Schlagwort: Ich-Er-Form

Max Frisch: Montauk

Long Island Beach

Der Schweizer Autor Max Frisch (1911-1991) war ein Meister des Rollenspiels. Der erste Satz seines Romans Stiller lautet: »Ich bin nicht Stiller!«. Erst ein Gerichtsverfahren bringt die Hauptfigur dazu, die alte Identität wieder anzuerkennen. In seinem Stück „Biografie: Ein Spiel“ darf der Verhaltensforscher Kürmann seine Biografie nachträglich verändern — was ihm jedoch kaum gelingt.

Die Erzählung Montauk von 1975 bildet einen weiteren Höhepunkt von Frischs Auseinandersetzung mit dem Problem der Identität, das heißt mit dem Problem unseres Verhältnisses zum eigenen Leben, unseres erzählerischen (autobiografischen) Zugriffs darauf und der Rolle der Erinnerung.

Jeder, der sich mit dem autobiografischen Schreiben beschäftigt, sollte Montauk lesen.

Der äußere Anlass scheint gering: Frisch entschließt sich dazu, ein Wochenende zu beschreiben, dass er im Mai 1974 zusammen mit »Lynn« auf Long Island bei New York verbrachte. »Montauk« ist der Name eines Dorfes an der Ostspitze der Insel. »Max Frisch erzählt die Geschichte einer kurzen Affäre und zugleich eines ganzen Lebens» steht richtig im Klappentext. Das ganze Leben kommt in Einschüben vor, die Themen des Wochenendes aufnehmen und biografisch erweitern.

Es stört ihn, daß immer Erinnerungen da sind. (Seite 9)

So heißt es gleich zu Beginn — doch sie sind unausweichlich. Auf dieser Unausweichlichkeit gründet die Struktur der Erzählung. Die Erinnerungen, die sich während des Wochenendes ergeben, werden in Ich-Perspektive ausgeführt, während die Erlebnisse des Wochenendes selbst als die einer Hauptfigur in dritten Person erzählt werden. So ergibt sich ein teilweise komplexes Zusammenwirken von Ich- und Er-Perspektive, eine Ich-Er-Form:

Sein Englisch ist bescheiden; ich weiß natürlich, was er sagen möchte. Kommt es vor, daß er nicht übersetzt, sondern in Englisch aussagt, was man so nicht sagen könnte in Schriftdeutsch oder Mundart, überrascht es mich, was und wie er denkt. Das genieße ich; dann ertappt ihn die Fremdsprache bei seiner wirklichen Meinung. […] Zum Beispiel sagt er, daß ich in meinem Leben nie in einem Bordell gewesen bin; er fügt hinzu: Deshalb bin ich auch kein politischer Mensch, weil ich alles verinnerliche. (Seite 107)

Das Englisch der Hauptfigur meiner Erzählung ist bescheiden, könnte man das paraphrasieren, aber da ich es bin, habe ich zugleich Zugriff auf sein Inneres. Es überrascht Frisch nicht, was er selbst denkt, aber was diese Figur denkt, das heißt, wenn er als Schreibender darüber nach-denkt.

Frisch verwendet die Er-Form nicht, um erfinden zu können. Über seine autobiografische Absicht lässt er sich und den Leser nicht im unklaren:

AMAGANNSETT
heißt also der kleine Ort, wo er gestern beschlosen hat, dieses Wochenende zu erzählen: autobiographisch, ja, autobiographisch. Ohne Personnagen zu erfinden; ohne Ereignisse zu erfinden, die exemplarischer sind als seine Wirklichkeit; ohne auszuweichen in Erfindungen. Ohne seine Schriftstellerei zu rechtfertigen durch Verantwortung gegenüber der Gesellschaft; ohne Botschaft. Er hat keine und lebt trotzdem. Er möchte bloß erzählen (nicht ohne alle Rücksicht auf die Menschen, die er beim Namen nennt): sein Leben. (155f.)

Die Er-Form dient also nicht der Erfindung, sondern einer möglichst großen Authentizität. Sie trennt die „Geschichte“ des Wochenendes von der restlichen Biografie, verhindert die Vermischung. In seinem Buch Autobiografisches als literarisches Schreiben (Schneider Verlag, Hohengehren 2000) interpretiert Günter Waldmann das so: Frisch wolle Distanz, Fremdheit ausdrücken: »Der Grund ist, dass in dieser Beziehung so viel Fremdheit besteht: er ist fremd gegenüber sich selbst wie gegenüber Lynn, aber auch er ist Lynn fremd, dass er für seine Erinnerung nicht als Ich, als Subjekt des Geschehens erscheint: Er ist dreiundsechzig, und Lynn, vom selben Jahrgang wie seine Tochter, ist dreißig.

Fremdheit herrscht allerdings auch in anderen Beziehungen, die Frisch in diesem Buch schildert oder anklingen lässt, in der zu Ingeborg Bachmann oder seiner damaligen Frau Marianne Oellers — die übrigens ebenfalls 28 jünger ist als er. Viel eher scheint es mir also das Verhältnis von Gegenwart und Erinnerung zu sein, dem er in der Wahl der grammatischen Person Ausdruck verleiht — und dem Willen, eben gerade jene Episode herausstellen und zu schildern. Vielleicht — aber das schreibt er nicht — wegen ihrer Abgeschlossenheit, die bereits die Form einer Erzählung trägt.

Neben dieser grundlegenden und bedenkenswerten Struktur und der vielen Einsichten zum Selbst-Verhältnis des Autors (des modernen Menschen), die die Lektüre lohnenswert machen, finden sich in dem rund 200 Seiten langen Prosatext noch einige ganz besondere Schätze. Mir gefiel besonders die lange Passage (S. 29-50) zum früheren Freunde und Förderer »W.« und der kurze Essay zum Thema Geld (170-182), der von einer kurzen Supermarkt-Episode mit Lynn angeregt wird und mit einer bewundernden Beschreibung Ingeborg Bachmanns endet:

Ich weiß nicht, wie sie das macht. Ich erinnere mich nicht, daß je eine Ausgabe sie reut, eine hohe Miete, eine Handtasche aus Paris, die am Strand kaputtgeht. Geld verläßt uns so oder so. Wenn jemand, den sie liebt, an sich selber spart, so verletzt es ihre Liebe. Eigentlich stünde es uns beiden zu, ein kleines Schloß oder ein großes, aber sie ist nicht empört, daß andere es haben. Sie zu beschenken ist eine Freude; sie strahlt. Sie verlangt den Luxus nicht; wenn er da ist, so ist sie ihm gewachsen. Ihre Herkunft kleinbürgerlich wie die meine; nur ist sie frei davon. Ohne Ideologie; kraft ihres Temperamentes. Wenn sie rechnet, dann rechnet sie mit Wundern. (182)