen und Ursache-Wirkungs-Beziehungen teilhaben lassen.

Und wie ist es mit dem Status des „Ich“? Waldmann erklärt zu Recht, dass das sich erinnernde Ich (Sie, wenn Sie autobiografisch Schreiben) keineswegs einfach identisch ist mit dem erinnerten früheren Ich. Nicht selten fällt es uns schwer, zu verstehen, warum wir so oder so gehandelt haben. Im Laufe des Lebens können wir uns fremd werden, und wir können uns wieder finden. „Im Alter von fünf Jahren konnte ich stundenlang unter dem Küchentisch sitzen und mit den Spielzeugautos beschäftigen, die ich zu Weihnachten von Onkel August geschenkt bekommen hatte“ – wer so etwas schreibt, zehrt mit großer Wahrscheinlichkeit von fremden Erinnerungen oder Geschichten. Er schreibt von einem Ich, dass er heute kaum mehr „in sich“ wiederfinden kann. Schon darum nicht, weil der Fünfjährige eine völlig andere Sprache sprach, ganz anders dachte, und unterm Tisch sicherlich keinen Zusammenhang mit Weihnachten sah.

Autobiografisches Schreiben in vielen Formen

Wer autobiografisch schreibt, muss sich entscheiden, ob er – des Leseflusses willen oder aus anderen Gründen – die Illusion des bruchlosen Ich beibehalten will, oder sich anderer Erzähltechniken bedient, um Nähe und Distanz, Lücken und Kontinuität auszudrücken.

Ob die konventionelle Form der Autobiografie, wie Waldmann meint, philosophisch wie politisch unhaltbar geworden ist, möchte ich offen lassen. Diese weitreichende Frage verlangte eine weitreichende Antwort –womöglich in Buchform. Unabhängig davon kann man sagen: Für jeden, der (auto)biografisch schreibt, ist es nützlich, möglichst viele literarische Formen zu kennen, in denen man über sich selbst und die eigene Welt schreiben kann. Nur so lässt sich die jeweils passende Form auswählen.

Und hier ist Waldmanns Buch ein echter Schatz: Es unterscheidet ein Dutzend verschiedene Formen autobiografischen Schreibens, führt unzählige Beispiele auf und stellt 16 „Erzählmodelle“ dar, die im „modernen autobiografischen Schreiben“ Verwendung fanden. Von Arno Schmidt bis Peter Härtling, von Luciano De Crescenzo bis Franz Innerhofer. Jedes Buch wird ausführlich vorgestellt, zitiert, analysiert. Ein unerschöpflicher Steinbruch von Ideen – und Lesestoff für mindestens ein Jahr.

Der rote Faden — was ist das eigentlich?

In diesem Video geht es um den berühmten roten Faden. Warum muss der eigentlich rot sein? Was hat er mit dem Minotaurus aus der griechischen Mythologie zu tun? Und wieso hatte auch hier wieder Goethe seine Finger im Spiel?

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#20 — Postkartengeschichten

Postkarten

Postkarten sind eine gute Inspirationsquelle — ob es die eigenen sind, die man bekommen oder nicht abgeschickt hat, ob sie beschrieben wurden oder nur gesammelt. Oder ob sie, wie in diesem Fall, aus fremden Quellen stammen und aus Nachlässen, Flohmärkten, aus dem Altpapier gerettet wurden. Wenn Sie keinen Stapel alter Postkarten zu Hause haben, können Sie hier welche herunterladen und entpacken.

Schreibidee #20: Wählen Sie aus einem Stapel fremder Postkarten diejenige aus, deren Motiv Sie am stärksten anspricht. Lassen Sie sich von Ihren spontanen Einfällen leiten und schreiben Sie einen Text, dessen erste Sätze so beginnen:
»Ich war einmal …«
»Dort habe ich …«

Hinweis 1: Sie müssen nicht über den Ort schreiben, der auf der Karte zu sehen ist. Es geht um Ihre Assoziationen. Es könnte sich auch um eine Orts-Metapher handeln, einen inneren »Ort« oder den Ort einer Begegnung.

Hinweis 2: Auch wenn der zweite Satz mit »habe« beginnt, sollten Sie nicht den gesamten Text in der zusammengesetzten Vergangenheit (Perfekt) schreiben. Das Präteritum ist meistens die schönere Erzählzeit.

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# 19 — Ringe

Ring, Kopie

In dem erstaunlich interessanten Schmöker »Frauen und Kleider« der kanadischen und amerikanischen Autorinnen Leanne Shapton, Sheila Heti und Heidi Julavits geht es nicht um Mode im engeren Sinn oder deren Geschichte, sondern um die Rolle, die Kleider, Schmuck, das Anziehen und »Herausputzen« in den Biografien der 561 Frauen spiel(t)en, die zu Wort und Bild kommen. Eine von vielen darin dokumentierten Projekten zum Thema heißt »Ring-Zyklus«: »Fünfzehn Frauen aus einer Zeitungsredaktion fotokopieren ihre Hände und erzählen die Geschichte ihrer Ringe.«
Hier ein Beitrag (alle sind kurz, in einer Redaktion ist wenig Zeit):

ROBERTA ZEFF Diesen Ring hat mir mein Mann zum Hochzeitstag geschenkt, ich weiß nicht mehr zu welchem. Der kleine war ursprünglich der Ehering meiner Großmutter im Jahr 1963, als meine Großeltern noch nicht viel Geld hatten. Es ist ein ganz kleiner, unscheinbarer Ring. Später hatte sie viele spektakuläre Ringe, aber mit diesem hat sie angefangen, deswegen habe ich ihn immer geliebt. Er hat eine Inschrift. Es sind die Initialen meiner Großeltern und das Datum ihrer Hochzeit: H.P. und C.L., 2-1-36.

Schreibidee #19: Fotokopieren Sie Ihre Hand und schreiben Sie die Geschichte Ihres Rings/Ihrer Ringe auf die Kopie.

Hinweis: Ringe sind höchst symbolische Gegenstände. Betonen Sie die Symbolik nicht. Bleiben Sie konkret und lassen Sie die Bedeutung »durchscheinen«.

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Peter Härtling: Zwettl

Peter Härtling im Gespräch (2003)

Ein vielbändiges Werk

Peter Härtling starb am 10. Juli dieses Jahres (2017). Ich kannte ihn vor allem wegen seiner wunderbar ehrlichen Kinderbücher (vor allem »Ben liebt Anna« (1979); »Sophie macht Geschichten« (1980), die ich gerne meinen Töchtern vorlas) und als Autor eines Hölderlin-Romans. Außerdem wusste ich, dass er viel über Musiker geschrieben hatte. Daher war ich ein wenig erstaunt (und betroffen), als in einem Nachruf des Radiosenders hr2 besonders des autobiografischen Werks von Härtling gedacht wurde. (Sein Schaffen geht über diese drei Schwerpunkte noch hinaus: Er hat auch viele Gedichtbände publiziert und »nichtbiografische« Romane.)

Nun musste ich schnellstens daran gehen, das im Nachruf sehr gelobte autobiografische Werk Härtlings zu erkunden. Es besteht aus diesen Büchern:

  • Zwettl. Nachprüfung einer Erinnerung (1973)
  • Nachgetragene Liebe (1980)
  • Der Wanderer (1988)
  • Herzwand (1990)
  • Leben lernen (2003)

Es wäre reizvoll, die den unterschiedlichen Themen und Zeitabschnitten angepassten Herangehensweisen in diesen Büchern zu vergleichen. Doch vorerst reichte die Zeit nur für die Lektüre des schmalen, nur etwa 150 Seiten dicken »Zwettl«. Doch diese Seiten haben es in sich — die Lektüre sei jedem wärmstens empfohlen, der sich für das Genre interessiert.

Zwettl

Das Buch handelt von der Zeit, die Peter Härtling in dem Ort Zwettl in Niederösterreich verbrachte. Etwa ein Jahr, am Ende des Krieges. Peter war noch keine zwölf Jahre alt, als die Familie Härtling fliehen musste. Zwettl, vom Vater ausgesucht, wurde zu einer Zwischenstation. Im Juni 1945 starb der Vater in sowjetischer Kriegsgefangenschaft, die Mutter wurde vergewaltigt und beging kurze Zeit später Selbstmord. Der in zu kurzer Zeit aus seiner Kindheit entlassene Härtling versucht, sich irgendwie zu orientieren. Er beobachtet, hält aus, kämpft, lebt weiter.

Für Härtling war es bestimmt auch nach den gut zwanzig Jahren, die Anfang der Siebzigerjahre vergangen waren, nicht leicht, über diese Erfahrungen zu schreiben. Er bewältigt die Aufgabe, indem er alle Urteile beiseite lässt und tut, was der Untertitel verrät. Er überprüft seine Erinnerung, besucht Zwettl, stellt Fragen. Die bloß gespielte Gewissheit lückenlos erzählter Vergangenheit ersetzt er durch die Klarheit, die sich einstellt, wenn alle Verluste auch also solche benannt werden. Zu den realen Verlusten treten Erinnerungsverluste, und das, so lese ich manche Passagen, kann auch gut und heilsam sein.

Die Klarheit und Ehrlichkeit von Härtlings Selbst-Überprüfung drückt sich auch sprachlich aus. Etwa wenn er sich korrigiert und gerade in der Doppelung präziser wird als er es durch einfaches Benennen sein könnte:

die Stube ist, ich konnte es ausrechnen, als ich durch das Fenster schaute, auf meinem unsicheren Streichgang über die Pawlatschen im Jahre 1971, etwa dreimal vier Meter groß, zwölf qm,
sie richteten sie ein,
sie haben sie nie eingerichtet, es sich einige Dinge hinzugekommen, zufällig

Härtling nimmt uns als Leser mit, während er über seine Zeit in Zwettl nachdenkt. Er schreibt nur »ich«, wenn er das Subjekt der Erinnerung ist. Schließt er nur auf das Leben, das er als Junge geführt haben muss, schreibt er in der dritten Person:

diese Gegenstände sehe ich noch deutlich vor mir: sie müssen ihn vergnügt, er muß oft mit ihnen gespielt haben

Korrekturen

Ein Kapitel heißt »Die Körstube (IV): Korrekturen «, denn der Autor lässt sich von seiner »Tante K.« korrigieren und nimmt doch nicht ganz zurück, was er geschrieben hat. Er lässt es stehen:

Sie hätten, berichtigte Tante K., nicht die ganze Zeit auf Schreibtischen geschlafen, es sei arg genug gewesen, und L. habe nie im Stockbett geschlafen; das ist ein Irrtum, das kann ich genau sagen […]
ich habe alles falsch erinnert, ich habe meinen Kinderschlaf falsch geschlafen, meine Träume an einen falschen Ort verlegt; ja, jetzt weiß ich es, […]

Dieses Nachforschen und Korrigieren wird dem Leser nicht zu viel, weil er Anteil nimmt an beiden Hauptfiguren, dem »ich«, das erinnert, aber auch dem Jungen, an den erinnert werden soll. Und weil sich in der Nachprüfung Einsichten ergeben, die die psychologische Kraft des Erzählens demonstrieren:

das Haus war nicht übel, erzähl Tante K., wir schliefen in einem Bett, ich habe uns sogar Tee kochen können, und an der Decke des Zimmers, in dem wir schliefen, war ein breiter Sprung, darum hatten wir ein wenig Angst,
ich habe dieses Haus, auch dieses Zimmer vergessen gehabt, aber jetzt weiß ich, weshalb ich manchmal träume, ich läge in einem Bett unter einer gesprungenen Decke, der Sprung wird weiter, klafft und die Decke stürzt auf mich herab;

»Wenn man tief genug in sich selbst, in seine Eigenarten eindringt, taucht man unvermeidlich in anderen Menschen wieder auf«, schrieb der Bürgerrechtler und Theologe Howard Thurman. An diesen Satz musste ich bei der Lektüre von Zwettl häufiger denken. Nie wirkt es selbst-verliebt, was Härtling schreibt. Die Menschenfreundlichkeit, die ich aus seinen Kinderbüchern kannte, wendet er auch auf sich selbst an — und das war wohl eines der Rezepte, nach denen er zu »Leben lernte«. Bestimmt werde ich weiter Härtling lesen, um das noch besser zu verstehen.

P.S.

In einem Youtube-Video beschreibt Härtling Bilder seiner Kindheit vor und nach Zwettl. Mit einer angenehmen, sanften Stimme, die er auch als Moderator einer Literatursendung einsetzte.

# 14 — Wahre Weihnachtsgeschichte

Engelsflügel auf dem Weihnachtsmarkt

Ich kenne eine Weihnachtsgeschichte, in der ein Vater einer Mutter einen Bildband von Norwegen schenkt.

Wir betrachteten gemeinsam die Bilder. Da waren hohe Berge, Meer und Wasserfälle zu sehen und hübsche kleine rote Häuschen. Papa sagte: »Wenn der verdammte Krieg vorbei ist, dann zeige ich euch beiden dieses wundervolle Land.«

Für den Vater sollte der Krieg nie vorbei gehen. Er starb »keine zwei Jahre nach diesem Weihnachtsfest«.

Die Geschichte stammt aus dem Buch »So feierten wir damals. Erlebte Geschichten durch das Jahr«.

Weihnachtsgeschichten müssen nicht aus märchenhaften, wunderbaren Geschehnissen zusammengesetzt werden. Das Weihnachtsfest ist selbst symbolisch genug, wir kennen seinen hohen Gefühlswert, sodass in dieser Bilderwelt noch die kleinste Beobachtung rührend wirken kann. In einer Weihnachtsgeschichte kann eine halbe Kindheit erzählt werden, oder mehr als die halbe Geschichte einer Familie.

Schreibidee #14: Schreiben Sie eine wahre Weihnachtsgeschichte aus Ihrem Leben

Hinweis: Die »Wahrheit« der Geschichte muss nicht in der Genauigkeit der Details liegen, sondern in dem, was sie über die beteiligten Menschen erzählt. Sie kann humorvoll, traurig, bissig-satirisch sein oder jedes andere Gefühl zum Ausdruck bringen, das Sie dem Weihnachtsfest gegenüber hatten oder haben.

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#13 — Kleider

Frau vor Schaufenster

Kleid Nr. 2 war […] aus brauner Schurwolle, züchtig geschnitten mit einem Tulpenrock, der oben anlag und unten weit war, einem hochgeschlossenen Kragen, der durch einen kleinen kreisrunden Schlüssellochausschnitt aufgelockert wurde, und Leisten von Goldknöpfen am Hals und an den Handgelenken. Ich war monatelang um das Kleid herumgeschlichen, bis ich genug Geld gespart hatte, um im Ausverkauf zuzuschlagen. Es kam in mein Leben, als ich gerade meinen ersten Bürojob antrat, und war die perfekte Uniform für das effiziente, asexuelle Faktotum, als das ich mich sah. Es wurde mein Markenzeichen im Büro und passte zu dem distanzieren, witzelnden Ton, den ich damals gern anschlug. Mein Freund verbrachte gerade ein Jahr im Ausland, und mir gefiel, dass das Kleid meine Unabhängigkeit und meine Unerreichbarkeit signalisierte. Kurz, Kleid Nr. 2 gab mit das Gefühl, Gold wert zu sein.

Dieses Zitat der Autorin Sadie Stein stammt aus dem Buch »Frauen und Kleider. Was wir tragen, was wir sind«, einem Sammelsurium voller biografischer Texte, Interviews und Dialoge zum Thema Kleidung, die 2015 als Übersetzung im S. Fischer Verlag herauskam. Es bietet keine Stilberatung, auch keinen Mode-Überblick, sondern zeigt, wie sehr Kleidung (Mode) als Ausdruck und Vergewisserung der jeweils eigenen Identität verstanden wird. Eben nicht nur »was wir tragen«, sondern auch »was wir sind«. (Und das gilt nicht allein für Frauen, glaube ich, aber sicherlich etwas mehr.)

Kleider sind nicht allein Gebrauchsgegenstände, sondern auch Zeichen. Bewusst oder unbewusst werden sie interpretiert und drücken etwas aus. »Kleider machen Leute«, bestimmen also die Art, wie wir von anderen gesehen werden. Darum kann man sie auch nutzen, um zu zeigen, wie man sich selbst sieht oder gesehen werden möchte.

Schreibidee #13: Schreiben Sie über ein Kleidungsstück, das Ihnen wichtig war. Was sagte es darüber aus, wer sie waren oder sind?

Hinweis: Erzählen Sie zuerst die Geschichte, woher das Kleidungsstück stammt, und beschreiben Sie es ausführlich. In einem zweiten Schritt erzählen Sie davon, zu welcher(n) Gelegenheit(en) sie es getragen haben und wie es mit Ihrem damaligen »Lebensgefühl« und damit zu tun hat, wie Sie sich sahen oder gesehen werden wollten.

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#12 — Kindheitsperspektiven

Kinder-Perspektiven

Über die eigene Kindheit lässt sich auf vielerlei Weisen schreiben. Zum Beispiel kann man ganz unterschiedliche Perspektiven wählen. Der Autor oder die Autorin kann aus seiner gegenwärtigen Sicht schreiben und alles Wissen und Können heranziehen, das er seit seiner Kindheit erworben hat, seine Kenntnis der Familiengeschichte, der Psychologie oder der historischen Umstände. Oder er/sie versetzt sich so weit wie möglich in das Kind-Ich, das er einmal war, und schreibt aus dessen Perspektive, das heißt so, dass nicht mehr beschrieben und erläutert wird, als es das Kind hätte tun können. Und in seiner kindlichen Sprache. Eine Herausforderung, der man niemals ganz gerecht werden, die aber interessante Einsichten und Tonlagen hervorbringen kann. (Ein Beispiel für die Verwendung der Kinder-Perspektive ist Hugo Hamiltons Buch »Gescheckte Menschen«)

Schreibidee #12: Schreiben Sie über eine Episode ihrer Kindheit aus zwei Perspektiven. Einmal aus der des Kindes, das sie waren, und ein zweites Mal in ihrer heutigen Sprache und mit ihrem heutigen Hintergrundwissen.

Hinweis: Fangen Sie mit einer kleinen, nicht allzu bedeutsamen Episode an, also einer kleinen Geschichte. Lassen Sie die beiden Texte anschließend eine Woche liegen, und überlegen Sie dann, worin die Vor- und Nachteile der jeweiligen Herangehensweise liegen.

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Emmanuel Carrère: Alles ist wahr

Emmanuel Carrère 2009

Wer das Buch des französischen Drehbuchautors und Schriftstellers Emmanuel Carrère in die Hand nimmt, den Klappentext liest und das Titelbild betrachtet, muss annehmen, dass es (ausschließlich) die Geschichte eines Paares erzählt, das in der Tsunami-Katastrophe 2004 seine kleine Tochter verlor. Tatsächlich nimmt diese Geschichte jedoch nur einen verhältnismäßig kleinen Teil des Buches in Anspruch, die ersten 50 Seiten von ungefähr 240. Carrère hat die Tragödie während eines Urlaubs in Sri Lanka miterlebt, er selbst hätte Opfer des Tsunami werden können und beschreibt die Tage danach, in denen seine Frau Hélène und er sich an ihrem zur Hälfte zerstörten Ferienort um die Eltern und den Großvater des toten Kindes kümmern, in großartiger Eindringlichkeit und Prägnanz. Der Text ist autobiografisch, weil er der Perspektive des Autor-Ichs verpflichtet bleibt und offen von seinen Gefühlen und Grenzen spricht, doch dabei konzentriert er sich auf die Menschen, die dem Ich begegnen, und versucht, ihrem Leiden schreibend gerecht zu werden. Sie sind die eigentlichen Hauptpersonen des Buchs, das so zu einer „Mischung von Autobiografie und Reportage“ wird, wie Lauren Elkin in ihrer gründlichen Analyse von Carrères Werk schreibt (englisch).

Falsch vorbereitet durch den Klappentext (und vom vagen deutschen Titel »Alles ist wahr«), wundert man sich als Leser, wenn Carrère auf Seite 54 scheinbar das Thema wechselt und nun seine Schwägerin Juliette in den Mittelpunkt stellt, die Anfang dreißig, noch am Beginn ihrer Karriere als Richterin, Mutter dreier kleiner Töchter, einen Krebs-Rückfall erleidet und binnen eines Jahres stirbt. Zur dritten Hauptperson wählt er sich den Arbeitskollegen Juliettes, der sich der Familie nach ihrem Tod vorstellt, um ihnen von Juliettes großen Leistungen als Richterin zu erzählen, Étienne Rigal. Wie Juliette litt er bereits in jungen Jahren an Krebs, so dass ihm das Bein amputiert werden musste. Anders als im Falle der Tsunami-Tragödie beginnt der Autor nun zu recherchieren, spricht mit Juliettes Mann und ihren Eltern, ganz ausführlich mit Étienne und absolviert sogar eine Art »Praktikum« im Amtsgericht von Vienne, um dessen und Juliettes richterliche Praxis nachvollziehen zu können.

Wo ist der Zusammenhang?

Die Kritik liegt nahe: Hängt das alles nachvollziehbar zusammen? Thomas Laux von der Neuen Züricher Zeitung (Artikel vom 1. Juli 2014), meint: nein. Die Mixtur aus autobiografischem Material, französischem Strafrecht und den Leiden von Krebskranken und Amputierten bliebe unverständlich. »Flüchtigkeit allen Seins«, das sei als einigendes Thema zu wenig. (Das und mehr Kritiken des Buchs sind hier zu finden.) Was Laux womöglich übersieht, ist der Lektüreschlüssel, den uns Carrère mit dem französischen Originaltitel mitgibt, der »D’autres vies que la mienne« lautet, »Von anderen Leben, als meinem«. Ziel Carrères war es also gerade, sich auf das Leben von Menschen zu konzentrieren, die ihm auf die eine oder andere Art begegneten und die ihm bedeutsam vorkamen, ohne dass er dabei seine grundlegende Technik der offen autobiografischen Herangehensweise aufgeben wollte. Der Autor und Erzähler bleibt stets im Bild, was den Bericht an vielen Stellen besonders wahrhaftig erscheinen lässt. Die Recherche wird miterzählt, die Entstehung des Textes nachvollzogen, was ich vor allem als biografisch Schreibender zu schätzen weiß. Anders als bei reinen Biografien, die im historisch-neutralen Stil gehalten oder romanhaft gerundet werden, macht er sich mit dieser Vorgehensweise jedoch auch angreifbar: Der Grat zwischen Wahrhaftigkeit und einem Sich-ins-Bild-Drängeln des Autors ist schmal wie der Zwischen Mitgefühl und Voyeurismus.

Entwicklung einer »Methode«

Emmanuel Carrères berühmtestes Buch (auf Deutsch derzeit leider nicht lieferbar) heißt »Amok« (frz.: »L’Adversaire«) und erzählt von einem Mann, der seine Familie nach achtzehn Jahren der Lüge, in denen er allen vorgemacht hatte, ein angesehener Arzt zu sein, umbrachte, um unentdeckt zu bleiben, Eltern, Frau und Kinder. Um diese Ungeheuerlichkeit begreifen und über diesen Fall schreiben zu können, entwickelt Carrère jene besondere Erzählweise, in der die Recherche und das Leben des Autors zusätzlich thematisiert wird, um dem Leser keine fertigen Behauptungen und Analysen vorsetzen zu müssen. Im Vorgängerbuch zu »Alles ist wahr«, »Ein russischer Roman« erforschte er in ähnlicher Weise das Leben seiner eigenen Familie, vor allem das Geheimnis um seinen georgischen Großvater. Von hier, einer Recherche in ganz eigener Sache, ist die Wendung zu »anderen Leben als meinem« zu verstehen.

Was kann man lernen?

Worin besteht nun die besondere Qualität von Carrères Buch, die es auch lehrreich macht für alle, die (auto)biografisch schreiben? In seiner Offenheit ähnelt es den Büchern von Karl Ove Knausgård — oder vielmehr umgekehrt, denn Knausgård begann erst 2009, seine sechsbändige Autobiografie zu veröffentlichen. Carrère dagegen steht in der Tradition der französischen »Autofiktion«, dem literarisch ambitionierten und mit fiktionalen Techniken angereicherte autobiografischen Schreiben. Was gerade »Alles ist wahr« interessant macht, sind zwei Stärken: Die große Zahl der Figuren-Porträts, die von knappen Formulierungen bis zur ausgearbeiteten Charakterstudie reichen, und die Stellen, in denen Carrère seine eigene Vorgehensweise vorstellt und für den Leser durchsichtig macht.

Beispiele

Bei der Charakterisierung seiner »Figuren« achtet Carrère besonders auf das Milieu oder die soziale Schicht, etwa in dieser Passage auf S. 157 der deutschen Taschenbuch-Ausgabe:

Juliette wohnte bei ihren Eltern, und jedes Mal, wenn er sie in ihrer großen Wohnung in der Nähe von Denfert-Rochereau aufsuchte, fühlte er sich fürchterlich unwohl. Als hochrangige Wissenschaftler sind Jacques und Marie-Aude katholisch, elitär und konservativ, und Patrice hatte das Gefühl, dass sie auf ihn von oben herab blickten — wie auch auf seine Familie, in der man provinziell und Real- oder Grundschullehrer ist und mit alten Klapperkisten voller Anti-Atomkraft-Stickern herumfährt. Das Dogma seiner Familie ist die Diskussion: Man kann über alles, ja muss über alles diskutieren, aus der Diskussion entspringt die Erkenntnis. Nun ist aber in den Augen von Juliettes Eltern — wie übrigens auch in denen meiner eigenen — mit einem Öko aus den Savoyen, der glaubt, Mikrowellengeräte seien gesundheitsschädlich, etwas so viel Diskussion möglich wie mit einem, der behauptet, die Erde sein flach […]

Zuletzt einige Beispiele für Carrères biografische Offenheit und Transparenz:

Ich weiß nicht, ob der vorige Absatz letztlich im Buch stehen wird. Étienne hatte sich klar und deutlich ausgedrückt: Du kannst über alles schreiben, wovon ich dir erzähle, ich möchte nicht die geringste Kontrolle ausüben. Trotzdem könnte ich gut verstehen, wenn er vor der Veröffentlichung den Text lesen und mich bitten würde, über diese Episode kein Wort zu verlieren. Eher aus Rücksicht auf seine Familie als aus Scham, denn ich bin mir sicher, dass er sich nicht dafür schämt: […] Von dem, was ihn menschlich, arm, fehlbar und großartig macht, will er nichts abschneiden, und deshalb will auch ich die Erzählung seiner Lebens nicht beschneiden.
(Notiz von Étienne, am Seitenrand des Manuskripts: „Kein Problem, behalt es drin.“)(S. 101f.)

Ab hier bewege ich mich auf dünnem Eis. Ich nehme an, dass er in seiner Analyse viel von seinem Krebs gesprochen hat, und um die Dinge beim Namen zu nennen: Es erstaunt mich, dass Étienne bei einem solchen Glauben ans Unbewusste einer psychosomatischen Interpretation von Krebs so ablehnend gegenübersteht. […]
Er sagte das bereits am ersten Tag, dem Tag der Begegnung mit Juliettes Familie, und er wiederholte es mehrmals bei unserem ersten Zwiegespräch, und ich nickte jedes Mal, als sei ich seiner Meinung; aber tatsächlich bin ich mir nicht sicher, ob ich seiner Meinung bin.(108)

An dem Tag, als eine große Verbraucherbank Étienne um ein Treffen bar, lief ihm ein Schauer des Triumphes über den Rücken. Er schlug einen Termin vor. Zu viert betraten sie sein Büro: zwei Unternehmenskader, von denen einer extra aus Paris angereist war, und zwei Anwälte aus Vienne. Ich würde Ihre Begegnung gern wie eine Krimiszene erzählen. Sie beginn ganz harmlos mit einem Scherz: Sie sind also dieser Spielverderber? Doch dann verwandeln sich die Scherze in verdeckte Drohungen […] Schließlich bleibt der Redende vor dem Richter stehen und sagt mit verzerrtem Mund: Ich werde Sie plattmachen. Er schnappt sich irgendetwas vom Schreibtisch, zermalmt es zwischen seinen bleichen, nervösen Händen und lässt beim Öffnen der Faust die Reste herauskrümeln: Ich mache Sie so platt. Tatsächlich lief die Sache ganz anders. Das Gespräch blieb höflich […] (146)