Schlagwort: Geschichte

Deutsche Geschichte in 10 Autobiografien

Seintänzerin über Köln, 1946

Auf diese Idee kam ich beim Vorgespräch zu einer Radiosendung des Deutschlandfunks, zu der ich eingeladen wurde. Wir sprachen von Autobiografien und Zeitgeschichte.

Jede Lebensgeschichte bewegt sich in den Grenzen der eigenen Zeit, die aus der je eigenen Perspektive wahrgenommen und erzählt wird. Das gilt nicht nur in Bezug auf harte Einschnitte, wie sie der Krieg mit sich brachte, oder ganze Gesellschaftssysteme. Auch Veränderungen, die die eigenen Lebensgrundlagen unbedroht lassen, prägen uns und ziehen uns mit: politische und kulturelle Strömungen ebenso wie technische Neuerungen. 1968 ist 50 Jahre her: Sicherlich werden in diesem Jahr einige (auto)biografische Bücher erscheinen, in denen »die 68er« im Zentrum stehen.

Hier also meine Liste von Autobiografien, mit denen sich besonders viel über die jüngere deutsche Geschichte lernen lässt.  Einerseits, weil sie Zeitgeschichte thematisieren. Andererseits, weil sie mit dem Anklang, den sie fanden, Reflexionsstufen markieren und historische Motive, die für ihre Leser beziehungsweise »die Öffentlichkeit« wichtig wurden und zum Teil noch sind. (Ich beschränke mich auf Titel, die nicht in anderen biografika-Beiträgen vorkommen.)

  1. Stefan Zweig: Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers (1942, posthum) — Die Kultur des in zwei Weltkriegen untergegangenen „alten Europas“, mit Schwerpunkt Wien.
  2. Klaus Mann: Der Wendepunkt (1952, posthum) — „Mythen der Kindheit“, Deutschland und Europa in den 20er Jahren, Emigration und Exil.
  3. Otto Hahn: Mein Leben (1968) — Erinnerungen des Chemie-Nobelpreisträgers. Zur wissenschaftlichen Revolution im 20sten Jahrhundert (Lise Meitner schrieb leider keine Autobiografie).
  4. HIldegard Knef: Der geschenkte Gaul (1971) — Kindheit und Kriegsjahre, künstlerische Höhen und Tiefen des ersten deutschen Nachkriegs-Stars. Knefs Autobiografie war in Deutschland wie in den USA enorm erfolgreich.
  5. Walter Kempowski: Tadellöser & Wolf (1971) — Geschichte der Rostocker Reederfamilie des Autors von 1938 bis 1945. Unter besonderer Berücksichtigung der Umgangssprache. Teil der „Deutschen Chronik“, die Kempowski  1972 mit Uns geht’s ja noch Gold fortsetzte.
  6. Bernward Vesper: Die Reise (1977, posthum) — Vorgeschichte und Ursachen des RAF-Terrorismus, Vesper war der Sohn eines NS-Schriftstellers und Lebensgefährte der späteren RAF-Terroristin Gudrun Ensslin.
  7. Ruth Klüger: weiter leben (1992): Die 1931 in Wien geborene Germanistin schreibt über die Deportation ihrer jüdischen Familie und ihre Erinnerungen an die Konzentrationslager Theresienstadt, Ausschwitz-Birkenau und Christianstadt. Und vom „Weiterleben“ nach 1945.
  8. Christa Wolf: Ein Tag im Jahr (1960–2000) (veröffentlicht: 2003) — Die Autorin beschreibt jeweils den 27. September jedes Jahres und dokumentiert damit neben ihrer privaten Autobiografie die Geschichte zweier lange getrennter, dann wiedervereinter deutscher Staaten.
  9. Uwe Timm (2003): Am Beispiel meines Bruders — Umgang einer deutschen Familie mit der Erinnerung an den gefallenen Sohn, einem Angehörigen der Waffen-SS (hier eine Internet-Rezension).
  10. Gerhard Henschel: Kindheitsroman (2004) — Minutiöse Chronik einer bundesdeutschen Kindheit in den 60er und frühen 80er Jahren (Rezensionsnotizen). Teil einer Buchreihe, die mit Jugendroman, Liebesroman, Abenteuerroman, Bildungsroman, Künstlerroman und Arbeiterroman ebenso minutiös fortgesetzt wurde. In der Tradition Walter Kempowskis.

Vielleicht haben Sie Lust, in den Kommentaren Ihre eigenen Ideen mitzuteilen? Welche Autobiografien kennen Sie, in denen die jüngere deutsche Geschichte besonders eindrucksvoll dargestellt wird? Immer, natürlich, aus der Perspektive des einzelnen, und ohne den historischen Anspruch, Allgemeingültiges zu formulieren.

[P.S.: Das Bild zeigt eine Seiltänzerin über dem zerstörten Köln, 1946, Fotograf unbekannt, aus dem Buch Köln und der Krieg. Leben, Kultur, Stadt. 1940 -1950 (Greven Verlag 2016). Quelle: www.express.de/25086238]