Schlagwort: Lebenserinnerungen

Peter Härtling: Zwettl

Peter Härtling im Gespräch (2003)

Ein vielbändiges Werk

Peter Härtling starb am 10. Juli dieses Jahres (2017). Ich kannte ihn vor allem wegen seiner wunderbar ehrlichen Kinderbücher (vor allem »Ben liebt Anna« (1979); »Sophie macht Geschichten« (1980), die ich gerne meinen Töchtern vorlas) und als Autor eines Hölderlin-Romans. Außerdem wusste ich, dass er viel über Musiker geschrieben hatte. Daher war ich ein wenig erstaunt (und betroffen), als in einem Nachruf des Radiosenders hr2 besonders des autobiografischen Werks von Härtling gedacht wurde. (Sein Schaffen geht über diese drei Schwerpunkte noch hinaus: Er hat auch viele Gedichtbände publiziert und »nichtbiografische« Romane.)

Nun musste ich schnellstens daran gehen, das im Nachruf sehr gelobte autobiografische Werk Härtlings zu erkunden. Es besteht aus diesen Büchern:

  • Zwettl. Nachprüfung einer Erinnerung (1973)
  • Nachgetragene Liebe (1980)
  • Der Wanderer (1988)
  • Herzwand (1990)
  • Leben lernen (2003)

Es wäre reizvoll, die den unterschiedlichen Themen und Zeitabschnitten angepassten Herangehensweisen in diesen Büchern zu vergleichen. Doch vorerst reichte die Zeit nur für die Lektüre des schmalen, nur etwa 150 Seiten dicken »Zwettl«. Doch diese Seiten haben es in sich — die Lektüre sei jedem wärmstens empfohlen, der sich für das Genre interessiert.

Zwettl

Das Buch handelt von der Zeit, die Peter Härtling in dem Ort Zwettl in Niederösterreich verbrachte. Etwa ein Jahr, am Ende des Krieges. Peter war noch keine zwölf Jahre alt, als die Familie Härtling fliehen musste. Zwettl, vom Vater ausgesucht, wurde zu einer Zwischenstation. Im Juni 1945 starb der Vater in sowjetischer Kriegsgefangenschaft, die Mutter wurde vergewaltigt und beging kurze Zeit später Selbstmord. Der in zu kurzer Zeit aus seiner Kindheit entlassene Härtling versucht, sich irgendwie zu orientieren. Er beobachtet, hält aus, kämpft, lebt weiter.

Für Härtling war es bestimmt auch nach den gut zwanzig Jahren, die Anfang der Siebzigerjahre vergangen waren, nicht leicht, über diese Erfahrungen zu schreiben. Er bewältigt die Aufgabe, indem er alle Urteile beiseite lässt und tut, was der Untertitel verrät. Er überprüft seine Erinnerung, besucht Zwettl, stellt Fragen. Die bloß gespielte Gewissheit lückenlos erzählter Vergangenheit ersetzt er durch die Klarheit, die sich einstellt, wenn alle Verluste auch also solche benannt werden. Zu den realen Verlusten treten Erinnerungsverluste, und das, so lese ich manche Passagen, kann auch gut und heilsam sein.

Die Klarheit und Ehrlichkeit von Härtlings Selbst-Überprüfung drückt sich auch sprachlich aus. Etwa wenn er sich korrigiert und gerade in der Doppelung präziser wird als er es durch einfaches Benennen sein könnte:

die Stube ist, ich konnte es ausrechnen, als ich durch das Fenster schaute, auf meinem unsicheren Streichgang über die Pawlatschen im Jahre 1971, etwa dreimal vier Meter groß, zwölf qm,
sie richteten sie ein,
sie haben sie nie eingerichtet, es sich einige Dinge hinzugekommen, zufällig

Härtling nimmt uns als Leser mit, während er über seine Zeit in Zwettl nachdenkt. Er schreibt nur »ich«, wenn er das Subjekt der Erinnerung ist. Schließt er nur auf das Leben, das er als Junge geführt haben muss, schreibt er in der dritten Person:

diese Gegenstände sehe ich noch deutlich vor mir: sie müssen ihn vergnügt, er muß oft mit ihnen gespielt haben

Korrekturen

Ein Kapitel heißt »Die Körstube (IV): Korrekturen «, denn der Autor lässt sich von seiner »Tante K.« korrigieren und nimmt doch nicht ganz zurück, was er geschrieben hat. Er lässt es stehen:

Sie hätten, berichtigte Tante K., nicht die ganze Zeit auf Schreibtischen geschlafen, es sei arg genug gewesen, und L. habe nie im Stockbett geschlafen; das ist ein Irrtum, das kann ich genau sagen […]
ich habe alles falsch erinnert, ich habe meinen Kinderschlaf falsch geschlafen, meine Träume an einen falschen Ort verlegt; ja, jetzt weiß ich es, […]

Dieses Nachforschen und Korrigieren wird dem Leser nicht zu viel, weil er Anteil nimmt an beiden Hauptfiguren, dem »ich«, das erinnert, aber auch dem Jungen, an den erinnert werden soll. Und weil sich in der Nachprüfung Einsichten ergeben, die die psychologische Kraft des Erzählens demonstrieren:

das Haus war nicht übel, erzähl Tante K., wir schliefen in einem Bett, ich habe uns sogar Tee kochen können, und an der Decke des Zimmers, in dem wir schliefen, war ein breiter Sprung, darum hatten wir ein wenig Angst,
ich habe dieses Haus, auch dieses Zimmer vergessen gehabt, aber jetzt weiß ich, weshalb ich manchmal träume, ich läge in einem Bett unter einer gesprungenen Decke, der Sprung wird weiter, klafft und die Decke stürzt auf mich herab;

»Wenn man tief genug in sich selbst, in seine Eigenarten eindringt, taucht man unvermeidlich in anderen Menschen wieder auf«, schrieb der Bürgerrechtler und Theologe Howard Thurman. An diesen Satz musste ich bei der Lektüre von Zwettl häufiger denken. Nie wirkt es selbst-verliebt, was Härtling schreibt. Die Menschenfreundlichkeit, die ich aus seinen Kinderbüchern kannte, wendet er auch auf sich selbst an — und das war wohl eines der Rezepte, nach denen er zu »Leben lernte«. Bestimmt werde ich weiter Härtling lesen, um das noch besser zu verstehen.

P.S.

In einem Youtube-Video beschreibt Härtling Bilder seiner Kindheit vor und nach Zwettl. Mit einer angenehmen, sanften Stimme, die er auch als Moderator einer Literatursendung einsetzte.

# 14 — Wahre Weihnachtsgeschichte

Engelsflügel auf dem Weihnachtsmarkt

Ich kenne eine Weihnachtsgeschichte, in der ein Vater einer Mutter einen Bildband von Norwegen schenkt.

Wir betrachteten gemeinsam die Bilder. Da waren hohe Berge, Meer und Wasserfälle zu sehen und hübsche kleine rote Häuschen. Papa sagte: »Wenn der verdammte Krieg vorbei ist, dann zeige ich euch beiden dieses wundervolle Land.«

Für den Vater sollte der Krieg nie vorbei gehen. Er starb »keine zwei Jahre nach diesem Weihnachtsfest«.

Die Geschichte stammt aus dem Buch »So feierten wir damals. Erlebte Geschichten durch das Jahr«.

Weihnachtsgeschichten müssen nicht aus märchenhaften, wunderbaren Geschehnissen zusammengesetzt werden. Das Weihnachtsfest ist selbst symbolisch genug, wir kennen seinen hohen Gefühlswert, sodass in dieser Bilderwelt noch die kleinste Beobachtung rührend wirken kann. In einer Weihnachtsgeschichte kann eine halbe Kindheit erzählt werden, oder mehr als die halbe Geschichte einer Familie.

Schreibidee #14: Schreiben Sie eine wahre Weihnachtsgeschichte aus Ihrem Leben

Hinweis: Die »Wahrheit« der Geschichte muss nicht in der Genauigkeit der Details liegen, sondern in dem, was sie über die beteiligten Menschen erzählt. Sie kann humorvoll, traurig, bissig-satirisch sein oder jedes andere Gefühl zum Ausdruck bringen, das Sie dem Weihnachtsfest gegenüber hatten oder haben.

[Wie immer fände ich es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Ich wünsche Ihnen viele Leser — und reichlich hilfreiches Feedback.]

Hugo Hamilton: Gescheckte Menschen

Bucheinband Gescheckte Menschen

Eine Frage der Perspektive

Dieses Buch macht es mir nicht leicht. Ich mag es, weil es ein interessantes Thema behandelt, nämlich die Kindheit des Autors in einer deutsch-irischen Familie, die beides besonders intensiv ist und sein möchte: deutsch und irisch. Interessant und lehrreich ist es auch, weil es auf ganz besondere Weise geschrieben ist, nämlich aus der Sicht des Kindes, das der Autor war – und doch auch wieder nicht. Genauer wäre es vielleicht, zu formulieren, dass es in Ich-Form geschrieben ist und im Tonfall eines Kindes. Das funktioniert stellenweise hervorragend, stellenweise wünschte ich mir beim Lesen aber auch, er möge doch endlich die Perspektive wechseln, seinen Tonfall ändern und auf andere Weise berichten, was seine bemerkenswerte Kindheit erhellte und verdunkelte.

Ich will das Wechselbad meiner Lesegefühle genauer erklären. Denn aus Hamiltons Buch lässt sich viel darüber lernen, wie man über die eigene Kindheit schreiben kann, und welches erzählerische Risiko man dabei eingeht.

Wie ist es überhaupt möglich, wahre und wahrhaftige Kindheitsgeschichten zu schreiben?

Diese Frage ist berechtigt, denn wer über seine eigene Kindheit schreibt, begegnet zwangsläufig dem folgenden Problem: Er (oder sie) ist erwachsen geworden und hat sich dabei meilenweit von der Vorstellungswelt des Kindes entfernt, das er/sie einmal war. Auch wenn er (ich lasse es jetzt einmal beim »er«, meine aber immer auch »sie«) sich sehr gut an Umstände, Personen und Episoden erinnern kann, tut er es aus einer anderen Perspektive, als es bei dem Kind der Fall war. Sein »Ich« ist ein anderes als das »Kind-Ich«. Das Ich, das schreibt, und das Ich, das beschrieben wird, tragen denselben Namen, doch in vielerlei Hinsicht sind sie nicht identisch.

Es gibt zwei Möglichkeiten, mit dieser Verdoppelung des Ich umzugehen: Entweder man berichtet über das Kind, das man war, aus der Perspektive des Erwachsenen, mit der Sprache und dem Wissen des Erwachsenen oder des älteren Menschen, oder man bemüht sich umgekehrt, so weit irgend möglich in die Vorstellungswelt des Kind-Ichs einzutauchen und sich in seiner Sprache auszudrücken. (In der autobiografischen Literatur finden sich natürlich auch alle möglichen Zwischen- und Mischformen dieser beiden grundlegenden Möglichkeiten.)

Hamilton, so scheint es, entscheidet sich für die zweite Möglichkeit. Der Tonfall, in dem er redet, ist einfach und kindlich (Junge, Grundschule), und was er schreibt, scheint sich auf die Vorstellungswelt des Kindes zu beschränken. So beginnt das Buch:

Als ich klein war, erwachte ich in Deutschland. Ich hörte die Glocken, rieb mir die Augen und sah, wie der Wind die Vorhänge bauschte. Ich stand auf, sah aus dem Fenster und erblickte Irland. Und nach dem Frühstück gingen wir alle aus der Haustür nach Irland und besuchten die Messe. Und nach der Messe gingen wir zum großen, grünen Park am Meer, weil ich Mutter und Vater zeigen wollte, dass ich auf einem Ball stehen und bis drei zählen konnte, bevor der Ball unter meinen Füßen wegflutschte. (Seite 7 der Taschenbuchausgabe, btb 2006)

Zum Inhalt

Hugo hat eine deutsche Mutter und einen mäßig erfolgreichen aber äußerst patriotischen irischen Vater, der von der Wiederbelebung der irischen (gälischen) Sprache träumt und seinen Kindern verbietet, im Haus englisch zu sprechen oder mit Kindern zu spielen, die in weniger englisch-feindlichen Haushalten aufwachsen. Zusammen mit der wachsenden Zahl seiner Geschwister wächst Hugo in diesem »Sprachenkrieg« auf und wird nicht nur mit einer gehörigen Portion irisch-patriotischer Geschichtsauslegung imprägniert, sondern außerdem mit Geschichten aus der Jugend und Familie seiner Mutter, die im nationalsozialistischen Deutschland aufwuchs und das Trauma ihrer Vergewaltigung auf einer Pilgerreise durch Irland zu bewältigen suchte. Dort lernte sie den Vater kennen, die beiden heiraten auf einer Deutschland-Reise, doch in vielerlei Hinsicht beruht ihre Verbindung auf einem Missverständnis, das sich erst nach Jahren und Jahrzehnten auf schmerzliche Weise aufklärt. Weder die deutsche Herkunft noch die extreme politische Haltung des Vaters tragen dazu bei, Hugos Alltagsleben in Dublin zu erleichtern. Er und seine Geschwister werden sowohl als »Krauts« als auch als »Paddies« ausgegrenzt und häufig beschimpft und verprügelt.

So ungefähr der Inhalt. Hamilton packt, wie inzwischen klar geworden sein dürfte, viel Stoff in die gut 300 Seiten des … »Romans«? Ja, ich habe ständig die Neigung, »Roman« zu schreiben, obwohl diese Genrebezeichnung im Titel fehlt und im Klappentext deutlich auf die Identität des Autors mit der Hauptfigur hingewiesen wird. Auf diese Frage, ob Roman oder Erinnerungen, komme ich noch einmal zurück.

Kinderaugen, Kindersprache

Zuerst möchte ich einige Stellen anführen, bei denen der Tonfall, der Hamilton wählt, gut passt, zum Beispiel im obigen Zitat, wenn die mütterliche Welt des Heimes einfach mit »Deutschland« gleichgesetzt wird, denn so muss es den Kindern erscheinen, die alles Deutsche nur von der Mutter kennen. Oder wenn es um sprachliche Eigenheiten geht:

Als Mutter ins Krankenhaus musste, wurden wir von Áine betreut. Sie stammt aus Connemara und hat andere Wörter als die Arbeiter oder die O’Neills, der Polizist oder Mutter. Sie bringt uns bei, die Stufen auf Irisch zu zählen: a haon, a dó, a trí … […] Sie nennt mich weder Hanni noch Johannes, sondern Seán und manchmal Jack, aber Vater sagt, das sei falsch. Nie solle ich zulassen, dass mich jemand Jack oder John nennt, denn das sei nicht ich. Vater hat seinen Namen ins Irische geändert. Und wenn ich älter bin, werde ich meinen Namen auch ändern. (Seite 33f.)

Oder wenn der Vater seine Kinder mit politischen Gründen traktiert, die sie nicht verstehen können. In einem Wutanfall wirft er Anstecker in Form von Mohnblumen ins Feuer, dem Zeichen der britischen Armee, die sie vom Nachbarn bekommen hatten:

Zwei große Länder hätten in diesem Krieg um viele kleine Länder gekämpft. Und mitten darin hätten die Iren beschlossen, ihre Unabhängigkeit zu verkünden. Wir dienen weder König noch Kaiser, hätten die Iren sich und allen anderen kleinen Ländern auf der Welt gesagt. Und dann können wir Vater nicht mehr folgen, denn Mutter hieß ja früher Kaiser, und außerdem weiß ich nicht, worin der Unterschied zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg besteht und wer die Nazis sind und was sie mit uns zu tun haben. (S. 57)

Auch die Hilfslosigkeit des kleinen Hugo macht diese »kindliche« Erzählerstimme deutlich, die Unmöglichkeit, aus der eigenen Haus und den eigenen Vorstellungen zu treten, und so zu sein, wie die anderen:

Wenn man in einer Bande ist, hat man das Gefühl von Stärke im Bauch. Man rennt und brüllt, und alle anderen haben Angst. Aber sie wollen mich nicht mehr, weil ich ein Träumer bin, und deshalb ist es das Beste, wenn ich mich mit dem Rücken an die Wand stelle und aufpasse, dass sie meinem Bruder nichts tun. (S. 134)

Kind-Ich als Kunstfigur

Immer mehr jedoch tritt der Erzähler heraus aus dem unmittelbaren Umfeld des deutsch-irischen Jungen, und berichtet von dem, was die Mutter ihm von ihrem eigenen Leben erzählte und von der Familiengeschichte im Kempen der Dreißiger- und Vierzigerjahre. Nicht nur das. Er berichtet sogar von dem, was sie in ihre Schreibmaschine tippt, »um all das festzuhalten, was sie niemandem erzählen kann, nicht einmal Vater. Dinge, die man nicht in einem Lied oder einer Geschichte sagen, sondern nur auf der Schreibmaschine tippen kann, damit die Menschen sie irgendwann später lesen können, allein und ohne ihr dabei in die Augen zu schauen.« (160)

Der Autor hat diese Schreibmaschinenseiten gelesen, und jetzt lässt er sie von seinem Kind-Ich erzählen, das dadurch, und hier liegt das Problem, zu einer Kunstfigur wird. Der Hugo, den uns Hamilton vorstellt, kann nicht das Kind sein, dass er war und in dessen Vorstellungswelt er sich einfühlt. Statt dessen legt er die Familiengeschichte und was er von ihr weiß in den Mund des Kindes. Er begründet mit dessen Stimme sogar, warum er es tut:

Wenn man klein ist, kann man ein Geheimnis erben, ohne zu wissen, worin es besteht. Man kann im selben Film in der Falle sitzen wie seine Mutter, denn manches erbt man, ohne es zu merken. Und zwar nicht nur Äußerlichkeiten wie ein Lächeln oder eine Stimme, sondern auch Unausgesprochenes, das man erst in späteren Jahren begreift. (S.25)

Das ist unzweifelhaft richtig. Doch indem er sein Kind-Ich als Kunstfigur entwirft, als Gefäß für das Unbewusste auch seiner Mutter und (weniger) seines Vaters, verlässt er den Bereich der Autobiografie und geht über in die Autofiktion. Er setzt also fiktionale, romanhafte Mittel ein, um vom eigenen Leben nicht zu berichten, sondern es auf künstlerische Weise zu deuten. Vielleicht hat sein deutscher Verlag das Buch deshalb nicht »Erinnerung(en)« genannt – aber weil er unschlüssig war, ob es andererseits ein Roman sei, fehlt der Untertitel ganz. Im englischen heißt er „A memoir of a Half-Irish Childhood“. Als Autofiktion oder autobiografischer Roman verliert das Buch jedoch seine Glaubwürdigkeit als Tatsachen-Bericht und enttäuscht die Erwartungen derjenigen Leser, denen es vor allem auf solche Tatsachen ankommt.

So erging es mir eine Weile, ich war enttäuscht vom ewig-jungen Tonfall, bis ich, etwa auf der Hälfte des Buches, meine Lese-Erwartungen korrigierte. Sieht man nämlich davon ab, als Leser zu dem durchdringen zu wollen, was tatsächlich geschah, in Irland und in Hamiltons Familie, wird man mit Bildern von poetischer Schönheit belohnt. Zwar funktioniert die Kunst-Stimme des Autors auch in dieser Lesart nicht durchgängig, doch es wird trotzdem deutlich, warum Hamilton es vorzog, eine Autofiktion zu schreiben und was er damit gewinnt.

Autofiktionale Passagen

Hier einige Passagen, in denen die Kind-Perspektive stark überdehnt und symbolisch aufgeladen wird:

Mutter ging mit uns durch die Stadt, um zu sehen, was von früher noch geblieben war. […] Das Einzige was fehlte, war das Haus ihrer Kindheit am Buttermarkt. Der Brunnen stand noch, aber das Haus war verschwunden. Die Häuser hatten neue Türen und Fenster. Alle Menschen hätte neue Küchen und Herde, sagte Mutter, weil man den Krieg verloren habe und den Anblick der alten Dinge nicht mehr ertragen könne. Alles müsse neu sein. (S. 225f.)

Gibt Hamilton hier wieder, was seine Mutter tatsächlich sagte, oder eher die Einstellung seiner Mutter zum boomenden Nachkriegsdeutschland?

An einer anderen Stelle wird erzählt, wie die Mutter (die Familie) von einem alten antisemitischen Artikel des Vaters erfährt:

Wenn du klein bist, weißt du nichts, und wenn du größer bist, gibt es manches, das du gar nicht wissen willst. Andere Menschen sollten nicht wissen, dass Vater die Juden in Irland zwingen wollte, Irisch zu sprechen und irisch zu tanzen. Andere Menschen sollen nicht wissen, dass er mit Schaum vor dem Mund sprach. Dass auch das Irische wie Englisch oder Deutsch eine Sprach der Mörder hätte werden können.(S. 271)

Marianne, die Schwester der Mutter, lebte in Salzburg und half Juden, sich zu verstecken. Davon wird zunächst „naiv“, dann deutlicher erzählt:

„Ich kenne lungenkranke Menschen“ sagte die Frau. „Denen würde es da oben sehr gut gefallen.“
„Ohne Auto“, sagte Marianne, „ist es ein langer Aufstieg.“
Aber das würde diesen Menschendoch nur gut tun, sagte die Frau. Die Luft würde ihnen selbst beim Aufstieg gut tun. Und so kam Tante Marianne auf die Idee, eine Pension zu eröffnen, sagt Mutter. So begannen die Leute wegen der guten Luft und der Ruhe von überall her zu ihr kommen, und so gewann sie schließlich den Ruf, eine der schönsten Pensionen Österreichs zu betreiben, eine Pension mit langer Warteliste, von der man in der Touristeninformation nichts erfuhr. (S. 283)

Und dann fährt Hamilton fort, als würde es ihm selbst ein wenig zu viel, die konspirative Sprache der Frau und die unwissende des Kindes unkommentiert miteinander zu verschmelzen:

Tante Maria musste nicht lange darüber nachdenken, sagt Mutter. Sie ging nach Hause und bereitete alles vor. Und bald darauf kam der erste Gast, eine Jüdin ohne Namen, Gesicht und Adresse. Sie blieb immer nur für zwei oder drei Tage, dann zog sie in ein anderes Haus. (S. 284)

Nahe am Scheitern, vielleicht der Preis für Poesie

Die einzige Stellen, an denen ich mir über die Unangemessenheit von Hamiltons Erzählperspektive im Klaren bin und nicht schwanke zwischen Faszination und Ablehnung, haben damit zu tun, dass das Kind Hugo wächst und jetzt offensichtlich gar kein Kind mehr ist, sondern ein Jugendlicher, der sich eigentlich gegen diese sprachliche Verkleinerung wehren sollte, wie es Jugendliche tun.

Also ging ich nach Hause und sagte Vater, dass ich ihn töten wolle. Ich sagte ihm, ich wolle keine sterbende Sprache mehr sprechen, nur noch Killersprachen, und dann fragte ich ihn, wie ihm die Aussicht gefalle , demnächst von seinem eigenen Sohn getötet zu werden. Er nahm die Brille ab und sagte, ich solle nur machen. Aber ich machte nichts. Ich sagte nur das, was sie in der Schule sagen, wenn sie Angst haben. Ich sagte, dass mir meine Kraft dafür zu schade sei. (S. 296f.)

Hier übertritt das Kind-Ich seinen Zuständigkeitsbereich. Es mag als Medium für das bewusste und unbewusste Familienerbe fungieren, doch sich selbst als jugendlicher Rebell kann es nicht mehr in sich aufnehmen.

Trotz (oder vielleicht gerade wegen?) dieser Schwächen sollte jede/r das Buch lesen, der vorhat, über die eigene Kindheit aus der Sicht seines früheren Kind-Ichs zu schreiben. Vielleicht hätte es nur ein wenig kürzer sein sollen, dann wäre alles in schönster Ordnung und man könnte seinen betörenden, beinahe hypnotischen Tonfall bis zum Ende genießen, und die sprachlichen Bilder, die er hervorbringt:

Solche Dinge kann man erben. Sie sind wie ein Stein in der Hand. Ich habe Angst, irgendwann wie Vater zu hinken. Ich habe Angst, die Zungenspitze aus dem Mundwinkel zu schieben, wenn ich etwas repariere. Ich weiß, dass ich anders sein muss. Ich muss andere Musik hören (S.308)

#9 — Fotogeschichte

Alte Fotografien

Zwei Dinge können uns mit einer Fotografie verbinden: Erstens der tatsächliche Zusammenhang mit unserer Biografie, zum Beispiel wenn es ein Bild ist, das bei unserer Einschulung gemacht wurde und uns mit Schultüte zeigt. Eine solche Fotografie nenne ich dokumentarisch. Und zweitens die Bedeutung, die sie für uns heute hat. Zum Beispiel die Fotografie unserer verstorbenen Lieblingstante oder die Ansicht einer Stadt, die wir gerne besuchen würden. Dann ist sie symbolisch, also ein Foto-Symbol oder ein Bedeutungs-Foto.

Diese Schreibidee widmet sich biografischen Foto-Symbolen. Ein Bild ist stets mehrdeutig. Selbst wenn wir die Personen, Dinge, Landschaften und so weiter kennen, die abgebildet sind, lässt es sich auf verschiedene Weise »sehen« und interpretieren. Sie müssen erzählen, warum Ihnen gerade dieses Foto so wichtig ist — und erzählen zugleich viel über sich und Ihr Leben.

Schreibidee #9: Beschreiben Sie eine Fotografie, die eine wichtige Bedeutung für Sie hat. Gehen Sie ins Detail, sodass sie ein Leser auch vor sich sieht, wenn die Fotografie nicht zugleich abgebildet wird. Erklären Sie dann, was die Fotografie für Sie bedeutet.

[Ich fände es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. (Wenn Sie mir das Foto zukommen lassen, kann ich es ebenfalls veröffentlichen. Das ist aber nicht zwingend nötig.) Ich wünsche Ihnen viele Leser — und reichlich hilfreiches Feedback.]

 

10 berühmte Autobiografien

Viele Bücher

Viele wichtige Bücher im Feld der Lebenserinnerungen und Selbst-Betrachtungen werden andernorts im Internet vorgestellt. Hier eine Liste von zehn Werken aus den Jahren 1966 bis 2006, mit Links zu den jeweiligen Rezensionen. In chronologischer, keinesfalls wertender Reihenfolge. Eigentlich sollte man jedes dieser Bücher mindestens zwei Mal lesen. Einmal, um mehr von diesen Menschen und allem zu erfahren, was sie beschäftigte, und ein zweites Mal, um zu verstehen und zu genießen, wie sie davon erzählen.

  1. Carl Zuckmayer: Als wär’s ein Stück von mir (1966)
  2. Christa Wolf: Nachdenken über Christa T. (1968, Rezension von Marcel Reich-Ranicki)
  3. Marie Luise Kaschnitz: Orte (1973)
  4. Elias Canetti: Die gerettete Zunge (1977), Die Fackel im Ohr (1980), Das Augenspiel (1985)
  5. Anna Wimschneider: Herbstmilch. Lebenserinnerungen einer Bäuerin (1984)
  6. Ruth Klüger: weiter leben. Eine Jugend (1992)
  7. Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben (1999)
  8. Tomas Tranströmer: Die Erinnerungen sehen mich (1999)
  9. Barack Obama: Dreams from my father (2004, deutsch 2008)
  10. Günter Grass: Beim Häuten der Zwiebel (2006)