Schlagwort: biografisches Schreiben

Manuela Tulle: »Schreiben und Bewegungstherapie haben viel gemeinsam«

Manuela Tulle studierte Sportwissenschaft mit den Schwerpunkten Rehabilitation und Behindertensport an der Deutschen Sporthochschule Köln. Mit 32 Jahren verließ sie ihren Mann und den Job in der Sportschule ihrer Schwiegereltern, um auf der Karibik-Insel Grenada ein neues Leben zu beginnen. Sie brach alleine auf. Ohne festen Plan.
Heute lebt sie in verschiedenen Welten. Sechs Monate im Jahr verbringt sie auf einem Segelboot in den Grenadinen und sechs Monate in Altweilnau im Taunus, dem Dorf ihrer Kindheit und Jugend.
Ich sprach mit ihr über die Rolle, die das Schreiben in ihrem Leben spielt.

Phasen des Lebens, Phasen des Schreibens

Stefan Kappner: Liebe Frau Tulle, in welcher Phase Ihres Lebens begannen Sie mit dem Schreiben?

Manuela Tulle: Das Schreiben über mich selbst hat erst begonnen, als ich aus der Ferne wieder zurück kam. Aber geschrieben habe ich schon als Teenager. Damals hörte ich gerne Liedermacher. Vor allem waren mir die Texte wichtig. Ich las sie auf den Plattencovern und Einlegern, bevor ich die Musik einschaltete. Ich spürte: Es sind zwei, drei Worte oder Liedzeilen, die etwas in mir bewirken. Dann fing ich an, zu schreiben. Ich weiß nicht, wie man diese Texte nennen könnte.

Waren es Gedichte?

Eher so etwas wie Gedankenfetzen. Es machte mir Spaß, meine Gedanken auf dem Papier zu sehen. In meiner Handschrift. Gedanken, die nicht von irgendjemand anderem kamen, sondern von mir selbst. Das fand ich schön.

Dann kam das Briefeschreiben. Briefe an Familienmitglieder aus dem Urlaub, das waren keine Wie-geht-es-Dir-mir-geht-es-gut-Briefe, sondern Beschreibungen von Landschaften und von Menschen, die ich kennenlernte. Ich wollte mich ausdrücken und teilen, wie schön das war, was ich erlebte.
Und dann ging in den Urlauben, mit 14 oder 15, das Verlieben los. Jetzt schrieb ich erst recht Briefe. Keine typischen Liebesbriefe – was auch immer typisch ist? Ich habe von meinem Leben erzählt. Und mich mit meinen Briefpartnern ausgetauscht. Wie ich über Dinge dachte, was ich schön fand oder nicht mochte, an der Schule zum Beispiel. Was ich statt dessen lieber getan hätte. Dabei war es mir immer wichtig, das der Jeweilige auch mit der Hand zurück schrieb. Das gefiel mir. Auch der Moment des Briefe-Öffnens. Das war alles Teil des Schreibens.
Mein Vater schätzte das geschriebene Wort und schrieb auch schöne Briefe an mich, als ich nicht mehr zu Hause wohnte. Wenn ich den Brief aus dem Kasten nahm und die von seiner Hand geschriebene Adresse sah, freute ich mich schon. So tauschten wir uns aus. In einer stillen Unterhaltung.
Noch immer schreibe ich alles per Hand, bevor ich es möglicherweise in den Computer tippe. Weil ich das Geschriebene gern in einer ansprechenden Form sehe, kaufte ich mir schöne Journals.

Ich merkte, dass das Schreiben auch dann stattfand, wenn ich nicht in Ruhe zu Hause saß, sondern unterwegs war.
Einmal, ich war vielleicht Anfang 20, fuhr ich im Auto und hatte eine Idee, die ich sofort notieren wollte. Also schrieb ich sie auf meine Jeans.
Heute habe ich immer ein kleines Notizbüchlein im Anorak. Vor drei Wochen fiel mir ein winziger Text ein, als ich durch denselben Wald ging, durch den ich so oft mit meinem Großvater spaziert war, um Pilze zu sammeln oder Rehe zu beobachten. Inzwischen wurde abgeholzt, viele Tannen sind abgestorben. Dennoch waren die Erinnerungen an meinen Großvater so stark, dass ich sie aufschreiben musste.

Schreib-Orte

Sie leben eine Hälfte des Jahres im Taunus, die andere in der Karibik. Wie wirken sich diese völlig unterschiedlichen Orte auf Ihr Schreiben aus?

Nicht allein aufs Schreiben, sondern auf mein ganzes Denken.

An beiden Orten fällt mir das Ankommen schwer. Wenn ich von hier nach dort fliege, nehme ich bestimmt noch für zwei Wochen in Gedanken Menschen mit, meine deutschen Patienten mit ihren Beschwerdebildern sitzen dann mit mir in der Karibik unter Palmen.
Langsam merke ich dann, wie mein Schreiben mehr Farbe bekommt, leichter wird, weil auch meine Umgebung dort so ist. In der Karibik beginne ich meine Tage im hellen Licht und in der Natur. Das kleine Cottage, in dem ich bis vor einer Weile lebte, besaß keine Fenster, nur einen Moskitovorhang. Also hört man Naturgeräusche, spürt den Wind, schmeckt die salzige Luft – so fallen auch die ersten Gedanken aufs Blatt. Drei Texte, die mir sehr am Herzen liegen, sind auf diese Weise entstanden. Ich saß im Garten und wartete auf das, was mir in den Sinn kommen würde. Was kam, war ein kleines Leguanbaby, es wird bloß einige Wochen alt gewesen sein, das auf meinen Stuhl kletterte und sich auf die Armlehne setzte. So begann ich zu schreiben. Davon, wie ich den Leguan betrachtete, die Adern unter seiner Haut. Wie er umgekehrt mich beobachtete. Irgendwann war der Text fertig.
Nun läuft einem im Taunus selten ein Leguan über den Weg, also schreibe ich hier, weil ich jeden zweiten Tag durch den Wald jogge, bis zu einem kleinen Weiher, über den Herbst und die Vergänglichkeit. Oder die Andersartigkeit der Menschen. Diese Texte besitzen eine andere Färbung.

Heimatlandschaft: Auf diesem Waldweg war Manuela Tulle schon als Kind unterwegs.

Spielt hier die Erinnerung eine größere Rolle?
Zwei oder drei längere Texte sind in Greneda im Rückblick auf meine Kindheit entstanden. Wodurch die Erinnerungen dort ausgelöst wurden, weiß ich gar nicht mehr.
Hier vermisse ich nach zwei Wochen das Im-Freien-leben. Dann muss ich alle Fenster öffnen, die Räume werden mir zu eng. Ich versuche, im Garten zu schreiben. Doch die Geräusche stören mich und was das Dorfleben mit sich bringt. Die Eingewöhnung dauert. In warmer Umgebung fühle ich mich wohler und bewege meinen Körper leichter. Und scheinbar auch meinen Geist.

Die Erinnerungen sind wohl überall und benötigen nur einen kleinen Anstoß. Sie brauchen nicht die Gegenwart des Elternhauses.
Nein, absolut nicht.

Schreiben in zwei Sprachen

Sie schreiben auf Deutsch und auf Englisch. So wie es den beiden Lebensorten entspricht. Dazu kommt, dass Ihr jetziger Mann Amerikaner ist und das Englische daher im Alltag sehr präsent. Welche Unterschiede gibt es zwischen den Sprachen?
Am Anfang habe ich mich zwingen wollen, deutsch zu schreiben. Weil ich dachte: Das ist meine Muttersprache, in der ich ein größeres und variantenreicheres Vokabular zur Verfügung habe. Doch dann musste ich mich zwingen, es aufs Papier zu bringen. Ich dachte in englischsprachigen Umgebungen einfach auch Englisch und fühlte mich eingeengt, wenn ich mich aufs Deutsche versteifte. Also beschloss ich: Jetzt schreibst du so, wie es fließt. Ich setze mich nicht mehr unter Druck.
Wenn ich tiefer über Dinge nachdenke und von Emotionen schreibe, vor allem von den liebevollen, und wenn ich in poetischer Stimmung bin, schreibe ich eher auf Englisch. Es fiele mir auch schwer, diese Gedanken zu übersetzen.

Was ich als kleines deutsches Kind erlebte, bleibt deutsch.

Wenn ich an die Kindheit zurückdenke, möchte nichts in mir Englisch schreiben. Die Sprache war damals noch nicht präsent, darum kommt sie auch nicht in der Erinnerung vor. Erst mit den englischen Songtexten fängt es wieder an, die ich als Jugendliche hörte.

In den letzten drei Monaten, in denen ich hier war, schrieb ich nur noch deutsch, und fand es schade, dass mein Mann so wenig davon verstand. Er spricht leider nur ein bisschen Deutsch. Als er mich nach Erinnerungen aus meiner Kindheit fragte, schrieb ich sie auf englisch nieder. Doch das fühlte sich so an, als beschriebe ich ein anderes Kind.
Ich erinnere mich auch noch an die ersten Briefe, die ich aus Amerika und dann aus Greneda nach Hause schrieb. Ich merkte gar nicht, dass ich darin ständig die Sprache wechselte. Erst meine Eltern machen mich darauf aufmerksam. Mein Vater kaufte sich dann ein Wörterbuch, auch weil er uns besuchen wollte.

Teenagerzeit ist (noch) kein Thema

Wann begannen Sie mit dem autobiografischen Schreiben?
Ich besuchte vor einigen Jahren ein Seminar zum meditativen Schreiben. Der Leiterin dort war wichtig, dass man den Mut habe, »Ich« zu schreiben. Sie verwendete das Bild vom inneren Kind und bestand darauf, dass ich mit der Stimme des Kleinkindes zu mir als erwachsener Frau spreche. Das fiel mir schwer, gefiel mir auch nicht sonderlich, so dass ich mich entschied, über Phasen zu schreiben, an die ich mich besser erinnere und mit denen ich mich wohl fühle. Das waren erste biografische Ansätze.
Die Erinnerung an Geschichten aus meinem Leben und das Schreiben darüber begann erst durch Sie und Ihr Angebot der biografischen Beratung.

Jetzt merkte ich zum Beispiel, dass die Erinnerung nicht chronologisch funktioniert.

Mein Versuch, mich im Schreiben methodisch vorzuarbeiten, war frustrierend. An bestimmte Phasen konnte ich mich einfach nicht erinnern. Die Kindheit selbst war leicht zu erinnern, weil da so viel Schönes passiert ist. Mein Großvater vor allem hat mir so viele Möglichkeiten eröffnet, Dinge zu entdecken. Und ich war neugierig. Meine Mutter zeigte mir kleine Schwarzweißfotos. Darauf bin ich als Baby auf dem Arm meines Großvaters. Er lief mit mir durch den Garten, bog einen Zweig nach unten, damit ich ihn berühren konnte. Bei ihm durfte ich auch schmutzig sein, mit der Erde in Kontakt kommen. Wir saßen zusammen auf der Wiese und im Blumenbeet.
Über die Phase der Teenagerin wollte ich nicht schreiben. Ich sagte mir, dass ich viel zu brav und angepasst war. Erst in der Auseinandersetzung mit anderen, auch mit Müttern, deren Kinder im Teenageralter sind, merkte ich: Es gab nie Streit, weil ich nicht auf den Boden stampfte und nichts Unvernünftiges tat.

Ist das nicht vielleicht nur ein Bild, das heute nachträglich vermittelt wird, dass man nämlich in der Jugend rebellisch sein soll, geradezu muss? Was doch den Wert der Rebellion indirekt wieder in Frage stellt.
Natürlich denke ich aus der Perspektive der erwachsenen Frau zurück. Woran ich mich aber gut erinnere, waren die Interessen, die ich hier im Dorf nicht weiter verfolgen konnte. Das fing mit den Liedermachern und der Musik an. Die zog mich nach – Woodstock! Dieses Festival kannte ich von der Schallplatte und einem Dokumentarfilm im Fernsehen. Die absolute Freiheit dort beeindruckte mich, hier konnte ich sie nicht leben.

Sie gehören zu einer Generation nach Woodstock.
Mein erster Freund war dann auch sieben Jahre älter als ich. Da war ich gerade 15. Meine Gleichaltrigen interessierten mich nicht. In ihrer Gegenwart fühlte ich mich irgendwie unpassend. Die Tanzveranstaltungen auf dem Dorf fand ich schrecklich. Mein Freund war glücklicher Weise Musiker und konnte uns Tickets für Konzerte besorgen, die in Frankfurt stattfanden. Dort gefiel es mir, wenn es mich auch sonst an die stilleren Orte zog, in Buchläden oder zu einem Zwiegespräch unter Freunden. Auf großen und lauten Partys blieb ich nie lange.

Denken Sie, dass Sie über diese Phase Ihres Lebens auch einmal schreiben werden?
Vielleicht nicht als Geschichte, sondern in einem Brief: »Was ich Euch immer schon sagen wollte«. Ein Brief, der sich nicht unbedingt an meine Eltern richten würde, sondern an mein gesamtes Umfeld, dem ich nicht laut gesagt habe, wie es mir ging.

Als nachgeholte Rebellion.
Die habe ich ja schon nachgeholt. Ich hatte sie schon im Rucksack. Zuerst zog ich fort von meinem Elternhaus, des Studiums wegen. Und später, in meiner neuen Familie, der meines Mannes, spürte ich allmählich, was ich auch nicht will: Zu leben, um zu arbeiten. Zwar lernte ich viel. Ich war von einem behüteten Beamtenhaushalt in einen Geschäftshaushalt gekommen und lernte, zu organisieren, Angestellte zu führen, vor Menschen aufzutreten.

Doch zog es mich stets woanders hin als dort, wo ich vernünftiger Weise den nächsten Schritt machen sollte.

Manuela Tulles Strand-Collage aus karibischen Fundstücken

Über das Recht, zu schreiben

Spielte das Schreiben in dieser Zeit eine Rolle? Als stiller Freund, im Tagebuch, oder als Zukunftsvision?
In meiner Sportschul-Zeit schrieb ich nie. Dazu fehlte die Ruhe. Stattdessen las ich Reisebücher. Doch das Schreiben als Möglichkeit blieb immer in mir, wurde bloß zurückgedrängt von den Schwerpunkten, die andere Menschen setzten und denen ich mich anpasste. Bis es dazu kam, dass ich mitten im Arbeitsleben einen Punkt setzte und etwas veränderte. Ich verkürzte meine Arbeitszeit und schrieb mich an der Fern-Universität ein. Für den Studiengang »Vergleichende Literaturwissenschaft«. Zwar wusste ich nicht recht, was in diesem Fach gelehrt wurde und was ich erreichen wollte, doch »Literatur« stand im Titel, also musste es etwas mit Büchern zu tun haben. Und ich musste mit Menschen zusammenkommen, welche meine Liebe zum geschriebenen Wort teilten. »Wie willst du damit Geld verdienen?«, fragten meine Schwiegereltern. Daran dachte ich nie.

Ich wollte etwas Zweckfreies machen dürfen. Noch heute macht es mich ärgerlich, wenn jungen Künstlern gesagt wird: »Davon kannst du nicht leben!«

Mit meinem Wunsch fühlte ich mich allein gelassen, doch ich hielt an meinem Entschluss fest. Ich studierte zwei Semester lang, schrieb aber noch nicht selbst. Ich dachte, ich müsse erst von anderen lernen, um gut genug zu werden.

 

 

Die Wettbewerbs-Ideen von »besser« und »schlechter«, der Gedanke, sich erst das Recht zum Schreiben erarbeiten zu müssen, bestimmte Sie weiterhin?
Ja, noch lange. Erst jetzt, vielleicht zum ersten Mal vor einem Jahr, sage ich zum Beispiel: Dann und dann kann ich nicht, weil ich schreibe. Das traute ich mich nie. Schreiben war im Urteil der anderen so etwas wie Häkeln. Etwas für trübe Tage, dann legt man es wieder beiseite.
Doch obwohl ich mich nicht ganz zum Schreiben bekannte, war es mir sehr wichtig. Ich erkundigte mich, bevor ich endgültig nach Greneda flog, ob die Fern-Universität das Material auch in andere Länder schicken könne. Ja, das sei möglich, antwortete man mir, und ermutigte mich auch, das Studium fortzusetzen. »Die Prüfungen können Sie an jedem Goethe-Institut in der Welt ablegen.« Das nächste Goethe-Institut, von Greneda aus, befand sich in Caracas, in Venezuela. All das hatte ich geplant, aber niemand davon erzählt. Zu gehen war schon verrückt genug. Dann noch zu denken, ich könne auf Greneda vergleichende Literaturwissenschaft studieren und die Prüfungsklausuren in Caracas schreiben … Doch so stark war mein Verlangen!
Als ich tatsächlich dort war, musste ich mich zuerst um mein Überleben kümmern, Geld verdienen – und stellte das Schreiben wieder hinten an. In Briefen beschrieb ich mein Leben auf der Insel.
Und ich fand neue Bücher. Häfen sind wunderbare Bücher-Orte, denn die Segler tauschen sie unter sich aus. Beim Hafenmeister steht ein kleines Regal in der Ecke, in dem neues Lesefutter steht.
Und jetzt, auf dieser kleinen Insel, traf ich auch Menschen, denen ich mich zugehörig fühlte. Menschen, die mir die Welt nahe brachten, die Reise- und Sehnsuchtsbücher lasen, Künstlernaturen, Schriftsteller, Musiker, Nomaden. Auf Greneda war nichts organisiert, vorgeplant und abgesichert.
Viele sagten von sich selbst, dass sie Künstler seien. Als eine Schuldfreundin mich einmal besuchte, malte sie am Strand.
»Oh, you’re an artist«, sagten die Passanten.
»Naja, ich male halt gerne«, antwortete sie.
Dabei malt sie sehr gut. Vor der Bezeichnung »artist«, »Künstlerin« hatte sie als Deutsche zu viel Respekt.

Bekommt das Schreiben in einem solchen Umfeld einen anderen Stellenwert?
Ja. Da wurde nie gefragt, wie man davon in Zukunft leben möchte. Diese Frage stellte man nicht, weil man sie täglich und bei allem stellen konnte. Selbst »produktive« Arbeit reichte ja kaum, um zu überleben.
Als ich schließlich meinen späteren amerikanischen Mann traf, Steve, lernte ich die amerikanische, vielleicht auch nur kalifornische oder womöglich nur spezielle Art seiner Familie schätzen, alles Neue erst einmal zu begrüßen. Von ihm ist kein »aber« zu hören, wenn ich von einer neuen Idee spreche, sondern nur Unterstützung. Das hätte ich mir schon als Teenager gewünscht. Unterstützung statt Zweifel. Wenn ich später merke, das die Idee nicht funktioniert, habe ich eine Erfahrung mehr gemacht. In Steves Welt ist grundsätzlich alles möglich, dann probiert man aus, um zu spüren, ob es hält, was es verspricht. Wenn es niemand je zuvor machte, ist man Pionier. Dann guckt man eben, ob es funktioniert. So habe ich es auch bei Steves Geschwistern erlebt, bei seinen Freunden, nicht nur in Kalifornien, auch in anderen amerikanischen Staaten. Niemals wird eine Idee durch bloße Zweifel zunichte gemacht.

Das ist schön fürs Schreiben. Jedes Schreiben ist ja auch eine Pionierleistung. Erst, wenn man sich aufs Blatt begibt und in die Zeilen geht, merkt man doch, worauf es hinausläuft.
Ja, das ist schön. Doch noch immer würde ich mich nicht als Schriftstellerin bezeichnen. Ich stelle zwar die Schrift aufs Papier. Klar habe ich noch nichts veröffentlicht. Meine Texte in gebundener Form zu sehen, wäre toll, doch zunächst mal bin ich froh, zu schreiben. Es hat lange gedauert, bis es so weit war. Und noch immer suchen mich die Zweifel heim und ich frage mich: »Kann ich es denn?«

Das Schreiben des Körpers

Sie arbeiten als Bewegungstherapeutin und haben erzählt, dass Patienten nach Unfällen oder Operationen sich die jeweilige Bewegung erst einmal wieder zutrauen müssen. Muss man sich fürs Schreiben die nötige Bewegungsfreiheit nehmen?
Ja, ich sehe so viele Parallelen zwischen dem menschlichen Körper und dem Schreiben. Als Sie mich gefragt haben, ob wir uns über den Zusammenhang zwischen Leben und Schreiben unterhalten könnten, fielen mir gleich zwei Dinge ein: Atmen und Bewegungstherapie.

Ich atme die Welt ein, die mir begegnet, dann atme ich wieder aus. Doch zwischen dem Ein- und dem Ausatmen liegt eine Pause, in der sehr viel passiert. Beim Schreiben nehme ich Dinge auf, in der Pause setzten sie sich – bilden ein Sediment – und schließlich atme ich aus, schreibe und es wird offenbar, was in mir aus den Dingen geworden ist.

Das Schreiben erinnert mich auch sehr an die Bewegungstherapie.

Mit dem Stift in der Hand gehe ich aufs Blatt Papier, meine Hand bewegt sich und ich spüre: Hier sind Verhärtungen, dort bin ich unbeweglich, ich muss mich erst warm schreiben, atmen, damit sich Blockaden lösen können. Schreib-Blockaden: Da hänge ich an einem Stück Text wie an Gewebe, das ich mit Aufmerksamkeit dazu bringen muss, nachzugeben. Dann wird alles weich und fließt. Bewegung und schreiben: Beides ist Leben. Leben ist für mich Schreiben. Nicht schreiben zu können ist wie nicht atmen zu können.

Manuela Tulle, vielen Dank für diese Gedanken.

#27 — Ein Gegenstand, der mich als Kind faszinierte

Zapfen

Der kindliche Geist vergleicht nicht, sondern nimmt jedes Ding und jedes Ereignis als etwas Einmaliges, Erstmaliges, Absolutes. (Klaus Mann)

Was uns als Kind faszinierte und vor allem: woran wir aus der Vielfalt von Sinneseindrücken und Spielgelegenheiten uns noch heute erinnern, gehört zu den festen Bestandteilen unserer »Weltsicht«. Manche Vorlieben, manche Sammelleidenschaften sind durch die ersten intensiven Kontakte mit der Welt um uns herum zu erklären, die wir als Kinder erlebten. Darum lohnt es sich, einmal genauer hinzusehen und auch den unbelebten Dingen etwas Zeit zu widmen.

Schreibidee #27: Schreiben Sie von einem Gegenstand, der Sie als Kind faszinierte.

Hinweis 1: Versuchen Sie, sich wirklich auf einen Gegenstand oder eine bestimmte Art von Gegenständen zu konzentrieren. Vermeiden Sie eine bloße Aufzählung.

Hinweis 2: Beschreiben Sie den Gegenstand möglichst genau, so wie er Ihnen als Kind vorgekommen ist.

Hinweis 3: Woran wir uns erinnern, hängt auch mit der gegenwärtigen Situation zusammen, in der wir schreiben. In einer Schreibwerkstatt zu Herbstbeginn erinnerten sich gleich drei Teilnehmerinnen unabhängig voneinander an die Farbe, handschmeichelnde Glätte und die »feuchte Kühle« von Kastanien.

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#26 — Denkbild „Mein Leben“

Der Komet ISON, 2013

Besonders zu Beginn eines autobiografischen Projekts ist es gut und sinnvoll, das gelebte Leben als Ganzes ins Auge zu fassen und ein Verhältnis dazu zu suchen, eine eigene Sichtweise, die vom Schema des »Lebenslaufs« abweicht.

In seiner wunderbaren, sehr kurzen und präzisen Autobiografie »Die Erinnerungen sehen mich« schreibt Tomas Tranströmer (Literaturnobelpreis 2011):

»Mein Leben«. Wenn ich diese Worte denke, sehe ich einen Lichtstreifen vor mir. Bei näherer Betrachtung hat der Lichtstreifen die Form eines Kometen, mit Kopf und Schweif. Das lichtstärkste Ende, der Kopf, sind die Kindheit und das Heranwachsen. Der Kern, sein dichtester Teil, ist die sehr frühe Kindheit, wo die wichtigsten Züge in unserem Leben festgelegt werden. Ich versuche, mich zu erinnern, versuche, dahin vorzudringen. Aber es ist schwer, sich in diesen verdichteten Bezirken zu bewegen, es ist gefährlich, ein Gefühl, als käme ich dem Tode nahe. Weiter hinten verdünnt sich der Komet — das ist der längere Teil, der Schweif. Er wird immer spärlicher, aber auch breiter. Ich bin jetzt weit im Kometenschweif drinnen, ich bin sechzig Jahre alt, da ich dies schreibe.

Walter Benjamin hat den Begriff des »Denkbildes« geprägt, der mir gut zu dieser Art der autobiografischen Betrachtung zu passen scheint.

Schreibidee #26: Woran denken Sie bei den Worten „Mein Leben“? Finden Sie für diesen Gedanken oder dieses Gefühl ein »Denkbild«. Schreiben Sie dann einen kurzen Text, der mit den Worten beginnt: »Mein Leben: Bei diesen Worten denke ich an …«

Beispiele: In einer Schreibwerkstatt kamen im Anschluss an Tranströmers Text viele ganz unterschiedliche Denkbilder/Metaphern/Themen zur Sprache. Das Leben als Luftballon, als See, als Sammlung von Tätigkeiten und Aktivitäten, als eine Schublade, als geheimnisvolle Tiefe der Erinnerung und vieles mehr.

P.S.: Das Bild zeigt den Kometen ISON, aufgenommen 2013 von der NASA.

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5 Tipps für spannende(re) Reiseberichte

Wie kann man Reiseberichte oder Reisegeschichten so gestalten, dass sie die Reise nicht bloß dokumentieren, sondern auch für Leser interessant und spannend sind?
Als Teil Ihrer Biografie, nicht als Reiseführer.

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Der rote Faden — was ist das eigentlich?

In diesem Video geht es um den berühmten roten Faden. Warum muss der eigentlich rot sein? Was hat er mit dem Minotaurus aus der griechischen Mythologie zu tun? Und wieso hatte auch hier wieder Goethe seine Finger im Spiel?

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G#2 — Schreiben mit Dixit-Karten

3 Dixit-Karten

Dixit ist ein Gesellschaftsspiel mit wenigen Regeln und viel Fantasie (das „Spiel des Jahres“ 2010). Die Spieler müssen raten, welche der ausgelegten Spielkarten zu einem Begriff, einem Slogan, Sprichwort oder Satz passt, der vom jeweiligen „Erzähler“ verkündet wurde. Am meisten Punkte bekommt man, wenn die Karte weder von allen erraten wurde (nämlich bei einfachen Beschreibungen oder gängigen Gedankenverbindungen) noch von niemandem (wenn der Zusammenhang nicht nachvollziehbar ist).
Zusammen mit den wunderbar gestalteten Karten, von denen oben vier abgebildet sind, ergibt das eine reizvolle Aufgabe, die zum Gespräch anregt und den Wettkampf in den Hintergrund treten lässt.

Bemerkenswert: Die Herausforderung, vor der ein Dixit-Erzähler steht, entspricht der Herausforderung beim Schreiben: Wer eine Geschichte gut erzählen möchte (oder auch ein schönes Gedicht verfassen möchte), darf nicht einfach wiederholen, was ohnehin jeder denkt, also Klischees produzieren. Der Mörder sollte nicht der Gärtner sein, die Stiefmutter nicht unbedingt böse, der Urlaub nicht nur „unvergesslich“. Doch wer beim Schreiben andererseits nur neue, gewollt originelle Gedankenverbindungen verwendet, bleibt unverständlich. Er baut keine Brücke, über die der Leser oder Hörer ins Land seiner Fantasie gelangen könnten.

Schreibgruppenidee G#2: Die Teilnehmer suchen sich aus einer Auswahl von Dixit-Karten eine aus, ohne sie den anderen zu verraten. Dann schreiben sie zehn bis fünfzehn Minuten lang eine Geschichte zu dieser Karte. Nach dem Vorlesen sollen die anderen Teilnehmer raten, welche Karte sie im Sinn hatten.

Hinweis: Es bietet sich an, eine Gesprächsrunde anzuschließen, in der es um die Unausweichlichkeit der Biografie geht. Diskutieren Sie, wie stark die biografischen Bezüge sind, die in den Texten hergestellt wurden. Waren Sie Ihnen beim Schreiben bewusst? Erkennen Sie beim Vorlesen neue Verbindungen und Motive?

#20 — Postkartengeschichten

Postkarten

Postkarten sind eine gute Inspirationsquelle — ob es die eigenen sind, die man bekommen oder nicht abgeschickt hat, ob sie beschrieben wurden oder nur gesammelt. Oder ob sie, wie in diesem Fall, aus fremden Quellen stammen und aus Nachlässen, Flohmärkten, aus dem Altpapier gerettet wurden. Wenn Sie keinen Stapel alter Postkarten zu Hause haben, können Sie hier welche herunterladen und entpacken.

Schreibidee #20: Wählen Sie aus einem Stapel fremder Postkarten diejenige aus, deren Motiv Sie am stärksten anspricht. Lassen Sie sich von Ihren spontanen Einfällen leiten und schreiben Sie einen Text, dessen erste Sätze so beginnen:
»Ich war einmal …«
»Dort habe ich …«

Hinweis 1: Sie müssen nicht über den Ort schreiben, der auf der Karte zu sehen ist. Es geht um Ihre Assoziationen. Es könnte sich auch um eine Orts-Metapher handeln, einen inneren »Ort« oder den Ort einer Begegnung.

Hinweis 2: Auch wenn der zweite Satz mit »habe« beginnt, sollten Sie nicht den gesamten Text in der zusammengesetzten Vergangenheit (Perfekt) schreiben. Das Präteritum ist meistens die schönere Erzählzeit.

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# 19 — Ringe

Ring, Kopie

In dem erstaunlich interessanten Schmöker »Frauen und Kleider« der kanadischen und amerikanischen Autorinnen Leanne Shapton, Sheila Heti und Heidi Julavits geht es nicht um Mode im engeren Sinn oder deren Geschichte, sondern um die Rolle, die Kleider, Schmuck, das Anziehen und »Herausputzen« in den Biografien der 561 Frauen spiel(t)en, die zu Wort und Bild kommen. Eine von vielen darin dokumentierten Projekten zum Thema heißt »Ring-Zyklus«: »Fünfzehn Frauen aus einer Zeitungsredaktion fotokopieren ihre Hände und erzählen die Geschichte ihrer Ringe.«
Hier ein Beitrag (alle sind kurz, in einer Redaktion ist wenig Zeit):

ROBERTA ZEFF Diesen Ring hat mir mein Mann zum Hochzeitstag geschenkt, ich weiß nicht mehr zu welchem. Der kleine war ursprünglich der Ehering meiner Großmutter im Jahr 1963, als meine Großeltern noch nicht viel Geld hatten. Es ist ein ganz kleiner, unscheinbarer Ring. Später hatte sie viele spektakuläre Ringe, aber mit diesem hat sie angefangen, deswegen habe ich ihn immer geliebt. Er hat eine Inschrift. Es sind die Initialen meiner Großeltern und das Datum ihrer Hochzeit: H.P. und C.L., 2-1-36.

Schreibidee #19: Fotokopieren Sie Ihre Hand und schreiben Sie die Geschichte Ihres Rings/Ihrer Ringe auf die Kopie.

Hinweis: Ringe sind höchst symbolische Gegenstände. Betonen Sie die Symbolik nicht. Bleiben Sie konkret und lassen Sie die Bedeutung »durchscheinen«.

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Deutsche Geschichte in 10 Autobiografien

Seintänzerin über Köln, 1946

Auf diese Idee kam ich beim Vorgespräch zu einer Radiosendung des Deutschlandfunks, zu der ich eingeladen wurde. Wir sprachen von Autobiografien und Zeitgeschichte.

Jede Lebensgeschichte bewegt sich in den Grenzen der eigenen Zeit, die aus der je eigenen Perspektive wahrgenommen und erzählt wird. Das gilt nicht nur in Bezug auf harte Einschnitte, wie sie der Krieg mit sich brachte, oder ganze Gesellschaftssysteme. Auch Veränderungen, die die eigenen Lebensgrundlagen unbedroht lassen, prägen uns und ziehen uns mit: politische und kulturelle Strömungen ebenso wie technische Neuerungen. 1968 ist 50 Jahre her: Sicherlich werden in diesem Jahr einige (auto)biografische Bücher erscheinen, in denen »die 68er« im Zentrum stehen.

Hier also meine Liste von Autobiografien, mit denen sich besonders viel über die jüngere deutsche Geschichte lernen lässt.  Einerseits, weil sie Zeitgeschichte thematisieren. Andererseits, weil sie mit dem Anklang, den sie fanden, Reflexionsstufen markieren und historische Motive, die für ihre Leser beziehungsweise »die Öffentlichkeit« wichtig wurden und zum Teil noch sind. (Ich beschränke mich auf Titel, die nicht in anderen biografika-Beiträgen vorkommen.)

  1. Stefan Zweig: Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers (1942, posthum) — Die Kultur des in zwei Weltkriegen untergegangenen „alten Europas“, mit Schwerpunkt Wien.
  2. Klaus Mann: Der Wendepunkt (1952, posthum) — „Mythen der Kindheit“, Deutschland und Europa in den 20er Jahren, Emigration und Exil.
  3. Otto Hahn: Mein Leben (1968) — Erinnerungen des Chemie-Nobelpreisträgers. Zur wissenschaftlichen Revolution im 20sten Jahrhundert (Lise Meitner schrieb leider keine Autobiografie).
  4. HIldegard Knef: Der geschenkte Gaul (1971) — Kindheit und Kriegsjahre, künstlerische Höhen und Tiefen des ersten deutschen Nachkriegs-Stars. Knefs Autobiografie war in Deutschland wie in den USA enorm erfolgreich.
  5. Walter Kempowski: Tadellöser & Wolf (1971) — Geschichte der Rostocker Reederfamilie des Autors von 1938 bis 1945. Unter besonderer Berücksichtigung der Umgangssprache. Teil der „Deutschen Chronik“, die Kempowski  1972 mit Uns geht’s ja noch Gold fortsetzte.
  6. Bernward Vesper: Die Reise (1977, posthum) — Vorgeschichte und Ursachen des RAF-Terrorismus, Vesper war der Sohn eines NS-Schriftstellers und Lebensgefährte der späteren RAF-Terroristin Gudrun Ensslin.
  7. Ruth Klüger: weiter leben (1992): Die 1931 in Wien geborene Germanistin schreibt über die Deportation ihrer jüdischen Familie und ihre Erinnerungen an die Konzentrationslager Theresienstadt, Ausschwitz-Birkenau und Christianstadt. Und vom „Weiterleben“ nach 1945.
  8. Christa Wolf: Ein Tag im Jahr (1960–2000) (veröffentlicht: 2003) — Die Autorin beschreibt jeweils den 27. September jedes Jahres und dokumentiert damit neben ihrer privaten Autobiografie die Geschichte zweier lange getrennter, dann wiedervereinter deutscher Staaten.
  9. Uwe Timm (2003): Am Beispiel meines Bruders — Umgang einer deutschen Familie mit der Erinnerung an den gefallenen Sohn, einem Angehörigen der Waffen-SS (hier eine Internet-Rezension).
  10. Gerhard Henschel: Kindheitsroman (2004) — Minutiöse Chronik einer bundesdeutschen Kindheit in den 60er und frühen 80er Jahren (Rezensionsnotizen). Teil einer Buchreihe, die mit Jugendroman, Liebesroman, Abenteuerroman, Bildungsroman, Künstlerroman und Arbeiterroman ebenso minutiös fortgesetzt wurde. In der Tradition Walter Kempowskis.

Vielleicht haben Sie Lust, in den Kommentaren Ihre eigenen Ideen mitzuteilen? Welche Autobiografien kennen Sie, in denen die jüngere deutsche Geschichte besonders eindrucksvoll dargestellt wird? Immer, natürlich, aus der Perspektive des einzelnen, und ohne den historischen Anspruch, Allgemeingültiges zu formulieren.

[P.S.: Das Bild zeigt eine Seiltänzerin über dem zerstörten Köln, 1946, Fotograf unbekannt, aus dem Buch Köln und der Krieg. Leben, Kultur, Stadt. 1940 -1950 (Greven Verlag 2016). Quelle: www.express.de/25086238]

 

 

#18 — Sprechende Grabsteine

Sprechende Grabsteine auf Föhr/Amrum

(Diese Idee stammt von Anneliese Wohn. Ich danke für die Gelegenheit, sie hier zu veröffentlichen.)

Auf den Friedhöfen der deutschen Nordseeinseln Amrum und Föhr stehen »sprechende Grabsteine«. Diese »Denkmäler« (so sind sie teilweise beschriftet) erzählen vom Leben der Verstorbenen, zählen also außer dem Namen nicht allein Geburts- und Sterbedatum auf. Waren es Männer, findet sich auf den Steinen häufig ein Berufs-Symbol, wie oben im Bild ein Schiff für Kapitän Wilhelm Tönissen. Bei Frauen findet man Blumen, die für das Paar und die Kinder stehen, die Blüten von Töchtern unterscheiden sich von denen für Söhne. Ist eine Blüte abgeknickt, verstarb das Kind vor den Eltern.

Die Biografien der Verstorbenen geben Auskunft über Ehe und Kinder, Berufe und erzählen ab und an von besonderen Lebensumständen. Hier ein recht ausführliches Beispiel von der Insel Amrum, für das der Bildhauer auch die Rückseite des Grabsteins benötigte:

Neben diesem Stein modern die Gebeine des wohledlen seel: Hr Capitains HARCK NICKELSEN.
er war gebohren d. 12 Oct. 1706 zu eben der Zeit wie sein Vater auf dem Meer verunglückte. Im 12then Jahr seines Alters fing er an sein Brodt bey der Schiffahrt zu suchen. Ao. 1724 erlitte er die Wiederwärtigkeit, von den türckischen Seeräubern gefangen und an den Bay von Algier verkauft zu werden, welche er 3 Jahr dienete nach welcher Zeit er ihm aus Güte seine Freiheit durch die Purtogiesen erkauffen liess, suchte nachgehends in Holland und Copenhagen sein Glück am letzten Ort gelang es ihm, als Capitain ein Schiff auf Westindien und der Küste von Guinea zu führen.
Ao. 1737 trat er in der Ehe mit der tugendhaften Frauen, MATIJE HARCKEN, eine Tochter des hierneben rugenden seligen Schiffers OLUF JENSEN. Gott segnete seinen Beruf so erwünscht, daß er in seinen besten Alter schon hinlänglichen Vorraht vor die Zukunft hatte, welche er in einer vergnügte Ehe, mit einem christlichen und stillen Wandel, sich mit den seinigen zu Nutze machte, bis Ao. 1770 24. May er mit seinen Vätern, in einem Alter von 63 Jahre, 78 Monath und 12 Tage entschlummerte.

 

Schreibidee #18: Schreiben Sie die nach dem Vorbild der sprechenden Grabsteine eine Grabinschrift für eine verstorbene Person, die Ihnen wichtig war.

Hinweis: Mehr über die Tradition der sprechenden Grabsteine finden Sie auf Wikipedia, hier und hier.

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#17 — Ein Porträt

Porträt

Ein literarisches Porträt ist eine kürzere, meist pointierte Beschreibung eines Menschen. In autobiografischen Texten geht es dabei oft um die Einführung eines wichtigen Wegbegleiters des Autors oder der Autorin. Die Mutter, eine Schwester oder eine Freundin wird dem Leser vorgestellt, bevor sie in die Handlung eingreift oder in einer Geschichte vorkommt. Ein Lehrer wird porträtiert, der bleibenden Eindruck hinterließ. Manchmal sind es auch beiläufige Bekanntschaften, kuriose Charaktere, Originale, die in einem Porträt für wenige Zeilen ins Licht gerückt werden, obwohl sie im Zusammenhang des Lebenslaufs nicht weiter von Interesse zu sein scheinen. Aus ganz unterschiedlichen Gründen möchte man ihnen ein kleines Denkmal setzen.

Herrliche Beispiele für Porträts finden sich in Hildegard Knefs berühmter Autobiografie »Der geschenkte Gaul«, die mit Berliner Lakonie und sprachlicher Eigenständigkeit auch in anderer Hinsicht überzeugt. Eines gleich am Anfang, im ersten Kapitel, das als einziges nicht nummeriert ist, sondern den Titel »Liebeserklärung an einen Großvater« trägt. Im allerersten Abschnitt porträtiert die Knef ihren Großvater so:

Meiner hieß Karl, er war mittelgroß und genauso kräftig, wie er aussah. Er trug den Kopf sehr gerade, die Wirbelsäule auch, und er hatten einen großen Mund mit vielen Zähnen; er hatte sie noch alles 32, als er mit 81 Jahren Selbstmord machte. Sein Jähzorn war das Schönste an ihm, erstens weil er sich nie gegen mich richtete und weil er so wild und rasch kam, wie er verging, und wenn vergangen, wurde sein Gesicht warm wie ein Dorfteich in der Sommersonne und seine Bewegungen verlegen und einem fischenden Bären gleich.

Was macht dieses Porträt so überzeugend? Einige Aspekte:

  • Die äußerliche Beschreibung hat durchweg einen symbolischen Unterton. Das Äußere wird nicht einfach abgeschildert, sondern bedeutet etwas.
  • Die exakte Wortwahl. Er „beging“ nicht Selbstmord, er „machte“ ihn. Das ist kein Ausrutscher ins Umgangssprachliche, sondern drückt eine Haltung aus.
  • Die Charakterisierung steckt voller Konflikte. Kraft und Zärtlichkeit scheinen miteinander zu streiten.
  • Die stimmungs- und humorvollen Metaphern.

Schreibidee #17: Schreiben Sie das Kurzporträt eines Menschen aus ihrem Leben.

1. Hinweis: Wählen Sie fürs Erste niemanden aus, der Ihnen sehr nahe steht. Die Kunst des literarischen Porträt lässt sich besser an Menschen üben, die zwar eine Rolle spielten und von denen man ein klares Bild erinnert, von denen man jedoch nicht allzu viel weiß. So fällt die Auswahl leichter und man sieht eher das Charakteristische.

2. Hinweis: Schreiben Sie zunächst eine DIN-A-4-Seite über die ausgewählte Person und kürzen Sie Ihr Porträt anschließend mindestens auf die Hälfte. So beschränkt sich Ihre Schilderung auf das Wesentliche — und die geschilderte Person tritt für die Leser stärker hervor, als es bei sehr langen Beschreibungen der Fall wäre.

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#16 — Eine Wunschliste

Pusteblume

Die einzigen Liste, die vielleicht noch mehr über uns aussagt, als eine Liste von Lieblingsdingen, ist eine Wunschliste. Was verrät mehr über unsere Identität als unsere Wünsche? Schon die Art von Wünschen, die wir hegen, ist charakteristisch. Kinder, so scheint es, wünschen sich vor allem Dinge — so üben wir es mit ihnen, wenn sie einen Weihnachtswunschzettel schreiben sollen. Aber es geht auch anders. Auf der Rückseite der Kinderzeitung meiner Tochter werden die »Steckbriefe« von jungen Leserinnen veröffentlicht. »Mein größter Wunsch« lautet eine der Rubriken. Hier geht es ganz selten um Dinge, sondern meistens um das große Ganze, um das sich die Kinder zu Recht sorgen: Frieden wünschen sich viele, und dass die Natur besser geschützt werde. Die meisten, so glaube ich, würden dafür auf die Erfüllung ihrer Weihnachts-Wünsche verzichten.

Viele Kinder wissen nämlich genau, worauf es ankommt. Einige haben vielleicht darüber nachgedacht, als sie das Märchen »Die drei Wünsche« von Bechstein gehört haben oder ein anderes der zahlreichen Märchen, die vom Wünschen handeln. Oder Paul Maars Geschichte vom Sams mit seinen Wunschpunkten.

In unseren erlebnishungrigen Zeiten liest man von Wunschlisten oft als Listen von Dingen, die man noch tun oder erleben möchte, bis man ein bestimmtes Alter erreicht hat, oder bis zum Lebensende. Ein Lebensprogramm in Listenform. Im Klappentext von Robin Golds Roman »Die Liste der vergessenen Wünsche« (der nicht auf meiner Wunschliste steht), heißt es:

Früher war alles einfacher. Abschiede zum Beispiel. Als die sechsjährige Clara Black ihren Kater »Schweinebraten« beerdigte, ahnte sie nicht, dass das Leben noch einen viel größeren Verlust für sie bereithalten würde: Viele Jahre später stirbt ihr Verlobter kurz vor der Hochzeit. Es bricht Claras Herz. Doch dann findet sie eine alte Liste mit ihren Kindheitswünschen, die vor ihrem 35. Geburtstag in Erfüllung gehen sollten. Ganz unverhofft wird die Liste zu Claras Rettungsanker – und zum Weg zurück ins Glück …

Wie sieht Ihre Wunschliste aus: Glück und Frieden, eine Ballonfahrt über den Vesuv oder doch lieber das neueste iPad?

Schreibidee #16: Schreiben Sie eine Wunschliste mit genau zehn Einträgen.

1. Hinweis: Die Beschränkung auf zehn Einträge zwingt Sie, das eine gegen das andere abzuwägen. Wie mit den drei Wünschen im Märchen.
2. Hinweis: In einem zweiten Schritt können Sie, ausgehend von Ihrer Liste, einen kurzen Text schreiben, worin Sie auf einen der Listeneinträge genauer eingehen und sich ausmalen, wie es sein könnte, wenn Ihnen dieser Wunsch erfüllt würde.

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Hanns-Josef Ortheil: Schreiben über mich selbst

Notizbücher

Das Kompendium »Schreiben über mich selbst« ist Teil der von Ortheil selbst herausgegebenen Reihe »Kreatives Schreiben« im Dudenverlag (2014, ISBN 978-3-411-75437-3, 14,95 €). Die »Spielformen autobiografischen Schreibens« (so der Untertitel), die es vorstellt, sind jeweils von bestimmten Werken und Beispielen abgeleitet, was die Lektüre kurzweilig und spannend macht und — wie so oft, wenn es ums Schreiben geht — auch vom Hundertsten ins Tausendste führt. Ausgehend von mündlichen Formen des Auskunftgebens und Dokumentierens, über die schriftlichen Ego-Dokumente, Selbstporträts und die Behandlung einzelner Lebensabschnitte, löst sich Ortheil von den allzu einfachen Einteilungen des Autobiografischen, mit denen wir es sonst meist zu tun haben. Im Abschnitt »Nach vorn und zurück blicken« geht es zum Beispiel nicht einfach ums Tagebuch-Schreiben, sondern um eine bestimmte Form von resümierenden Einträgen. Ortheil, der sein eigenes Leben in mannigfaltiger Weise dokumentiert und literarisch verarbeitet, eröffnet uns eine reich schattierte Farbenpalette des Autobiografischen, und zeigt zugleich: Patentrezepte gibt es nicht.

So erleichternd und anregend die Lektüre deshalb wird, so abschreckend wirken leider manche der »Text- und Schreibaufgaben«, die jedes der 25 Kapitel abschließen. Oft schlägt Ortheil vor allem vor, es den jeweils vorgestellten Autoren nachzutun, z.B. wo es um die Erkundung der eigenen Kindheit geht:

Konzentrieren Sie sich auf kurze Kindheitssequenzen in der Sartre’schen Manier. Erzählen Sie, wann und wo Sie einmal unbedingt Mittelpunkt einer Gesellschaft waren oder sein wollten, wie Sie den Erwachsenen und sich selbst etwas vormachten, wie Sie manchmal Triumphgefühle der Überlegenheit empfanden, […] (S. 102)

Solche Vorbild-Übungen sind sicherlich sehr hilfreich, können aber auch weniger passen und stellen in der Summe wohl für die meisten autobiografisch Schreibenden eine Überforderung dar:

— Konzipieren Sie einen literarischen Blog, in dem Sie von Ihren Lektüren erläuternd und kommentierend in regelmäßiger Folge berichten.
— Dokumentieren Sie Ihre Neuanschaffungen von Büchern und ordnen Sie diese Neuanschaffungen älteren Titeln zu.
— Erstellen Sie nach und nach […] (S. 90)

Statt der Rezension eines Lieblingsbuchs schlägt Ortheil also gleich einen ganzen Literaturblog vor. An dieser und anderen Stelle wünschte man sich, dass er etwas mehr die Technik der didaktischen Reduktion verwendet hätte, um aus dem Ganzen etwas Kleineres und doch Lehrreiches zu destillieren.

Auch in seiner »Nachbetrachtung« legt der Gründungsprofessor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim weniger Wert auf Reduktion. Für ihn geht es beim biografischen Schreiben ums Ganze:

Autobiografisches Schreiben kostet Zeit, und genau das ist ein Problem. Wer nicht kontinuierlich und regelmäßig schreibt, kann es gleich bleiben lassen. Denn autobiografische Texte sterben ab und trocknen aus, wenn sie nicht unablässig ergänzt und weiterführt werden. (S. 146)
[…]
Wer ohne fixierte Erinnerungen lebt, formt und gestaltet sein Leben nicht.
Das »Schreiben über mich selbst« ist daher nicht nur eine beliebige, literarische Praxis unter vielen anderen, sondern Teil einer umfassenden »Lebenskunst«. [… dabei] geht es […] darum, die eigene Existenz zu beobachten, zu reflektieren und zu durchdringen.(S. 147)

Die Idee, das Schreiben sei Lebenskunst, indem es die eigene Identität stärkt und schärft, beflügelt den »Schreibfanatiker« Ortheil. Sie erklärt in gewisser Weise die Faszination, die im biografischen Schreiben liegt. Doch gerade, weil sie so groß ist, diese Idee, lohnt es sich, den Lernwilligen auch in kleineren Schritten an sie heranzuführen.

Feridun Zaimoglu: Weiter im Text

Zaimoglu_besonderes Tagebuch

Ein Ego-Dokument

Die Aufzeichnungen des Kieler Autors, die den Untertitel »Ein Tagebuch mit Bildern« tragen, eignen sich wunderbar als Beispiel für ein »Ego-Dokument«, also für einen im Vergleich zur Autobiografie oder zur ausgearbeiteten, thematisch orientierten Erinnerung eher »kleineren« autobiografischen Text, der sehr viele unterschiedliche Formen annehmen kann. In diesem Fall sind es tagebuchartige Aufzeichnungen, die jedoch auf die übliche Gliederung mit Datumsangaben verzichten. Doch der Anfang und das Ende der Aufzeichnungen sind mit »Ende März 2011« und »Pfingstmontag« klar bezeichnet.

»Weiter im Text« ist ein Neben-Werk Zaimoglus, das nicht einmal in der Wikipedia-Liste seiner Bücher auftaucht. Es besteht aus der Reproduktion von einseitig getippten und mit gelegentlichen handschriftlichen Korrekturen versehenen Schreibmaschinenseiten (Zaimoglu schreibt seine Bücher auf einer elektrischen Schreibmaschine, auf einem der Fotos von seinem Arbeitszimmer ist sie zu sehen). Dazwischen Zeichnungen des Autors, vor Porträts typisierter Zeitgenossen.

Die Prosa folgt den vor allem mit Lesungen, Arbeitstreffen, Bahnfahrten und Schreib-Perioden prall gefüllten Tagen, knapp und pointiert, umgangssprachlich-direkt, karikierend wie die Zeichnungen. Eine Kostprobe (mit Original-Zeilenumbruch):

Diabeteskongreß in Hamburg. Soll Vortrag halten.
Sieben Uhr früh, nicht wach. Steh im markierten
Feld, rauche. Frau raucht Pfeife. Auf dem Aufnäher
auf ihrer Bomberjacke steht: Lesbian by nature.
Rotes Garn. Sie sagt: Was glotzt du? Noch nie
ne Lesbe gesehen? Ich: Hab ich oft, es ist
wegen der Pfeife. Sie erzählt vom Pfeifenraucherglück.
(S. 19)

Wer solche Beschreibungen mag, sich interessiert für den (wenig glamourösen) Alltag eines professionellen Schriftstellers und harte Themen-Schnitte toleriert, findet vielleicht (wie ich) an dem Heft der Edition Eichthal Gefallen.

Porträt Zaimoglu (im Hintergrund eines seiner Bilder)

Feridun Zaimoglu, 2013, vor einem seiner Bilder.

Ehrlich, aber nicht unverschleiert

Bietet »Weiter im Text«, als Ego-Dokument, völlig unverstellte Einblicke in Zaimoglus Leben und Denken? Er selbst ist ehrlich genug, um uns als seine Leser vorzuwarnen:

Ist dies Tagebuch ein Lügenplakat?
Eine plakatierte Lüge?
Natürlich.
Nur Idioten sind durchlässig, nur Idioten sind Unverschleierte:
Affekte und Effekte brechen durch. Keine Hemmung und Zurückhaltung.
Ich gebe nicht alles preis, halte den Mindestsatz an
selbstbeschwerenden
selbstgewichtenden Erlebnissen zurück. Sonst wäre ich Luft,
zerstäubter Duft. Ich will, wenn ich allein bin, mich riechen
können. Doch alles Niedergeschriebene auf diesen Seiten ist
wahr. Und doch zu wenig.
(S. 71)

#13 — Kleider

Frau vor Schaufenster

Kleid Nr. 2 war […] aus brauner Schurwolle, züchtig geschnitten mit einem Tulpenrock, der oben anlag und unten weit war, einem hochgeschlossenen Kragen, der durch einen kleinen kreisrunden Schlüssellochausschnitt aufgelockert wurde, und Leisten von Goldknöpfen am Hals und an den Handgelenken. Ich war monatelang um das Kleid herumgeschlichen, bis ich genug Geld gespart hatte, um im Ausverkauf zuzuschlagen. Es kam in mein Leben, als ich gerade meinen ersten Bürojob antrat, und war die perfekte Uniform für das effiziente, asexuelle Faktotum, als das ich mich sah. Es wurde mein Markenzeichen im Büro und passte zu dem distanzieren, witzelnden Ton, den ich damals gern anschlug. Mein Freund verbrachte gerade ein Jahr im Ausland, und mir gefiel, dass das Kleid meine Unabhängigkeit und meine Unerreichbarkeit signalisierte. Kurz, Kleid Nr. 2 gab mit das Gefühl, Gold wert zu sein.

Dieses Zitat der Autorin Sadie Stein stammt aus dem Buch »Frauen und Kleider. Was wir tragen, was wir sind«, einem Sammelsurium voller biografischer Texte, Interviews und Dialoge zum Thema Kleidung, die 2015 als Übersetzung im S. Fischer Verlag herauskam. Es bietet keine Stilberatung, auch keinen Mode-Überblick, sondern zeigt, wie sehr Kleidung (Mode) als Ausdruck und Vergewisserung der jeweils eigenen Identität verstanden wird. Eben nicht nur »was wir tragen«, sondern auch »was wir sind«. (Und das gilt nicht allein für Frauen, glaube ich, aber sicherlich etwas mehr.)

Kleider sind nicht allein Gebrauchsgegenstände, sondern auch Zeichen. Bewusst oder unbewusst werden sie interpretiert und drücken etwas aus. »Kleider machen Leute«, bestimmen also die Art, wie wir von anderen gesehen werden. Darum kann man sie auch nutzen, um zu zeigen, wie man sich selbst sieht oder gesehen werden möchte.

Schreibidee #13: Schreiben Sie über ein Kleidungsstück, das Ihnen wichtig war. Was sagte es darüber aus, wer sie waren oder sind?

Hinweis: Erzählen Sie zuerst die Geschichte, woher das Kleidungsstück stammt, und beschreiben Sie es ausführlich. In einem zweiten Schritt erzählen Sie davon, zu welcher(n) Gelegenheit(en) sie es getragen haben und wie es mit Ihrem damaligen »Lebensgefühl« und damit zu tun hat, wie Sie sich sahen oder gesehen werden wollten.

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