Thomas Melle: Die Welt im Rücken

Thomas Melle (Porträt)
Thomas Melle auf der Frankfurter Buchmesse 2018, Foto von Heike Huslage-Koch, Lizenz: CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en)

Das autobiografische Schreiben ist auch eine Art Wiedergewinnung des eigenen Ich. Immer ein wenig zerstreut durchs tägliche Geschäft (oder eigens eingesetzer »Zerstreuungstechnologien«), suchen wir beim Schreiben zusammen, was uns wichtig ist. Doch was geschieht, wenn das Ich als einheitliche und mehr oder weniger kontinuierliche Instanz in Frage steht, sich aufzulösen droht? Ist die Autobiografie dann unmöglich? Kann sie zu einer Art Außenskelett des Ich werden? Thomas Melle schreibt, dass man ihm, wenn er erneut eine Manie entwickeln sollte, sein Buch »in die Hand drücken solle«: »Dann werden diese Zeilen wie ein Gebet sein.«

Psychose von innen

Der Schriftsteller und Theatermann Melle leidet an einer manisch-depressiven Erkrankung. Damit ist nicht annähernd so etwas wie eine Launenhaftigkeit mit übergroßer Schwankungsbreite gemeint. Es geht nicht um Stimmungstiefs und Hochgefühle. In den drei manischen Phasen, die er in diesem Buch beschreibt (oder vielleicht eher: darstellt) wurde Melle psychotisch, verlor den Bezug zur Realität, schwankte zwischen messianischem Größen- und Verfolgungswahn. Er zerfiel körperlich wie seelisch.

Das Drama, das eine erste Psychose auslöst, ist erheblich. Für einen selbst ist es ein unbegreiflicher, allumfassender Kick, der einen in himmelschreiende Sphären schleudert; für Freunde und Familie ist es die blanke Tragödie. Aus dem Nichts wird da einer, den man anders kennt, verrückt, buchstäblich verrückt, und zwar genauer, realer, peinlicher, als es in den Filmen, den Büchern gezeigt wird, wird wahnsinnig wie ein wildäugiger Penner, der den Straßenverkehr beschimpft, wird dumm, töricht, unheimlich. (S. 65)

Es sind nicht diese diagnostisch beschreibenden Passagen, die den Wert des Buches ausmachen — wenngleich sie für die Orientierung der Leser*innen unverzichtbar sind. Es sind die Versuche, uns das Denken und Erleben während der Manien und Depressionen selbst nahezubringen. Unter dem Vorbehalt allerdings, dass ihre Darstellung die einheitliche Position des Autors verlangt, die im »Wahn« gerade nicht gegeben ist. Hier ein solcher Versuch, ein Lauf durch die Stadt, zu Beginn der ersten von drei Ausbrüchen der Manie, 1999:

Eine Party! Natürlich! Eine Party sollte gegeben werden. Für mich wohl, oder für uns, für alle. […]
Ich preschte die Straße hinab, warf die Beine vom Körper, nein, sie warfen sich selbst ins Getöse. Die Autos rauschten an mir vorbei, als wollten sie mich anfeuern und mitziehen. Alles war verschoben, verrückt. Der abgeranzte Vietnamese kam mir so gefühlsbeseelt vor wie nie, und ich dankte ihm mit einer Verneigung für das Essen, das er mir hin und wieder gekocht hatte. Er hob die Augenbrauen, bestätigte so meinen Dank, und ich konnte ohne Bestellung und ungemein glücklich weiterziehen. Den Verwüstungsboulevard hinunterpolternd, wollte ich die Autos überholen, während die Fensterläden linker Hand mir zuzwinkerten, ohne sich zu bewegen. […] Die Autos beschleunigten. In welchem dieser an sich unschuldigen Vehikel würde sich wohl ein Hinweis auf die Party finden, und ich welcher Form? (S. 56f.)

Ein Hinweis, ein Zeichen: Die Episode hatte mit einer Art literarischem Streich im Internet begonnen, bis plötzlich alles, nicht nur im Netz sondern auch in der realen Welt, sich auf Melle (nicht den Autor, sondern den Maniker) zu beziehen schien, und er sämtliche Zeichen (von Verkehrszeichen bis zu Zitaten aus alten Suhrkamp-Bändchen) auf sich bezog, als Hinweis, als Feedback, als einen Versuch, ihn irrezuführen usw.

Buchstruktur

Diese wahnhaften Interpretationen hielten nicht bloß Stunden oder Tage an, sondern über erstaunlich lange Zeiträume. Insgesamt schildert Melle drei Krankkeitsphasen, die erste, beginnend 1999, hielt anderthalb Jahre an, die zweite (2006) zwei und die dritte (2010) sogar zweieinhalb Jahre. Nach der Manie folgte jeweils ein Absturz in die Depression.

Es ist das Wunder dieses Buches und zeugt von Melles erzählerischer Kraft, dass er diese drei Phasen tatsächlich in ihrer Abfolge erzählen kann, ohne dass es für den*die Leser*in zur Tortur wird. Das nämlich hatte ich befürchtet. Schließlich geht es dreimal in den Wahn und dreimal, langsam und qualvoll, wieder heraus. Melle gelingt es jedoch, unterschiedliche Dynamiken und Qualitäten deutlich zu machen und, obwohl er sich auf die Krankheitsepisoden konzentriert, sie in Beziehung zum Rest seines Lebens zu setzen, das ja, trotz allem, weiterging. Diesen »Rest« könnte man unter zwei Schlagworte bringen: Literatur und Liebe.

Im Prolog erzählt Melle, wie es dazu kam, dass er seine hochgeschätzte Bibliothek und Musiksammlung, in die er sein »Ich« »projiziert« habe, verkaufte und sogar wegwarf: eine Metapher für die parallel verlaufende Auflösung des Ich . Dann folgen die Kapitel »1999«, »2006« und »2010«, und zuletzt ein kurzes »2016«, eine Bestandsaufnahme im Jahr der Veröffentlichung:

Entscheidend sei, was später auf der Leinwand zu sehen ist, so heißt es in Werner Herzogs Film »Mein liebster Feind«. Ich bin mir da nicht mehr so sicher. Meine Leinwand sind meine Bücher, aber sie helfen mir letztendlich nicht, und das Leben verflüchtigt sich, ich halte es gerade so zusammen. Es mag sein, dass ich nur im Schreiben lebe, weshalb dieser Text nicht nur ein Krankheitsbericht, eine Selbstentäußerung mit blinden Flecken, sondern auch eine Art negativer Mini-Kulturgeschichte ist, [ein] Anti-Bildungsroman […]
Aber sind die Probleme im Text halbwegs gelöst, sind die des Lebens noch gar nicht berührt, selbst wenn sie, wie hier, zusammenfallen. (S. 339)

Außenskelett

Das Verhältnis vom heutigen Ich zu früheren Phasen des eigenen Lebens, zu einem selbst als Kind, als Heranwachsende/r und so weiter, steht in jedem gründlichen autobiografischen Text in Frage. Einerseits haben wir Kindheitserinnerungen, Gefühle, Bilder, (meist kurze) Geschichten, von denen wir nicht ganz sicher sein können, wie sie entstanden, andererseits sind wir kein Kind mehr und der kleine Junge oder das kleine Mädchen, der oder das wir einmal waren, erscheint uns fremd. Bei Melle, der vor allem in den psychotischen, aber auch in den depressiv-todesnahen Abschnitten seines Lebens, ganz anders dachte und handelte, als er es »bei voller Zurechnungsfähigkeit« getan hätte, stellt sich diese Frage nach der Kontinuität der eigenen Persönlichkeit in radikaler Weise:

Wenn Sie manisch-depressiv sind, hat Ihr Leben keine Kontinuität mehr. Was sich vorher als mehr oder minder durchgängige Geschichte erzählte, zerfällt rückblickend zu unverbundenen Flächen und Fragmenten. Die Krankheit hat Ihre Vergangenheit zerschossen, und in noch stärkerem Maße bedroht sie Ihre Zukunft. […] Die Person, die Sie zu sein und kennen glaubten, besitzt kein Fundament mehr. (S. 113)

Doch damit begnügt der Autor sich nicht. Er versucht im Text, die Fäden zusammenzuhalten, schreibt also gerade keine Fragmente, was sicherlich einfacher gewesen wäre. Was ihn, trotz aller Brüche in der Selbst-Erzählung, dazu befähigt, das zu tun, ist seine moralische Haltung. Wenn er nämlich mit früheren Taten und Äußerungen konfrontiert wird, sagt er nicht einfach: »Ich war ein anderer«, sondern: »Ich war krank«, und entschuldigt sich:

Ich nehme diese Vorwürfe an, entschuldige mich, versuche aber auch zu erklären, dass ich zu dem Zeitpunkt krank war, dass ich potenziell sowieso immer krank bin, dass mich der manische Schub jedoch Dinge schreiben und tun ließ, die ich sonst nicht schreiben und tun würde, aus verzerrten, falschen Wahrnehmungen, aus einem temporären Wahn heraus, nicht aus einer chronischen Persönlichkeitsstörung, die mir auch jetzt keine Abstandnahme zu den damaligen Aktionen ermöglichen würde. Das ist nämlich ein gewaltiger Unterschied, […] (S. 287)

Seine Fähigkeit zur Distanzierung ist es, die diesen Text ermöglicht, und Melle die Wiederaneignung der eigenen Biografie. Das Werk wird tatsächlich zu einer Art Außenskelett, das das teilweise unkonturierte Leben zusammenhält. Dass er sich in die Gefahr begab, sich dafür genau an die kruden Allmachtsfantasien und die todesnahen Dämmerzustände zu erinnern und sie zu Papier zu bringen, verschafft uns als Leser erstaunliche Einblicke, und macht ihm als Schriftsteller alle Ehre.

Thomas Melle: Die Welt im Rücken
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2018

ISBN 978-3-499-27294-3
(Erstausgabe: Berlin 2016)

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